Schreibkunst

Schreibkunst.

Die Versuche, Gedachtes und Erschautes zu fixieren, um es der Vergessenheit zu entreißen, führten zur bildlichen und später zur schriftlichen Ausdrucksweise der Menschheit. Bilder sowie Schrift wurden zunächst in Felswände und Steintafeln eingegraben.

1. Römischer Stilus zum Eindrücken von Schrift in Wachsflächen.
1. Römischer Stilus zum Eindrücken von Schrift in Wachsflächen.
2. Indischer Stahlgriffel mit scharfer Spitze zum Einritzen von Schrift in Palmblätter. Gebrauch in Indien nachweisbar erst für das 9. Jahrh. n.Chr.
2. Indischer Stahlgriffel mit scharfer Spitze zum Einritzen von Schrift in Palmblätter. Gebrauch in Indien nachweisbar erst für das 9. Jahrh. n.Chr.

In meist unmittelbarem Anschluß an diese Steinmetzarbeiten begann man die Bilder sowie die Schrift mit spitzigen oder scharfkantigen Stiften (Fig. 1) in Tontäfelchen, später in Bretter, auch in Wachsschichten und bei den Indern in Palmblätter mit stählernem Ritzer (Fig. 2) einzudrücken oder einzuritzen. Die Babylonier und die Kreter als Vorgänger der Griechen hatten derartig hergestellte tönerne Schriftstücke (Fig. 3) in umfangreichstem Gebrauch.

3. Babylonische Tontafel mit Keilschrift. Etwa 2000 v.Chr.
3. Babylonische Tontafel mit Keilschrift. Etwa 2000 v.Chr.

Griechen und Römer benutzten hölzerne, mit Wachs bestrichene Tafeln, die alten Chinesen bedienten sich einer Ritzschrift auf lackierten Brettern, und die indische Ritzschrift auf Palmblättern ist heute noch im Gebrauch. Die Ägypter scheinen zuerst farbige Flüssigkeiten für ihre Bilder und Schriftzeichen benutzt zu haben. Sie sowie wohl die meisten malenden und schreibenden Völker bedienten sich für die Farbenübertragung auf Stein oder andre geeignet bearbeitete Flächen eines zerfaserten Stäbchens (Fig. 4) aus Binsenrohr oder Holz.

4. Altägyptischer Schreibstengel aus einer glatten, harten, zerfaserungsfähigen Binsenrispe bestehend. 2000 v.Chr.
4. Altägyptischer Schreibstengel aus einer glatten, harten, zerfaserungsfähigen Binsenrispe bestehend. 2000 v.Chr.
5. Schreibstöckchen der Battaker auf Sumatra, vermutlich auch für Brahmi Sanskrit, um 500 v.Chr. In Indien im Gebrauch.
5. Schreibstöckchen der Battaker auf Sumatra, vermutlich auch für Brahmi Sanskrit, um 500 v.Chr. In Indien im Gebrauch.
6. Siamesischer Schreibstift aus Bambus geschnitzt, am Schnabel gekehlt.
6. Siamesischer Schreibstift aus Bambus geschnitzt, am Schnabel gekehlt.

Für die mit Farbflüssigkeit auf Flächen zu übertragenden Schriftzeichen kamen in den verschiedenen Zeitläufen rundlich walzenförmige (Fig. 5) und außerdem ganz abgeflachte (Fig. 8), zuweilen aber auch nur einseitig flache und mehr spatelförmig (Fig. 7) gestaltete Stifte aus Holz oder Rohr auf. Ein flacher, mit Farbe benetzter Stift ergibt mit seiner schmalen Kante feine Züge, während er mit der breiten Kante die Farbe in breiten Zügen auf die Schreibfläche zieht. Die Züge des flachen Stiftes (Fig. 8) erinnern an ein Band, das so hin und her gelegt ist, daß man abwechselnd die breite Seite und dann die schmale Kante sieht. Im Gegensatz dazu ergibt ein zylindrisch walzenförmiger Stift (Fig. 5) ziemlich gleichmäßig starke Züge, die wir mit den Windungen einer Schnur vergleichen können.

