Textilindustrie

Geschichte der Textilindustrie.

Unter Textilindustrie versteht man die Verarbeitung der Spinnfasern: Baumwolle, Flachs, Jute und andre Pflanzenfasern, Wolle und Seide sowie der Kunstseide. Es ist nicht festzustellen, welches der vier Hauptmateriale, Seide, Wolle, Baumwolle, Flachs, das geschichtlich älteste ist. Sie finden sich, jedes einzeln, auf geographisch geschiedenem Boden, wo sie wohl seit Jahrtausenden heimisch waren, sobald die betreffenden Völker in die Geschichte eintraten. So die Seide in China, die Leinwand im alten Ägypten, die Baumwolle in Indien und die Wolle auf den Gebirgen Tibets und im Tal von Kaschmir bis hinüber auf europäischen Boden.

Die Textilindustrie ist eine der bedeutendsten Industrien der Welt. In Deutschland nimmt sie unter allen Gewerben die erste Stelle ein; sie beschäftigt hier die größte Zahl, etwa ein Zehntel, aller gewerblich tätigen Personen und hat auch die größte Ein- und Ausfuhr. Nach der Berufszählung von 1905 umfaßte die Textilindustrie des Deutschen Reiches 248,617 Betriebe, von denen 162,435 der Hausindustrie zufielen. Diese geht jedoch infolge der stetigen Zunahme der mechanischen Betriebe von Jahr zu Jahr zurück. Die Zahl der in allen Zweigen der Textilindustrie beschäftigten Personen betrug 1895: 993,257. Der Wert der 1897 im Deutschen Reich erzeugten Textilwaren betrug 2,749,900,000 Mk. Das Mutterland der Seide ist China. Hier ist die Kultur des Maulbeerbaumes und die Zucht der Seidenraupen schon 3000 Jahre v. Chr. nachgewiesen. Mit dem 3. Jahrh. v. Chr. kam die Seidenkultur auch nach Indien und den westlichen Ländern Asiens. Im 6. Jahrh. n. Chr. wurde sie unter Justinian I. auch in Byzanz eingeführt, wo bereits die Weberei kostbarer Seidenstoffe betrieben wurde. Durch die Araber breitete sich die Kultur in den Ländern des Mittelmeeres aus. Im 10. und 11. Jahrh. trat sie in Italien und Spanien auf. Venedig, Bologna und Modena waren im 13. und 14. Jahrh. wichtige Kokonmärkte und besaßen bedeutende Haspelanstalten. Auch heute noch liegt der Schwerpunkt der italienischen Seidenindustrie in der Seidenzucht, die hauptsächlich in der Lombardei, Piemont, Venetien, den Marken und Toskana geübt wird; sie beschäftigt 600,000 Menschen. Frankreich erzeugte Rohseide schon im 13. und 14. Jahrh. und nimmt heute in Europa die zweitgrößte Stelle ein. Die Einfuhr roher und gesponnener Seide und Schappe betrug 1906: 5,111,000 kg. Die Ausfuhr, einschließlich Kunstseide, 17,178,400 kg. In Deutschland sind Versuche mit der Seidenkultur bereits im 15. und 16. Jahrh. gemacht worden. Friedrich d. Gr. ließ ihr von Staats wegen Förderung angedeihen, und in Bayern taten Maximilian I. und Ludwig I. ein Gleiches. Klimatische und Lohnverhältnisse sind in Deutschland für diese Kultur nicht geeignet, und so ist sie heute daselbst fast gänzlich erloschen. Die Länder, die für die Rohseidenerzeugung heute hauptsächlich in Betracht kommen, und die Mengen Grègeseide (in 1000 kg), die sie 1906 erzeugten, sind: Frankreich 605, Italien 4745, Spanien 56, Österreich-Ungarn 344, Balkanländer 180, Griechenland 80, Türkei 1250, Kaukasus 395, Persien und Turkistan (Ausfuhr) 580, China 5830, Japan 5800, Indien 295, so daß die Rohseidenerzeugung der Welt 1906: 20,160,000 kg betrug.

Wie der Rohstoff, so hat auch die Seidenweberei von China ihren Ausgang genommen, doch gelangte sie auf den großen Handelswegen schneller in andre Länder als die Seidenzucht. In Indien soll die Seidenweberei schon in ältesten Zeiten bestanden haben. Auf europäischem Boden hat sie in den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung Fuß gefaßt. Außer in Rom und Byzanz blühte sie im 6. Jahrh. in Persien unter dem Königsgeschlechte der Sassaniden. Wieder waren es die Araber, die auch die Seidenweberei nach Nordafrika, Sizilien und Spanien brachten. Die Normannen fanden sie im 11. Jahrh. bei der Eroberung von Sizilien daselbst vor und brachten sie zu großer Blüte, und von hier aus verbreitete sie sich dann über Italien und weiter nach Frankreich. In Italien war Lucca die erste Stadt von Bedeutung für die Seidenindustrie. Infolge von Bürgerkriegen siedelten dann später Weber über nach Mailand, Florenz, Bologna, Venedig und Genua. Im 15. und 16. Jahrh. versorgte Italien fast den ganzen abendländischen Markt mit seinen Geweben. Heute sind die wichtigsten Städte: Mailand, Como und Turin.

In Frankreich war schon infolge der Kreuzzüge die Seidenweberei in Übung gewesen, aber erst unter Ludwig XI. (1461–83) nimmt sie größern Aufschwung. Im J. 1466 wurde die Manufaktur in Lyon gegründet. Franz I. (1515–47) zog italienische Weber nach Lyon und unterstützte die Seidenindustrie in jeder Weise; unter Ludwig XIV., durch seinen Minister Colbert, kam sie zur höchsten Blüte. Lyon überflügelte seine Wettbewerber, wie Tours, Paris und Avignon, und ist heute noch der bedeutendste Ort für die Herstellung breiter Seidenwaren. Der Hauptplatz für Bänder ist St.-Etienne. Die Herstellung Lyons hatte 1906 einen Wert von 426,600,000 Frank, die von St.-Etienne einen solchen von 99,256,400 Fr. Die Ausfuhr französischer Seidenwaren, Bänder, Posamenten etc. betrug 1906: 301,396,000 Fr., die Einfuhr fremder Seidenwaren 43,117,000 Fr., die Einfuhr roher und gesponnener Seide und Schappe 5,111,000 kg, die Ausfuhr, einschließlich Kunstseide, 17,178,400 kg.

In Spanien blühte schon unter maurischer Herrschaft die Seidenindustrie. Toledo, Sevilla und Granada waren im 15., 16. und 17. Jahrh. berühmt durch ihre Seidenerzeugnisse. Auch in den niederländischen Städten Brügge und Gent wurden im Anschluß an mittelalterliche Handelsbeziehungen seidene Stoffe gewebt; Antwerpen, das schon im 13. und 14. Jahrh. als großer Stapelplatz für Seidenwaren bekannt war, bildete jedoch die Hauptstätte dafür. Seit dem 18. Jahrh. ist die Seidenindustrie aus den Niederlanden verschwunden. Die Flüchtlinge, die durch die Aufhebung des Ediktes von Nantes (1685) aus Italien, den spanischen Niederlanden und Frankreich ihres Glaubens wegen auswanderten, wurden in den andern Ländern, nach denen sie sich wandten, wie Deutschland, Schweiz, England, Skandinavien und Amerika, Verbreiter der Seidenindustrie. In Deutschland fand sich im 14. Jahrh. die Seidenweberei in Ulm, Augsburg, Regensburg und Nürnberg; ebenso in Hamburg, Württemberg, Hessen und der Rheinpfalz im 16. und 17. Jahrh. In Preußen förderte sie Friedrich d. Gr. ebenso wie die Zucht der Seidenraupe. Zu einer wirklichen Bedeutung auf dem Weltmarkte hat aber erst Krefeld die deutsche Seidenindustrie gebracht. Mitglieder der um 1668 dort eingewanderten Familie von der Leyen sind als Begründer der Seidenweberei in Krefeld anzusehen. Die Firma Friedrich und Heinrich von der Leyen beschäftigte 1768 ungefähr 2800 Menschen in der Seidenindustrie. Der Wert der 1787 verarbeiteten Rohstoffe betrug 435,140 Rtlr., der der fertigen Waren 746,555 Rtlr. Die Zahl der Webstühle stieg bis zum Jahre 1884 auf 37,605. Durch die in den 70er Jahren des 19. Jahrh. erfolgte Einführung des mechanischen Webstuhles fing die Gesamtzahl der Stühle an zurückzugehen; sie betrug im J. 1906 einschließlich der für Samt und Stoffband 13,740. Der Gesamtverbrauch an Rohmaterial (Rohseide, Schappe, Baumwolle und Wolle) ist in der Krefelder Industrie von 455,119 kg in 1867 auf 2,778,176 kg in 1906 gestiegen. Der Gesamtumschlag schwankt seit Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrh. zwischen 74 und 93 Mill. Mk.; 1906 betrug er 82,909,835 Mk., wovon in Deutschland für 50,063,751 Mk. blieben, während 25,185,097 Mk. in das europäische und 6,660,982 Mk. in das außereuropäische Ausland gingen. In der Schweiz läßt sich die Züricher Seidenindustrie bis in das 13. Jahrh. zurückverfolgen. Doch erst seit dem 16. Jahrh. wurde sie dort allgemeiner. Heute sind Bern, Basel, Schaffhausen und vor allem Zürich, für dessen Rechnung eine Anzahl kleinerer Orte arbeiten, die Hauptplätze für die schweizerische Seidenindustrie. Der Wert der Gesamterzeugung Zürichs stellte sich 1906 auf 109 Mill. Frank.

In Österreich-Ungarn ist die Seidenindustrie hauptsächlich in und um Wien vereinigt. Die Ausfuhr österreichischer Seidenwaren betrug 1906 im Werte 14,8 Mill. Kronen, die Einfuhr fremder Seidenwaren 48 Mill. Kronen.

Einen ganz bedeutenden Aufschwung hat die Seidenindustrie in den Vereinigten Staaten genommen. 1870 betrug die Gesamterzeugung aller amerikanischen Seidenfabriken etwa 2 Mill. Pfund Goldwert; bis 1900 war sie auf 30 Mill. gestiegen und dürfte heute 45 Mill. erreichen. Die Rohseideneinfuhr betrug 1906: 16,810,675 Pfund im Werte von 64,820,302 Doll.

