Mittelspecht (Picus medius)

[479] In Laubwaldungen der Ebene gesellt sich zum Buntspecht der etwas kleinere und schönere Mittelspecht, Halbroth-, Weißbuntspecht, Kleiner Schild-, Elster-, Hacke- oder Aegastspecht (Picus medius, cynaedus, quercorum, roseiventris und meridionalis, Pipripicus und Dendrocoptes medius, Bild S. 474), ein Vogel von einundzwanzig Centimeter Länge, vierzig Centimeter Breite, dreizehn Centimeter Fittig-, acht Centimeter Schwanzlänge und sehr ansprechender Färbung und Zeichnung. Stirn und Vorderkopf sind schwach rostweißlich, Scheitel und Hinterkopf scharlachroth, Nacken, Hinterhals und übrige Obertheile schwarz, Kopf- und Halsseiten, Schläfen [479] und Unterseite bis zum Bauche weiß, auf der Brustmitte schwach rostgelb verwaschen, Bauch, After und untere Schwanzdecken licht scharlachroth, Bauch und Schenkelseiten rosenroth und wie die Brustseiten mit schmalen, schwarzen Schaftstrichen gezeichnet. Unter dem Ohre steht ein schwarzer Längsfleck, welcher sich mit einem schmäleren Streifen verbindet und bis zur Brust herabzieht; die weißen Schulterflecke bilden ein großes Feld. Die schwarzen Handschwingen zeigen fünf, die Armschwingen drei breite weiße Querflecke, die Armdecken weiße Spitzen, und es entstehen dadurch am zusammengelegten Flügel sechs weiße Querbinden. Die äußeren beiden Schwanzfederpaare sind in der Endhälfte weiß, mit zwei dunklen Querbinden, welche auf der Innenfahne der zweiten Steuerfeder bis auf eine sich verringern, gezeichnet. Das Auge ist roth, der Schnabel bläulich hornschwarz, der Fuß grauschwärzlich. Das Weibchen ähnelt dem Männchen, doch ist das Roth des Oberkopfes und Unterleibes heller und der Kopf wie die Brust deutlicher rostgelb verwaschen. Den jungen Vogel erkennt man an seinem schmutzigroth verwaschenen Oberkopfe und den blaßrothen Unterschwanzfedern.

Der Mittelspecht gehört zu den wenigen Vögeln, welche die Grenzen unseres heimischen Erdtheiles nur an einzelnen Stellen überschreiten. Sein Verbreitungsgebiet reicht nach Norden hin bis ins mittlere Schweden, nach Südosten bis Kleinasien, nach Osten bis Bessarabien, nach Süden bis Griechenland, Italien und Spanien, nach Westen hin bis zur Küste des Atlantischen Meeres. In Deutschland und Frankreich tritt er keineswegs überall, sondern immer nur an einzelnen Stellen und zwar vorzugsweise in Laubwaldungen auf. Nach Schalows Beobachtungen ist er ein ziemlich häufiger Bewohner der Mark, brütet beispielsweise in der nächsten Umgegend von Berlin, im Thiergarten, und streift während seiner Strichzeit vereinzelt bis in die Berliner Gärten hinein; nach Naumann ist er in Anhalt fast ebenso gemein wie der Roth- oder Buntspecht, in Laubwaldungen oft noch häufiger als dieser; nach Angaben anderer Beobachter, beispielsweise Borggreve's, soll er in ganz Norddeutschland überall einzeln vorkommen, was jedoch nach meinen Erfahrungen nur insoweit richtig ist, als auch dieser Specht ziemlich weit umherstreift und dabei Gegenden besucht, welche er sonst nicht bewohnt. Altum fand ihn in allen Eichenwaldungen ganz Deutschlands, und diese Angabe dürfte wohl am meisten der Thatsächlichkeit entsprechen, vorausgesetzt, daß man größere Waldungen ins Auge faßt. In Thüringen vermißt man ihn auf weite Strecken hin, und es scheint somit, daß er reine Schwarzwaldungen meidet. In den Laubwaldungen Dänemarks ist er häufig, in Großbritannien dagegen fehlt er gänzlich; in Holland bemerkt man ihn dann und wann in der Nähe der deutschen Grenze, in Belgien nur in den Eichenwaldungen der Ardennen; in Frankreich tritt er häufiger im Süden als im Norden auf, kommt auch hier an einzelnen Stellen in großer Anzahl vor und fehlt an anderen vollständig; in Spanien soll er nach Angabe dortiger Vogelkundigen hier und da häufiger vorkommen als der Buntspecht, in Portugal zu den gemeinen Vögeln des Landes zählen, in Italien dagegen ebenso selten sein wie in Griechenland, woselbst ihn Krüper im Taygetos- und Veluchigebirge und während des Winters in den Olivenwäldern Arkananiens beobachtete. Häufig ist er wiederum in Macedonien und Bulgarien, selten in Bessarabien und der Krim; im übrigen Rußland kommt er, laut Pallas, nur in den westlichen Gouvernements vor.