7. Flacher Rohrspatel mit gespaltenem Schnabel, vermutlich bei den Latinern und später um 200 n.Chr. bei den Arabern für kufische Schrift im Gebrauch.
7. Flacher Rohrspatel mit gespaltenem Schnabel, vermutlich bei den Latinern und später um 200 n.Chr. bei den Arabern für kufische Schrift im Gebrauch.
7a. Marokkanischer Spatel, seit ca. 1200 für magri-binisch-arabische Schrift im Gebrauch.
7a. Marokkanischer Spatel, seit ca. 1200 für magri-binisch-arabische Schrift im Gebrauch.

Letztere Art zu schreiben ist bei einigen Völkern durch Pinselschrift ersetzt worden, wir finden den walzenförmigen Stift und die Schnurschrift jedoch heute noch bei den Battakern auf Sumatra. Die Bandschrift dagegen bedingt eine weit vollkommnere Schreibtechnik, und die meisten Kulturvölker sind denn auch zur Bandschrift übergegangen. Die aramäische Schrift, die zur Zeit Esras den Juden von Persien aus übermittelt wurde, hatte zu jener Zeit bandartige Züge, und die von Esra gegründete Schriftgelehrtenschule schuf hieraus die hebräische Quadratschrift. Da in einer Schriftzeile dieser Quadratschrift die Zeichen nicht miteinander zusammenhängen, so bildet jeder Schriftzug für sich ein kurzes Band, oder die ganze Zeile ist mit einem in Stücke geschnittenen Bande zu vergleichen, das abwechselnd flach aufliegt, abwechselnd auf hohe Kante gelegt ist. Die in alter Zeit bei den Bewohnern Unteritaliens übliche griechisch-latinische Schnurschrift und Pinselschrift wurde von den Römern in eine Bandschrift umgewandelt. Die ersten römischen Papyrusschriften zeigen noch Schnurzüge, die Pergamente dagegen sind mit Bandzügen bedeckt. Es ist zu vermuten, daß den Juden sowohl als den Römern der flache Schreibspatel für ihre Bandzüge gedient hat, das rundliche, schnabelförmig zugespitzte Schreibrohr scheint erst im Anfang der christlichen Zeitrechnung aufgekommen zu sein.

8. Palmenrippe. Schreibgerät der Bugis und Makassaren auf Celebes.
8. Palmenrippe. Schreibgerät der Bugis und Makassaren auf Celebes.

Einen flachen Schreibspatel (Fig. 8) für Bandzüge benutzen seit alter Zeit bis heute die Makassaren auf Celebes.

9. Heutige türkische Rohrfeder, vermutlich auch um 1300 n.Chr. in Persien im Gebrauch.
9. Heutige türkische Rohrfeder, vermutlich auch um 1300 n.Chr. in Persien im Gebrauch.

Das rundliche Rohr (Fig. 9 u. 10) mit Schnabelspitze benutzt seit Jahrhunderten ein großer Teil Arabisch schreibender Völker, und wir finden es heute noch im Orient im Gebrauch.

10. Rohrfeder aus Persien für Sinnsprüche.
10. Rohrfeder aus Persien für Sinnsprüche.

Eine interessante Rekonstruktion babylonischer Schreibgriffel zeigen die Fig. 11 u. 12, die einer Abhandlung von Rudolf Blanckertz in der ›Welt der Technik‹ (1904) entnommen sind.

11. Scharfkantiger Schreibspatel aus Bambus und 12 aus afrikanischem Rohr mit dreieckigem Durchschnitt zum Eindrücken von Keilschrift in Tontafeln.
11. Scharfkantiger Schreibspatel aus Bambus und 12 aus afrikanischem Rohr mit dreieckigem Durchschnitt zum Eindrücken von Keilschrift in Tontafeln.

Die Art des Schreibens und der Werkzeuge bleibt nicht ohne Einfluß auf die Schrift selbst, wie ja auch bei uns die Ersetzung des Gänsekiels durch die Stahlfeder zweifellos gewisse Veränderungen der Schrift herbeigeführt hat. Mindestens ebenso wichtig ist freilich der Volkscharakter und die Zeitstimmung, die sich in derselben Weise in der Verkehrsschrift eines Volkes widerspiegeln, wie der Charakter jedes einzelnen Menschen in seiner Handschrift. Der Umstand, daß manche Völker von links nach rechts, andre von rechts nach links und noch andre von oben nach unten schreiben, hängt wohl nur sehr lose mit der Beschaffenheit der Schreibwerkzeuge zusammen.

