Fortuna.

[63] Es war einmal eine Mutter, die einen einzigen Sohn hatte. Der ging lieber in die Schule, als daß er ländliche Arbeiten verrichtete. Die Mutter aber, die aus einer Bauernfamilie stammte, mochte deshalb den Sohn nicht, ja sie haßte ihn so sehr, daß sie beschloß, ihn zu vergiften. Was tut sie? Sie backt im Ofen einen Kuchen und tut Gift hinein, und eines Tages, da der Sohn aufs Feld ging, gibt sie ihm den Kuchen mit, daß er ihn essen sollte.

Der Sohn aber hatte einen Hund, der Fortuna hieß, und steckte nie etwas in den Mund, ohne erst Fortuna ein Stück davon zu geben. An jenem Tage machte er's wie alle Tage; eh' er den Kuchen aß, gab er dem Hund ein Stückchen davon, der augenblicklich starb. Darüber empfand der Sohn einen großen Schmerz[64] und schwor, zur Mutter nicht mehr zurückzukehren. Er entfernte sich mit Tränen in den Augen von dem armen Tier und drehte sich im Weitergehen um, es noch einmal zu sehen. Plötzlich sieht er bei dem toten Hund sich etwas bewegen und kehrt zurück, um zu sehen, was es sei. Er findet vier Raben, die von Fortunas vergiftetem Fleisch gefressen hatten und gestorben waren. Zwei von ihnen nimmt er, tut sie in einen Quersack und geht in die weite Welt.

Er kommt in einen Wald und findet sechs Räuber. Sie hatten Hunger, nahmen dem Jüngling die beiden Raben und ließen sie braten, aßen sie dann, ohne dem Jüngling ein Stückchen davon zu geben, und starben alle sechs. Der Jüngling aber sah auf einem Baum einen Vogel, nahm die Büchse eines der toten Räuber und schoß. Doch statt den Vogel zu treffen, traf er das Nest, das in der Nähe war, und das Nest fiel herunter. Zwei kleine Eier lagen darin, und die Vöglein darin waren noch nicht ausgekrochen. Er nahm sie und setzte seine Reise fort.

Er überschritt einen Fluß auf einer Brücke und befand sich in einem sehr dichten Walde, durch den ein Fluß lief. Es war Nacht, und er hatte Hunger. Er nahm ein Büchlein, das er in der Tasche hatte, zündete es mit einem Streichholz an und als er die Eier damit gekocht hatte, aß er sie. Dann legte er sich auf der Brücke zum Schlafen nieder.

Am Morgen kam er in eine Stadt und sah an den Mauern Plakate angeschlagen, auf denen stand: Wer der Tochter des Königs ein Rätsel sagen kann, das so schwer ist, daß sie es nicht errät, soll sie heiraten und wird königlicher Prinz werden. Doch wenn sie es rät, wird ihm der Kopf abgeschlagen werden.

Der Jüngling wollte sein Glück versuchen, ging zu der Königstochter, und machte aus dem, was ihm begegnet war, ein Rätsel, um zu versuchen, ob sie es raten könne. Er stellte sich der Prinzessin vor und sagte: »Die Mutter wollte mich töten. – Ich[65] wollte es nicht und tötete Fortuna. – Durch Fortuna (zum Glück) starben vier. – Durch die vier starben sechs. – Ich schoß nach dem, was ich sah, und traf, was ich nicht sah. – Ich aß Fleisch, das geschaffen, aber nicht geboren war – ich ließ es kochen mit gedruckten Worten – und habe geschlafen weder im Himmel, noch auf der Erde – das ratet, Prinzessin!«

Die Prinzessin kam nicht aus dem Verwundern und konnte es nicht raten. Da wollte sie, daß der Jüngling es ihr erkläre, und nachdem sie das Ungemach, das dieser Arme erlitten, gehört hatte, umarmte sie ihn und sagte: »Lieber Jüngling, du hast Fortuna so lieb gehabt und das arme Tier ist gestorben, um dir Glück (Fortuna) zu bringen. Jetzt umarme ich dich und du sollst mein Gatte werden.« Und in Freuden und Festen heirateten sie sich.


(Basilicata)

Quelle:
Heyse, Paul: Italienische Volksmärchen. München: I.F. Lehmann, 1914, S. 63-66.
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