I. Stan Bolovan.

Es war einmal, was einmal war, wäre es nicht gewesen, würde es nicht erzählt.

Am Rande des Dorfes, wo die Ochsen der Bauern das Heckenthor einbrechen und die Schweine der Nachbarn unter den Zäunen die Erde aufwühlen, stand einmal ein Haus; in diesem Hause wohnte ein Mann, und der Mann hatte eine Frau; die Frau aber war traurig den ganzen Tag.

»Liebe Frau, was quält Dich, daß Du immer wie die bereifte Knospe im Sonnenlicht dasitzest!« fragte ihr Mann sie eines Tages. »Du hast, was Du brauchst, so sei doch froh wie andere Leute!«

»Laß mich in Ruh und frag mich nicht weiter!« entgegnete die Frau, und darauf wurde sie noch trübsinniger als zuvor.

Ihr Mann hat sie dann noch einmal, also zum zweiten Male gefragt und hat ganz dieselbe Antwort von seiner Frau[1] bekommen. Als er aber die Frage zum dritten Male stellte, hat sie ihm des Längeren und Breiteren geantwortet.

»Mein Gott«, sagte sie, »was willst Du Dir den Kopf auch noch damit anfüllen! Wenn Du es erfährst, wirst Du auch so traurig sein wie ich. Es ist besser, wenn ich es Dir nicht sage!«

Aber das verträgt der Mensch nun mal nicht. Gerade wenn Du ihm sagst, er soll sitzen bleiben, überkommt ihn die Lust zu gehen mehr als zuvor. Jetzt wollte Stan erst recht wissen, wie und was seiner Frau im Sinne lag.

»Wenn Du es denn wissen willst, werd ich's Dir sagen«, sprach die Frau. »Es ist kein Glück im Hause, Mann, es ist kein Glück!«

»Ist die Kuh nicht schön? Sind die Obstbäume nicht voll wie die Bienenkörbe, sind die Felder nicht ausgiebig?« fragte Stan. »Du sprichst ein thöricht Wort, wenn Du Dich über etwas beklagst!«

»Aber Mann, Du hast keine Kinder!«

Das hat Stan verstanden, und wenn der Mensch solch ein Wort versteht, ist's nicht gut. Von jetzt ab war im Hause am Rand des Dorfes ein trauriger Mann und eine traurige Frau. Und traurig waren sie, weil der Herrgott ihnen keine Kinder bescheert hatte. Und wenn sie ihn traurig sah, wurde sie noch trauriger, und je trauriger sie war, je mehr nahm seine Trauer zu.

So ging das eine lange Zeit.

In allen Kirchen ließen sie Messen halten und Gebete lesen, bei allen Hexen fragten sie an; aber die Gabe Gottes kam nicht!

Eines Tages, als unser Herr Jesus Christus sich auf[2] seiner Erdenreise befand, sprach er auch bei Stan ein. Er reiste mit dem Apostel Petrus, und sie wurden mit großer Freude wie werthe Gäste in Stan's Hause aufgenommen, mit den besten Speisen genährt und die guten Reden fehlten weder von Seiten Stan's noch von der seiner Frau. Christus hatte gesehen, daß sie gute Leute waren, und als er die Hafersäcke wieder über die Schulter warf, um weiterzugehen, fragte er Stan, was er sich wünsche, damit er ihm drei Wünsche erfüllen könne.

»Herr, gieb mir Kinder!« antwortete Stan.

»Was soll ich Dir weiter geben?«

»Kinder, Herr, gieb mir Kinder!«

»Nimm Dich in Acht«, sagte ihm der Herr, »sonst werden es zu viel. Hast Du genug, um sie zu erhalten?«

»Gieb mir nur, Herr, und frage nach nichts weiter!«

Christus machte sich mit St. Peter auf, Stan aber begleitete sie bis zum Landweg, damit sie nicht etwa den richtigen Weg verlören und sich zwischen den Feldern und Wäldern verirrten.