13. Siamesische Fettkreide zum Beschreiben von schwarzem, aus Holzkohle und Baumwolle gemachtem Papier.
13. Siamesische Fettkreide zum Beschreiben von schwarzem, aus Holzkohle und Baumwolle gemachtem Papier.

Schon die Keilschrift, die vielleicht älteste wirkliche Schrift, der Babylonier zeigt deutlich die Einwirkung des Stoffes, da die keilförmige Gestalt der einzelnen Striche sich daraus erklärt, daß die Buchstaben mit Hilfe eines Griffels (Fig. 11 u. 12) in weichen Ton eingedrückt, seltener in Stein eingeritzt wurden. Diese Schreibmethode gestattete während des Schreibens leicht Korrekturen, und die Schrift besaß, wenn die Tontafeln getrocknet oder gar gebrannt wurden, große Dauerhaftigkeit. Die Hieroglyphen der alten Ägypter sind bei Inschriften an steinernen Gebäuden teils eingegraben, teils gemalt. Schon früh lernte man mit Hilfe von Pflanzenrippen glatte Flächen beschreiben, wie Holzbretter, Leder, vor allem aber die innere Haut der Papyruspflanze; mit dem neuen Material änderte sich dann auch die Schrift bedeutend. Man besaß auch bereits Tintenfässer und Schreibkasten mit allen nötigen Gerätschaften.

14. Chinesische und japanische Schreibpinsel. a Spitzenschoner für Schreibpinsel.
14. Chinesische und japanische Schreibpinsel. a Spitzenschoner für Schreibpinsel.

Seit der Zeit Alexanders d. Gr. begann die Ausfuhr des Papyrus aus Ägypten, den man mit einer Tinte aus verkohltem Fichtenharz oder Weinhefe und Gummi (atramentum librarium) beschrieb; vereinzelt wurde auch Sepia und rote Farbe verwendet. Der Papyrus wurde von den Römern sehr verbessert. Als zur Ptolemäerzeit die Ausfuhr des Papyrus aus Ägypten untersagt wurde, begann man in Pergamon das längst bekannte Schreiben auf feingegerbten Häuten verschiedener Tiere zu bevorzugen und diese Häute (membrana pergamena) in vorzüglicher Qualität herzustellen. Wegen seines hohen Preises kam indes das Pergament nicht in allgemeinen Gebrauch. Im 9. Jahrh. wurde dann vom Orient her das Baumwollenpapier nach Europa gebracht, das natürlich auch teuer bezahlt werden mußte und deshalb keine große Bedeutung erlangen konnte. Erst als die Erfindung des Leinenpapiers ebenfalls vom Orient aus nach Europa übertragen wurde und nun zahlreiche Papiermühlen entstanden, war ein billiger Schreibstoff gefunden, dessen Vorhandensein von mächtigem Einfluß auf den geistigen Aufschwung um 1200 war. Die Galläpfeltinte, die schon im 4. Jahrh. n.Chr. erfunden zu sein scheint, hat wohl auch erst damals größere Verbreitung erlangt, und die Gänsefeder verdrängte allmählich den Calamus. Neben der nassen Mal- oder Farbschrift wurde auch die trockene Methode seit jeher angewendet, indem man mit Blei, Kohle, Kreide (Fig. 13) und Rötel auf Holz und Papier schrieb, wie in neuerer Zeit mit Graphit; aber die mit der Feder hervorgebrachte Schrift hat immer für die vornehmere gegolten und den Charakter der Buchstaben ausschließlich beeinflußt.

