Studentenverbindungen

Studentenverbindungen und_-Vereine.

In der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts haben die gewaltigen Umwälzungen, die das ganze öffentliche Leben in Deutschland wie auch anderwärts erfuhr, naturgemäß auch eine bedeutende Wandlung und Bereicherung des akademischen Lebens bewirkt. Zu den Korps, Landsmannschaften und Burschenschaften, die lange Zeit hindurch das akademische Leben beherrschten, traten nacheinander immer neue Gruppen, die sich allerdings nur allmählich Anerkennung und Geltung zu verschaffen wußten.

Es bildeten sich zunächst wie im bürgerlichen so auch im studentischen Leben im Anschluß an die Lehren Jahns Turnvereinigungen, zunächst als ›schwarze‹ (nicht farbentragende) und nicht Bestimmungsmensuren schlagende Turnvereine, die später den Akademischen Turnbund (A.T.B.) bildeten; und sodann, aus diesen hervorgegangen, die farbentragenden, ›schlagenden‹ Turnerschaften, die sich in Gotha zum Vertreterkonvent (V.C.) zusammengeschlossen haben._– Auch Gesangvereine (schwarz, nicht schlagend) und Sängerschaften (farbentragend, schlagend) entstanden allmählich. Die Vereine gründeten den ›Sondershäuser Verband‹; die Sängerschaften bilden als Verband den ›Weimarer C.C.‹ (Chargiertenkonvent)._– Die Stellung zum Zweikampf hat später eine weitere Veranlassung zu neuer Vereinsbildung gegeben. Es taten sich auf christlicher (nicht etwa konfessioneller) Grundlage Verbindungen auf, die den Zweikampf völlig verwarfen, wie die des ›Wingolf‹- und des ›Schwarzburg-Bundes‹. Andre Gruppen verwerfen nur die sogen. Bestimmungsmensur (Vereine Deutscher Studenten und Akademischer Turnbund, s. oben), indem sie ihren Mitgliedern in der Frage, ob sie ›Satisfaktion geben‹ oder diese grundsätzlich verweigern wollen, freie Hand lassen._– Neben diesen Vereinigungen wurden nach und nach auch eine ganze Reihe von fachwissenschaftlichen Vereinen, die wieder besondere Verbände bilden (vgl. die Übersichtstabelle dieser Beilage), ins Leben gerufen._– Eine eigenartige Erscheinung an unsern Hochschulen sind sodann die konfessionellen Verbindungen und Vereine, die jedoch fast nur in der katholisch-konfessionellen Ausgestaltung vorhanden sind. Sie entstanden im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrh., parallel mit der in allen Schichten des katholischen Teiles unsers Volkes durchgeführten Organisation. Ein Gegenstück finden diese katholischen Verbindungen auf protestantischer Seite nur in den vereinzelten akademischen Ortsgruppen des Evangelischen Bundes, die jedoch keine studentische Ausgestaltung angenommen haben._– Im Anfang der 1880er Jahre entstand eine weitere interessante Gruppe, die in vielen Dingen eine große Ähnlichkeit mit den Burschenschaften der ältesten Zeit hat: die Vereine Deutscher Studenten (V.D. St.), die im ›Kyffhäuserverband‹ (K.V.) zusammengeschlossen sind, entstanden aus der antisemitischen Bewegung, die als Reaktion auf die Zeit des Gründerschwindels erfolgt war. Sie legten jedoch den reinen Antisemitismus bald ab und wandten sich der positiven Pflege nationaler Ideale zu, indem sie durch wöchentliche Veranstaltung von Vortrags- und Redeabenden ihre Mitglieder zur Beschäftigung mit öffentlichen Dingen, namentlich mit nationalpolitischen und sozialpolitischen Fragen, anregten. Den Gedanken der Vereine Deutscher Studenten griffen bald auch andre Kreise auf, die sich der nationalen Weltanschauung, wie sie auf rassenmäßiger Grundlage die Vereine Deutscher Studenten vertreten, nicht anschließen konnten, indem sie ohne eine ihren Mitgliedern satzungsgemäß gemeinsame Weltanschauung namentlich sozialpolitische Vorträge veranstalteten und an der Lösung der sozialen Frage durch volkstümlichen Fortbildungsunterricht etc. mitzuwirken suchten._– Eine Folge des Auftretens der Vereine Deutscher Studenten war es, daß nach und nach fast sämtliche Verbände grundsätzlich keine Juden mehr als Mitglieder aufnahmen. Wesentlich in Reaktion darauf bildeten sich jüdische Vereine und Verbindungen, die völlig die Formen des deutschen Studentenlebens auf ihre Einrichtungen übertrugen. Eine andre Reaktion darauf war auch die Gründung der sogen. Reformburschenschaften, die den grundsätzlichen Ausschluß von Juden nicht billigen, im übrigen burschenschaftliche Ideale vertreten. Von den andern Burschenschaften unterscheiden sie sich auch noch durch ihre Verwerfung der Bestimmungsmensur.