Als Stan wieder zu Hause anlangte, fand er das Haus, den Hof und den Garten voll von Kindern. Eins neben dem andern, und alle zusammen nicht weniger noch mehr als hundert. Und keins war größer als das andere, sondern eines immer kleiner als das andere, eins immer rauflustiger, immer kecker, immer durchtriebener und immer schreihalsiger als das andere. Und der liebe Gott ließ den Stan fühlen und wissen, daß sie alle ihm gehörten und sein wären.

»Herrgott! wie viele, Du mein Gott!« rief er in ihrer Mitte stehend:

»Aber nicht zu viele, Mann«, sagte die Frau, auch ein Häuflein mit bringend.[3]

Nachher aber gab es Tage, wie sie nur bei einem Mann mit hundert Kindern sein können. Das Haus und das Dorf waren voll von »Vater« und »Mutter« und die Welt voller Freuden.

Aber ganz so einfach ist die Geschichte mit Kindern nicht. Bei vieler Noth viel Freude, und viel Noth bei vieler Freude. Als nach einigen Tagen die Kinder zu schreien anfingen: »Vater! ich habe Hunger!« begann Stan sich den Kopf zu krauen. Es schienen ihm nicht zu viel Kinder, denn eine Gabe Gottes ist gut, wenn sie auch noch so groß ist, aber seine Speicher waren zu klein. Die Kuh wurde mager und die Feldfrüchte reichten nicht aus.

»Weißt Du was, Alte«, sagte Stan eines Tages, »mir scheint, als ob in unserer Angelegenheit nicht viel Einklang herrscht. Da der liebe Herrgott uns so viel Kinder gegeben hat, hätte er die Güte voll machen sollen und uns auch Nahrung für sie schicken.«

»Such nur, Mann«, entgegnete ihm die Frau, »wer weiß, wo sie versteckt liegt. Der Herrgott macht nie ein Ding nur halb.«

Stan ging in die weite Welt, um die Gabe Gottes zu finden. Er nahm sich fest vor, mit nichts anderem als Nahrung für sie beladen nach Hause zurückzukehren.

Heheh! aber der Weg der Hungrigen ist der allerlängste. So eins, zwei, drei verdient man nicht die Nahrung für hundert gierige Kinder. Stan wanderte, wanderte, wanderte, bis er sich die Hacken abgelaufen hatte, ohne auf irgend etwas Gedeihliches gestoßen zu sein. Als er jetzt so ungefähr am Ende der Welt war, wo das, was ist, sich mit dem, was nicht ist, vermengt, erblickte er in der Ferne auf[4] einem Felde, das ausgerollt wie ein Kuchen da lag, eine Hürde. An der Hürde standen sieben Schäfer, drinnen aber lagerte im Schatten eine Schafheerde.

»Herr, steh' mir bei«, sagte Stan und ging auf die Hürde zu, um zu sehen, ob er mit Geduld und Ueberlegung nicht hier ein Geschäft machen könnte. Allmählich merkte aber Stan, daß auch hier nicht viel mehr Hoffnung war, als er da gefunden, wo er bisher gewandert. Es war nämlich so: an jedem Tage, gerade um Mitternacht kam ein wüthender Drache und nahm einen Widder, ein Schaf und ein Lamm aus der Heerde, also je 3 Stück Vieh. Die Milch aber von 77 Lämmlein brachte er der alten Drachin, damit sie sich in ihr bade und sich verjünge ... Und die Hirten waren darüber empört und beklagten sich in bitteren Worten darüber. So daß Stan sah, daß er von hier nicht gerade überreich beladen heimkehren würde zu den Kindern.

Ja, aber es giebt keinen mächtigere Sporn, als wenn man seine Kinder daheim hungern sieht. Stan ging ein Gedanke durch den Kopf, und er sagte in gewagter Rede: »Und was würdet Ihr mir geben, wenn ich Euch von dem gierigen Drachen befreite?«

»Von drei Widdern sei einer der Deine, von den Schafen immer das dritte, von den Lämmern aber eins Dir und zwei uns«, entgegneten die Hirten.