Im alten China bediente man sich allgemein der Ritzschrift, die man auf Bambustafeln oder auf mit Lack überzogenes Seidenzeug schrieb. Die Malschrift kam erst etwa im 3. Jahrh. v.Chr. auf. Zunächst schrieb man mit Bambusgriffeln, bis die Pinsel erfunden wurden, mit deren Hilfe noch heute der Chinese die Tusche auf das Papier oder andre Flächen überträgt. Die Pinsel. (Fig. 14), die man beim Schreiben senkrecht über das Papier führt, sind aus Kaninchen- oder Menschenhaar hergestellt, das in einen Rohrschaft eingefügt und spitz zugeschnitten ist. Als Farbmaterial dient die berühmte chinesische Tusche, die, in ihren besten Sorten aus dem Ruß verschiedener ölhaltiger Samen gefertigt, mit etwas Leim und Parfüm gemischt und mit Hämmern geschlagen wird und dann in festen Stücken in den Handel kommt, die vor dem Gebrauch mit Wasser angerieben werden müssen. Auch rote Tusche ist im Gebrauch. Die Zahl der Hilfsgeräte, die beim Schreiben verwendet werden und sich in den Schreibkästchen oft in sehr zierlicher Form vereinigt finden, ist ungemein groß. Da sind Pinselschoner, d.h. hohle Rohrhülsen, die man über die Spitze der Pinsel steckt, ferner Reibsteine für Tusche, die meist künstlerisch verziert sind, Näpfchen für das Wasser zum Anreiben der Tusche, andre Wassernäpfchen zum Reinigen der Pinsel etc. In Korea und Japan bedient man sich derselben Schreibgeräte; die japanischen Schreibkasten (Fig. 15) sind noch mannigfaltiger und besser eingerichtet als die chinesischen und enthalten oft zugleich eine kleine Rechenmaschine mit verschiebbaren Kugeln. Der Einführung der Pinselschrift in China mag es teilweise zuzuschreiben sein, daß die ältere chinesische Schrift so außerordentlich von der neuern abweicht, doch zerfällt auch die letztere in mehrere sehr verschiedene Schriftarten, deren Entstehung an sich nichts mit der Schreibweise zu tun hat, sondern auf andern Ursachen beruht. Die Japaner schreiben auch ihre einheimische Schrift, die sie neben der chinesischen verwenden, mit Pinsel und Tusche.

Ein andrer Ausgangspunkt alter Kultureinflüsse ist Vorderindien. Die älteste Schrift scheint hier eine Ritzschrift gewesen zu sein, die man in Stein oder Ton grub. Schon früh, etwa in der Mitte des ersten Jahrtausends v.Chr., kam eine Malschrift auf, die mit Hilfe einer Rohrfeder (Fig. 6) oder zunächst wohl eines bloßen Rohrgriffels (Fig. 5) auf Baumrinde, Metallbleche, Baumwollenstoffe u. dgl. geschrieben wurde; später benutzte man mit Vorliebe eingeführtes chinesisches Papier. Während so die Ritzschrift im arischen Nordindien bald verschwand, hielt sie sich mit größerer Zähigkeit in Südindien und hat den dortigen Schriftsystemen ihren Charakter aufgeprägt, den sie auch nach der Einführung der europäischen Schreibweise bewahrt haben. Man ritzte die Schrift mittels eines spitzen Metallgriffels in Palmblätter ein, die man zuvor bleichte und glättete. Diese südindische Ritzschrift ist vorbildlich für einen Teil Hinterindiens und Indonesiens geworden, wohin sie sich wohl im Gefolge buddhistischer Propaganda verbreitet hat. Die arabische Kultur, die erst zur Zeit des Kalifats ihren Einfluß weithin geltend machte, ist eine Mischung älterer westasiatischer Kulturelemente, die aber einer gewissen Eigenart nicht entbehrt. Gerade die Schreibkunst verdankt dieser Mischkultur, die lange Zeit in Bagdad ihren Mittelpunkt hatte, außerordentlich viel; das Schreiben mit der gespaltenen Rohrfeder (Kalam) ist im Bereich des Islams zur Vollkommenheit gebracht worden, verbesserte Papiere, vielleicht durch chinesische Vorbilder angeregt, sind von hier nach Europa gelangt, und die arabische Schrift ist von zahlreichen Völkern übernommen oder als Muster benutzt worden. Die Tinte oder Tusche wurde wohl ursprünglich allgemein nach altklassischem Vorbild aus Ruß und Gummi hergestellt. Auch eine hellfarbige Malschrift, die mit Hilfe eines Stiftes oder einer Palmrippe und angerührter Schlemmkreide auf dunkle Holztafeln geschrieben wird, ist im Gebiete des Islams allgemein bekannt. Schreibzeuge, von großen kostbaren Stücken bis zu den kleinen, die man im Gürtel trägt, werden viel benutzt, auch besondere Instrumente zum Schneiden des Kalam sind im Gebrauch.

