3. Geschwür und Nasenschmutz.

[105] Eines Tages verliess das Geschwür die Stadt, um sich in einem Dorfe heimisch zu machen. Da begegnet ihm auf halbem Wege der Nasenschmutz, der gerade zur Stadt will, und fragt nach den üblichen Grüssen das Geschwür, wohin es seine Schritte lenke. »Ins Dorf«, antwortet das Geschwür und erzählt seine ganze Leidensgeschichte: Es werde stets vom Doktor ausgeschnitten, wenn es sich bei einem Menschen oder bei einem Tiere eben erst bequem gemacht habe; jetzt wolle es sich nun im Dorfe versuchen, denn dort sei der Doktor nicht so leicht zu haben, und ausserdem koste es mehr als in der Stadt. Gevatter Nasenschmutz dagegen ist anderer Meinung. Er hat es zuerst im Dorfe versucht, aber da hat ihn der Knecht zur Erde geworfen und dazu noch geschimpft: »Weg mit dir, du zahlst doch keine Miete!« Er hat aber gehört, dass man ihn in der Stadt in Ehren halte, denn dort nehme man ihn in ein Tuch und verwahre ihn fein säuberlich in der Tasche.


[Eine eigenartige Abwandlung der bekannten Fabel vom Podagra und Floh, die zuerst bei Paulus Diaconus (Zs. f.d. Alt. 13, 320. Poetae lat. aevi Carolini ed. Dümmler 1, 64) erscheint und bei Petrarca (Epist. fam. 3, 13) auf Podagra und Spinne übertragen ist. Vgl. J. Grimm, Kl. Schriften 5, 400. 7, 425. Waas, Die Quellen Boners 1897 S. 45 zu No. 48. Jacques de Vitry, Exempla ed. Crane 1890 zu No. 59. Waldis, Esopus 2, 31. H. Sachs, Fabeln ed. Goetze 1, No. 121. 4, No. 589 und 593. Hauffen, Vjschr. f. Litgesch. 6, 184 und zu Fischarts Werken 3, IV. Celtes, Epigrammata 3, 97. Lied von Jakob Funkelin (Bächtold, Gesch. der dtsch. Lit. in der Schweiz 1892, Anm. S. 123). Der Floh (Spinne) hielt sich bei einem Reichen auf, das Podagra (Fieber) bei einem Armen; beide haben es schlecht, klagen einander ihre Not und beschliessen, ihre Wohnsitze zu tauschen. – Herr Prof. G. Polívka gibt dazu noch folgende Nachweise: Der Floh geht aus dem Dorf in die Stadt, weil die Leute dort lange schlafen und fetter sind; die Fliege geht aus der Stadt aufs Dorf. So polnisch Ciszewski, Krakowiacy 1, No. 276; kleinrussisch Manžura Skazky 7. Hrinčenko, Etnograf. Mater. 2, 10 No. 16 Etnograf. Zbirnyk 5, 79; grossrussisch Sadovnikov, Skazki i pred. Samar. kraja No. 57. – Slowakisch Slovenské Pohl'ady 12, 723 No. 18 (Katarrh und Gicht klagen, dass es ihnen beim Bauern schlecht geht, ziehen lieber zu den Stadtherren; dort werden sie gehätschelt werden, ins Bad geführt usw.). Kleinrussisch Ethnograf. Zbirnyk 15, S. 121 No. 208 (Fliege und Fieber ziehen beide vom Bauern- in den Herrenhof). – Slowakisch Slovenské Pohl'ady 12, 723 No. 19 (Fieber und Blattern ziehen eins in die Mühle, das andere ins Dorf. Das Fieber will dem Knecht in die Grütze springen und ihn dann so lange schütteln, bis er die Seele herausschüttelt. Der Knecht hört aber aus seinem Versteck diese Worte des Fiebers und weicht der Gefahr aus). – Kleinrussisch Etnograf Zbirnyk 15, 122 No. 209 (Fieber und Typhus. Der Heger hört versteckt das Fieber erzählen, wie es ihn überfallen will, und giesst den ersten Löffel Grütze mit dem Fieber in den Lauf seines Gewehres, lässt es das ganze Jahr darin und schiesst es erst dann in den Wald hinaus).][105]

Quelle:
Knoop, Otto: Sagen aus Kujawien. In: Zeitschrift für Volkskunde 16 (1906) 96-100, Berlin: Behrend & Co.
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