»Gutes Uebereinkommen«, dachte Stan, aber es beunruhigte ihn, daß es ihm allein zu schwer werden möchte, die Heerde nach Haus zu treiben!

Damit hatte es aber noch keine Eile. Bis Mitternacht blieb noch ein Stück Zeit. Und hernach – aufrichtig gestanden – wußte Stan auch noch nicht, wie er mit dem[5] Drachen fertig werden sollte. »Der Herrgott wird mir schon einen guten Gedanken schicken«, sagte er, dann zählte er wiederum die Heerde, um zu sehen, wie viel Stück ihm bleiben würden.

Gerade um Mitternacht, als Tag und Nacht einen Augenblick des Kampfes müde, still standen, fühlte Stan, daß er einen Anblick von etwas nie dagewesenem hätte. Es war etwas, was sich gar nicht sagen läßt. Nämlich so schrecklich, als wenn ein Drachen kommt. Es war, als ob er Felssteine in die Bäume schleudere und so sich den Weg durch die alten Hochwälder bahnte. So etwas, daß sogar Stan zu Sinne war, als thäte er gut den kürzesten Weg zu nehmen und nicht weiter mit Drachen anzubinden. Ja, aber zu Hause hungerten die Kinder! –

»Ich Dich, oder Du mich!« sagte sich Stan und blieb da, wo er gewesen war, am Rand der Hürde.

»Halt!« rief Stan, als er den Drachen dicht an der Heerde sah, und er rief es, als ob er wer weiß wer sei.

»Hm«, sagte der Drache, »woher tauchst Du denn auf, daß Du mich so anschreist?«

»Ich bin Stan Bolovan, der Nachts die Felsen frißt und Tags weide ich auf den Bäumen der Hochwälder, und wenn Du die Heerde anrührst, schneide ich Dir ein Kreuz auf den Rücken und bade Dich in heiligem Wasser.«

Als der Drache solche Worte hörte, hielt er mitten im Wege an, denn er sah, daß er seinen Mann gefunden.

»Vorher aber mußt Du Dich mit mir messen«, entgegnete er so mit halbem Munde.

»Ich mit Dir?« sagte Stan. »Hüte Dich vor dem Worte, das Dir entschlüpft ist. Mein Athem ist stärker als[6] Dein ganzer Tritt.« Darauf holte er aus seinem Reisesack ein Stück weißen Käse hervor und zeigte ihn dem Drachen: »Siehst Du diesen Stein?« sprach er. »Nimm Du Dir auch einen dort vom Flußrand, dann wollen wir unsere Kräfte messen.«

Der Drache nahm einen Stein vom Rand des Baches.

»Kannst Du Buttermilch aus dem Stein drücken?« fragte Stan.

Der Drache drückte den Stein in der Hand zusammen, daß er ihn in Staub zermalmte. Aber Buttermilch drückte er nicht aus ihm.

»Das geht überhaupt nicht«, sagte er etwas ärgerlich.

»Ich werde Dir zeigen, ob das geht«, sprach Stan, drückte dann den weißen Käse in der Hand zusammen, daß ihm die Buttermilch zwischen die Finger hindurch lief.

Als der Drache das erblickte, fing er an, um sich zu schauen, um den kürzesten Weg zu finden, Stan aber stellte sich vor den Wald. »Laß uns mal ein wenig Abrechnung halten«, sagte er, »wegen dessen, was Du Dir hier geholt hast. Hier schenkt man sich nichts.«

Der arme Drache würde die Flucht ergriffen haben, wenn er nicht gefürchtet hätte, Stan könnte hinter ihm her blasen und ihn durch die Bäume des Hochwalds begraben. So blieb er also stehen, wie einer dem nichts anderes übrig bleibt.

»Hör' mal an«, entgegnete er nach einer Weile. »Ich sehe, daß Du ein brauchbarer Mensch bist. Meine Mutter sucht schon lange so einen Knecht wie Du bist und kann ihn nicht finden. Tritt Du in unsern Dienst, das Jahr hat drei Tage, Lohn für jeden Tag ist sieben Säcke Dukaten.«[7]

Dreimal sieben Säcke Dukaten! Eine schöne Sache! Die brauchte Stan gerade. »Und«, dachte er bei sich, »wenn ich den Teufel überlistet habe, werde ich mit seiner Mutter wohl auch fertig werden!« So machte er nicht viel Worte, sondern ging mit dem Drachen davon.

Ein langer, ungeebneter Weg, doch immer noch zu kurz, da er zum Teufel führte. Dem Stan schien es, als sei er angelangt, noch ehe er aufgebrochen war.

Die alte Drachin, alt, gerade so alt wie die Zeit, erwartete sie; sie machte Feuer an unter dem großen Kessel, in dem sie Milch zu kochen und sie mit Lammblut und Knochenmark zu vermengen dachte, damit der Heilsaft Heilkraft habe. Stan sah ihre Augen schon auf drei Schuß weit durch die Nacht dringen. Als sie aber an Ort und Stelle ankamen, und die Drachin sah, daß ihr Junge ihr nichts brachte, ärgerte sie sich sehr. Und diese Drachin war nicht etwa liebreizend. Mit gefurchtem Gesicht und offenem Maul, mit wirrem Haar und hohlen Augen, mit trocknen Lippen und zwiebelriechendem Athem.

»Bleib hier«, sagte der Drache, »ich gehe, um mich mit Mutter zu verständigen.«

Stan hätte jetzt gern auch ein wenig ferner gestanden, aber er hatte keine Wahl, nun er seinen Kopf mal in die böse Sache gesteckt hatte. So ließ er den Drachen hineingehen.

»Hör, Mutter«, sagte der Drache, als er in den Hausflur getreten. »Ich hab' Dir den Menschen gebracht, um ihn los zu werden. Es ist ein schrecklicher Kerl, der Felsstücke ißt und Buttermilch aus Steinen preßt.« Dann erzählte er, was und wie es geschehen sei.[8]

»Ueberlaß ihn mir nur«, sagte sie, nachdem sie alles erfahren, »durch meine Finger ist noch kein Mensch geglitten!«

Und so blieb's bei dem, was abgemacht worden war. Stan Bolovan war Knecht beim Teufel und seiner Mutter. Viel auf einmal, ich weiß wirklich nicht, was dabei herauskommen wird.

Am nächsten Tage theilte die Drachin ihm Arbeit zu. Sie sollten sich in der Drachenwelt ein Zeichen geben mit einer siebenfach eisenbeschlagenen Keule. Der Drache hob die Keule auf und warf sie drei Meilen weit, darauf machte er sich mit Stan auf, damit der sie auch drei Meilen weit, oder wo möglich noch weiter würfe. Als Stan an der Keule anlangte, fing er an, sie etwas besorgt zu beschauen. Er sah, daß er mit allen seinen Kindern zusammen sie nicht einmal vom Erdboden würde heben können.

»Was stehst Du da?« fragte ihn der Drache.

»Ja, siehst Du, es ist eine schöne Keule. Schad' um sie«, entgegnete Stan.

»Wie? schad' um sie?« fragte der Drache.

»Nur«, erwiderte Stan, »weil Du sie, fürchte ich, Dein Lebtag nicht mehr wiedersehen wirst, wenn ich sie werfe, denn ich kenne meine Kraft.«

»Fürcht' Dich nicht, wirf nur,« sagte ihm der Drache.

»Wenn Du doch meinst, dann wollen wir erst hingehen und uns für drei Tage was zu essen holen, – denn, wenn nicht mehr, so werden wir drei Tage hinter ihr herzugehen haben.«

Nach diesen Worten bekam auch der Drache Angst, aber er glaubte doch nicht, daß es so schlimm sein würde wie Stan sagte. Sie gingen also nach Hause wegen der Eßwaaren,[9] obgleich es ihm gar nicht paßte, daß Stan sein Jahr ausdiente, indem er nur der Keule nachliefe. Als sie wieder bei der Keule anlangten, setzte sich Stan auf den Sack Eßwaaren und blieb so im Anschauen des Mondes versunken.

»Was machst Du?« fragte der Drache.

»Ich warte nur, daß der Mond vorbeizieht.«

»Weshalb?«

»Siehst Du denn nicht, daß mir der Mond im Wege steht«, sagte Stan. »Oder willst Du, daß ich die Keule in den Mond werfe?«

Jetzt begann der Drache sich ordentlich zu beunruhigen. Es war eine Keule, die ihm vom Großvater überkommen war, und er hätte sie durchaus nicht an den Mond verlieren mögen.

»Weißt Du was?« sprach er. »Laß es lieber, wirf die Keule nicht, ich werde sie schon werfen.«

»Gewiß nicht, da sei Gott vor!« sagte Stan, »warte nur, daß der Mond vorüberzieht!«

Und darüber entspann sich nun ein langes Gespräch, denn nur um sieben Säcke Dukaten hat Stan sich dazu verstehen wollen, daß der Drache noch einmal die Keule warf.

»O weh, Mutter, das ist ein gewaltiger Mann«, sprach der Drache zu seiner Alten. »Ich habe ihn kaum darin verhindern können, daß er die Keule in den Mond warf.«

Da fing auch die Drachin an, sich zu beunruhigen. Denk nur mal an! Ob das ein Scherz wäre, wenn Jemand bis in den Mond werfen kann! Drachin aus Drachenbrut war sie, aber am nächsten Tag hat sie sich noch eine schwerere Sache ausdenken müssen.

»Tragt Wasser«, sagte sie in der Früh, dann gab sie[10] jedem zwölf Büffel-Schläuche mit dem Befehl sie bis zum Abend anzufüllen, und sie alle zugleich in's Haus zu bringen.

So gingen sie zu dem Steinbrunnen, der Drache hatte, ehe man nur mit den Augen blinkt, alle zwölf Büffelhäute gefüllt und war im Begriff sie zurückzubringen. Stan war müde, er hatte kaum die leeren Schläuche schleppen können. Und Schauer zogen ihm durch die Adern, wenn er an die vollen dachte. Was that er aber? Er zog eine abgenutzte Messerklinge aus dem Gurt und fing an mit ihr die Erde rund um den Brunnen herum zu ritzen.

»Was machst Du da?« fragte der Drache.

»Ich habe doch nicht Tinte gesoffen, daß ich mir die Arbeit mache, die Büffelschläuche mit Wasser zu füllen!« entgegnete Stan.

»Wie willst Du denn aber das Wasser in's Haus bringen?«

»Wie? So wie Du es siehst«, sagte Stan. »Ich nehme den Brunnen, Du!«

Hier blieb der Drache mit offenem Munde stehen. Das hätte er um Alles in der Welt nicht gewollt, weil der Brunnen noch aus der Zeit seines Großvaters stammte.

»Weißt Du was?« sagte er besorgt, »laß mich lieber auch Deine Häute tragen!«

»Gewiß nicht, da sei Gott vor«, entgegnete Stan um den Brunnen herum weiter grabend.

Und jetzt entspann sich darüber ein langes Gespräch, und auch diesmal konnte der Drache nur mit sieben Säcken Dukaten Stan beschwichtigen.

Am dritten Tage, also an dem letzten, sandte die Drachin ihn in den Wald nach Holz.[11]

Ehe man eins, zwei, drei gesagt, riß der Drache soviel Bäume aus, wie Stan sein Leben lang nicht beisammen gesehen, und schichtete sie auf einander. Stan begann aber sich die Bäume zu beschauen und wählte die schönsten aus. Darauf kletterte er auf einen derselben und band seinen Wipfel mit einer wilden Weinrebe an den nächsten Baum. Und so, ohne etwas zu sprechen, band er immer einen schönen Baum an den anderen.

»Was machst Du da?« fragte der Drache.

»Du siehst ja, was ich mache«, entgegnete Stan, ruhig weiter arbeitend.

»Warum bindest Du die Bäume aneinander.«

»Sieh, nur um mir keine unnöthige Arbeit zu machen, indem ich einen nach dem anderen ausreiße«, sagte Stan.

»Aber wie willst Du sie nach Hause bringen?«

»Ich bring den ganzen Wald, Du, kannst Du das nicht verstehen?« sagte Stan und knüpfte immer weiter.

Jetzt war den Drachen zu Muth, als solle er Reißaus nehmen und erst zu Hause anhalten.

Er fürchtete sich aber, daß er plötzlich merken würde, wie Stan ihm den ganzen Wald an den Kopf würfe.

Diesmal, weil es am Ende des Dienstjahres war, war des Hin- und Herredens kein Ende. Stan wollte sich weiter gar nicht auf ein Gespräch einlassen, sondern hatte seinen Kopf drauf versetzt, um jeden Preis den Wald auf den Rücken zu nehmen.

»Weißt Du was?« sagte der Drache, vor Furcht zitternd. »Dein Lohn soll siebenmal sieben Säcke Dukaten sein, und damit laß es gut sein.«

»Na, so sei's, weil ich sehe, daß Du ein braver Kerl[12] bist«, sagte Stan und traf mit dem Drachen das Uebereinkommen, daß er auch für ihn das Holz trage.

Jetzt war das Jahr um. Stan beunruhigte sich nur um Eins: wie er die vielen Dukaten nach Hause schleppen sollte.

Am Abend saß der Drache und seine Mutter im Gespräch in der Stube, Stan horchte aber vom Flur aus auf ihre Rede.

»Weh und Leid über uns«, sprach der Drache, »dieser Mensch bringt uns aus den Fugen. Gieb ihm Geld, gieb ihm sogar noch mehr, nur damit wir ihn los werden.«

Ja, aber der Drachin kam es etwas auf's Geld an.

»Eins aber laß Dir gesagt sein,« sprach sie. »Du mußt diesen Menschen heut Nacht umbringen.«

»Ich fürchte mich, Mutter«, entgegnete er erschreckt.

»Darum sorge Dich nicht«, sagte seine Mutter. »Wenn Du siehst, daß er schläft, nimm die Keule und schlag ihn gerade mitten auf die Stirn!«

So war es also abgemacht. Ja, aber Stan hatte immer den guten Gedanken zur rechten Zeit. Als er sah, daß der Drache und seine Mutter das Licht gelöscht, nahm er den Schweinetrog und legte ihn mit dem Boden nach oben an seiner Statt, deckte ihn schön mit dem zottigen Bauernrock zu, er aber legte sich unter das Bett, dann begann er zu schnarchen wie einer, der in tiefem Schlummer liegt.

Der Drache ging leise hinaus, näherte sich dem Bett, hob die Keule und schlug einmal dort hin, wo das Kopfende war. Der Trog schallte hohl wieder, Stan ächzte unter dem Bett, der Drache aber zog sich leise in die Stube zurück.[13]

Darauf kroch Stan unter dem Bett hervor, säuberte dasselbe und legte sich hinein. Er war aber weise genug, diese Nacht kein Auge zuzuthun.

Am andern Morgen blieben der Drache und die Drachin erstarrt stehen, als sie Stan heil wie ein Ei erblickten.