Der Zeitpunkt, wann Wolle zuerst zur Herstellung von Kleidungsstücken verarbeitet wurde, ist nicht festzustellen. In der Bibel wird die Schafschur vielfach erwähnt: ›David hörte in der Wüste, daß Nabal seine Schafe schor.‹ Die frühesten Nachrichten über die Wolle als einen der Hauptartikel der Industrie und des Handels weisen auf Babylon und Ninive. Von dort hat sich die Wollweberei vermutlich nach Phönikien und Kleinasien verbreitet. Bei den Griechen und Römern waren Wollenstoffe ihres weichen Faltenwurfes wegen beliebt. Milet, Samos, Korinth, Karthago und in Spanien Cartagena, Tarragona etc. erfreuten sich besondern Rufes in der Wollweberei. Spinnen und Weben waren häusliche Beschäftigungen. Karl d. Gr. hatte Spinnschulen eingerichtet, wo alle Vorgänge der Wollmanufaktur ausgeführt wurden. Die deutschen Wollmanufakturen waren seit dem 10. Jahrh. berühmt und lieferten die Modestoffe. Von Deutschland zog sich die feinere Wollweberei nach Flandern und wurde dort durch den Schutz, den ihr Balduin III. (gest. 1162) angedeihen ließ, sehr gefördert. In Brüssel waren 50,000 Menschen mit dem Wollgewerbe beschäftigt, und in Gent gab es 40,000 Weber. Weiter ging die Wollindustrie nach Belgien und nach Italien, wo sie in Florenz, Mailand, Genua und Neapel geübt wurde. In Florenz sollen im 14. Jahrh. 200 Gewölbe für Wollverkauf bestanden haben, 70–80,000 Stück angefertigt worden und von 20 Appreturanstalten jährlich für 30,000 Goldgulden ausländisches Tuch verfeinert worden sein. In England ist seit den Tagen Wilhelms des Eroberers ein großer Teil der Wolle, die im Lande wuchs, zu Stoffen verarbeitet worden. Unter Heinrich II. wurden zahlreiche Webergilden gebildet, aber zur eigentlichen Blüte kam die Wollindustrie in der Mitte des 16. Jahrh., als Eduard III. flandrische Weber in sein Land zog und infolge der religiösen und politischen Unruhen in Flandern sich viele Flüchtlinge nach England wandten. Eduard förderte die Industrie in jeder Weise. 1698 wurde die Zahl der englischen Schafe auf 12 Millionen geschätzt. Der Wert ihrer Wollerzeugung betrug 2 Mill. Pfd. Sterl. 1800 wurden 26 Millionen Schafe mit einem Flieswert von 6 Mill. Pfd. Sterl. geschätzt. Einen gewaltigen Aufschwung nahm die englische Wollindustrie durch die am Ende des 18. Jahrh. von Cartwright erfundene Wollkämmaschine, bei deren Anwendung die Ersparnis der Wollfabrikanten bereits 1798 auf 40,000 Pfd. Sterl. berechnet wurde. Die Kammwollindustrie blüht daher auch jetzt noch besonders in England. Ihr Sitz ist in der Grafschaft York in den Städten Bradford und Halifax. Frankreichs Tuchmanufakturen brachte der Minister Colbert zum Aufschwung. Lille, Elbeuf, Roubaix, Tourcoing sind die Hauptorte der französischen Wollindustrie. Das 19. Jahrhundert hat in der Wollindustrie eine große Umwälzung herbeigeführt. Wurde bis zur Mitte des Jahrhunderts die Wolle in den europäischen Ländern selbst erzeugt, so wird sie durch die Ausbreitung der Schafzucht in überseeischen Ländern zu einem bedeutenden Einfuhrartikel. Im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts betrug die jährliche Wollerzeugung Europas 357 Mill. kg, die Einfuhr fremder Wolle 854 Mill. kg. Im J. 1906 belief sich letztere auf 3,047,000 Ballen. Die hauptsächlichsten Länder für die Wollerzeugung sind: Australien, Südafrika und die La Plata-Staaten. Aber auch in Deutschland breitete sich die Wollindustrie im Laufe der Jahrhunderte immer mehr aus. Hier sind für die Wollindustrie folgende Gebiete hervorzuheben: ein rheinisch-bergisches, ein elsässisches, ein bayrisch-oberfränkisches, ein thüringisches, ein sächsisches und ein brandenburg-niederschlesisches. Für die Tuchherstellung kommen hauptsächlich das erste, vierte, fünfte und sechste, für die Wirkwarenindustrie das dritte und vierte der genannten Gebiete in Betracht. Nach der Produktionsstatistik von 1897 wurden in den deutschen Tuch- und Wollgewerben 1179 Mill. Mk. Werte an den Markt gebracht. Nach dem Jahresdurchschnitte 1896–1900 betrug an Wolltextilerzeugnissen die Aus- und Einfuhr in

Tabelle

Bei allen übrigen europäischen Ländern überwiegt die Einfuhr. Deutschlands Ein- und Ausfuhr an Rohmaterial und Wolltextilerzeugnissen 1906 geht aus folgender Aufstellung hervor:

Tabelle

Als Vaterland des Baumwollbaues und auch der Baumwollverarbeitung muß Indien angesehen werden. China kann ebensowenig wie Ägypten diesen Anspruch erheben. Im 4. und 3. Jahrh. v. Chr. wurde Baumwolle auch in Vorderasien angebaut. In den letzten Jahrhunderten vorchristlicher Zeit ist die Baumwolle dann bis an die Küsten des Mittelmeers gelangt. Durch den Alexanderzug gelangte die Kenntnis davon nach Griechenland; ihr Anbau dürfte daselbst vom 2. Jahrh. n. Chr. an und zwar in Elis betrieben worden sein, so daß Griechenland das erste baumwollbauende und_-verarbeitende Land Europas gewesen ist. Allerdings verschwand diese Kultur im Laufe der Zeit aus dem Peloponnes bis auf wenige Reste. Die Araber führten die Baumwolle in Spanien und auf Sizilien ein. Um die Mitte des 13. Jahrh. besaß Barcelona bedeutende Fabriken. Unterdessen hatte sich auch im Orient die Baumwolle weiter verbreitet. Zog man die Baumwollstaude in China im 7. Jahrh. schon als Zierpflanze in Gärten, so wurde sie als Kulturpflanze doch erst im 13. Jahrh. durch die Eroberung dieses Reiches durch die Tataren eingeführt. In Japan trat die Baumwolle zum erstenmal am Ende des 8. Jahrh. auf, ging dann wieder ein und blieb acht Jahrhunderte lang unbeachtet. Erst 1592, wahrscheinlich durch Portugiesen zum zweitenmal eingeführt, verbreitete sie sich namentlich im 17. Jahrh. mehr und mehr und nimmt heute daselbst eine bedeutende Stelle ein.

In Ägypten scheint die Baumwollkultur im Laufe des Mittelalters nicht von großer Bedeutung oder Ausdehnung gewesen zu sein. Wohl wurde aus Alexandrien von abendländischen Kaufleuten Baumwolle geholt, doch dürfte dieses neben der einheimischen auch viel fremdes Erzeugnis, vornehmlich aus Syrien, gewesen sein. Heute gehört dieses Land zu den wichtigsten Baumwolle erzeugenden Ländern. Der Anbau begann 1821. Nach drei Jahren betrug die Ernte bereits 228,000 Kantar (1 Kantar = 44,9 kg). Während des mexikanischen Krieges stieg der Preis bis auf 120 Mk. für den Kantar. Anbau und Ausfuhr hoben sich stetig. Das Höchstergebnis fällt in das Jahr 1897/98 mit 6,543,000 Kantar oder 291,200,000 kg. Die Ernten der Jahre 1905 und 1906 betrugen 6,352,000 und 5,960,000 Kantar.

In Amerika fanden die ersten Entdecker die Baumwolle an vielen Stellen vor, so in Westindien, Brasilien, Altmexiko, Kolumbien und Peru. Dieser uramerikanische Anbau der Baumwolle ging jedoch bis auf dürftige Reste wieder verloren, und erst um die Mitte des 18. Jahrh. scheint von Brasilien aus mit der Ausfuhr dieses Stoffes begonnen worden zu sein. Zu gleicher Zeit versorgte auch Westindien Europa in hervorragendem Maße damit. Frankreich führte von dort im J. 1775 eine Gesamtmenge von 4,407,157 Pfd. im Werte von 11 Mill. Pfd. Sterl. ein. Es kostete demnach damals das Pfund Baumwolle 2 Mk.

In den Vereinigten Staaten wurden im J. 1620 in Virginia die ersten Versuche mit dem Baumwollanbau gemacht. Im Laufe des 18. Jahrh. begannen die Vereinigten Staaten Baumwolle auszuführen. Nach der Erfindung der Sägenentsamungsmaschine nahm die Erzeugung in ungeheuerm Maße zu. 1791 machte die Gesamterzeugung der Vereinigten Staaten 2 Mill. Pfd. aus, 1801 bereits 40 Millionen, 1898/99: 5795 Millionen; es sind das mindestens zwei Drittel der Gesamterzeugung der ganzen Welt. Die Ernten der Jahre 1905 und 1906 betrugen 13,556,000 und 11,320,000 Ballen. Als wichtiges Erzeugungsland der Baumwolle kommt noch Indien in Betracht mit Ernten in den ebengenannten Jahren von 3,729,000 und 3,640,000 Ballen. In den afrikanischen Kolonien europäischer Staaten werden Versuche mit der Baumwollkultur angestellt. Deutschland ist auf dem Wege, seine Kolonien Togo und Ostafrika zu Baumwolle erzeugenden Ländern zu machen. In Togo ist die Ernte von 519 Ballen (zu 250 kg) im J. 1904/05 auf 857 Ballen im J. 1905/06 gestiegen.

Für die Verarbeitung der Baumwolle nimmt England den Hauptplatz ein. Infolge des Religions- und Bürgerkrieges in den Niederlanden unter Philipp II. 1585 kam eine Anzahl Baumwollweber nach England (Lancashire). Bereits im 17. Jahrh. war Manchester der bedeutendste Ort in der Herstellung von Baumwollwaren. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. wurde in England die mechanische Spinnerei erfunden, man verbesserte die mechanische Weberei und wandte Dampfkraft für den Betrieb der Arbeitsmaschinen an. Hiermit beginnt der Vorrang Englands auf diesem Gebiete. Lange versuchte es, das Geheimnis seiner Maschinen zu wahren; bis 1742 war die Ausfuhr von Spinnmaschinen bei Zuchthaus, Verschickung oder Todesstrafe verboten. Doch schon am Ende des 18. Jahrh. gelangten solche Maschinen nach Rouen und Belgien, und 1782 wurde die erste Spinnmule in Sachsen aufgestellt. Nun verbreiteten sich die Maschinen bald bis in die fernsten Länder. Welche vorwiegende Stellung England heute in der Baumwollindustrie einnimmt, geht aus folgender Aufstellung für das Jahr 1906/07 hervor.

Tabelle

Auf England folgten an zweiter Stelle die Vereinigten Staaten von Nordamerika und an dritter Deutschland. In Deutschland wurde die Verarbeitung der Baumwolle bereits am Anfang des 14. Jahrh. betrieben. Konstanz, Ulm, Augsburg, Chemnitz, Plauen, auch rheinische Städte, wie Köln, verarbeiteten während des Mittelalters Baumwolle, wie überhaupt Deutschland am Ausgang des Mittelalters und beim Beginn der Neuzeit für Europa das wichtigste Land für die Verarbeitung von Baumwolle und den Handel mit Baumwollenstoffen war. England war im spätern Mittelalter Einfuhrland für Baumwollwaren. Die Einfuhr Deutschlands in Barchenten, einem gerauhten Baumwollengewebe, nach England betrug damals jährlich 600,000 Kronen. Als Sitze der deutschen Baumwollindustrie sind hauptsächlich heute zu nennen die Städte München-Gladbach, Rheydt, Mülhausen, Markirch, Stuttgart, Reutlingen, Göppingen, Augsburg, ferner Oberfranken, ganz Sachsen und schließlich die Orte Reichenbach, Langenbielau. Die Zahl der in Deutschland arbeitenden Spindeln beträgt 9,8–10 Millionen, die der Baumwollwebstühle 236,000. Es betrug im J. 1906 (in Doppelzentnern):

Tabelle

Auf Deutschland folgt Rußland, dann Frankreich. Doch auch in den übrigen Ländern Europas spielt die Baumwollindustrie eine bedeutende Rolle. In Asien findet sich Baumwollanbau und_-Industrie in größerer oder geringerer Ausdehnung in fast sämtlichen Staaten. Indien hat seine Vormachtstellung darin abgeben müssen. China und besonders Japan verarbeiten große Mengen Baumwolle. Australien mit seinen zahlreichen Inselgruppen spielt für die Baumwolle eine bescheidene Rolle. Da der Erdteil keine Baumwollindustrie besitzt, muß er seinen Bedarf durch Einfuhr, die hauptsächlich aus England kommt, decken.

Die Herstellung von Flachs ist schon auf altägyptischen Grabdenkmälern dargestellt. Nach Bibelstellen haben die Israeliten bei ihrem Auszug aus Ägypten die Kunst des Flachsspinnens schon gekannt. In der Herstellung von Leinengeweben ist schon im frühen Altertum eine große Fertigkeit erreicht gewesen. Das feinste dieser Gewebe war der Byssus, ein durchsichtiger Leinenstoff, in den bereits die Mumien der Pharaonenzeit eingewickelt wurden. Alexandria war von den Tagen der ägyptischen Pharaonen an bis auf die Zeiten der Ptolemäer und der Herrschaft der arabischen Kalifen neben Antiochien, Damaskus und Palmyra der Hauptmarkt für diese durchscheinenden Gewebe. Griechen und Römer trugen leinene Kleider neben solchen aus andern Stoffen. In Deutschland erhielt seit dem 10. Jahrh. der Flachsbau um Regensburg, Ulm und Augsburg solche Ausdehnung, daß die Gespinste den Hauptteil des Handels ausmachten. Große Bleichen wurden angelegt, und die Zünfte spielten eine große Rolle. Augsburg stellte im 16. Jahrh. 35,000 Stück Barchent und 70,000 Stück Leinwand her. Ulm lieferte jährlich 200,000 Stück Leinwand. Auch in Böhmen, Sachsen, an der Ostsee, in Stendal, in Friesland und Holland gab es großartige Leinwandindustrie. Die westfälische und holländische Leinwand galt als die feinste. Im Ausland war das Hessengarn berühmt. Von Bremen gingen alle 14 Tage regelmäßige Ladungen mit hessischem Leinen nach England ab. Hünfeld, Oberaula, Schlitz und Fulda sind die Hauptorte, die auch gemustertes Leinen nach Frankfurt a.M., Mainz, Köln und dem Ausland lieferten, gewesen. Die Kontinentalsperre und dann die mit Kraftmaschinen arbeitende Großindustrie haben diese Hausindustrie lahmgelegt. Heute ist die Leinwandindustrie solcher Gegenden nur für den engsten Bedarf der Bauern teilweise ausreichend. Die Großindustrie liefert mit ihrem Maschinenbetrieb die Leinenstoffe in glatt und gemustert viel billiger. In Deutschland blüht diese Industrie in Schlesien, in der Niederlausitz, im Königreich Sachsen, in Westfalen, Württemberg und im Elsaß.

Die vier Hauptzweige der Leinenindustrie, Flachsbereitung, Spinnerei, Weberei und Bleicherei, beschäftigten im J. 1895 in 36,581 Hauptbetrieben 96,392 Personen. Einen Maßstab für die Bedeutung der Industrie ergibt die Zahl der Arbeitsmaschinen. Schätzungen für das Jahr 1898 ergeben folgendes Bild:

Tabelle

Im J. 1905 betrug die deutsche Einfuhr von Flachs, roh, geröstet, gebrochen, geschwungen und gehechelt:


665991dz im Werte von47713000 Mk.
die Ausfuhr204129dz im Werte von9795000 Mk.
die Einfuhr von
Leinengarn, Leinwand
u. and. Leinenwaren251602dz im Werte von38830000 Mk.
die Ausfuhr201808dz im Werte von40989000 Mk.

Hauptlieferant für die Rohstoffe ist Rußland (für geringe grobe Sorten), daneben kommen Österreich-Ungarn und für Hanf Unteritalien wesentlich in Betracht. Für die gewebten Erzeugnisse, wie Damast, Bett-, Tisch- und Handtücherzeug, sind die Vereinigten Staaten wichtige Abnehmer; auch Großbritannien, Dänemark, Schweden und die Schweiz kommen für Damast und Leinen hauptsächlich in Betracht.

Ein Material von bedeutend weniger hohem Alter wie die vorstehenden ist die Jute. In Europa etwa seit 1795 bekannt, fand sie erst von 1832 an in Dundee Eingang, wo noch heute der Hauptsitz der bereits großartig entwickelten europäischen Juteindustrie ist. In Deutschland wurde ihre Verarbeitung 1861 in Vechelde bei Braunschweig aufgenommen. Die Vechelder Fabrik wurde für 1000 Spindeln mit einer Arbeiterzahl von 100 Personen gegründet. 1869/70 wurde sie um 1400 Spindeln und 40 Webstühle erweitert. 1874 kam in Braunschweig noch eine Fabrik mit 2400 Spindeln, 120 Webstühlen und 400 Arbeitern hinzu. Die Erzeugung beider Fabriken dürfte jetzt etwa 15 Mill. kg Garn und an 20 Mill. m Gewebe betragen.

Vgl. »Acta Borussica, Denkmäler der preußischen Staatsverwaltung im 18. Jahrhundert etc.: Seidenindustrie und ihre Begründung durch Friedrich d. Gr.« (Berl. 1892, 3 Bde.); Bolle, Der Seidenbau in Japan (Wien 1898); Broglio d'Ajano, Die venezianische Seidenindustrie und ihre Organisation bis zum Ausgang des Mittelalters (Stuttg. 1893); Bujatti, Geschichte der Seidenindustrie Österreichs (Wien 1893); Rondot, L'enseignement nécessaire à l'industrie de la soie (Lyon 1877) und L'art de la soie (Par. 1885–1887, 2 Bde.); Silbermann, Die Seide, ihre Geschichte, Gewinnung und Verarbeitung (Dresd. 1897, 2 Bde.); Yoshida, Entwickelung des Seidenhandels und der Seidenindustrie vom Altertum bis zum Ausgang des Mittelalters (Heidelb. 1895); Burnley, The history of wool and woolcombing (Lond. 1889); Löbner, Studien und Forschungen über Wolle etc. (Grünberg 1898); »Die Weltwirtschaft, ein Jahr- und Lesebuch« (hrsg. von E.v. Halle, Leipz. 1906 u. 1907); Oppel, Die Baumwolle nach Geschichte, Anbau, Verarbeitung und Handel (Leipz. 1902); Lecomte, Le coton, monographie, culture, histoire économique (Par. 1900); Nübling, Ulms Baumwollweberei im Mittelalter (Leipz. 1890); Kuhn, Die Baumwolle, ihre Kultur, Struktur und Verbreitung (Wien 1892); Harrdy, History and general statistics of cotton (Washingt. 1896); Pfuhl, Die Jute und ihre Verarbeitung (Berl. 1888–91, 3 Bde.); Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde aller Zeiten und Völker (Stuttg. 1904). Zeitschriften: »Zentralblatt für die Textilindustrie« (Berl., seit 1897); »Textilzeitung« (das., seit 1895); »Seide«, Fachblatt für die Samt- und Seidenindustrie (Krefeld, seit 1895); »Romans Journal für die Textilindustrie« (Charlottenburg, seit 1886); »Textilzeitungen, vereinigte Schweizer« (Zür., seit 1893); »Leipziger Monatsschrift für Textilindustrie« (Leipz., seit 1886); »Zeitschrift für die gesamte Textilindustrie« (das., seit 1897).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909.
Lizenz:
Ähnliche Einträge in anderen Lexika

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Jürg Jenatsch. Eine Bündnergeschichte

Jürg Jenatsch. Eine Bündnergeschichte

Der historische Roman aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erzählt die Geschichte des protestantischen Pastors Jürg Jenatsch, der sich gegen die Spanier erhebt und nach dem Mord an seiner Frau von Hass und Rache getrieben Oberst des Heeres wird.

188 Seiten, 6.40 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon