50. Die Friedhofsvergrößerung.

[216] In einer Stadt lebte ein von allen geachteter Mann namens Reb Jossje. Keine Gemeindeangelegenheit wurde ohne seinen Rat unternommen, auch war er Vorstand der Beerdigungsbrüderschaft. Reb Jossje gehörte zu den Anhängern des heiligen Rabbi Israel von Rishin, den er mehrmals im Jahre besuchte und ohne dessen Rat er nichts unternahm. In der gleichen Stadt lebte ein sehr reicher alter Mann, der sich um die Gemeindesachen gar nicht kümmerte. Dieser Mann schenkte einmal der Beerdigungsbrüderschaft zwei sehr schöne und große silberne Leuchter und wählte sich dafür noch bei Lebzeiten ein Grab auf dem Friedhofe aus. Die Leuchter bekam Reb Jossje in Verwahrung. Der alte Mann starb und wurde auf der Stelle beigesetzt, die er sich bei Lebzeiten ausgewählt hatte.

Bald darauf merkten die Stadtleute, daß der Friedhof zu klein geworden war und vergrößert werden mußte. Man beauftragte Reb Jossje, nach Rishin zu fahren und den heiligen Rabbi zu bitten, daß er sich in ihre Stadt bemühen möchte, um ein neues Stück Land dem Friedhof zuzuteilen. Und sie versprachen dem Rabbi für seine Mühe die beiden silbernen Leuchter. Reb Jossje reiste nach Rishin; er bat den Rabbi, nach seiner Stadt zu kommen, um die Friedhofsvergrößerung vorzunehmen, und versprach ihm die beiden Leuchter. Doch der Rabbi weigerte sich, mitzufahren, und sagte, daß er nur bei Gelegenheit, wenn er irgendwo in der Nähe zu tun haben werde, auch zu ihnen kommen [217] würde, um den Friedhof zu vergrößern. Reb Jossje fuhr also allein heim. Nach einiger Zeit drängten ihn wieder die Stadtleute, daß er zum heiligen Rabbi fahre und ihn mitbringe. Er fuhr wieder nach Rishin, doch der Rabbi sagte ihm, daß, solange er nicht zu ihnen käme, sie ihren Friedhof gar nicht zu vergrößern brauchten, d.h. es werde kein Mensch sterben. Reb Jossje fuhr heim und überbrachte den Stadtleuten die Antwort des Rabbi.

Es verging ein ganzes Jahr, und kein Mensch starb in der Gemeinde. Nun traf es sich, daß der heilige Rabbi Motele von Tschernobyl durch diese Stadt fuhr und da zur Nacht blieb. Reb Jossje war an diesem Tage abwesend. Die Stadtleute kamen zu Rabbi Motele und baten ihn, daß er die Friedhofsvergrößerung vornehmen möchte; und sie boten ihm zum Geschenk die beiden silbernen Leuchter an. Rabbi Motele versprach ihnen, am nächsten Morgen ihren Wunsch zu erfüllen. Gegen Abend kam aber Reb Jossje zurück. Seine Frau erzählte ihm, daß Rabbi Motele in der Stadt sei und daß die Leute von ihm die Vergrößerung des Friedhofes erwirkt hätten. Das gefiel Reb Jossje gar nicht, und er hielt es für einen Angriff auf die Ehre des heiligen Rabbi Israel von Rishin. Am nächsten Morgen kamen die Stadtleute zu ihm und verlangten die Herausgabe der Leuchter. Er wollte aber die Leuchter nicht herausgeben, denn er hätte sie doch bereits mit Einverständnis der Gemeinde dem heiligen Rabbi von Rishin versprochen.

Die Stadtleute kamen zu Rabbi Motele und sagten[218] ihm, daß Reb Jossje die Leuchter nicht herausgeben wolle. Rabbi Motele ließ nun Reb Jossje zu sich kommen und fragte ihn, warum er ihm die Leuchter nicht geben wolle. Dieser antwortete, daß er sie bereits mit Einwilligung der Gemeinde dem Rabbi von Rishin zugesagt hätte. Rabbi Motele sagte ihm noch einigemal, daß er ihm die Leuchter geben solle, doch Reb Jossje blieb bei seiner Weigerung. Da wurde Rabbi Motele böse und sagte: »Höre einmal, Jossje, wenn du mir die Leuchter nicht gibst, wirst du dieses Jahr sterben.« Reb Jossje antwortete: »Mag kommen, was kommen will, ich kann aber die Leuchter niemandem geben, weil ich sie bereits dem Rabbi von Rishin versprochen habe.«

Rabbi Motele verließ die Stadt in großem Zorn, ohne die Friedhofsvergrößerung vorgenommen zu haben. Da Reb Jossje den Fluch Rabbi Moteles sehr fürchtete, fuhr er zum Rabbi von Rishin und erzählte ihm die ganze Geschichte. Der Rishiner Rabbi tröstete ihn und sagte ihm, er solle nichts fürchten, und es werde ihm nichts Böses zustoßen. Er warnte ihn aber, Rabbi Motele je vor die Augen zu treten. Wenn er sich vor Rabbi Moteles Blick in acht nähme, würde ihm gar nichts passieren. Und so war es auch. Reb Jossje nahm sich vor Rabbi Motele in acht, und sooft dieser in die Stadt oder in irgendeine Stadt in der Nähe kam, blieb er zu Hause und ging nicht zum Rabbi.

Als der Rishiner Rabbi seinen Sohn mit der Tochter Rabbi Moteles verheiratete, fuhr auch Reb Jossje zur Hochzeit. Er nahm sich aber sehr in acht und ging nicht zur Tafel, solange Rabbi Motele bei der Tafel[219] saß. Doch am siebten Tage der Hochzeitsfeier hielt er es nicht länger aus und ging zur Tafel. Er stellte sich hinter den Rishiner Rabbi, so daß ihn Rabbi Motele nicht sehen konnte. Rabbi Motele begann an die Gäste Wein zu verteilen, und als er allen, die vor ihm standen und saßen, eingeschenkt hatte, wandte er sich um, um auch den hinter ihm Stehenden Wein zu geben. Er erblickte Reb Jossje und wunderte sich sehr, daß er hergekommen war. Er sah ihn genauer an und sagte sich: »Nein, er ist es doch nicht!« Etwas später sah er ihn noch einmal an und sagte: »Das ist doch Jossje!« Und gleich darauf sagte er sich wieder: »Nein, das ist er doch nicht!« Und er wandte sich wieder zur Tafel. Als sich aber Rabbi Motele zum drittenmal nach Reb Jossje umwandte, ergriff ihn Rabbi Israel von Rishin bei der Hand und sagte: »Ich bitte Euch, Vetter, laßt von ihm ab und stört mir nicht meine Freude!« Und Rabbi Motele wandte sich nicht mehr um.

Nach Tisch ging Reb Jossje zum Rishiner Rabbi, um von ihm Abschied zu nehmen. Der Rabbi strafte ihn, weil er seine Warnung nicht beachtet hatte, und sagte: »Wisse, daß du heute in großer Lebensgefahr warst. Doch ich hatte Mitleid mit dir und gab dir in deinen Körper eine neue Seele ein: darum erkannte dich Rabbi Motele nicht. Als ich aber sah, daß er sich nach dir immer wieder umwandte, wurde mir für dich bange. Darum mußte ich ihn bei der Hand ergreifen und ihn bitten, daß er von dir ablasse. Sonst hätte er dich mit seinem Blick töten können.«

Quelle:
Eliasberg, Alexander: Sagen polnischer Juden. München: Georg Müller, 1916, S. 216-221.
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