Wir verdanken Naumann, welcher vielfache Gelegenheit hatte, den Vogel zu beobachten, die eingehendste Schilderung seines Lebens und Treibens, und diese ist es, welche ich dem nachfolgenden zu Grunde lege. Wie die meisten verwandten Stand- und Strichvögel, verläßt der Mittelspecht schon im August oder doch im September sein Wohngebiet, wandert von einem Gehölze zum anderen und kehrt im März wieder nach demselben zurück. In der Zwischenzeit, besonders aber im Oktober, findet man ihn dann überall in Gehölzen, in denen er nicht brütet. Viele bleiben während des ganzen Winters in Deutschland, manche auch in unmittelbarer Nähe ihres Nistbezirkes, andere mögen südlichere Gegenden zu ihrem Winteraufenthalte wählen. Sie reisen einzeln, die Jungen anfänglich vielleicht mit den Eltern, jedoch niemals ihrer mehr als drei zusammen, selbstverständlich

[480] nur bei Tage, vorzüglich in der Morgendämmerung, folgen dabei in der Regel dem Zuge der Wälder und selbst einzelnen, diese verbindenden Baumreihen, scheuen sich jedoch nicht, auch weit über freies Feld zu fliegen. Treffen sie auf ihren Streifereien längere Zeit nicht auf Laubwald, so verweilen sie zeitweilig wohl auch im Schwarzwalde, bevorzugen aber unter allen Umständen den reinen Laubholzwald oder verlangen wenigstens gemischte Holzungen, wenn es ihnen gefallen soll. Die Auwaldungen an der Elbe, welche zwar vorzugsweise aus Eichen bestehen, jedoch auch viele Ulmen, Espen, Weißbuchen, Ellern und andere Holzarten enthalten, auch mit Wiesen und Viehtriften abwechseln, beherbergen ihn im Sommer und Winter in Menge, und von hier ausstreicht er dann, zumal im Herbste, nach kleineren Gehölzen, Kopfweidenpflanzungen, besucht ebenso Baum- und Obstgärten und läßt sich unter Umständen wochenlang hier fesseln. Man sieht ihn an den Stämmen, bald nahe über dem Boden, halb hoch oben in den Aesten, und selbst in den Wipfeln klettern, gleichviel ob es sich um alte oder junge Bäume handelt, sowie er auch auf die dünnsten Aeste hinaussteigt. Zum Boden herab kommt er wie alle Buntspechte bloß ausnahmsweise, verweilt hier auch stets nur kurze Zeit. Hält er sich während des Winters länger in einer Gegend auf, und fehlt es hier an einer Baumhöhlung, in welcher er die Nacht zubringen kann, so bereitet er sich eine neue zu diesem Behufe, und man sieht ihn solche, oft mühsam genug, meist auf der unteren Seite eines wagerechten morschen Astes anlegen.