Alle diese verschiedenen Vereinsbildungen wiederholten sich an den Technischen und Tierärztlichen Hochschulen, den Bergakademien etc., zum Teil auch in Österreich. Ein Teil der Verbände, wie die Vereine Deutscher Studenten, Turnerschaften und Turnvereine, verbreitet sich über alle Hochschulgattungen. Die meisten Gruppen haben jedoch an jeder Hochschulgattungbesondere Verbände. Während die Korps an den Universitäten den Kösener S.C.-(Seniorenkonvents-) Verband bilden, sind sie an den Technischen Hochschulen im Weinheimer S.C., an den Tierärztlichen Hochschulen im Rudolstädter S.C. zusammengeschlossen. Die Landsmannschaften, die teils im Koburger, teils im Allgemeinen L.C. (Landsmannschaftenkonvent) organisiert sind, bestehen fast nur an Universitäten. Die Burschenschaften an den Universitäten schlossen sich zuerst als Eisenacher Deputiertenkonvent (E.D.C.) zusammen, nannten diesen später ›Allgemeiner Deputiertenkonvent‹ (A.D.C.) und haben seit 1902 den offiziellen Namen Deutsche Burschenschaft angenommen. An den Technischen Hochschulen bilden sie den Rüdesheimer Verband Deutscher Burschenschaften (früher Niederwald = N.D.C., dann Bingener = B.D.C.)._– In Österreich haben die Burschenschaften sich Pfingsten 1907 als Burschenschaft der Ostmark vereinigt, nachdem der frühere Linzer Deputiertenkonvent (L.D.C.) seit längerer Zeit auseinandergefallen war. Die Korps in Österreich haben früher den Melker Seniorenkonvent gebildet, der sich jedoch bald aufgelöst hat. Im übrigen bestehen in Österreich wie in Deutschland Korps, Landsmannschaften etc.; jedoch ist das Verbandswesen noch durchaus unentwickelt. Die Vereine Deutscher Studenten haben in Österreich ihr Gegenstück in dem Waidhofener Verband wehrhafter Vereine Deutscher Studenten._– In der Schweiz hat das studentische Leben nach deutsch-akademischen Formen nicht feste Wurzel gefaßt. Dort besteht neben den national-schweizerischen Vereinigungen (Zofinger Verband, Alt-Helvetia etc.) nur noch ein Korps des Kösener S.C. in Zürich; die früher in Basel und Bern bestehenden Korps dieses Verbandes sind suspendiert. In neuerer Zeit haben sechs schweizerische Korps im Aargauer S.C. sich vereinigt, der die Hochschulen Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich umfaßt.

In allerjüngster Zeit hat in Deutschland, von Hannover ausgehend, ein Kampf der Studentenschaft gegen die in ihrer Mitte bestehenden konfessionellen Verbindungen, denen wegen ihrer engen Anlehnung an das Zentrum und wegen ihrer konfessionellen Absonderung Mangel an nationaler Gesinnung und Unterdrückung der akademischen Freiheit ihrer Mitglieder zum Vorwurf gemacht wurde, fast alle nichtkonfessionellen Verbände zu einem alle umfassenden Verband Deutscher Hochschulen (V.D.H.) vereinigt. Dieser besitzt, wie die Mehrzahl der studentischen Verbände, eine eigne Zeitschrift, ›Die deutsche Hochschule‹ (hrsg. von Wilhelm Heile). Erwähnt seien ferner die ›Burschenschaftlichen Blätter‹, der ›Deutsche Burschenschafter‹ des Rüdesheimer Verbandes, die ›Akademischen Blätter‹ der Vereine Deutscher Studenten. Der Kösener Seniorenkonvent hat in den ›Akademischen Monatsheften‹ seine eigne Zeitschrift, die Blätter des A.T.B., V.C., L.C. etc. tragen meist den Namen ihres Verbandes im Titel. Eingehend berücksichtigt außerdem von nichtstudentischen Zeitschriften das studentische Verbindungswesen die Monatsschrift ›Hochschulnachrichten‹ (hrsg. von P.v. Salvisberg, München, seit 1890).

Übersicht über die an den deutschen Hochschulen bestehenden Verbände 1907.

Abkürzungen: S.C. = Seniorenkonvent, L.C. = Landsmannschaftenkonvent, V.C. = Vertreterkonvent, V.D. St. = Vereine Deutscher Studenten, C.C. = Chargiertenkonvent.

Tabelle
Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909.
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