15. Japanischer Schreibkasten.
15. Japanischer Schreibkasten.

Die Kulturländer haben mit ihrer Schreibkunst oft weithin anregend gewirkt und neue Schriften und Schreibsysteme hervorgerufen. Ganz selbständig haben sich dagegen die Ritz- und Malschriften der Völker Mexikos und Mittelamerikas entwickelt. Papierartigen Stoff stellten die Maya aus dem Bast des Guttaperchabaumes her, der mit Harz getränkt und mit Gips gestrichen wurde; die Azteken klebten auf einen von der Magueypflanze gewonnenen Faserstoff beiderseits eine dünne Membran von Hirschhaut auf.

Die höchste Entwickelung der Schreibkunst zeigt das moderne Europa seit der Erfindung der Stahlfeder oder richtiger seit ihrer Verbesserung, denn in Wirklichkeit hat sie schon eine längere Geschichte hinter sich. Die Römer kannten bereits Federn aus Bronze (Fig. 16) oder Kupfer, die aus dünnem Blech geschnitten und dann aufgerollt waren; sie waren dauerhafter als die Rohrfedern, besaßen aber keine Elastizität und gerieten im Mittelalter, als die Vogelkielfeder (Fig. 17) aufkam, in Vergessenheit. Die allgemeine Verbreitung der Gänsefeder fand in Deutschland erst Mitte des 17. Jahrh. statt. Mittlerweile hatten die Humanisten eine Rohrfeder (Fig. 18) aus dem Orient übernommen und für die renaissancezeitliche Schrift verwendet. Schließlich siegte aber der Vogelkiel.

16. Römische Metallfeder, ca. 100 n.Chr.
16. Römische Metallfeder, ca. 100 n.Chr.

Vogelkiel. Allmählich erfand man auch Werkzeuge und Maschinen zum genauen und gleichmäßigen Zuschneiden der Feder, wodurch den Schreibenden ein gut Teil lästiger Arbeit erspart wurde. Erst gegen

17. Gänsefeder vom Ende des Mittelalters.
17. Gänsefeder vom Ende des Mittelalters.

Erst gegen Ende des 18. Jahrh. kam Alois Senefelder in München, der Erfinder des Steindrucks, auf die Idee, stählerne Schreibfedern aus einer Taschenuhrfeder zurechtzuschneiden (Fig. 19), die dann auf einen Griffel aufgesteckt und zum Schreiben auf Lithographiesteinen benutzt wurden.

18. Italienische Rohrfeder aus der Humanistenzeit.
18. Italienische Rohrfeder aus der Humanistenzeit.

Die englischen Fabrikanten von Uhrfedern und Krinolinreifen machten nach Senefelders Vorbild die ersten Stahlschreibfedern. Josiah Mason in Birmingham verwendete seit etwa 1826 besondere Maschinen dazu. Aber erst 1830 begann man in England mit einer wirklich fabrikmäßigen Herstellung von Stahlfedern.

Der in der Literatur häufig genannte Bürger aus Königsberg und andre aus Ostpreußen gebürtige vermeintliche Stahlfedererfinder kamen erst nach Senefelder und sie haben auch offenbar nur Federn aus ungehärteten Metallen gemacht, wie solche ja seit römischer Zeit wieder und immer wieder aus Kupfer, Messing und Eisen allerwärts hergestellt und in zahlreichen Büchern als alltägliche Dinge besprochen wurden.

19. Herstellung der Stahlfeder von Senefelder aus einem Abschnitt einer Uhrfeder a, der dann durch Eindrücken in eine Rille b gerundet c, zugespitzt und gespalten d wurde.
19. Herstellung der Stahlfeder von Senefelder aus einem Abschnitt einer Uhrfeder a, der dann durch Eindrücken in eine Rille b gerundet c, zugespitzt und gespalten d wurde.

