Veredelung

Veredelung der Gehölze.

Man unterscheidet Veredelung durch Annäherung von den Veredelungen mittels abgeschnittener Zweige oder Teile derselben. Das Annähern (Ablaktieren, Absäugen, Ansäugen) wird angewandt bei Gehölzarten, deren Reiser schwer anwachsen (Larix, viele Kätzchenträger u.a.). Die Edelreiser bleiben an der Mutterpflanze bis zur völligen Verwachsung mit dem entsprechenden Teile der Unterlage. Diese werden deshalb in die Nähe der Edelpflanze gepflanzt oder in Töpfen nahe gebracht.

1. Veredelung durch Annäherung (Ablaktieren).
1. Veredelung durch Annäherung (Ablaktieren).

Diese Veredelung kann fast zu jeder Zeit im belaubten Zustande vorgenommen werden. Sie dient auch zur Wiederherstellung in Unordnung geratener Spalierformen. Fig. 1 zeigt eine sehr empfehlenswerte Art des Zuschnittes beider zu vereinigender Zweige.

Die Veredelung mittels abgeschnittener Pflanzenteile wird in der Praxis am meisten angewendet. Sie eignet sich am besten für Massenkulturen, in denen große Mengen von Unterlagen, meist Wildlinge, herangezogen werden, um zur geeigneten Zeit Zweige oder auch nur einzelne ›Augen‹ einer vermehrenswürdigen Art oder Sorte eingesetzt zu erhalten. Die weitaus am häufigsten geübte Veredelungsart für junge Stämmchen ist die Okulation (Äugeln, Anäugeln). Sie läßt sich rasch ausführen; die Verbindung zwischen Unterlage und Reis ist die innigste, und das Ausbrechen des später sich entwickelnden Triebes ist hier am wenigsten zu fürchten; außerdem ist diese Veredelungsart für fast alle Gehölze verwendbar, für manche (Aprikosen und Pfirsiche) sogar die einzig Erfolg versprechende. Man okuliert im Winter mit Augen von Jahrestrieben des vergangenen, im Sommer mit Augen des laufenden Jahres. Die Reiser, welche die Augen liefern, müssen bereits verholzt, aber noch in vollem Safte sein. Die Unterlage muß sich in vollem Safte befinden und die Rinde leicht und ohne zu reißen ›lösen‹. Das Auge muß kräftig entwickelt, aber noch in Ruhe sein. Die Reiser, die im Sommer die Augen liefern, werden erst kurz vor der Verwendung geschnitten und die Blätter der laubabwerfenden Gehölze so weit abgeschnitten, daß die Blattstiele stehen bleiben; bei immergrünen Gehölzen beläßt man die Blätter ganz oder kürzt sie um die Hälfte.

2. Okulieren
2. Okulieren

Man unterscheidet Okulation ›mit treibendem Auge‹, von denen man noch im selben Jahre einen Trieb verlangt und die man deshalb im Winter in Gewächshäusern und in den Frühjahrsmonaten April und Mai im Freien vornimmt, von derjenigen ›mit dem schlafenden Auge‹, die erst im kommenden Frühjahr austreiben. Erstere wird bei Rosen, bunten Gehölzen, Kirsche, Pfirsich, Aprikose, Apfel und Birne angewendet mit Reisern, die im Winter vor den ersten schweren Frösten geschnitten sein müssen. Rosen veredelt man auch noch im Juni mit treibendem Auge; die große Masse der Gehölze für den Baumschulenbedarf aber wird von Juli bis September mit schlafendem Auge okuliert. Die Ausführung des Okulierens veranschaulicht Fig. 2. Das Auge (Fig. 2c u. d) wird durch einen flachen Schnitt, der 1 cm über demselben ansetzt, mit einem Schildchen gelöst (Fig. 2, a u. b) und an einer gesunden Stelle der Unterlagenrinde in einen T-Schnitt (Fig. 2, e), dessen beide Lappen abgehoben werden, wie in Fig. 2, f, eingeschoben, so daß die beiden Lappen des T-Schnittes das Auge teilweise bedecken und besonders an den Rändern schützen (Fig. 2, g). Das eingesetzte Auge wird sodann mit Raffiabast so weit umbunden, daß die Rindenlappen der Unterlage das Auge gut decken, und der Schnitt überhaupt geschlossen gehalten, das eingesetzte Auge aber freigelassen wird (Fig. 2, h). Das hierzu nötige Messer hat eine dünne, abgerundete Klinge und am entgegengesetzten Ende am Heft oder am Rücken der Klinge einen Löser aus Knochen zum Abheben der Rinde (Fig. 2, f). Im allgemeinen okuliert man möglichst nahe am Boden, Rosen auch auf den ›Wurzelhals‹, d.h. auf den obersten, faserwurzelfreien Teil der Wurzel dicht unter dem oberirdischen Stammteil. Schwachwüchsige Sorten, Hängevarietäten der verschiedenen Gehölze müssen in Kronenhöhe veredelt werden. Bei Rosen veredelt man mit Augen durch ›Ansetzen‹ (Forkertsche Methode) besonders im Winter, wenn die Rinde der Unterlage nicht löst, indem man an der Unterlage ein der Größe und Form des Auges entsprechendes Stück Rinde ganz entfernt und das Auge daraufbindet. Das Anplatten gelingt am besten in geschlossener Gewächshausluft. Um sicher zu gehen, setzt man nicht nur ein Auge, sondern mehrere an verschiedenen Stellen der Unterlage ein.

3. Einfache Kopulation.
3. Einfache Kopulation.
4. Kopulation mittels Anplattens.
4. Kopulation mittels Anplattens.

Im darauffolgenden Winter werden alle über dem Auge befindlichen Triebe der Unterlage entfernt bis auf einen ca. 20 cm langen, von Augen entblößten Stammteil, den Zapfen, an den später der junge Trieb des Edelauges gebunden wird. Im nächsten Frühjahr werden alle Triebe der Unterlage zugunsten des Edeltriebes entfernt, der Zapfen ebenfalls, sobald der Edeltrieb selbständig geworden ist, oder einen größern Stab nötig hat.

Für die Massenvermehrung gibt es nun noch viele Veredelungsarten mit Zweigen im ruhenden Zustande, die sich durch Art und Stelle des Aufsetzens und durch die Form des Zuschnittes unterscheiden. Alle sind zusammenzufassen unter die zwei Bezeichnungen des Kopulierens und des Pfropfens, bez. Seitenpfropfens. Diese Veredelungsarten gestatten die Verwendung langer Reiser mit mehreren Augen, ja selbst mit Seitenzweigen, wodurch man die Anlage einer Krone nach einem Jahre erzielt. Die Wahl der Veredelungsart richtet sich hier nach der Stärke von Unterlage und Edelreis.

5. Kopulation mit Gegenzungen.
5. Kopulation mit Gegenzungen.

Beim Kopulieren (Fig. 3) sind Unterlage und Reis gleich stark. Ist das Reis schwächer als die Unterlage, so kopuliert man mittels Anplattens (Fig. 4). Sämtliche Wunden müssen nach dem Verbinden mit Baumwachs gut verstrichen werden. Beim Kopulieren empfiehlt sich zur Sicherung des Sitzens die Verwendung von Gegenzungen durch Spaltung der gewöhnlichen Kopulationsschnittfläche, wie aus der Fig. 5 ersichtlich ist. Wird die Unterlage oben nicht spitz zungenförmig, sondern durch einen Querschnitt abgeplattet gehalten, so daß das Edelreis gewissermaßen reitet, so spricht man von Kopulieren mit dem Sattel; man wendet es an, wenn Unterlage und Reis dicker als 3–4 cm sind und anders nicht so sichern Halt gewinnen würden.

6. Pfropfen mit dem Geißfuß.
6. Pfropfen mit dem Geißfuß.

Wenn Unterlage und Reis sehr verschieden in der Stärke sind, so ist das Pfropfen (Pelzen, Belzen, Einspitzen) geboten. Es wird besonders mit einem keilförmigen Zuschnitt von Unterlage u. Reis, dem ›Geißfußschnitt‹, ausgeführt (Triangulation), der ein gutes Sitzen sichert (Fig. 6). Je nach der Anbringung des Reises spricht man von Seitenpfropfen zwischen Holz und Rinde oder ›unter die Rinde‹, ferner vom Pfropfen in den Spalt. Letzteres wird besonders geübt, wenn ältere tragbare Obstbäume mit einer wertvollern Sorte umveredelt werden sollen. Die viel dünnern Edelreiser werden spitz-keilförmig zugeschnitten und einzeln oder zu zweien in einen Spalt des abgesägten Aststumpfes so geklemmt, daß an einer Seite Rinde auf Rinde paßt. Die Veredelungsstellen werden nach dem Verbinden mit Lehm oder Baumwachs sorgfältig verschmiert. Das Pfropfen in den Spalt muß vor Eintritt des Saftumlaufes geschehen, also vom März bis April. Das Seitenpfropfen findet besonders Anwendung bei immergrünen Gehölzen. Man veredelt, besonders zur Vermehrung der Reben, auch auf unbewurzelte Stecklinge, die dann ins Vermehrungsbeet kommen. Empfindliche Sorten, die auf ihren eignen Wurzeln schlecht gedeihen: Clianthus (auf Colutea), Dianthus caryophyllus (auf Saponaria), Clematis, Paeonia arborescens etc. werden auf Wurzeln oder Wurzelstücke veredelt.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909.
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