»Guten Morgen!«

»Guten Morgen, aber wie hast Du heute Nacht geschlafen?«

»Gut«, antwortete Stan. »Ich habe bloß geträumt, daß mich ein Floh gerade hier mitten auf der Stirn zwickte, und mir ist's, als schmerze es mich noch.«

»Hör' nur, Mutter«, rief der Drache. »Hast Du gehört, er spricht von einem Floh, und ich hab' mit der Keule gehauen!«

Jetzt wurde es der Drachin auch zuviel. Mit solcher Art Menschen, daß sah sie ein, könne man nicht gut viel Redens machen! So eilten sie sich, ihm die Säcke zu füllen, um ihn möglichst bald los zu werden. Der arme Stan fing aber jetzt erst an zu schwitzen. Als er sich neben den vollen Säcken sah, begann er wie Espenlaub zu zittern, weil er nicht im Stande war, auch nur einen Sack von der Erde aufzuheben. So blieb er also stehen und blickte sie an.

»Was stehst Du so da?« fragte ihn der Drache.

»Hm! Ich stehe so«, entgegnete Stan, »weil ich mir überlegt habe, daß ich lieber noch ein Jahr bei Euch bleiben will.« Ich schäme mich, daß Jemand sehen soll, wie ich nur soviel auf einmal trage. Ich fürchte, daß sie werden sagen: »Schau Stan Bolovan an, der in einem Jahre so schwach geworden ist wie ein Drache!«[14]

Jetzt kam die Reihe des Erschreckens an den Drachen und die Drachin.

Vergebens sagten sie ihm aber, daß sie ihn noch 7, ja dreimal sieben, sogar siebenmal sieben Säcke geben würden, wenn er nur fortginge.

»Wißt Ihr was«, sagte Stan endlich, »da ich sehe, daß Ihr mich nicht behalten wollt, will ich Euch keinen Zwang anthun. Sei's nach Eurem Sinn, ich gehe. Aber damit ich mich vor den Leuten nicht zu schämen brauche, bring Du mir diesen Schatz bis nach Hause!«

Kaum hatte er ausgesprochen, als der Drache sich auch schon die Säcke auflud und mit Stan davon ging.

Kurzer Weg und wohl geebnet, aber doch immer zu lang, führt er nach Hause! Als Stan sich aber dicht an seiner Heimat sah und die Rufe der Kinder hörte, begann er langsamer zu gehen. Es schien ihm zu nah, denn er fürchtete, daß der Drache, wenn er sein Haus wüßte, kommen könnte, um ihm seinen Schatz zu nehmen. Ihn genirte nur, daß er dann sein Geld allein nach Hause tragen sollte.

»Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll,« sprach er, sich zum Drachen wendend. »Ich habe hundert Kinder und fürchte, daß es Dir schlecht bei ihnen ergehen wird, weil sie recht kampflustig sind.« Aber benimm Dich nur verständig, dann will ich Dich nach Kräften schützen.

Hundert Kinder, das ist auch kein Spaß. Der Drache – Drachenkind aus Drachenbrut – ließ die Säcke aus Angst fallen. Aus Angst aber hob er sie auch wieder auf. Aber darauf ging es erst eigentlich los, als sie in den Hof traten. Die hungrigen Kinder, als sie ihren Vater mit dem beladenen Drachen kommen sahen, stürzten sich auf ihn hin,[15] jedes mit einem Messer in der rechten und einer Gabel in der linken Hand. Dann begannen sie Alle das Messer an der Gabel zu wetzen und schrieen aus vollem Halse: »Wir wollen Drachenfleisch!«

Ueber so etwas erschrickt selbst der Teufel. Der Drache warf die Säcke nieder, dann ergriff er die Flucht, so erschreckt, daß er seitdem nicht mehr gewagt hat, in die Welt zurück zu kommen.

Quelle:
Kremnitz, Mite: Rumänische Märchen. Übersetzt von -, Leipzig: Wilhelm Friedrich, 1882, S. 1-16.
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