239. Otto Jahn.

[429] Wien 21. März 1785.

Hochschätzbarster Herr geheimer Rath! Ich habe sehr gefehlt, ich muß es bekennen, daß ich Ihnen nicht gleich den richtigen Empfang Ihres Briefes und mitgetheilten Paquets gemeldet habe; – daß ich in der Zwischenzeit 2 Briefe von Ihnen noch sollte erhalten haben, – ist nicht dem also; ich würde auf den ersten sogleich aus dem Schlaf geweckt worden sein, und Ihnen geantwortet haben, wie ich es jetzt thue. – Ich bekam ihre 2 Briefe letzten Posttag miteinander – ich habe schon selbst bekannt, daß ich hierin gefehlt habe, daß ich Ihnen nicht gleich geantwortet habe. – Was aber die Oper anbelangt, würde ich Ihnen damals eben so wenig darüber haben schreiben können als jetzt. – Lieber Hr. gehr. Rath! – Ich habe die Hände so voll zu thun, daß ich fast keine Minute finde, die ich für mich anwenden könnte. Als ein Mann von so großer Einsicht und Erfahrung wissen Sie selbst besser als ich, daß man so was mit aller möglichen Aufmerksamkeit und Ueberlegung – nicht einmal – sondern vielmal überlesen muß. – Bisher hatte noch nicht Zeit es einmal ohne Unterbrechung zu lesen. – Alles was ich dermalen sagen kann, ist, daß – ich es noch nicht aus Händen geben möchte; – ich bitte Sie also mir dies Stück noch auf einige Zeit anzuvertrauen. – Im Fall es mir Lust machen sollte es in Musik zu setzen, so wünschte doch vorher zu wissen,[429] ob es eigentlich an einem Orte zur Aufführung bestimmt sei? – Denn so ein Werk verdiente sowohl von Seiten der Poesie als Musik nicht umsonst gemacht zu sein. – Ich hoffe mir über diesen Punkt eine Erläuterung von Ihnen.

Nachrichten, die zukünftige deutsche Singbühne betreffend, kann ich Ihnen noch dermalen keine geben, da es dermalen noch (das Bauen in dem dazu bestimmten Kärnthnerthor-Theater ausgenommen) sehr stille hergehet. – Sie soll mit Anfang October eröffnet werden. Ich meinestheils verspreche ihr nicht viel Glück. – Nach den bereits gemachten Anstalten sucht man in der That mehr die bereits vielleicht nur auf einige Zeit gefallene deutsche Oper gänzlich zu stürzen, als ihr wieder empor zu helfen und sie zu erhalten. Meine Schwägerin Lange nur allein darf zum deutschen Singspiele. – Die Cavalieri, Adamberger, Teyber, lauter Deutsche, worauf Deutschland stolz sein darf, müssen beim welschen Theater bleiben – müssen gegen ihre eigenen Landsleute kämpfen! – – – Die deutschen Sänger und Sängerinnen dermalen sind leicht zu zählen! – Und sollte es auch wirklich so gute als die benannten, ja auch noch bessere geben, daran ich doch sehr zweifle, so scheint mir die hiesige Theaterdirection zu ökonomisch und zu wenig patriotisch zu denken, um mit schwerem Gelde Fremde kommen zu lassen, die sie hier am Orte besser – wenigstens gleich gut – und umsonst hat. – Denn die welsche Truppe braucht ihrer nicht – was die Anzahl betrifft; sie kann für sich alleine spielen. – Die Idee dermalen ist, sich bei der deutschen Oper mit Acteurs und Actricen zu behelfen, die nur zur Noth singen; – zum größten Unglück sind die Directeurs des Theaters sowohl als des Orchesters beibehalten worden, welche sowohl durch ihre Unwissenheit und Unthätigkeit das meiste dazu beigetragen haben, ihr eigenes Werk fallen zu machen. Wäre nur ein einziger Patriot mit am Brette – es sollte ein anderes Gesicht bekommen! – Doch da würde vielleicht das so schön aufkeimende National-Theater zur Blüthe gedeihen, und das wäre ja ein ewiger Schandfleck für Deutschland, wenn wir Deutsche einmal mit Ernst anfingen deutsch zu denken – deutsch zu handeln – deutsch zu reden und gar deutsch – zu singen!!! –[430] Nehmen Sie nur nicht übel, mein bester Hr. geh. Rath, wenn ich in meinem Eifer vielleicht zu weit gegangen bin. Gänzlich überzeugt mit einem deutschen Manne zu reden ließ ich meiner Zunge freien Lauf, welches dermalen leider so selten geschehen darf, daß man sich nach solch einer Herzensergießung kecklich einen Rausch trinken dürfte ohne Gefahr zu laufen seine Gesundheit zu verderben.

Aus der Composition dieser Oper wurde nichts. Um so Fleißiger schrieb Mozart diesen Sommer über an seiner Kammermusik und es wurden denn auch die bereits im Jahre 1782 begonnenen berühmten sechs Streichquartette fertig, und mit der folgenden Widmung an Joseph Haydn bei Artaria (gegen ein Honorar von 100 Ducaten) herausgegeben.

Quelle:
Mozarts Briefe. Nach den Originalen herausgegeben von Ludwig Nohl. Salzburg 1865, S. 429-431.
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