[193] 69. Das Fest der Tiere

[193] Die Tiere feierten einst ein Fest, das viele Tage lang dauerte. Alle waren dazu eingeladen: Rehe und Tapire, Wildschweine und Jaguare und Vögel von allen Arten. Viele waren schon angekommen, und immer neue zogen noch heran. Den großen Falken Wyrohuete hörte man von fern auf einer Signaltrompete blasen: »Bu-bu-bu«! Und die Tiere freuten sich und sprachen: »Da kommt der große Falke auch, um mit uns zu tanzen!« – Er schmückte sich aber noch und bereitete sich zum Tanz vor. Auch die Affen waren noch nicht angekommen.

Als die Tiere vom Tanz ausruhten, forderten sie den Sohn des Jaguars zum Singen auf. Der alte Jaguar belehrte ihn erst, wie er singen solle, und dann sang er und sang gut. Dann sollte der alte Jaguar sich auch hören lassen. Seine Frau bat ihn, er möge nichts Schlimmes singen, aber der Jaguar sang: »Die Wildschweinshaut ist voller Schmeißfliegen!« – Da wurden die Wildschweine zornig. Dann sang er weiter: »Die Rehhaut ist voller Schmeißfliegen!« – Das verdroß die Rehe, und die Jaguarin sprach zu ihrem Gatten: »Du hättest doch etwas Hübsches singen können; warum mußtest du die anderen beleidigen!?« – Wieder hörte man die Trompete des großen Falken, aber als er ankam, war das Fest schon zu Ende. Denn der Rehgott Arapuha-Tupana stand auf und trat mitten unter die Frauen, um zu singen.


69. Das Fest der Tiere

Er sang lange Zeit, aber man darf seinen Gesang nicht singen, sonst müssen alle, die ihn hören, sterben. Plötzlich schnob er und verschwand. Über alle Festteilnehmer ging es dabei wie ein Blitzschlag hin, und sie wurden zu Tieren. Als die Affen[194] schließlich ankamen und nichts mehr von dem Feste vorfanden, wurden sie zornig. Sie gingen in die benachbarten Pflanzungen, Mais stehlen, und trieben sich, Früchte suchend, auf den Bäumen herum, und dabei blieb es. Wenn sich der Jaguar damals nicht so betragen hätte, so wären noch jetzt alle Tiere wie Menschen und könnten singen.

Quelle:
Koch-Grünberg, Theodor (Hg.): Indianermärchen aus Südamerika. Jena: Eugen Diederichs, 1927, S. 193-195.
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