Auch unter seinen Verwandten fällt der Mittelspecht durch seine bunte Schönheit angenehm auf und das abstechende Schwarz und Weiß mit dem leuchtenden Roth herrlich in die Augen. An Munterkeit übertrifft er fast alle anderen Arten. Seine Bewegungen sind hurtiger und gewandter als die des Rothspechtes: wenn er mit diesem in Streit geräht, so weiß er durch geschickte Wendungen recht gut vor Thätlichkeiten desselben sich zu sichern. Wenig gesellig und unverträglich wie alle Spechte, hadert er auch mit seinesgleichen beständig, und nicht selten sieht man ihrer zwei sich packen und unter vielem Schreien ein Stück herunter-, zuweilen selbst bis zum Boden herabfallen. Anlaß zu solchen Streitigkeiten findet sich, sobald ein anderer gleichzeitig denselben Baum beklettert; denn aller Streitlust ungeachtet streichen doch oft mehrere gemeinschaftlich in einem Gehölze umher. Ebenso wie der Buntspecht gesellt er sich zu Meisen, Goldhähnchen, Kleibern und Baumläufern, ja der streichende Mittelspecht erscheint so regelmäßig mit solchem Gefolge, daß er zu den Ausnahmen gehört, wenn man einmal einen ohne das kleinere Volk bemerkt. Mit den anderen Arten seiner Familie theilt er beständige Unruhe und Hast. Nur wenn es sich darum handelt, erkundete Beute aus dem Holze zu ziehen, verweilt er kurze Zeit auf einer und derselben Stelle; im übrigen ist er fortwährend in Bewegung. Seine Gewandtheit zeigt auch er nur im Klettern und Fliegen. Auf dem Boden hüpft er mit stark gebogenen Fersen, wenn auch nicht gerade schwerfällig, umher; im Klettern zeigt er sich so überaus gewandt, daß er von keinem anderen einheimischen Spechte übertroffen werden dürfte. Sein Flug bewegt sich in einer großen Bogenlinie und ist leichter und schneller noch als der des Buntspechtes. Diesem ähnelt er auch hinsichtlich seiner Stimme; sein »Kick« oder »Kjick« liegt jedoch höher und folgt schneller und hastiger aufeinander als bei dem letztgenannten. Im Frühjahre schreien die Mittelspechte viel, und wenn die Männchen um ihre Weibchen werben, setzen sie sich dabei oft auf die Spitze eines hohen Baumes und wiederholen die Silbe »Kick« unzählige Male und gegen den Schluß hin gewöhnlich so schnell nacheinander, daß man das ganze eine Schäkerei nennen möchte. Der Ruf gilt dem Weibchen, lockt jedoch auch andere Männchen herbei und wird dann Aufforderung zum Kampfe. Denn nicht selten sieht man bald darauf ein anderes Männchen mit dem ersteren in dem heftigsten Streite von einem Baume zum anderen jagen und auf den Aesten entlang sich verfolgen. Auch kommt es dann wohl zu wirklichen Angriffen, und erst wenn beide des Jagens müde sind, hängen sie sich nebeneinander an einen Baum und schreien gewaltig, unter diesen Umständen aber kreischend und guäkend, also ganz anders als gewöhnlich. Hierbei sträuben sie die schön gefärbten Kopffedern hoch auf, verharren ein Weilchen in drohender Stellung, fahren meist plötzlich wieder aufeinander los und packen sich nicht selten so, wie [481] vorstehend geschildert. Das verliebte Männchen jagt während der Paarungszeit in ähnlicher Weise hinter dem Weibchen her, bis dieses sich ihm ergibt. Außerdem gefallen sich die Männchen während der Begattungszeit auch darin, an dürren Zacken nach Art der Buntspechte zu trommeln und beleben dadurch die Eichenwälder in höchst anmuthender Weise.

Die Nahrung des Mittelspechtes ist fast dieselbe, welche wir beim Buntspechte kennen gelernt haben; doch hält er sich mehr an Kerbthiere als dieser und frißt mancherlei Baumsämereien nur nebenbei. Um sein tägliches Brod zu gewinnen, erklettert auch er die Bäume vom Stamme an, hämmert und pocht ununterbrochen an ihnen und nimmt alle Kerfe weg, welche in den Rissen der Borke unter der Schale oder in dem vermorschten Holze sitzen. Borken-, Zangen- und Rüsselkäfer in allen Lebenszuständen, die Larven der Borkenkäfer und Holzwespen, Spinnen, Kerbthiereier und Raupen beschicken seinen Tisch, und da seine rege Thätigkeit raschen Stoffwechsel bedingt, sieht man ihn vom frühen Morgen an bis zur Abenddämmerung in Arbeit. Reifen die Nüsse, so besucht er die Haselbüsche, bricht eine Nuß ab, klemmt sie wie der Buntspecht in einen bequem und dazu eingerichteten Spalt oder in eine Zweiggabel, öffnet sie und verzehrt den Kern. Ebenso verfährt er mit Eicheln und Bücheln, welche er ebenfalls gern genießt. Wie der Buntspecht, nicht selten in dessen Gesellschaft, besucht er Kirschpflanzungen, um die dort gereiften Früchte abzupflücken, den Kern zu spalten und dessen Inhalt zu genießen. Auch er frißt Nadelbaumsämereien und öffnet wie der Buntspecht Kieferzapfen, scheint dies jedoch nur dann zu thun, wenn ihm beliebtere Speise mangelt.

Schon zu Ende des März oder im April regt sich der Fortpflanzungstrieb. Jetzt erschallt der Wald wieder von dem Geschreie unseres Spechtes. Unter fortwährenden Kämpfen mit anderen Nebenbuhlern erwirbt er sich endlich ein Weibchen und schreitet nunmehr zur Herstellung des Nistraumes, falls ein solcher nicht schon in dem von ihm bewohnten Gebiete sich findet. Die Nisthöhlung wird nicht leicht tiefer als sechs, oft bis zwanzig Meter über dem Boden, bald im Schafte eines Baumes, bald in einem dicken Aste angelegt. Das runde Eingangsloch ist so eng, daß es den Vogel eben durchläßt, die kesselförmig erweiterte Nisthöhlung achtzehn bis fünfundzwanzig Centimeter tief, selten tiefer. Die fünf bis sieben kurzeiförmigen, rein weißen, glänzenden, glatten und feinkörnigen Eier liegen auf wenigen feinen Holzspänen am Boden der an den Wänden glatt gearbeiteten Höhle und werden in funfzehn Tagen abwechselnd von beiden Eltern bebrütet. Die Jungen sind, so lange ihr Federkleid noch nicht entwickelt ist, ebenso häßliche, unbehülfliche, dickköpfige Gestalten wie die anderen Spechtarten, wachsen verhältnismäßig langsam und verlassen erst, wenn sie völlig flugbar sind, das Nest. Beide Eltern lieben ihre Brut innig, lassen sich auf den Eiern ergreifen und setzen sich auch später rückhaltslos Gefahren aus, welche sie sonst meiden.

Marder, Wiesel, Hühnerhabicht und Sperber verfolgen und fangen auch den Mittelspecht, Wiesel und andere kleine Raubthiere gefährden die Brut, der unverständige Mensch endlich Alte, Junge und die Eier. Da der Mittelspecht nicht scheu ist, läßt er sich leicht beschleichen und dadurch nachgeahmtes Klopfen herbeilocken, auch auf dem Vogelherde, dem Meisentanze, auf Leimstangen oder Kloben fangen und bei geeigneter Pflege wahrscheinlich ebenso gut wie der Buntspecht im Käfige erhalten. Ich selbst habe ihn zu meinem Bedauern noch niemals gepflegt, auch nirgends in Gefangenschaft gesehen, zweifle jedoch nicht, daß seine Behandlung eben nicht größere Schwierigkeiten verursacht als die des Bunt- oder Kleinspechtes.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Vierter Band, Zweite Abtheilung: Vögel, Erster Band: Papageien, Leichtschnäbler, Schwirrvögel, Spechte und Raubvögel. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882., S. 479-482.
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