Bürger zerschnitt Gänsekiele in Stücke und fertigte aus jedem Stück einen Federschnabel, der auf einen Griffel (Federhalter) aufgesteckt werden konnte. Er stellte solche Federschnäbel auch aus Metall dar, fand aber keinen Anklang mit seinen Ideen. Aus härtbarem federnden Stahl hat vor Senefelder niemand Schreibwerkzeuge gemacht.

Zur Fabrikation von Stahlfedern schritt in Deutschland zuerst S. Blanckertz aus Jüchen a. Rhein, der 1856 die erste deutsche Schreibfederfabrik unter der Firma Heintze & Blanckertz in Berlin begründete. Stahlfederfabriken gibt es gegenwärtig in Deutschland 8 oder 9, in Frankreich und Nordamerika je 2, in Ungarn eine und in England etwa so viele wie in Deutschland.

20. a Rohrfeder des 15. Jahrh._– b Vogelkiel des 17. Jahrh._– c Winkelspitzfeder von 1900.
20. a Rohrfeder des 15. Jahrh._– b Vogelkiel des 17. Jahrh._– c Winkelspitzfeder von 1900.

Die Spitzen des Federschnabels bedürfen einer besondern Beachtung, da sie allein der Schrift den Duktus verleihen. Langschnäbelige, feinspitzige Federn müssen auf den Druck der schreibenden Hand reagieren, sie müssen die Dickstriche oder Grundstriche zwischen ihrem geöffneten Schnabel bilden. Die neuerdings jedoch sich einführenden Stahlfedern mit Winkelspitzen, die, wie es Fig. 20c zeigt, nach Art der renaissancezeitlichen Rohrfedern und Vogelkiele geschnitten sind, müssen mit geschlossenem Spalt schreiben, sie bilden die Dünnstriche oder Haarstriche mit der schmalen Kante, hingegen die Dickstriche mit der Breitseite der Schnabelspitze.

Von den in den letzten Jahren mehr aufkommenden Goldfedern sind etwa 70 Proz. gar keine echten Goldfedern. Eine echte brauchbare Goldfeder muß aus 14 karätigem Gold mit eingeschweißten Platinspitzen gefertigt sein. Die Fabrikation der Goldfedern gleicht in vieler Beziehung derjenigen der Stahlfedern, die erstern müssen jedoch Stück für Stück gehämmert werden, um, wie man bei Kupfer und Gold sagt, hammerhart zu werden. Goldfedern werden in Deutschland nur in einer Fabrik hergestellt. Mit der Herstellung von Füllfederhaltern hat man sich bereits vor der Stahlfederfabrikation befaßt. Die ersten selbstschreibenden Federn, wie man sie seinerzeit nannte, scheinen Ende des 18. Jahrh. aus Gänsekielen gemacht worden zu sein. Emil Drescher berichtet in seinem Buch ›Die Schreibfeder‹ (Kassel 1843) eingehend darüber und erwähnt auch, daß 1824 bereits Goldfedern im Gebrauch waren.

Einen umfassenden Überblick über das Gebiet der Schreibtechnik und ihrer Hilfsmittel bieten die Arbeiten von Rud. Blanckertz, der an der Hand seines Museums von Schriften und Schreibgeräten der verschiedenen Völker und Zeiten einzelne Kapitel sehr eingehend behandelt hat, und dem wir Text und Abbildungen dieser Tafel verdanken.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909.
Lizenz:
Ähnliche Einträge in anderen Lexika

Buchempfehlung

Jean Paul

Selberlebensbeschreibung

Selberlebensbeschreibung

Schon der Titel, der auch damals kein geläufiges Synonym für »Autobiografie« war, zeigt den skurril humorvollen Stil des Autors Jean Paul, der in den letzten Jahren vor seiner Erblindung seine Jugenderinnerungen aufgeschrieben und in drei »Vorlesungen« angeordnet hat. »Ich bin ein Ich« stellt er dabei selbstbewußt fest.

56 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon