20. Wie Djonaha seiner Schulden ledig wurde

[247] Eines schönen Tages besuchte der Dorfschulze von Padangmatogu, der Pangebulu hieß, mit sieben Dienern den Djonaha. Djonaha sollte ihm eine Schuld bezahlen.

Der Eulenspiegel befand sich gerade im großen Gemeindehaus. So begab sich denn der Dorfschulze ebenfalls dorthin. Sie begrüßten sich, und nachdem sie zusammen Betel genossen hatten, fragte Djonaha, weshalb er zu ihm gekommen wäre. Da teilte Pangebulu ihm mit, daß er eine Schuldforderung von 120 Dukaten bei ihm geltend machen wollte. Sie müßte bis zum nächsten Morgen beglichen sein. Der Eulenspiegel war sich dieser Schuld sehr wohl bewußt, doch sagte er, er hätte kein Geld.

»Nun,« sagte der Dorfschulze, »gib uns erst einmal etwas zu essen.« – »Da habt ihr recht,« antwortete Djonaha, »ganz recht, erst muß etwas zu essen gekocht werden.« – Inzwischen hatte seine Mutter ein kärgliches Mahl angerichtet, und man setzte sich zu Tisch. Als die Mahlzeit beendet war, hielt der Gläubiger ihm vor, daß er ihnen kein Fleisch vorgesetzt hätte. »Es tut mir von Herzen leid,« entschuldigte sich Djonaha, »aber wie soll ich euch Fleisch vorsetzen, ich habe weder Hühner noch Schweine und bin ein ganz armer Schlucker.« Die ungebetenen Gäste verließen darauf die Hütte des Eulenspiegels und gingen wieder nach dem Gemeindehaus, wo sie die Nacht zubringen wollten.

Früh am andern Morgen schlich sich nun Djonaha in das Gemeindehaus, um sein Blasrohr zu holen, das dort aufbewahrt wurde. Er versteckte es in der Hinterwand und ging dann heim, um seine Mutter zu wecken.

»Mütterchen, du, Mütterchen! Hast du gestern abend gehört, wie empört Pangebulu und seine Gefolgschaft gewesen sind, weil ich ihnen kein Fleisch vorgesetzt hatte? Nun, heute sollen sie was bekommen. Schlachte sieben Küken, die schon so groß sind, daß sie über einen Reisstampfer hinwegschreiten können, und brate sie in Topfscherben. Halte sie auf dem Herde [248] warm und bringe sie dann auf den Topfscherben und auf bambusgeflochtenen Untersätzen herein.«

»Gewiß, lieber Junge, das werde ich tun,« antwortete die Mutter.

Djonaha begab sich nun wieder nach dem Gemeindehaus und sagte zu seinem Gläubiger: »Lieber Herr, befehlt doch bitte einem Diener, mit mir in den Wald zu gehen, ich will Vögel schießen.«

»Sehr gern, Djonaha,« bekam er zur Antwort; und dann ging der Eulenspiegel mit einem Diener und seinem Blasrohr in den Wald.

Sie erspähten bald einige junge Nashornvögel, die sich an den Beeren gütlich taten. Djonaha zielte mit dem Blasrohr auf die Vögel und tat so, als ob er einen Pfeil nach ihnen blies; dabei rief er: »Nashornvögelchen, fliege schön nach meinem Hause, damit die Mutter dich für die Gäste braten kann, die gestern bei mir eingekehrt sind.« – »Aber, Djonaha! Was bedeutet denn das?« fragte ihn der Diener ganz erstaunt, »hast du den Vogel, nach dem du zieltest, auch getroffen? Mich dünkt's, als wäre er unverletzt davongeflogen.« – »Nein, Freundchen,« antwortete der Eulenspiegel, »da irrst du dich; der liegt schon bei Muttern auf einer Topfscherbe und wird gebraten.« – »Dann hast du ja ein ganz wundersames Blasrohr!« meinte der Diener. »Ei gewiß!« sagte Djonaha, »in diesem Augenblick wird er schon gebraten.«

Nach einer Weile blies Djonaha nach einer Taube.

»Geschwind, mein Vogel, geschwind, eile zur Mutter und laß dich braten!« Der Diener sperrte vor Staunen Augen und Ohren auf, als er die Tauben davonfliegen sah. Das tat er noch fünf Male; und allemal beauftragte er die Vögel, nach seinem Hause zu eilen.

»So, nun wollen wir heimgehen,« sagte er darauf zu seinem Begleiter, »jetzt haben wir genug erlegt.« Der war damit einverstanden, und sie begaben sich wieder in das Gemeindehaus, wo Djonaha sein Blasrohr aufbewahrte. Der Eulenspiegel [249] verabschiedete sich alsdann von seinen Gästen und fragte seine Mutter, ob das Essen fertig wäre. Es war angerichtet. Nun breitete Djonaha für seine Tischgenossen Matten aus, goß in die Fingerschalen aus Kokosnüssen Wasser, häufte den Reis auf den Tellern zu kleinen Kegeln und holte dann die Gäste zum Essen herbei.

»Liebe Freunde,« sagte er, »es ist schon etwas spät; aber nehmt mir das bitte nicht übel; ich komme eben von der Jagd heim und habe allerlei erlegt, was euch jetzt hoffentlich munden wird.« Die Gäste ließen sich nicht lange nötigen. Während sie sich den Reis gut schmecken ließen, tat Djonahas Mutter ihnen das Fleisch von den Topfscherben auf die Teller.

Als das der Mann sah, der den Eulenspiegel auf der Jagd begleitet hatte, fand sein Staunen kein Ende und er rief: »Djonaha, jetzt sehe ich doch, daß dein Blasrohr ein wirkliches Wunderding ist, denn wir haben hier ja Fleisch in Hülle und Fülle.« – »Ja, mein Lieber, da habt Ihr recht. Das ist eine Glückswaffe. Was da auch kommen mag, und wenn mir die Schulden auch über den Kopf wachsen, auf das Blasrohr werde ich nie und nimmer verzichten, denn seitdem der Vater tot ist, muß es mich ernähren. Lieber würde ich Sklave werden.«

Als das Mahl beendet war, sagte der Eulenspiegel die üblichen verbindlichen Redensarten und meinte: »Ja, meine liebwertesten Herren, mit dem Essen seid ihr wohl nicht ganz befriedigt; wenn ihr noch hungrig seid, rechnet es mir nicht an; ich bin nicht geizig oder mißgönne es euch gar; weil ich so arm bin, konnte ich euch nichts weiter anbieten.«

»Na, Djonaha,« meinte Pangebulu, »mit dem Essen sind wir sehr zufrieden gewesen; wir sind satt, ja, mehr als satt. Die wilden Vögel mundeten uns vortrefflich. Aber vergiß darüber nicht, daß wir wegen der 120 Dukaten gekommen sind. Gibst du mir dein Blasrohr, bist du deiner Schuld ledig.«

»Nein, Herr,« antwortete der Eulenspiegel, »das Blasrohr [250] gebe ich nicht her, und wenn Ihr meine Mutter und mich auch als Sklaven wegführtet.«

»Und ich sage dir,« beharrte Pangebulu, »ich will das Blasrohr statt des Geldes haben, sonst bin ich nicht zufrieden.« »Na,« sagte Djonaha, »wenn es denn gar nicht anders geht, dann nehmt das Blasrohr hin. Aber das sage ich Euch, damit ist meine Schuld getilgt. Schenken will ich es Euch nicht, es ist ein Stück von mir selbst, was ich hergebe.«

Damit übergab er Pangebulu das begehrte Blasrohr.

»Eins muß ich noch sagen,« fügte er hinzu, »sorgt dafür, daß Euch auf dem Heimwege nicht der Wind hineinbläst oder eine Fliege über das Rohr läuft. Dann verliert es seine Wunderkraft. Kommt dann etwa nicht wieder zu mir her und verlangt, ich solle es zurücknehmen. Ich habe Euch gewarnt.«

»Sei unbesorgt, Djonaha, wir werden schon aufpassen.«

»Schön, dann nehmt es mir bloß nicht übel, daß ich euch das gesagt habe.«

»Ganz im Gegenteil,« und damit zogen die Gläubiger ab und nach Hause.

Sieben Tage später ging Pangebulu mit dem Blasrohr in den Wald, um es zu probieren.

Nachdem er eine ganze Weile umhergelaufen war, kam er an einen Baum, auf dem saß eine Schar Vögel, die sich die Früchte gut schmecken ließen. Pangebulu stellte sich unter den Baum und zielte auf einen Vogel: »Fort, Vogel, flieg' nach Hause, Mütterchen will dich braten.« Das tat er zehnmal hintereinander. Als er nach Hause kam, fragte er seine Mutter: »Nun, hast du die Vögel gebraten, die ich erlegt habe?«

»Welche Vögel? Ich habe keinen einzigen gesehen.«

»Was sagst du? Du hast keine Vögel bekommen? – Also hat Djonaha mich betrogen, und ich werde ihm sein Blasrohr wieder hinbringen. Und doch hat er mir gesagt, als ich das Blasrohr für die geschuldeten 120 Dukaten von ihm forderte, ich brauchte nur damit zu zielen, dann würden die Vögel von selber in die Pfanne fliegen!«

[251] So machte er sich denn zum Djonaha auf. Er suchte ihn zwei Tage lang vergeblich, dann erst konnte er mit ihm reden.

»So, nun gib mir erst einmal etwas zu essen, und hier bringe ich dir dein dummes Blasrohr wieder,« sagte er.

»Essen, mein Lieber, sollt Ihr bekommen,« antwortete der Eulenspiegel, »denn der Anstand verlangt, daß man einen Gast bewirtet. Aus der Zurücknahme des Blasrohrs wird jedoch nichts. Gehe nur ruhig damit wieder nach Hause, denn unsere Verabredung ist sehr eindeutig gewesen.«

Pangebulu erwiderte: »Djonaha, wenn du nicht gesagt hast, daß die Vögel, auf die man zielt, von selber nach Hause fliegen, um gebraten zu werden, dann habe ich verloren; haben wir aber abgemacht, die Vögel, auf die man zielt, fliegen von selber nach Hause, dann mußt du das Geld bezahlen.«

»Na, hör' mal, mein Lieber,« entgegnete Djonaha, »Ihr habt schön reden! Wenn ich Euch nicht im voraus gewarnt hätte, ja keinen Wind ins Blasrohr wehen oder keine Fliege darüber laufen zu lassen, dann hätte ich verloren. Wenn Ihr aber zugeben müßt, daß ich es schon vorher gesagt habe, daß Ihr noch einmal wünschen würdet, mir das Blasrohr zurückzugeben, dann habt Ihr unrecht.«

»Gewiß hast du das gesagt. Aber ich kann doch nicht um dies Gerümpel, das offensichtlich keinen Vogel nach Hause treibt, 120 Dukaten einbüßen!«

»Schön, wenn Ihr so denkt, dann soll das Hühner-Orakel entscheiden. Erweist es sich, daß meine Zauberformel belanglos war, muß ich Euch 120 Dukaten bezahlen, andernfalls bekommt Ihr nichts.«

»Gut, damit bin ich einverstanden, Djonaha.«

Djonaha ging darauf auf den Markt und kaufte ein Huhn um zehn Pfennig, das er mit nach dem Gemeindehaus nahm. Er sagte dann zu den Leuten: »Freunde, wieviel ist dies Orakelhuhn wert, damit der Verlierer nachher dafür zahle?« – »Zehn Pfennig,« antwortete die Versammlung. »Ihr habt recht,« erwiderte Djonaha, »mit wieviel soll es aber gebüßt werden?« – »Jeder zahlt einen Taler, denn der Kläger [252] ist ja ein Fremdling; sonst brauchtet Ihr nach uralter Sitte nur die Hälfte zu geben.« Dagegen wurde nichts eingewendet, und so zahlten beide das Geld.

Darauf beschaffte Djonaha die satti-satti, die Opferspeisen, die aus Zahnschwärze, Betelblättern und Blumen bestand, und setzte sie in einer Schale auf dem Platze vor dem Gemeindehause hin. Dann nahm er das Huhn und sagte: »Ihr sollt nun entscheiden und mir mein Recht werden lassen. Die rechte Seite des Huhnes gehört mir, die linke dem Pangebulu. Nun entscheidet, damit ich weiß, wonach ich mich zu richten habe, wenn ich das Huhn das Urteil sprechen lasse.« – »Gut, Djonaha,« sagten sie, »dir gehört die rechte Hälfte des Huhnes, denn du bist hier zu Hause; dem andern gehört die linke Hälfte.«

Der Eulenspiegel weihte alsdann das Huhn den drei mächtigen Schutzgeistern des Hauses, Dorfes und den Ahnen: Boraspati-ni Tano, Tongung-ni-Huta und Sombaon Mogamogasi Borboran Pangaribuan. Und er richtete sein Gebet an die Flurgeister, die Boru Sanyang Naga und lud die drei Söhne des Obergottes Debata ein, mitzuhören und zuzuschauen:


»O Urväter, nun soll das Hühnerorakel entscheiden, hier auf geräumigem Dorfplatz!

Wenn er, der das Blasrohr zurückbrachte, es nicht behalten soll,

Wenn er es als Zahlung meiner Schuld erhalten soll,

Wenn ich nicht sagte, daß kein Wind hineinblasen, keine Fliege darüber laufen durfte,

So soll Pangebulu gewinnen,

Das Huhn falle auf die rechte Seite!

Wenn ich nun aber das Blasrohr gab in Zahlung,

Wenn er es nahm, als ich das Geld ihm schuldete,

Wenn ich ihn warnte, daß kein Wind hineinblasen, keine Fliege darüber laufen darf,

Wenn ich dies sage, die Wahrheit rede, und also der andere lügt,

So habe ich den Streit gewonnen,

Das Huhn falle auf die linke Seite!«


Damit schnitt Djonaha dem Huhn den Hals durch. Das Tier flatterte noch einige Augenblicke umher, fiel dann auf die linke Seite und starb.

[253] »Djonaha hat gewonnen,« erschollen ringsum die Rufe; Pangebulu mußte das Huhn und die Buße zahlen und ohne seine 120 Dukaten nach Hause abziehen.

Quelle:
Hambruch, Paul: Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde. Jena: Eugen Diederich, 1922, S. 247-254.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Reigen

Reigen

Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.

62 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon