Ein Blick auf das Leben in der Gesammtheit

»Die Fische sind Wirbelthiere, welche stets und meist ausschließlich durch Kiemen athmen.« Diese wenigen Worte bezeichnen die letzte Klasse des ersten Thierkreises mit weit größerer Schärfe und Bestimmtheit, als es eine umständliche und genaue Beschreibung des Baues ihrer inneren und äußeren Organe immer thun könnte.

Der Binnenländer, welcher nur Flußfische kennt, gewinnt, ungeachtet der Verschiedenheit dieser, keinen Begriff von der Verschiedenartigkeit der Gestalt der flossentragenden, schuppenbekleideten Rückgratsthiere. Sie stehen hierin keiner anderen Wirbelthierklasse nach, können vielmehr mit jeder wetteifern. Allerdings sind die meisten, wie unsere gewöhnlichen Süßwasserfische, spindelförmig gestaltet; diese Grundgestalt aber ändert in der mannigfaltigsten Weise ab und geht in die sonderbarsten Formen über, auch in solche, welche uns als häßliche Verzerrungen erscheinen wollen. Der Leib streckt sich zur Schlangen- oder Wurmgestalt, plattet sich seitlich ab, daß er bandförmig wird, oder zieht sich gleichzeitig auch in der Längsausdehnung zusammen und rundet sich zur senkrecht stehenden Scheibe, drückt sich von oben nach unten nieder, verbreitert sich in wagerechter Richtung und setzt seitlich noch flügelartige Anhänge an; einzelne Theile verlängern sich, sozusagen, maßlos, wandeln sich unförmlich um, verdrehen und verzerren sich, andere verschmelzen mit einander, andere verschwinden gänzlich. Keine Wirbelthierklasse weiter zeigt so sonderbare, so unverständliche Anhängsel, ich möchte sagen, Zuthaten zu dem regelmäßigen Baue, als die der Fische, keine eine ähnliche Vielseitigkeit in Anordnung der Gliedmaßen und Sinneswerkzeuge. Als bezeichnend für die Fischgestalt mag gelten, daß man an dem Leibe kaum die einzelnen Theile erkennen und unterscheiden kann. Niemals ist der Kopf durch den Hals vom Rumpfe getrennt, nur ausnahmsweise ein von letzterem bestimmt abgesetzter Schwanz zu bemerken, in der Regel vielmehr der Schwanztheil ebenso gut wie der Kopf mit dem Rumpftheile verschmolzen. Von einer Gliederung, wie sie die große Mehrzahl der übrigen Wirbelthiere besitzt, kann man bei den Fischen kaum sprechen, obwohl die Flossen eben nur als die Vertreter der Gliedmaßen jener aufgefaßt werden dürfen.

Diese den Fischen fast ausschließlich eigenthümlichen, durch knorpelige oder knochige Strahlen gestützten und von ihnen bewegten Hautgebilde werden am besten nach ihrer Stellung und Anordnung in paarige und unpaarige eingetheilt. Die ersteren, welche den Gliedmaßen der übrigen Wirbelthiere entsprechen, haben eine von den letzteren durchaus verschiedene Beschaffenheit, obgleich die Strahlenbildung übereinstimmt. Die Brustflossen, welche fast immer vorhanden und regelmäßig [1] hinter den Kiemen an den Rumpfseiten eingelenkt sind, bestehen ursprünglich aus drei Theilen: dem Schultergürtel, einem verschieden in zwei Reihen geordneten mittleren Theile und einem Kranze kleiner, walzenförmiger Stücke, auf denen sich die Strahlen gelenken; die Bauchflossen dagegen ruhen auf einem einzigen Knorpel- oder Knochenstücke, welches einfach in den Bauchmuskeln steckt. Sie stehen bei den meisten Fischen unter dem Bauche, etwa in der Mitte der Leibeslänge, dem After ziemlich nahe gerückt, ausnahmsweise aber noch vor den Brustflossen, namentlich an der Kehle, weshalb man denn auch gewisse Fische als Brust- und Kehlflosser unterscheidet. Die unpaaren Flossen erheben sich auf der Mittellinie des Leibes als Rückenflosse, Schwanzflosse und Afterflosse. Erstere kann zwei- und dreifach, letztere wenigstens doppelt auftreten, da gerade im Vorhandensein, in der Stellung, Gestalt, Bildung und Ausdehnung der unpaaren Flossen die größte Mannigfaltigkeit herrscht. Die Strahlen selbst, nicht minder verschieden als die Flossen, sind bei einigen Fischen hornig, ungegliedert, weich und biegsam, bei anderen stachelig, knochig, gegliedert, hart und spröde, zertheilt, zerfasert usw. Alle gelenken sich auf besonderen Knochen, welche in der Mittellinie des Leibes zwischen den großen Muskelmassen stecken und von schwachen Muskeln bewegt werden.

Die gewöhnliche Bekleidung der Fische besteht aus Schuppen der verschiedenartigsten Gestalt und Bildung. Diese merkwürdigen Gebilde sind in regelmäßigen und geraden, längs, quer oder schief vom Rücken zum Bauche verlaufenden Reihen geordnet, bedecken sich oft theilweise wie Dachziegel, stoßen aber auch nicht selten mit ihren Rändern an einander, dehnen sich zu großen Schienen, Schildern und Platten aus oder trennen sich von einander oder lassen einzelne Stellen unbedeckt, werden verschwindend klein und fehlen gänzlich. Hinsichtlich der Form und Zusammensetzung unterscheidet man Rund-, Kamm- und Schmelzschuppen. Erstere, die gewöhnlichsten, zeigen auf ihrer Oberfläche eine große Anzahl in einander verlaufender Linien, welche mehr oder minder vollständige Kreise um einen in der Mitte nach hinten liegenden Punkt bilden, und lassen neben diesen strahlige Streifen erkennen; die Kammschuppen unterscheiden sich von ihnen dadurch, daß der hintere Rand mit Stacheln besetzt ist, welche bald ausgesägte Zacken, bald aufgesetzte Spitzen bilden; die Schmelzschuppen endlich sind dick, hart und haben deutlich ausgebildete Knochenkörperchen, über denen eine Schicht durchsichtigen Schmelzes liegt. Wenn diese letztgenannten Schuppen sich vergrößern, zusammenstoßen und einen Panzer bilden, nennt man sie Knochen- oder Panzerschuppen. Die Haut besteht aus einer festen Lederschicht und einer meist an der Außenfläche in zähen Schleim aufgelösten Oberhautschicht. Die Farbstoffe liegen theils in jener, theils zwischen ihr und der Oberhautschicht; nur die Silberfarbe wird von eigenthümlichen dünnen Plättchen hervorgebracht.

Ueber die Färbung selbst läßt sich im allgemeinen so viel sagen, daß sie an Pracht, Schönheit, Vielseitigkeit und Wechsel kaum von der irgend eines anderen Thieres übertroffen werden kann. Aller Glanz der Edelsteine und Metalle, alle Farben des Regenbogens scheinen auf den Fischen widergespiegelt zu sein. Und zu der Pracht der Färbung gesellt sich die Schönheit und Mannigfaltigkeit der Zeichnung, bei nicht wenigen auch noch das Vermögen des Wechsels der Farbe, wie es Kriechthiere und Lurche kaum in demselben Grade besitzen. Nach Siebolds Untersuchungen steht dieser Farbenwechsel, welcher zum Theil durch innere Lebenszustände, zum Theil durch äußere Einflüsse veranlaßt werden kann, im innigsten Zusammenhange mit den Farbstoffbehältern, Hohlräumen, welche sowohl in den oberflächlichen wie in den tieferen Schichten der Haut eingebettet liegen, sehr feinkörnige Farbstoffe enthalten und zu alledem noch oft in hohem Grade die Fähigkeit der Zusammenziehung besitzen.

»Das Geripp der Fische«, sagt Karl Vogt, »verdient schon um deswillen eine ganz besondere Berücksichtigung, weil hier dieser wesentliche Charakter der Wirbelthiere in seiner ursprünglichen Einfachheit auftritt und wir ebensowohl bei den erwachsenen als auch bei den Keimen der höheren Thiere die einzelnen Entwickelungsstufen des Gerippes von seiner Urform an zu verwickelteren [2] Gestalten verfolgen können. In der That läßt sich wohl nirgends so deutlich wie hier die völlige Uebereinstimmung der Keimbildungen mit den bei den niederen Typen entwickelten Formgestaltungen nachweisen; ja, diese Uebereinstimmung ist so auffallend, daß man fast genöthigt wäre, mit denselben Worten die Beschreibung der Entwickelung des Gerippes beim Keimlinge und bei den einzelnen Familien zu wiederholen.« Das Lanzettfischchen lehrt uns die niedrigste Stufe der Wirbelbildung kennen. Bei ihm findet sich nur ein Axenstrang, eine Wirbelsaite von knorpeligzelliger Beschaffenheit, welche sich von einem Ende des Körpers zum anderen in gerader Linie erstreckt, vorn und hinten zugespitzt endet und von einer Scheide umgeben ist, welche sich nach oben zu einer häutigen Hülle fortsetzt und jeglicher festen Bildung entbehrt. Ein wirklicher Schädel fehlt, da die Wirbelsäule bis an das äußerste Ende der Körperspitze reicht und ihre Scheide nirgends eine seitliche Ausbreitung oder das Nervenrohr eine bedeutendere Erweiterung zeigt. Bei den Rundmäulern ist ein Schädeltheil, welcher die stärkere Anschwellung des Gehirnes einschließt, vorhanden; auch bemerkt man einander gegenüberstehende paarige, knorpelige Leisten, die ersten Andeutungen der oberen Bogenfortsätze der Wirbel. Bei den Stören und vielen vorweltlichen Fischen findet sich noch keine Spur eines Wirbelkörpers, sondern nur eine durchgehende strangförmige Wirbelsaite; doch wölben sich obere und untere Bogenstücke zusammen, stellen sich in der Rückengegend über dieser Wölbung einfache, knorpelige Dornenfortsätze und bilden sich am Bauche Rippen. Erst bei den Seekatzen beginnt die Bildung der Wirbel, und zwar in Form von ringförmigen Platten, welche in der äußeren Schicht des Wirbelsaitenstranges entstehen; bei anderen Haien zeigt sich die Wirbelsäule durch häutige, mitten durchbrochene Scheidewände innerlich getheilt; bei allen übrigen Fischen endlich tritt eine mehr oder minder vollständige Verknöcherung ein, so daß statt einer Wirbelsaite eine Reihe von Wirbelkörpern hinter einander liegt. Diese selbst sind vorn wie hinten in der Weise kegelförmig ausgehöhlt, daß die Spitzen dieser Höhlungen in der Mitte der Wirbelaxe zusammentreffen; die Wirbelkörper berühren einander demnach nur mit ihrem äußeren Rande und lassen doppelkegelförmige Höhlungen übrig, welche mit einer gallertartigen Sulze, dem Reste der ursprünglichen Wirbelsaite, ausgefüllt sind. Nur ein einziger von allen bis jetzt bekannten Fischen, der Knochenhecht, erhebt sich über diese Bildung, indem bei ihm Wirbelkörper vorkommen, welche vorn einen Gelenkkopf und hinten eine runde Gelenkhöhle besitzen. Rippen sind regelmäßig vorhanden, vereinigen sich aber niemals in ein eigenes Brustbein, sondern endigen stets frei im Fleische. Außer ihnen findet man bei vielen Fischen noch besondere, mit den Rippen mehr oder weniger verbundene knochige Stacheln, welche sich in den Sehnenblättern der Muskeln bilden: die Fischgräten.

[3] Der Schädel wiederholt die Bildung der Wirbelsäule. Wo sich eine Erweiterung für das stark aufgewulstete Hirn zeigt, gewahrt man auch verknorpelte Theile, welche sich zuerst am Grunde entwickeln, allmählich aber nach oben sich zuwölben und so zuletzt eine vollständige, ganz oder bis auf wenige Lücken geschlossene Kapsel bilden. Bei den Quermäulern ist diese knorpelig und hat am Hintertheile ein Gelenk zur Verbindung mit der Wirbelsaite oder mit dem ersten Halswirbel; bei den Stören besteht der Schädel auch nur aus einer Knorpelkapsel ohne Gelenk in der Hinterhauptsgegend, ist aber von oben wie von unten mit knöchernen Deckplatten belegt; bei den sämmtlichen Knochenfischen endlich lassen sich die allmählichen Fortschritte der Verknöcherung nachweisen. Bei fast allen bleibt unter den Knochen, welche sich zu einer mehr oder minder vollständigen Kapsel zusammenlegen, eine knorpelige Grundlage, welche ebenfalls eine Hülle für das Gehirn bildet, übrig; die aufgelagerten Knochen aber sind, trotz äußerst verschiedener Form, stets nach demselben Grundplane gebaut und entsprechen dem Schädelknochen der höheren Wirbelthiere. Der Hinterhauptskörper ist aus einem Grundknochen gebildet, welcher auf seiner hinteren Fläche dieselbe Höhlung zeigt wie ein Wirbelkörper; auf ihm ruhen die seitlichen Hinterhauptsbeine, welche das verlängerte Mark umfassen, und deren Schluß nach oben durch einen meist kammartig entwickelten Knochen, die Hinterhauptsschuppe, gebildet wird. Zwischen diese Schuppe und die Seitenstücke schieben sich meist noch zwei Schaltstücke, die äußeren Hinterhauptsbeine, ein. In Gestalt eines zweiten unvollständigen, unentwickelten Wirbels zeigen sich die großen und die kleinen Keilbeinflügel, welche letztere meistens den Grund der Augenhöhle bilden, während der vorderste Schädelwirbel durch ein einziges Knöchelchen, das hintere Siebbein, dargestellt wird. Neben diesen Knochen, welche man als umgestaltete Wirbel anzusehen pflegt, kommen nun noch die sogenannten Deckplatten, das Keilbein, Pflugscharbein, die beiden Scheitelbeine, Stirnbeine, die Schläfenschuppe, das Nasenbein u.a. vor. »Der durch die Vereinigung dieser verschiedenen Knochen gebildete Schädel«, sagt Vogt, »zeigt sich nun als eine vollständige Kapsel, welche das Gehirn und die Ohren gänzlich einhüllt, für die Augen und Nase dagegen mehr oder minder tiefe Gruben zeigt. Gewöhnlich sind die Nasengruben vollständig getrennt und setzen sich nach hinten durch die knorpelige Masse, welche den Kern der Schnauze bildet, in zwei nur von den Geruchsnerven durchzogene Kanäle fort, welche sich in die großen Augenhöhlen öffnen. Diese sind meist in der Mitte nur durch eine häutige Scheidewand getrennt, so daß bei dem knöchernen Schädel sie in ein durchgehendes Loch zusammenfließen, welches oben von den Stirnbeinen, unten von den Keilbeinen gedeckt ist. Die Höhlen für die Gehörorgane sind theils in den seitlichen Knochen, theils in den Knorpeln ausgewirkt, und zwar in der Weise, daß ein Theil davon sogar mit der Hirnhöhle zusammenfließt. Auf der Außenfläche des Schädels zeigen sich sehr wechselnde Gruben, Kämme und Leisten, deren Bildung oft für die einzelnen Gruppen und Familien bezeichnend ist. Namentlich erhebt sich gewöhnlich auf der Mittellinie des Hinterhauptes ein mehr oder minder hoher, von dem oberen Hinterhauptsbeine gebildeter Kamm, welcher sich zuweilen über den ganzen Schädel wegzieht und oft noch von zwei seitlichen, durch tiefe Gruben getrennten Kämmen bekleidet wird.«

Als besondere Anhänge des Schädels zeigen sich noch zwei verschiedene Gruppen fester Theile, die Lippenknorpel bei den meisten Knorpel- und die Knochen der Schleimröhren bei den meisten Knochenfischen. Erstere, um so mehr entwickelt, je niedriger der Fisch steht, bilden bei den Rundmäulern den größten Theil des Schädels, insbesondere die festen Stützen der Lippen- und Fühlfäden, und sinken bei den Quermäulern, namentlich bei den Rochen, mehr und mehr zurück. Schleimröhrenknochen sind diejenigen Gebilde, welche sich in einem vollständigen Halbkreise um den unteren Rand der Augenhöhle herumziehen, ja bei einigen sich sogar so weit ausdehnen, daß sie auch hinten mit dem Vorderdeckel verwachsen. Zu diesen Knochen gesellen sich noch andere, kleinere, meist hinten am Schädel über der Augenhöhle oder über der Nase gelegene Knöchelchen, welche Röhren um die Schleimgänge des Kopfes bilden. Die gewöhnlich beweglich mit dem Schädel verbundenen Knochen des Kopfes, welche den Gesichtstheil darstellen, fügen sich als eine [4] Reihe verschiedener, nach unten sich wölbender Bogen an, welche bald mehr, bald minder vollständige Ringe bilden und den Eingang der Verdauungshöhle umgrenzen. Von den übrigen Wirbelthieren zeichnet sich die knöcherne Grundlage des Gesichtes der Fische dadurch aus, daß eine Menge von Knochen, welche bei den höheren Thieren zu einem einzigen Knochen sich vereinigen, getrennt und in einzelne Stücke zerfallen sind, und daß viele Knochen, welche bei höheren Thieren unbeweglich sind, hier Beweglichkeit erlangt haben. Der Kiefergaumenapparat stellt sich bei genauerer Betrachtung als aus drei besonderen Bogen, dem Oberkieferbogen, dem Gaumenbogen und dem Unterkieferbogen, bestehend dar. Ersterer wird bei den Rundmäulern durch die Lippenknorpel ersetzt, ist aber bei den Haien noch unausgebildet, vom Schädel getrennt und mit dem Unterkiefer durch ein Gelenk verbunden, bildet bei den Knochenfischen den oberen Rand des Maules und besteht hier aus zwei Paaren von Knochen, dem Zwischenkiefer und dem eigentlichen Oberkiefer. Der Gaumenbogen setzt sich zusammen aus dem Gaumenbeine, dem Querbeine und dem Flügelbeine, verkümmert bei den Quermäulern bis auf eine das Gaumendach bildende Platte, welche als Flügelbein angesehen werden muß, und wird bei den Löffelstören aus einem einzigen Stücke hergestellt. Die Unterkieferhälften sind nur selten in der Mitte mit einander verwachsen, meistens aber unbeweglich durch Fasermasse oder Naht verbunden. Der Unterkiefer besteht stets aus mehreren Stücken, gewöhnlich aus drei, zuweilen aus vier, häufig aus sechs. Eines von diesen, das Zahnstück, trägt die Zähne; ein anderes, das Gelenkstück, welches nach hinten von dem Eckstücke vervollständigt wird, entspricht seinem Namen. Das Unterkiefergelenk gestattet fast immer nur eine einfache Hebelbewegung von unten nach oben.

Nimmt man alle diese Knochen weg, so zeigt sich die Mundhöhle der Knochenfische durch vielfache Bogen beschränkt, von denen die meisten, niemals aber der vordere sogenannte Zungenbogen, Kiemenfransen tragen. Die Endspitzen dieses Bogens laufen vorn in dem Zungenbeine zusammen, welches aus einer Reihe von unpaaren, in der Mittellinie hinter einander liegenden Knochenstücken besteht, nach vorn sich in das Zungenbein fortsetzt und die übrigen Kiemenbogen trägt. An dem äußeren Rande der Zungenbeinhörner finden sich platte, säbelförmige, hinsichtlich der Anzahl wenig wechselnde Knochengelenke, welche zur Spannung der den Kiemenspalt schließenden Kiemenhaut dienen. Bei einzelnen Fischen sind diese Strahlen durch dreieckige Knochenplatten ersetzt; bei den Knorpelfischen bestehen auch sie aus Knorpel. Hinter dem Zungenbeinbogen folgen vier bei den meisten Knorpelfischen aus zwei, bei den Knochenfischen gewöhnlich aus vier Stücken zusammengesetzte harte Bogen, welche auf ihrer hinteren Seite Kiemenblättchen, vorn aber gewöhnlich Stacheln oder Zähne tragen: die Kiemenbogen, welche oben durch besondere Knöchelchen, die oberen Schlundknochen, an dem Schädel befestigt sind. Letztere erreichen bei einzelnen Fischen eine ungewöhnliche Größe und zeichnen sich dann auch durch blattförmige Windungen aus. Ein unvollständiger Bogen endlich, der untere Schlundknochen, umfaßt den Eingang des Schlundes von unten.

Mächtige Muskeln liegen zu beiden Seiten der Wirbelsäule, gewöhnlich in zwei Abtheilungen jederseits, so daß man vier Muskelzüge unterscheiden kann: zwei obere, welche den Rücken, und zwei untere, welche die Bauchwandungen und die Unterseite des Schwanzes herstellen. Sie zeigen eine eigenthümliche Bildung, indem sie gewissermaßen in eine Menge von Ringen zerfallen, welche durch Sehnenblätter von einander getrennt werden. Die Fortbewegung im Wasser wird wesentlich vermittelt durch diese Muskelmassen, welche kräftige Seitenbewegungen ermöglichen.

Mehr als bei allen übrigen Wirbelthieren überwiegt bei den Fischen das gestreckte, strangartige, in der oberen Röhre der Wirbelsäule eingeschlossene Rückenmark das Gehirn. Letzteres ist sehr klein und füllt die Schädelhöhle gewöhnlich bei weitem nicht aus. Man unterscheidet Vorder-, Mittel- und Hinterhirn. Von ersterem bildet der Riechnerv die unmittelbare Fortsetzung; hierauf folgen die größeren Anschwellungen des Mittelhirnes, von denen die Sehnerven entspringen, und sodann das ebenfalls aus zwei Theilen bestehende Hinterhirn, welches sehr ausgebildet sein kann. Die Nerven sind in derselben Weise angeordnet wie bei anderen Wirbelthieren, wahrscheinlich also[5] auch in gleicher Weise thätig. Obschon die Sinneswerkzeuge denjenigen der höheren Thiere nachstehen, so sind sie doch bei fast allen Fischen vorhanden und nur höchst selten unvollständig ausgebildet. Die meistens sehr großen, vorn abgeplatteten, lidlosen Augen werden nur bei den sogenannten blinden Fischen mit undurchsichtiger Körperhaut überzogen, und ihre Regenbogenhaut prangt gewöhnlich in äußerst lebhaften, metallischen Farben. Die Nase bildet bei den tiefer stehenden Gliedern der Klasse eine becherförmige Grube, bei den übrigen eine vorn an der Schnauze in den Knorpel eingesenkte, oft durch eine Klappe verschließbare Röhre, während bei den Lungenfischen die Nasenlöcher in eine weite Kapsel führen, deren beide Gänge nach unten in die Mundhöhle sich öffnen. Das immer in den Schädel eingeschlossene Gehörwerkzeug besteht nur aus dem Labyrinth, welches ausnahmsweise bloß durch einen oder zwei Kanäle mit einer am Hinterhaupte befindlichen Grube, dem ersten Anfange eines äußeren Ohres, in Verbindung steht.

Der Klasse der Fische eigenthümlich sind elektrische Organe, gallertartige, in häutige, gefäßreiche Wände eingeschlossene und von einer Menge häutiger Querwände durchsetzte Säulchen, auf deren Zwischenwänden äußerst feine Nerven geflechtartig sich verbreiten.

Die Kiemen stehen auf Bogen, welche die Rachenhöhle umfassen, aber durch Spalten von einander getrennt werden, und sind weiche, vorspringende, häutige Blättchen, auf denen sich die Athemgefäße verzweigen. Hinsichtlich ihrer Ausbildung nimmt man mancherlei Verschiedenheiten wahr. Es finden sich weite Schläuche, welche nach hinten unmittelbar in den Schlund übergehen und deren Seiten durch Knorpelleisten gebildet werden, besonders in dem mit Schleimhaut überzogenen Kiemenbeutel mit bald gemeinsamen, bald getrennten äußeren Oeffnungen, Kiemenspalten, von deren Zwischenbrücken häutige Blättchen nach innen gehen, auf denen sich nun die Kiemenblättchen anheften usw. Bei den höheren Fischen werden die Spalten nach außen durch knöcherne Deckel geschützt und dadurch in einer Höhle eingeschlossen, welche mit der Außenwelt durch eine mehr oder minder enge Spalte in Verbindung steht. Gewöhnlich sind vier Kiemenbogen mit einer Doppelreihe von Blättchen besetzt, bei vielen Knochenfischen nur drei und ein halber, bei anderen bloß drei, bei einigen zwei und ein halber, bei einzelnen sogar nur zwei, während gewisse Haie sechs oder sieben Kiemen haben. Ausschließlich der Lungenfische besitzt kein einziges Mitglied der Klasse einen Athemsack, welcher kohlenstoffhaltiges Blut empfängt und angesäuertes abgibt. Dagegen ist ein besonderes sackförmiges Organ, die Schwimmblase, sehr oft vorhanden; sie enthält zwar Luft, steht jedoch zur Athemthätigkeit in keiner Beziehung, vielmehr höchstens mit dem Gehörgange oder mit dem Schlunde in Verbindung und dient wahrscheinlich dazu, das Gewicht der Fische einer bezüglichen Wasserhöhe anzupassen. Die Luft in der Schwimmblase wird ohne Zweifel von deren Gefäßen abgeschieden, da sie aus Kohlen- oder Stickstoff besteht und nur höchst wenig Sauerstoff enthält. Rondelet bemerkte zuerst, daß dieses in vieler Beziehung noch räthselhafte Werkzeug häufiger bei Süßwasser- als bei Meerfischen gefunden wird.

Mit Ausnahme des Lanzettfischchens haben alle Fische ein von einem Herzbeutel umschlossenes Herz mit einer ungetheilten, dünnwandigen Vorkammer und einer starkmuskeligen Kammer, welche sich nach vorn mittels einer einzigen Oeffnung in die meist zwiebelartig angeschwollene Kiemenschlagader fortsetzt. Letztere, der sogenannte Arterienstiel, zeigt zwei wesentlich verschiedene Grundformen des Baues. Bei den Knochenfischen und Rundmäulern finden sich nämlich an der Ausmündungsöffnung der Kammer zwei halbmondförmige Klappen, bei den Schmelzschuppern und Quermäulern hingegen deren eine bedeutende Anzahl. Das Blut strömt von dem Herzen durch die große Kiemenschlagader und vertheilt sich zu beiden Seiten in die Gefäßbogen, welche die Kiemenhohladern speisen und auf ihnen in zahlreichen Haargefäßnetzen sich verzweigen, geht dann in die Kiemenvenen über, deren je eine auf jedem Kiemenbogen sich sammelt, und von diesen aus zu einem einzigen Hauptstamme, der Aorta, welche unmittelbar unter der Wirbelsäule nach hinten verläuft. Die Schlagadern des Kopfes entstehen gewöhnlich schon vor der Bildung der Aorta aus der Kiemenhohlader des ersten Bogens. Das Körperblut tritt durch eine am Schwanze einfache, nach [6] vorn gewöhnlich gabelig sich theilende Hohlader in das Herz zurück, nachdem vorher ein Theil desselben das sogenannte Nierenpfortadersystem durchströmt hat. Das in die Eingeweide strömende Blut sammelt sich in den Hohladern, welche ebenfalls wieder in der Leber in die Haargefäßnetze des Pfortadersystems sich auflösen und dann zur Leberhohlader zusammentreten, welche fast unmittelbar in die Vorkammer des Herzens übergeht.

So einfach die Verdauungswerkzeuge im ganzen sind, so mannigfaltig kann ihre verschiedene Entwickelung sein, namentlich so weit es sich um die Bezahnung handelt. Es gibt fast keinen einzigen unter den zahlreichen Knochen der Mund- und Rachenhöhle, welcher nicht mit Zähnen besetzt sein könnte. Einzelne Fische freilich haben gar keine Zähne, andere solche nur an einzelnen Knochen, einzelne aber solche auf allen zahntragenden Knochen überhaupt. Gewöhnlich bemerkt man zwei gleichlaufende Zahnbogen auf dem Gaumengewölbe, einen, welcher dem Zwischenkiefer, und einen anderen, welcher dem Gaumenbeine und dem Pflugscharbeine angehört, während Unterkiefer und Zungenbein einen einzigen Bogen zu tragen pflegen. Weiter nach hinten zu starrt es gewöhnlich von Zähnen, da sämmtliche Kiemenbogen und die oberen und unteren Schlundknochen deren tragen. Die Zähne selbst lassen sich trotz ihrer außerordentlichen Mannigfaltigkeit als Fang- und Mahlzähne unterscheiden. Erstere haben gewöhnlich die Gestalt eines spitzigen, nach hinten etwas umgekrümmten, vorn mehr oder minder scharfrandigen Hakens, können aber auch durch meißelartige Zuschärfung der Spitze, durch mehrfache Zacken und Widerhaken vervollständigt werden. Sie stehen meist in einfacher Reihe und so, daß sie von beiden Kinnladen herübergreifen, während ihre Zwischenräume durch viele kleinere ausgefüllt werden, drängen sich, wenn sie dünner und feiner sind, aber auch mehr zusammen und bilden einen förmlichen Wald, erhalten sogar eine Beweglichkeit, wie sie sonst nur den Giftschlangen eigen ist, indem sie bei Schließung des Maules in den Rachen zurückgelegt werden können. Je nach ihrer Länge und Stärke unterscheidet man sie, die langen und starken als Kammzähne, die kürzeren und starken als Raspelzähne, die feineren und langen als Bürstenzähne, die sehr feinen als Sammetzähne. Im Vergleiche zu ihnen erscheinen die Mahlzähne flachscheibig oder hochkronig, zuweilen stumpfkegelig; aber auch sie sind höchst verschiedenartig gebaut und gestellt, manchmal groß und vereinzelt, ein anderes Mal klein und wie Pflastersteine zusammengedrängt, oft so gebildet, daß sie, ähnlich dem Schnabel eines Vogels und einer Schildkröte, vorn einen schneidenden Rand herstellen und weiter nach hinten eine wagerechte Oberfläche bilden, welche zum Zermalmen dient. Bei einzelnen Fischen bestehen die Zähne aus einer hornigen, bei anderen aus einer kalkigen, durchsichtigen, gewöhnlich mit glasartigem, sprödem Schmelze überzogenen Masse, zwischen welchen beiden Hauptbestandtheilen sich oft noch ein weicherer Bindestoff einschiebt. Der Zahn bildet einen Hohlkegel, dessen innere Axenhöhle von der kegelförmigen Zahnpulpe eingenommen wird. Zusammengesetzter erscheinen die gefalteten Zähne, bei denen sich die Zahnmasse um eine einfache Markhöhle herum in zierliche Falten gelegt hat. Außerdem haben einzelne Fische noch Zähne mit netzförmigen Markröhren, in denen man keine Markhöhle mehr findet, wohl aber Gefäße und Nerven, welche von der Zahnpulpe aus die Massen nach allen Richtungen durchsetzen. Endlich kommen noch zusammengesetzte Zähne vor, einzelne Hohlwalzen, welche bald vereinzelt, bald von einem gemeinsamen Gefäßnetze aus in die Höhe steigen und unter sich durch Bindestoff zu einer gemeinsamen Masse verbunden werden. Eine eigentliche Wurzel fehlt den Zähnen immer. Häufig sitzen sie nur auf der Schleimhaut des Mundes auf; in der Regel aber sind sie in die verdickten Schleimhäute eingesenkt und durch vielfache Sehnenfäden befestigt. Die Entwickelung der Zähne dauert, wie es scheint, bei allen Fischen während der ganzen Zeit des Lebens fort.

Der Verdauungsschlauch besteht aus drei Abtheilungen, dem aus Schlundkopfe, Speiseröhre und Magen zusammengesetzten Munddarme, dem Mittel-oder Dünndarme und dem After oder dem Dick- und Mastdarme. Der zuweilen trichterförmig erweiterte Schlund ist gewöhnlich wie der Magen mit Längsfalten besetzt und geht so unmerklich in letzteren über, daß man keine bestimmte Trennung nachweisen kann, während dieser in der Regel ziemlich scharf in einen Schlund- und [7] Pförtnertheil sich scheidet. An der durch seine hakenförmige Umbiegung angedeuteten Stelle findet sich oft ein mehr oder minder bedeutender Blindsack, am Ende des Pförtners eine häutige Klappe und ein kräftiger, zur Schließung dienender Muskelwulst. Unmittelbar hinter dem Pförtner bemerkt man blinddarmähnliche Ausstülpungen, die Pförtneranhänge, deren Anzahl von einem einzigen bis zu sechzig und mehr ansteigen kann. Diese Blinddärme sind gewöhnlich einfach röhrenartig, zuweilen aber so verzweigt, daß sie mehr das Aussehen einer Drüse bekommen; sie entsprechen auch offenbar der Bauchspeicheldrüse, welche bei einigen Knochenfischen und den quermäuligen Knorpelfischen statt ihrer vorkommt. Die Vorderhälfte des Afterdarmes enthält bei manchen Fischen eine schraubenförmig gewundene Klappe. Milz und Leber sind immer vorhanden; mit wenigen Ausnahmen findet sich auch überall eine Gallenblase vor. Als wesentliche Absonderungsorgane zeigen sich vornehmlich die Nieren, von denen die meist baumförmig verästelten Harnleiter ausgehen, am hinteren Ende der Bauchhöhle sich vereinigen und bald darauf zu einer Harnblase anschwellen, deren Ausführungsgang hinter dem After auf einer Warze oder in den Mastdarm mündet.

Die Geschlechtswerkzeuge sind stets nach demselben Grundplane angeordnet und die der männlichen und weiblichen Fische sich so ähnlich, daß oft nur die sorgfältigste Untersuchung sie unterscheiden läßt. Eierstöcke und Hoden liegen innerhalb der Bauchhöhle, unmittelbar unter den Nieren und über den Darmwindungen, lassen sich aber nicht immer mit gleicher Leichtigkeit auffinden, da sie gegen die Fortpflanzungszeit außerordentlich anschwellen, nach ihr aber wieder zusammenfallen. Bei einzelnen Fischen, namentlich Rundmäulern, Aalen und Lachsen, besteht der Eierstock bald nur aus einem mittleren, bald aus zwei seitlichen häutigen Blättchen, welche mit keinem Ausführungsgange in Verbindung stehen, sondern überall vom Bauchfelle umkleidet werden. Die reifen Eier durchbrechen die Wandungen des Eierstockes, fallen in die Bauchhöhle und werden aus dieser durch eine mittlere oder zwei seitliche Spaltöffnungen nach außen entleert. Bei den Rundmäulern und Aalen haben auch die Hoden keinen Ausführungsgang, während dieser bei den Lachsen vorhanden ist. Abweichend hiervon bildet der Eierstock bei der großen Mehrzahl der Fische einen Sack, auf dessen innerer Fläche bald Falten, bald vielseitige häutige Vorsprünge sich zeigen, in denen die Eier sich so entwickeln, daß sie beim Durchbruche nach ihrer Ausbildung in die Höhle des Eierstocksackes fallen. Letzterer verlängert sich unmittelbar in den Eileiter, welcher sich bald früher, bald später mit demjenigen der anderen Seite vereinigt und unmittelbar hinter dem After und einer zwischen diesem und der Harnöffnung gelegenen Warze nach außen mündet. Bei einigen Knochenfischen, welche lebendige Junge gebären, ist das hintere Ende des Eileiters zur Aufnahme der sich entwickelnden Eier erweitert. Bei mehreren Schmelzschuppern bildet der Eierstock eine für sich abgeschlossene Masse, und der gewöhnlich lange und gewundene Eileiter hat jederseits eine weite trompetenförmige Oeffnung in der Bauchhöhle, in welche die Eier gelangen, um nach außen geführt zu werden. Bei den Quermäulern findet sich ein paariger oder unpaariger Eierstock, welcher mit den paarigen Eileitern in keiner unmittelbaren Verbindung steht. In jedem derselben zeigt sich eine dicke, wohl ausgebildete Drüse, welche ohne Zweifel die Hülle der Eier absondert. Weiter unten bildet jeder Eileiter, indem er sich erweitert, eine Gebärmutter, in welcher sich die Jungen weiter entwickeln, und mündet dann gemeinschaftlich in die hintere Wand des Mastdarmes. Die Hoden sind bei den meisten Knochenfischen häutige, von mannigfachen Kanälen durchzogene Säcke, so daß sie fast das Ansehen eines Schwammes erhalten. Die äußere Mündung ist für beide Samenleiter gemeinschaftlich. Bei den Quermäulern zeigen sich die männlichen Geschlechtswerkzeuge vervollkommnet, indem bei ihnen die Samenthierchen sich nicht wie bei jenen in verzweigten Kanälen, sondern in kleinen, von anderen umschlossenen Bläschen entwickeln, deren Ausführungsgänge einen Nebenhoden zusammensetzen, von welchem aus der Samenleiter in die Kloake mündet. Auch sind bei ihnen wirkliche Begattungswerkzeuge vorhanden, zwei lange walzenförmige Knorpelanhänge, welche an der Seite der Bauchflossen neben der Schwanzwurzel stehen.

[8] Nach den wiederholt ausgesprochenen Grundsätzen können wir die Fische nicht als begabte Thiere erklären. Ihre Bewegungsfähigkeit beschränkt sich, streng genommen, auf das Schwimmen, ist also eine sehr einseitige. Mehrere Arten der Seefische können sich über das Wasser erheben und eine Strecke gleichsam im Fluge zurücklegen; ihr Fliegen ist jedoch eigentlich nichts anderes als ein durch die großen Brustflossen unterstütztes Springen, zu welchem der im Schwimmen genommene Anlauf den Anstoß gab, die vermeintliche Mehrbegabung also von geringer Bedeutung. Ebenso kennt man mehrere Arten, welche im Stande sind, auf flüssigem Schlamme vorwärts zu kriechen oder sich in ihm einzubohren, ebenso einzelne, welche in ähnlicher Weise und unter besonderer Mithülfe ihrer Flossen auf trockenem Lande sich zu bewegen, sogar schiefe Flächen zu erklimmen vermögen; allein dieses Kriechen kann ebensowenig mit dem zierlichen Fortgleiten einer Schlange verglichen werden wie das Schwirren durch die Luft mit dem Fluge der Vögel. Bewegungsfähig erscheinen uns die Fische nur, so lange sie im Wasser sind, nur, wenn sie schwimmen. Hierin legen sie allerdings eine sehr hohe Meisterschaft an den Tag. Man sagt, daß der Lachs in der Sekunde acht, in der Stunde über fünfundzwanzigtausend Meter zurücklegen könne, und hat, so weit es die erste Angabe betrifft, wahrscheinlich nicht übertrieben; denn in der That durchschneidet dieser Fisch die Wellen fast mit der Schnelligkeit eines Pfeiles. Die gewaltigen Muskeln zu beiden Seiten, welche sich an das mächtige Ruder, die Schwanzflosse, ansetzen und eine so nachdrückliche Wirkung äußern, befähigen zu einem erstaunlichen Kraftaufwande und ermöglichen sogar Luftsprünge von beträchtlicher Höhe, während die übrigen Flossen die Richtung regeln. In derselben Weise wie er, obschon größtentheils minder rasch, schwimmen die meisten Fische, so lange es sich um Fortbewegen in annähernd denselben Wasserschichten handelt, wogegen das Senken in tiefere Schichten und Aufsteigen zu höheren wahrscheinlich durch Zusammenpressen und Ausdehnen der Schwimmblase geregelt wird. Mehrere Fische aber, insbesondere diejenigen mit spindelförmigem Leibe und kleinen Flossen, schwimmen gänzlich abweichend durch schlängelnde Bewegungen ihres Leibes oder wellenförmige Biegungen ihrer langen niederen Rückenflossen, so wie die von oben nach unten zusammengedrückten, scheibenartigen auch, nur daß diese, anstatt der seitlichen Wellenlinien, solche von oben nach unten ausführen. An Ausdauer der Bewegung übertreffen die Fische vielleicht jedes andere Thier, obgleich sie weit weniger athmen, d.h. weniger Sauerstoff verbrauchen als diese, und der Kreislauf ihres Blutes langsamer vor sich geht. Dafür unterstützt freilich die Art und Weise der Athmung, die Leichtigkeit, mit welcher der dem Wasser beigemengte Sauerstoff an die Kiemen gelangt, und die Kraft, welche der Rückstoß des durch die Kiemenspalten ausströmenden Wassers äußert, ihre Bewegung.

Es muß betont werden, daß die Fische bei der Athmung das Wasser nicht in seine Bestandtheile zerlegen und so den ihnen nöthigen Sauerstoff gewinnen, sondern einzig und allein die dem Wasser in sehr geringer Menge beigemischte Luft verbrauchen. Nun begnügen sie sich zwar, wie schon ihr »kaltes« Blut beweist, mit verhältnismäßig wenig Sauerstoff, müssen aber doch verhältnismäßig viel Wasser zur Verfügung haben, wenn sie sich wohl befinden sollen. Einer geringen Wassermenge entziehen sie bald die wenigen Lufttheilchen, welche diese enthält, und müssen dann ebenso unfehlbar ersticken wie luftathmende Thiere im luft- oder sauerstoffleeren Raume. Außerhalb des Wassers sterben sie, weil ihre Kiemen nicht mehr thätig sein können, wenn sie, wie dies in freier Luft bald geschieht, eintrocknen.

Nothwendige Folge der Kiemenathmung ist, daß kein Fisch eine Stimme hervorzubringen vermag. Von mehreren Arten vernimmt man allerdings Töne, richtiger Geräusche, ein Knurren oder Brummen nämlich; das eine wie das andere kann jedoch gewiß nicht mit den Stimmlauten der höheren Wirbelthiere verglichen werden, da es nur durch Aneinanderreiben der harten Kiemendeckel oder vielleicht der Flossen und Schuppen entsteht, gewissermaßen also an das Schwirren der heuschreckenartigen Kerbthiere erinnert. Das Sprichwort: »Stumm wie ein Fisch« drückt in der That die volle Wahrheit aus.

[9] Die Fähigkeiten des Gehirnes entsprechen der geringen Größe desselben. Doch läßt sich eine Thätigkeit aller Sinne wahrnehmen; ja, die Schärfe oder Feinheit derselben ist wahrscheinlich größer, als man gewöhnlich annimmt. Obgleich das im allgemeinen umfangreiche und weitsternige Auge nur bei wenigen Fischen, beispielsweise bei den Schollen, sich beweglich zeigt, sehen sie sehr gut, und zwar auch in den tieferen Schichten des Wassers, weil die hier geschwächten Lichtstrahlen, dank dem erweiterten Sterne, doch noch zur Geltung kommen. Daß die Fische hören, trotzdem sie weder ein Trommelfell noch Gehörknöchelchen besitzen, unterliegt keinem Zweifel, da man gezähmte durch den Laut einer Glocke herbeilocken oder bemerken kann, daß scheuere bei lautem Geräusche entfliehen; schwerlich jedoch ist man zu der Annahme berechtigt, daß sie verschiedene Töne unterscheiden. Geruch und Geschmack stehen wahrscheinlich auf sehr niederer Stufe, ohne indeß eigentlich verkümmert zu sein. Das Wasser verhält sich den durch den Geruch empfindbaren Gasen gegenüber anders als die Luft, verhindert aber eine Verbreitung derselben durchaus nicht, und so läßt sich wohl annehmen, daß die Fische bestimmte Gerüche noch auf ziemliche Entfernung wahrnehmen. Wie es sich mit dem Geschmacke verhält, wissen wir nicht. An ein Auflösen oder chemisches Zersetzen der Nahrungsstoffe kann bei Thieren, welche alle Beute unzerstückelt verschlingen, kaum gedacht werden, und eher noch darf man annehmen, daß der Sinn des Gefühles den eigentlichen Geschmack ersetzt. Jenes scheint bei den Fischen weit mehr begünstigt zu sein als die übrigen Sinne, mit Ausnahme des Gesichtes, und zwar ebensowohl was Empfindungsvermögen als die Tastfähigkeit anlangt. Daß den Fischen jede äußere Berührung zum Bewußtsein gelangt, läßt sich bestimmt behaupten; das Empfindungsvermögen zeigt sich jedoch nicht bloß so groben, sondern weit feineren Einflüssen zugänglich. Die allbekannte, obschon noch wenig besprochene und bezüglich untersuchte Fähigkeit der Fische, ihre Färbung zu verändern, beweist dies zur Genüge. Schollen oder andere Grundfische, welche eine Zeitlang auf sandigem Grunde gelegen haben, nehmen eine gewisse, der des Sandes täuschend ähnliche Färbung an, verändern diese aber überraschend schnell, wenn sie auf einen andersfarbigen Grund, beispielsweise auf lichtgrauen Granitkies, gelangen oder gebracht werden. Ebenso reizbar gegen die Einwirkungen des Lichtes zeigt sich die Oberhaut anderer Fische, namentlich der Forellen, welche in dicht überschattetem, also sehr dunklem Gewässer oder in mit einem Deckel verschlossenem Fischbehälter dunkeln und erblassen, wenn sie in sonnenbeschienenes Wasser gelangen oder durch Aufheben des gedachten Deckels in ähnlicher Weise dem Lichte ausgesetzt werden. Auch mechanische Einwirkungen, Drücken und Reiben der Haut, können beim lebenden Fische plötzliche Veränderung der Farben hervorrufen, und ebenso beeinflussen innere Erregung, die Begierde sich fortzupflanzen, bezüglich den Samen und Laich zu entleeren, Schrecken und Angst die äußere Haut, indem sich die sogenannten Farbebehälter zusammenziehen oder bezüglich ausdehnen, was ja doch nur auf eine Thätigkeit der Hautnerven zurückgeführt werden kann. Zum Tasten benutzen unsere Thiere ihre Lippen, fadenförmige Anhänge, welche bei sehr vielen sich finden, und die Flossen.

Auch Verstand haben die Fische, aber freilich sehr wenig. Sie vermögen ihre Feinde von den ihnen unschädlichen Wesen zu unterscheiden, merken Nachstellungen und erkennen ebenso ihnen gewährten Schutz, gewöhnen sich an den Pfleger, an eine gewisse Futterzeit, an den Ton einer Glocke, welcher sie zum Füttern herbeiruft, verstehen geeignete Plätze, welche ihnen Nahrung versprechen, mit Geschick auszuwählen, legen sich hier auf die Lauer, um ihre Beute zu überlisten, lernen es, Hindernisse zu überwinden und Gefahren sich zu entziehen, bilden einen mehr oder weniger innigen Verband mit ihresgleichen, jagen gemeinschaftlich und unterstützen sich dabei, zeigen endlich, wenigstens theilweise, eine gewisse Fürsorge, Anhänglichkeit und Liebe zu ihrer Brut, kurz, bekunden geistige Thätigkeit. Diese von unserem Standpunkte aus zu erkennen und demgemäß richtig zu beurtheilen, ist schwer, wo nicht gänzlich unmöglich, schon weil die meisten Fische unserer Beobachtung entzogen sind und wir auch diejenigen, welche wir beobachten können, noch keineswegs so auf ihre Fähigkeiten geprüft haben, als dies zu einer Beurtheilung derselben unbedingt nöthig ist.

[10] Alle Fische verbringen ihr Leben nur oder doch fast ausschließlich im Wasser. Jene, welche befähigt sind, ihr Element auf kürzere oder längere Zeit zu verlassen, sei es, indem sie wirkliche Wanderungen über Land antreten, sei es, indem sie sich in den Schlamm einwühlen oder in eine aus Schlamm zusammengesetzte Kapsel einhüllen und hier, auch wenn die Trockenheit den Schlamm dörrte und erhärtete, in einem dem Winterschlafe der höheren Wirbelthiere ähnelnden Zustande verharren, können kaum in Betracht kommen; ihre Anzahl ist auch außerordentlich gering im Vergleiche zu der jener Arten, welche beständig im Wasser verweilen müssen oder desselben doch nur auf kurze Zeit entbehren können. Die wahre Heimat unserer Thiere ist das Meer, vom hohen Norden an bis zum Gleicher herab, das Weltmeer und alle Verzweigungen und Ausbuchtungen desselben, welchen Namen sie führen mögen. Damit soll nicht gesagt sein, daß die süßen Gewässer der Erde der Fische ermangeln, sondern nur so viel, daß die Anzahl der Arten und Einzelwesen der stehenden und fließenden Binnengewässer mit dem Reichthume des Meeres kaum verglichen werden kann. Wahrscheinlich kennen wir erst den geringeren Theil aller Fische, welche es gibt, haben also von der Mannigfaltigkeit dieser Klasse noch keineswegs eine der Wirklichkeit entsprechende Vorstellung; gleichwohl dürfen wir die vorstehende Behauptung für richtig halten. Die Artenzahl der Fische des Meeres im Vergleiche zu jener der Süßgewässer entspricht wirklich der Größe des Meeres und der Wassermenge desselben, gegenüber dem Inhalte der Süßwasserbecken und Wasserläufe.

Die Fähigkeit der Fische, in den verschiedenartigsten Gewässern, unter den verschiedenartigsten Verhältnissen und Umständen zu leben, ist ebenso außerordentlich wie die Schmiegsamkeit der Vögel äußeren Einflüssen gegenüber. Es gibt äußerst wenige Gewässer, in denen man keine Fische findet. Sie steigen von der Niederung aus, Flüssen entgegenschwimmend, bis zu fünftausend Meter unbedingter Höhe empor und versenken sich im Meere bis in Tiefen, zu deren genauerer Erforschung uns noch heutigen Tages die Mittel mangeln. Einzelne von ihnen bevorzugen die oberen Wasserschichten, andere halten sich im Gegentheile in den niedersten auf und leben hier unter dem Drucke einer Wassersäule, deren Gewicht wir wohl berechnen, uns aber kaum vorstellen können. Zwar wird behauptet, daß es in einer Tiefe von mehr als dreihundert Meter keine Fische mehr gäbe; diese Meinung fußt jedoch auf einer Annahme, welche trotz der Unzulänglichkeit unserer Untersuchungsmittel durch bestimmte Beobachtungen längst widerlegt worden ist. Den neuerlichen Befunden zur Folge dürfen wir glauben, daß die Meerestiefen viel dichter bevölkert sind, als wir wähnen. Auch die höheren Breitengrade setzen der Verbreitung der Fische kein Ziel. Allerdings sind die Meere des heißen und gemäßigten Gürtels reichhaltiger an ihnen als die der beiden kalten; aber auch hier wohnen unschätzbare Massen von ihnen, auch hier beleben sie alle Theile des Meeres in unendlicher Menge. Die Scharen der Säugethiere und Vögel, die Gesellschaften der Kriechthiere und Lurche kann man abschätzen; für die Masse der Fische mangelt uns hierzu jeglicher Anhalt, weil wir nicht wagen dürfen, von dem, was wir sehen, auf das unseren Augen verborgene zu schließen.

Die Verbreitung einer und derselben Art erscheint geringer, als man glauben möchte, wenn man bedenkt, daß das Wasser so bewegungsfähigen Geschöpfen das Reisen im hohen Grade erleichtert und jeder Fisch immer mehr oder weniger die Gabe besitzt, in verschiedenen Gewässern oder doch Theilen eines solchen zu leben. Aber Grenzen gibt es auch auf dem unendlichen Meere. Ganz allmählich wird die eine Art durch eine verwandte ersetzt, weiterhin diese wiederum durch eine zweite, dritte, vierte, sowie auch zu der einen Form bald eine neue tritt. Wenige Fische finden sich an allen Küsten eines und desselben Weltmeeres, oder, was dasselbe sagen will, wenige von ihnen überschwimmen eines dieser Wasserbecken, obgleich sie dazu unzweifelhaft befähigt sind. Auch sie halten an gewissen Wohnkreisen fest, scheinen an der Stätte ihrer Geburt mit einer Innigkeit zu hangen, für welche wir noch keine Erklärung gefunden haben. Kaum Zweifeln ist es unterworfen, daß die Lachse, welche in einem Flusse geboren wurden, später, wenn sie sich fortpflanzen wollen, auch wieder zu diesem Flusse zurückkehren, immer zu ihm, nicht zu einem anderen, wenn auch ein [11] solcher unweit ihres heimatlichen münden sollte. Dies läßt sich nur erklären, wenn man annimmt, daß die jungen Lachse nach ihrem Eintritte in das Meer in der Nähe der Mündung ihres Heimatflusses sich aufhalten, also ein in Beziehung auf ihre Bewegungsfähigkeit außerordentlich kleines Gebiet abgrenzen und dasselbe in der Regel nicht überschreiten. Ausnahmsweise freilich nimmt man auch bei den Fischen weitere Reisen wahr. Haifische z.B. folgen Schiffen, andere treibenden Schiffsplanken durch hunderte von Seemeilen, von südlichen Meeren bis in nördliche und umgekehrt; andere erscheinen als verschlagene oder verirrte an ihnen fremden Küsten, Mittelmeerfische z.B. in den britischen Gewässern. Aber sie bilden Ausnahmen; denn im allgemeinen beschränken sich die Meerfische auf bestimmte Gürtel, ja selbst Theile von solchen, wie einzelne Süßwasserfische auf gewisse Flüsse und Seen, und die Wanderungen, welche von ihnen aus unternommen werden, sind sicherlich viel geringer, als wir glauben. Jahrelang hat man angenommen, daß das Eismeer uns die Milliarden von Häringen sende, welche an den Küsten Norwegens, Englands, Großbritanniens, Deutschlands, Hollands und Frankreichs gefangen werden, während wir jetzt mit aller Bestimmtheit behaupten dürfen, daß nicht Reisen von Norden nach Süden, wohl aber Aufsteigen aus den tiefen Gründen des Meeres zum seichteren Strande stattfindet. Viele Fische können an Bewegungsfähigkeit mit den Vögeln wetteifern; keiner von ihnen aber unternimmt regelmäßige Wanderungen, deren Ausdehnung verglichen werden darf mit den Strecken, wie sie Vögel durchmessen.

Der Aufenthaltsort der Fische steht mit deren Gestalt stets im Einklange. Die in den Meeren der Gleicherländer lebenden Fische sind anders gestaltet als die, deren Heimat in der Nähe der Pole liegt, die Meerfische im allgemeinen verschieden von denen, welche in Süßgewässern herbergen. Allerdings gibt es viele von ihnen, bei denen diese Beziehungen weniger sich bemerklich machen, viele, welche ebensowohl im Meere wie in Flüssen oder in Landseen sich aufhalten können, aber kaum einen einzigen von diesen Wechselfischen, wie wir sie nennen könnten, welcher sein ganzes Leben im Meere oder im Süßwasser verbrächte. Vom Meere aus steigen Fische in die Flüsse empor, um zu laichen, von den Flüssen aus andere, des gleichen Zweckes halber, zum Meere hinab. Werden sie verhindert an solcher Wanderung, so erfüllen sie nicht ihren Lebenslauf. Eine bestimmte Heimat haben also auch sie, möge man nun das Meer oder die süßen Gewässer als solche bezeichnen. Wie abhängig ein Fisch von seinem Wohngewässer ist, zeigen uns diejenigen Arten, welche in unseren Flüssen und Landseen herbergen, unseren Beobachtungen also am meisten zugänglich sind. Als selbstverständlich nehmen wir es an, daß die Forelle nur in reinen Gewässern, der Wels nur in schlammigen Teichen, die Groppe bloß auf steinigem Grunde gedeiht, der Schlammbeißer nicht umsonst seinen Namen führt; und nicht minder begreiflich wird es dem, welcher vergleicht, daß der eine Fisch, wenn nicht ausschließlich, so doch vorzugsweise auf dem Boden des Meeres sich tummelt, während der andere die höheren Wasserschichten bevorzugt, daß die Scholle auch wirklich hängt an der Scholle des Meeres, der Flugfisch hingegen die Tiefe meidet. Genauere Beobachtung, zumal angefangenen Fischen, lehrt, daß jeder einzelne nach und nach sogar an bestimmte Aufenthaltsorte sich gewöhnt und hier Ruhe- und Versteckplätze wählt, zu denen er stets wieder zurückkehrt.

Was für ein enges Gebiet gilt, wird bestätigt, wenn wir ein weiteres ins Auge fassen. Auch die Fische können Charakterthiere einer gewissen Gegend, eines bestimmten Meeres sein, obgleich sich bei ihnen die Abhängigkeit vom Klima und der mit ihm zusammen hängenden Pflanzenwelt minder deutlich zeigt als bei den übrigen Klassen der Wirbelthiere. Die Vielgestaltigkeit der Gleicherländer bekundet sich jedoch bei ihnen ebenfalls in ersichtlicher Weise. Aus den Meeren zwischen den Wendekreisen stammen diejenigen Fische, welche von der uns gewohnten, für uns urbildlichen Gestalt am meisten abweichen. Licht und Wärme, die schöpferischen Urkräfte, üben ihren von uns gewiß noch nicht vollständig erkannten Einfluß unter den niederen Breitengraden auch in der Tiefe des Meeres aus. Das in seiner Zusammensetzung so gleichmäßige Wasser, dessen Wärmehaltigkeit in den verschiedenen Erdgürteln weit weniger schwankt als die Wärme der Luft, macht es erklärlich, daß es auch den nordischen Meeren an wunderbaren Fischgestalten nicht [12] mangelt; die Vielgestaltigkeit der Klasse zeigt sich aber doch nur unter den niederen Breiten. Schon das Mittelländische Meer beherbergt sehr viele Arten, welche ihm durchaus eigenthümlich sind und nicht einmal in dem Atlantischen Weltmeere vorkommen, bezüglich in ihm gefunden worden sind. Eine größere Selbständigkeit seiner Fischwelt lehrt uns die Erforschung des Indischen, insbesondere des Rothen Meeres, des Meerbusens von Mejiko, der engen Straßen zwischen den Sundainseln, der Japanesischen Gewässer usw. Einzelne dieser Meere beherbergen zahlreiche artenreiche Familien, welche in anderen bisher noch nicht beobachtet worden sind, andere besitzen solche Familien mit benachbarten Gewässern gemeinschaftlich; eine Grenze des Verbreitungsgebietes aber läßt sich fast immer feststellen.

So einförmig und gleichartig die Lebensweise, die Gewohnheiten und Sitten der Fische zu sein scheinen, so wechselvoll und verschieden zeigt sich ihr Treiben bei genauerer Beobachtung. Von unseren Flußfischen haben wir erfahren, daß jeder einzelne mehr oder weniger eine bestimmte Lebensweise führt; daß die Verschiedenartigkeit der letzteren unter den Meerfischen noch erheblicher sein muß als unter jenen, läßt sich mit vollster Bestimmtheit annehmen, so wenig wir auch über sie, von deren Thun und Treiben, selbst deren Lebensgewohnheiten, wir nur äußerst wenig wissen, zu urtheilen vermögen. Jeder einzelne Fisch wendet ebenso gut wie jedes andere Thier die ihm gewordenen Begabungen seines Leibes in zweckentsprechender Weise an, und es lassen sich, von diesen Anlagen ausgehend, mehr oder weniger richtige Schlüsse auf die Lebensweise ziehen; damit aber gewinnen wir leider kein Bild der letzteren, dürfen somit nicht wagen, das uns wahrscheinlich dünkende als Wahrheit auszugeben.

Im allgemeinen freilich ist das Leben der Fische viel einfacher und eintöniger als das der Säugethiere, Vögel, Kriechthiere und Lurche. Die Thätigkeit, wel che die Ernährung beansprucht, überwiegt unzweifelhaft jede andere; ihr widmen alle Fische weitaus den größten Theil ihres Lebens. Von einem regelmäßigen Tageslaufe kann man bei ihnen nicht sprechen, obgleich man erkennen muß, daß sie zu bestimmten Zeiten thätig sind und andere der Ruhe widmen oder, ebenso wie andere Wirbelthiere, jagen und schlafen. Ersteres beansprucht in der Regel mehr Zeit als letzteres: so lange der Fisch umherschwimmt, so lange jagt er auch; selbst während seines Spielens oder derjenigen Thätigkeit, welche wir als Spiel auffassen, läßt er keine ihm sich bietende Beute vorüberschwimmen. Gesättigt oder ermüdet, gibt er sich einer Ruhe hin, welche offenbar dem Schlafe höherer Wirbelthiere entspricht und Schlafen genannt werden muß, in so verschiedenartiger Weise sie auch geschieht. Weitaus die meisten Fische sind Nacht-, nicht wenige aber entschiedene Tagthiere. Jene beginnen erst mit eintretender Dunkelheit ihre Thätigkeit und ruhen übertages entweder auf bestimmten Plätzen, oft in Verstecken, mit dem Bauche aufliegend, selbst im Schlamme eingebettet und eingegraben, oder frei im Wasser schwimmend, beziehentlich treibend; diese verfahren umgekehrt. Die einen wie die anderen verharren stundenlang in der zum Schlafen gewählten Lage, lassen sich auch durch gewisse äußere Reize nicht aus derselben vertreiben, bekunden aber jedem achtsamen Beobachter, daß ihr lidloses Auge niemals aufhört, für die Außenwelt empfänglich zu sein.

Fast sämmtliche Fische sind Raubthiere, fast alle eifrige und tüchtige Räuber. Nicht wenige Arten verzehren allerdings auch Pflanzenstoffe; kaum ein einziger aber ernährt sich ausschließlich von solchen. Die schwächlichsten Arten lesen kleine Weichthiere von Wasserpflanzen ab oder wühlen allerlei Gewürm, ich will sagen, die verschiedenartigsten wirbellosen Thiere, aus dem Schlamme hervor; stärkere sammeln und pflücken Schnecken und Muscheln; alle übrigen rauben in des Wortes gewöhnlicher Bedeutung, wenn nicht andere Fische, so doch bewegliche wirbellose Thiere. Sie üben das Recht des Stärkeren in seiner ganzen Rücksichtslosigkeit: der Kleine verschlingt den Kleineren, der Größere den Kleinen, der Große den Größeren; kein einziger Raubfisch verschont die eigene [13] Brut. Viele Fische sind gepanzert und so furchtbar bewehrt, daß es für den Herrn der Schöpfung gefährlich wird, mit ihnen sich einzulassen: – und sie werden doch gefressen! Den Panzer zermalmt, die Dornen, Zacken, Spitzen zerbricht und stumpft das Gebiß des Mächtigeren; den Mitteln zur Abwehr entsprechen die Werkzeuge zum Angriffe. Ein ewiges Räuberthum ohne Gnade und Barmherzigkeit ist das Leben der Fische, jeder einzelne Raubfisch, also weitaus der größte Theil der Gesammtheit, ein ebenso freßgieriges als frechdreistes Geschöpf. Denn nicht bloß der gewaltige Hai wird großen Thieren, beispielsweise den Menschen verderblich; auch zwerghafte Fische gibt es, welche das Leben des Erdenbeherrschers gefährden, indem sie versuchen, ihm Fetzen auf Fetzen aus seinem Leibe zu reißen, und ihn entfleischen, wenn er sich ihrer Gewalt nicht entziehen kann. Der ewige, endlose Krieg in der Natur zeigt sich am deutlichsten, wird am ersichtlichsten im Wasser, im Meere.

Erhebliche Aenderung der Lebensweise eines Fisches ruft die Fortpflanzungszeit hervor, welche auch ihn in überraschender Weise erregt, den friedfertigen streitlustig, den trägen regsam, den räuberischen gleichgültig gegen verlockende Beute werden läßt, welche ihn bewegt, Wanderungen zu unternehmen, vom Meere aus in die Flüsse zu steigen oder von den Flüssen nach dem Meere sich zu begeben, welche Mutterliebe und Bausinn in ihm weckt, also sein ganzes Wesen gleichsam umgestaltet, ebenso wie sie ihn oft mit einem sogenannten Hochzeitskleide begabt. In den Gleicherländern kann noch ein anderer Wechsel der Lebensweise stattfinden: der Fisch kann dort gezwungen werden, zeitweilig eine gleichsam unnatürliche Lebensweise zu führen, wie das winterschlafende Säugethier in die Tiefe der Erde sich zurückzuziehen, um hier das Leben zu fristen, welches sonst gefährdet sein würde. Schon gegenwärtig kennt man eine nicht unbedeutende Anzahl von Fischen, welche wirklich Winterschlaf halten, das heißt beim Vertrocknen ihrer Gewässer in den Schlamm sich einwühlen, hier in eine gewisse Erstarrung verfallen und in dieser verweilen, bis der wiederkehrende regenreiche Frühling ihre früheren Wohnplätze von neuem mit Wasser füllt und sie ins Leben zurückruft. Auch bei uns zu Lande kann etwas ähnliches geschehen: im Innern Afrikas und in Indien ist solches Winterschlafen der Fische durchaus nichts ungewöhnliches; denn es findet hier in allen Binnengewässern statt, welche nicht mit Flüssen zusammenhängen und zeitweilig gänzlich vertrocknen, beschränkt sich auch keineswegs allein auf Angehörige der Ordnung, welche wir Lungenfische nennen. Viele von jenen vor anderen in gewisser Hinsicht bevorzugten Fischen gehören zu denen, welche unter Umständen auch eine Wanderung über Land antreten, in der Absicht, ein noch wasserhaltiges Becken zu erlangen, also eine Reise ausführen, welche entfernt mit dem Streichen der Vögel verglichen werden kann. An letzteres erinnern ebenso gewisse Ortsveränderungen unserer Süßwasser- und Meerfische, von denen viele je nach der Jahreszeit oder infolge gewisser Zufälle ihren Aufenthaltsort wechseln, beispielsweise aus den Seen in Flüsse emporschwimmen oder nach jenen zurückkehren usw. Dagegen lassen die so genannten Wanderungen der Fische durchaus keinen Vergleich zu mit Zug und Wanderschaft der Vögel, weil sie einzig und allein bedingt werden durch den Fortpflanzungstrieb.

Weniger als alle übrigen Wirbelthiere hängen die Fische ab vom Wechsel des Jahres. Für Säugethiere, Vögel, Kriechthiere und Lurche ist in der Regel der Frühling die Zeit, wenn nicht der Liebe, so doch der Erzeugung, der Geburt der Jungen; nicht dasselbe kann man von den Fischen sagen. Allerdings fällt auch bei den meisten unter ihnen die Fortpflanzungszeit in den günstigeren Abschnitt des Jahres, bei uns zu Lande also in den Frühling und Sommer; aber schon unsere deutschen Flußfische laichen, mit Ausnahme des Januar, Februar und August, in allen übrigen Monaten des Jahres, und einzelne von ihnen lassen gewiß auch nicht einmal diese Ausnahme gelten, sei es, daß sie eher, sei es, daß sie später mit dem Laichen beginnen, dieses wichtige Geschäft also schon vor oder nach der regelmäßigen Zeit abmachen. Da nun die Wanderungen der Fische einzig und allein zu dem Zwecke unternommen werden, den Laich an geeigneten Stellen abzusetzen, ergibt sich von selbst, daß von einer allgemeinen Zeit dieser Wanderungen, wie sie der Zug der Vögel einhält, nicht gesprochen werden kann. Nicht die beginnende Verarmung einer gewissen [14] Gegend, bedingt durch den Eintritt eines bestimmten Jahresabschnittes, ist es, welche sie treibt zu wandern, sondern einzig und allein der gefüllte Eierstock des Roggeners, der von Samen strotzende Hoden des Milchners. Je nach der Zeit nun, in welche ihre Fortpflanzung fällt, steigen sie aus der Tiefe des Meeres oder den kalten Gründen einzelner Binnenseen zu den höheren Wasserschichten empor, schwimmen in den Flüssen aufwärts, so weit sie können, wählen die geeigneten Plätze, um ihren Laich abzulegen, und kehren, nachdem sie dem Fortpflanzungstriebe Genüge geleistet, allgemach wieder nach dem früheren Aufenthaltsorte zurück, ihre Jungen, um mich so auszudrücken, voraussendend, mit sich nehmend oder nach sich ziehend. Daß auch das umgekehrte geschehen kann, daß Süßwasserfische bewogen werden, ins Meer zu gehen, haben wir gesehen; die Ursache der Wanderung bleibt immer dieselbe. Wie bereits bemerkt, nahm man früher an, daß die Wanderung der Fische sich über ausgedehnte Meerestheile erstrecke, während wir gegenwärtig, abgesehen von einzelnen verschlagenen, beispielsweise von solchen, welche mit dem Golfstrome ziehen, an diese großartigen Reisen nicht mehr glauben, sondern nur ein Aufsteigen aus tieferen Schichten zu höheren annehmen können. Erst die Erkenntnis, daß einzig und allein der Fortpflanzungstrieb zum Wandern bewegt, erklärt das uns schwer verständliche Betragen, das Drängen, Eilen, das rücksichtslose Vorwärtsgehen der Fische, welches uns erscheint, als wären sie mit Blindheit geschlagen. Dieser auch bei anderen Thieren so gewaltige Trieb ist es, welcher sie ihre bisher gewohnte Lebensweise vollständig vergessen und sie ihrem sonstigen Benehmen widersprechende Handlungen begehen läßt.

Minder leicht erklärt sich das Rückwandern der Jungen, die wunderbare Geselligkeit, welche sie bei dieser Gelegenheit offenbaren, die Regelmäßigkeit ihrer Züge, der Eifer, jedes nur irgendwie überwindliche Hindernis auch wirklich zu überwinden. Bei Beobachtung ihrer Reisen wird man versucht, das Wort »Instinkt« auszusprechen, so oft und bestimmt man sich auch sagen muß, daß da, wo die Begriffe mangeln, zu rechter Zeit dieses Wort sich einstellt, welches wohl dem Blindgläubigen, nimmermehr aber dem Forscher genügt.

Ueber die Art und Weise der Wanderungen selbst hat man noch keineswegs genügende Beobachtungen gesammelt; trotzdem weiß man, daß das Reisen mit einer gewissen Regelmäßigkeit vor sich geht, daß einzelne Arten in Keilform schwimmen, so wie ein Kranichheer durch die Luft zieht, daß bei anderen, welche in dicht gedrängten, wirren Massen einherziehen, Männchen und Weibchen sich sondern, indem die einen in den oberen, die anderen in den tieferen Schichten fortschwimmen, daß bei anderen die Roggener den Milchnern vorausziehen usw. Allen Wanderfischen gemein ist die Ruhe- und Rastlosigkeit: sie scheinen nicht freiwillig, sondern gezwungen zu reisen.

Wenn die alten Morgenländer einen Begriff von der Anzahl der Eier eines einzigen Fisches gehabt hätten, würden sie die ihnen so erwünschte Fruchtbarkeit des Weibes wahrscheinlich nicht mit dem Weinstocke, sondern mit der eines Fisches verglichen oder dem Erzvater Abraham durch den Mund des Engels so viele Nachkommen, wie der Fisch sie erzeugt, gewünscht haben. Die Fruchtbarkeit der einzelnen Mitglieder unserer Klasse ist allerdings verschieden, immer aber unglaublich groß. Lachse und Forellen gehören zu denjenigen Arten, welche wenige Eier legen; denn die Anzahl der letzteren übersteigt kaum fünfundzwanzigtausend; schon eine Schleie dagegen erzeugt etwa siebzigtausend, ein Hecht hunderttausend, ein Barsch dreihunderttausend, ein Wels, Stör oder Hausen Millionen. Das Meer würde, so hat man gesagt, nicht groß genug sein, um alle Fische zu beherbergen, kämen sämmtliche Eier, welche gelegt werden, aus, erreichten alle Ausgekommenen die Größe ihrer Eltern.

Während oder am Ende der Wanderung erwählen die Fische eine ihnen geeignet dünkende Stelle zur Ablage ihrer Eier aus, Lachs und Forelle z.B. kiesigen, seicht überfluteten Grund, andere schlammigen Boden, andere dicht mit Pflanzen bewachsene Theile der Gewässer u.s.f., [15] wogegen einzelne zwischen Süßwasser- oder Meerpflanzen, in Felsspalten oder an ähnlichen Orten ein förmliches Nest herrichten und andere die Eier in eigenthümlichen Taschen während ihrer Entwickelung aufnehmen. Unsere Flußfische laichen vorzugsweise in der Nacht, besonders gern bei Mondscheine. Die Forelle höhlt vermittels seitlicher Bewegungen des Schwanzes eine seichte Vertiefung aus und legt in diese die Eier, worauf der Milchner erscheint, um sie zu besamen; die Renken halten sich paarweise zusammen und springen, Bauch gegen Bauch gekehrt, aus dem Wasser empor, wobei sie Laich und Milch gleichzeitig fahren lassen; die Gründlinge schwimmen rasch den Bächen entgegen, reiben sich mit der Bauchfläche auf dem Kiese und entledigen sich in dieser Weise des Samens und ihrer Eier; die Hechte reiben ihre Leiber an einander und schlagen, während sie laichen, mit den Schwänzen; der Barsch und einzelne seiner Verwandten kleben die Eier an Wasserpflanzen, Holz oder Steine; viele Meerfische laichen, indem sie im dichten Gedränge dahinstreichen, und zwar so, daß die von den höher schwimmenden Weibchen herabfallenden Eier in die von dem Samen der Männchen geschwängerte Wasserschicht gelangen müssen.

Bedingungen zur Entwickelung sind Wärme und Feuchtigkeit sowie genügender Zutritt von frischer Luft, da auch das sich entwickelnde Ei Sauerstoff an sich zieht und Kohlensäure ausscheidet. Je nach den Arten kann oder muß die ersprießliche Wärme eine sehr verschiedene sein. Die Eier einzelner Fische entwickeln sich bei einer sehr geringen Wärmehaltigkeit des Wassers, während die anderer eine höhere beanspruchen. Diese Bedingungen werden bei der natürlichen, das heißt durch den Menschen nicht beeinflußten, Vermehrung der Fische nur unvollständig erfüllt. Von den Millionen der gelegten Eier bleibt ein sehr großer Theil unbefruchtet; von den befruchteten gelangt ein kaum minder erheblicher Theil nicht zur Entwickelung, so groß auch die Widerstandsfähigkeit des Eies gegen äußere Einflüsse ist; tausende und andere tausende werden von den Wellen ans Ufer gespült und verdorren; andere tausende gerathen in zu tiefes Wasser und gelangen ebenfalls nicht zur Fortbildung; auf die übrigen lauert ein unzählbares Heer von Feinden aller Klassen, aller Arten: von der unschätzbaren Menge von Fischeiern wird kein einziges zu viel gelegt!

Das frische Ei, welches eben den Leib der Mutter verlassen hat, zeigt, nach den Untersuchungen Karl Vogts, eine helle Dotterkugel, in welcher stets ein oder mehrere ölige Tropfen inmitten einer eiweißhaltigen Flüssigkeit schwimmen. Der Dotter selbst ist von einer äußerst zarten Dotterhaut und nach außen hin von einer harten, oft lederartigen Eischalenhaut umhüllt, welche sogleich nach dem Eintritte ins Wasser Flüssigkeit aufsaugt und sich so etwas von dem Dotter entfernt, welcher von nun an in der Eischalenhaut freischwimmt und sich stets so dreht, daß der Ort, wo die öligen Tropfen angehäuft sind, nach oben gerichtet ist. Dort erhebt sich auch innerhalb der Dotterhaut der Keim als ein anfangs rundlicher Hügel, von kleinen, durchsichtigen Zellen gebildet, welche immer mehr scheibenförmig über den Dotter herüberwachsen und so eine den Dotter nach und nach einschließende Keimhaut bilden. Währenddem zeigt sich in dem ursprünglichen Keimhügel eine Zerklüftung, indem sich der Keimling in zwei, vier, acht und endlich in eine große Anzahl von kernhaltigen Keimzellen spaltet, aus denen sich die Organe des werdenden Thierchens aufbauen. Der Keimfleck erhebt sich in der Mitte, breitet sich aus; man erkennt eine Axe und mittlere Furche, die sogenannte Rückenfurche, Wülste, welche auf beiden Seiten derselben sich erheben und an einem Ende aus einander treten, schließlich auch mehr und mehr zu einem Rohre sich zusammenwölben; zugleich erscheint unter der Rückenfurche die Anlage eines Längsstranges, welcher bald eine Scheide und einen inneren Kern zeigt und sich als Wirbelsaite darstellt. Mehr und mehr bildet sich nun mit dem Wachsthume der inneren Organe auch die äußere Form heraus; Kopf, Rumpf und Schwanz grenzen sich ab; der Dotter verringert sich in demselben Maße, wie die Masse des Keimlinges wächst, und wird allmählich ganz oder theilweise von den Bauchwänden eingeschlossen, so daß er zuletzt nur noch als unbedeutender Anhang jenes erscheint, während er früher die Hauptmasse ausmachte. Inzwischen haben sich alle inneren Organe ausgebildet, und zwar ganz in derselben oder doch in sehr ähnlicher Weise, wie dies bei den Keimlingen höherer Wirbelthiere [16] ebenfalls geschieht. Sobald das Junge seine Reife erhalten hat, durchbricht es die Eischale und zeigt sich nun in Gestalt eines lang gestreckten, durchsichtigen Thierchens, dem am unteren Ende der noch immer große Sack, ein Nahrungsspeicher für die nächste Zukunft, anhängt. So lange die Aufzehrung desselben währt, hält sich der junge Fisch meist unbeweglich auf dem Grunde und rührt nur die Brustflossen, um einen Wasserstrom hervorzubringen und das zur Athmung nöthige Wasser zu erneuern. Bei unserer Forelle ist der Dottersack bereits innerhalb des ersten Monates zu drei Viertheilen aufgesaugt, nach Verlauf von sechs Wochen fast gänzlich verschwunden. Erst jetzt stellt sich das Bedürfnis nach Nahrung heraus, und nunmehr beginnt das Fischlein nach Art seiner Eltern zu leben, das heißt zunächst auf alles, was es bezwingen zu können meint, eifrig Jagd zu machen. Je reichlicher die Beute, um so schneller geht das fernere Wachsthum vor sich: die, welche das Jagdglück begünstigt, eilen denen, welche hungern müssen, bald voraus und nehmen, sowie an Größe, auch an Kraft und Beweglichkeit zu. Nach etwa Jahresfrist, bei kleinen früher, bei größeren später, haben die jungen Fischchen auch das Kleid ihrer Eltern erlangt und sind diesen somit in allen Stücken ähnlich geworden.

Nun gibt es aber auch einzelne Fische, wie z.B. einzelne Rochen und Haie, deren Junge einen durchaus verschiedenen Entwickelungsgang durchmachen. Mit demselben Rechte, mit welchem man von lebendig gebärenden Kriechthieren und Lurchen spricht, kann man von lebendig gebärenden Fischen reden. Bei ihnen wird das Ei in der oben erwähnten Erweiterung des Eierganges so weit ausgetragen, daß das Junge sein Keimleben bereits vollendet hat und die Eihülle sprengen kann, wenn die Geburt stattfindet. »Bei den Seekatzen sowie bei denjenigen Haien und Rochen, welche Eier legen, sind diese von einer sehr dicken, hornigen Schale eingehüllt, welche gewöhnlich viereckig und abgeplattet ist und seitliche Spalten hat, durch welche das Meerwasser in das Innere des Eies eindringen kann. Die Entwickelung des Keimlin ges geht in diesen Eiern erst vor sich, nachdem sie gelegt sind. Die Fortpflanzung der lebendig gebärenden Haie unterscheidet sich nach der Bildung des Eies. Bei den einen besitzt das Ei eine äußerst feine, hornige, durchscheinende Schale, welche abgeplattet ist und eine lange Hülse bildet, die wohl sieben- bis achtmal so groß als der Dotter ist. In der Mitte dieser am Rande gefalteten Eihülse liegt der längliche Dotter, von Eiweiß umgeben, das sich nach der einen Seite bandartig fortsetzt. Dieses Eiweiß zieht außerordentlich viele Flüssigkeit an sich, so daß das Ei bedeutend an Größe und Gewicht zunimmt. Die feine Eischalenhaut erhält sich während der ganzen Entwickelungszeit, während sie bei anderen Haien sehr früh verschwindet und der Keim nackt in der Gebärmutter liegt. Eine zweite Eigenthümlichkeit der Keimlinge der Quermäuler besteht in einem gewöhnlich birnförmigen äußeren Dottersacke, der durch einen langen Stiel in den Leib übergeht und dort in den Darmschlauch einmündet. Bei den meisten Haien und Rochen erweitert sich der Dottergang im Inneren der Bauchhöhle noch zu einem zweiten inneren Dottersacke. Der Stiel des Dottersackes enthält außer dem in den Darm mündenden Dottergange noch eine Schlag-und eine Blutader, welche den Blutumlauf auf den Dotter vermitteln. Bei einer Art hat man merkwürdigerweise entdeckt, daß auf dem Dottersacke Zotten entstehen, welche in entgegenkommende Zotten der Eileiterwandung eingreifen und Schlingen der Dottergefäße enthalten, so daß hier ein förmlicher Mutterkuchen hergestellt wird. Endlich heben wir noch ganz besonders hervor, daß die Keimlinge aller Quermäuler zu einer gewissen Zeit ihres Lebens äußere Kiemen besitzen, welche in Gestalt feiner Fäden auf den Rändern der Kiemenspalten aufsitzen und unzweifelhaft zum Athmen dienen.«

Den Fischen, dieser Räuberbrut, welche sich unter einander mordet und auffrißt, tritt, wie immer, als fürchterlichster Feind der Mensch gegenüber. Er allein ist es, welcher unmittelbar oder mittelbar ihrer erstaunlichen Vermehrungsfähigkeit Schranken setzt. Außer ihm und den Raubfischen stellen ihnen allerdings auch Säugethiere wie Vögel, Kriechthiere wie Lurche und nicht wenige wirbellose Meerthiere nach; alle nicht ihrer eigenen Klasse angehörigen Feinde aber schädigen [17] ihren Bestand nicht entfernt in derselben Weise wie der Mensch. Flüsse und Süßwasserseen hat er da, wo er zur Herrschaft gelangte, entvölkert und muß jetzt daran denken, sie künstlich wieder zu besamen; das Meer würde er entvölkern, wenn er es vermöchte.

Die Fische sind dem Menschen unentbehrlich. Ganze Völkerschaften würden nicht im Stande sein, ohne sie zu leben, manche Staaten ohne sie aufhören zu sein. Und doch wird diese Bedeutung noch heutigen Tages in einer Weise unterschätzt, welche geradezu unbegreiflich erscheinen muß. Der Brite, der Skandinavier, der Amerikaner, der Franzose, Italiener und Spanier, der Grieche und Russe, der Lappländer, Eskimo, der braune oder schwarze Halbmensch der Südseeinseln weiß sie zu würdigen – der Deutsche nicht. Es läßt sich erklären, daß dieser den Nutzen, welchen das unablässig geschäftige Heer der Vögel uns bringt, verkennt, mindestens im Vergleiche zu der Nützlichkeit der Säugethiere kaum veranschlagt, obgleich jedes Huhn auf dem Hofe, jede Taube auf dem Dache dem rohesten Verständnisse genügen müßte und die einfachste Beobachtung des Treibens irgend eines Sängers im Walde des besseren belehren würde; es läßt sich solches erklären, weil nur die wenigsten Menschen sich die Mühe geben, zu beobachten oder zu rechnen: daß man aber die Bedeutung der Fische in unserem Vaterlande noch nicht erkannt, daß man die unendlichen Schätze des Meeres nicht verlottert, sondern noch gar nicht gehoben hat, daß man an den deutschen Küsten die Fischerei kaum vernünftiger betreibt als an dem Strande Neuseelands, ist auch dann unbegreiflich, wenn man die vielköpfige Herrschaft, unter welcher wir gelitten, als Entschuldigungsgrund anführen will. Denn nicht die Staatsgewalt ist es, welche Fischereien ins Leben ruft, regelt und ordnet, sondern der Unternehmungsgeist der einzelnen: in allen Ländern, in denen die Fischerei blüht, thut der Staat nichts weiter, als sie zu schützen. Holland dankte seine einstige Größe dem Häringsfange; Norwegen gewinnt aus dem Fischfange in der See zum mindesten viermal so viele Mark, als es Einwohner zählt; den Werth der Fischerei an der Bank von Neufundland schlägt man zu funfzehn Millionen Dollars an; von der Meerfischerei Großbritanniens erlangt man eine Vorstellung, wenn man weiß, daß London allein verbraucht: fünfhunderttausend Dorsche, fünfundzwanzig Millionen Makrelen, hundert Millionen Zungen, fünfundachtzig Millionen Goldbutten, zweihundert Millionen Schellfische, die Unmassen aller übrigen hier nicht namentlich aufgeführten, weil nicht regelmäßig auf den Markt kommenden Fische nicht gerechnet. Die Häringsfischerei Schottlands und der Insel Man beschäftigte im Jahre 1862: 9067 Boote und 43,468 Fischer, abgesehen von 22,471 Menschen, welche zum Einsalzen, Verpacken usw. verwendet wurden.

Die Briten haben gegenwärtig alle übrigen Völker überflügelt. Nicht nur ihre Fischerei ist die bedeutendste, sondern auch die Anstalten zur Versorgung der Binnenstädte sind so vorzüglich, daß man in ihnen viele Fische leichter zu kaufen bekommt als in den unmittelbar am Strande gelegenen Ortschaften. Die hieraus ganz von selbst sich ergebenden Vortheile danken die Engländer ihrem weitsichtigen Unternehmungsgeiste, welcher jedes Hindernis aus dem Wege zu räumen sucht und zu räumen weiß. Der leichte und schnelle Versand zu Wasser, welcher längs der Küsten Großbritanniens stattfinden kann, nimmt den Eisenbahnen einen bedeutenden Theil auch der Fischfracht weg; demungeachtet wurden, laut Bertram, in einem Jahre befördert: auf der London- und Brightonbahn 5174, auf der großen westlichen Linie 2885, auf der nordbritischen Bahn 8303, auf der großen Nordbahn 11,930, auf der Nordostbahn 27,896, auf der südöstlichen Bahn 3218, auf der großen Ostbahn 29,086, zusammen 88,492 Tonnen Fische. Solchen Angaben gegenüber erscheinen die Fischerei und der Handel mit Seefischen, wie er zur Zeit noch in unserem Vaterlande betrieben wird, unerheblich und kleinlich.

Etwas, wenn auch herzlich wenig besser, sieht es mit der deutschen Süßwasserfischerei aus, namentlich in denjenigen Gegenden unseres Vaterlandes, wo das katholische Bekenntnis vorherrscht. Erhebliche Fortschritte hat man freilich auch noch nicht zu verzeichnen, eher noch Rückschritte; denn allgemein ist die Klage, daß unsere Süßgewässer ärmer sind an Fischen, als sie früher waren, und von Jahr zu Jahr ärmer werden. Vielerlei Ursachen tragen hierzu bei. Infolge des steigenden [18] Bodenwerthes engt man die Gewässer mehr und mehr ein oder verdrängt sie, insbesondere die Laichplätze, gänzlich, indem man Brüche entsumpft und Süßwasserseen austrocknet; die von Jahr zu Jahr sich mehrende Anlage von Fabriken schafft den Laichfischen unüberwindliche Hemmnisse in Gestalt von Wehren oder vergiftet einen Bach, ein Flüßchen nach dem anderen; die Dampfschiffe, welche auf den größeren Strömen auf- und niederfahren, stören die Fische und werfen eine Menge von Eiern und unbehülflichen Jungen auf den Strand, wo sie rettungslos zu Grunde gehen; die Fischer vernichten mit den kurz vor der Laichzeit gefangenen Fischen Millionen von Eiern oder Keimen zu neuer Bevölkerung. Unsere veränderten Verkehrsverhältnisse, welche die Seefischerei begünstigen, tragen ebenfalls nicht wenig dazu bei, den Bestand der Süßwasserfische zu schädigen. Bevor es Eisenbahnen gab, hatte die falsche Vorstellung von der Unerschöpflichkeit der Gewässer eine scheinbare Berechtigung. Der Absatz der rasch verderbenden Fische beschränkte sich auf ein enges Gebiet; die dem Bedürfnisse genügende Menge von Fischen war leicht zu beschaffen und rücksichtslose Ausnutzung der Gewässer so gut als ausgeschlossen. Heutzutage versendet man Fische viele hunderte von Kilometern weit und ist schon infolge dessen nicht mehr im Stande, dem gesteigerten Bedarfe Genüge zu leisten; die Vertheuerung der Lebensbedürfnisse wirkt selbstverständlich auch auf die Fischer zurück und zwingt diese, der Nothwendigkeit des Augenblickes gehorchend, ohne Rücksicht auf die Zukunft die Gegenwart zu verwerthen. Engmaschige Netze und unter Wasser angewandte Sprengstoffe, überhaupt Wahllosigkeit der Vertilgungsmittel alter wie junger Fische, sind die Folge davon. Dem gewerbsmäßigen Fischer verkümmert der Fischdieb die ohnehin spärliche Beute, und der eine wie der andere will ernten, ohne zu säen. »Dem Nahrungsstoffe gegenüber«, sagt Karl Vogt, »welcher in Gestalt von Fischen in den Gewässern umherschwimmt, stehen wir ganz auf dem Standpunkte des Jägers und höchstens auf demjenigen des Nomaden, der allenfalls für seine Herde gesicherte Ruheplätze sucht, alles übrige aber dem Walten der Natur überläßt. Was diese uns ohne weitere Anstrengung in den Gewässern liefert, beuten wir aus, so gut wir können. In den Süßgewässern legen wir höchstens Fischteiche an, in denen wir meist den Fischen es überlassen, ihre Nahrung sich zu suchen.« Unsere Gesetze sind noch viel zu unvollständig, zu neu, zu wenig dem allgemeinen Bedürfnisse entsprechend, als daß sie allen erkannten Uebelständen abhelfen könnten, und selbst die zweckmäßigen Bestimmungen werden nur allzu oft mißachtet, die gerechtfertigsten Ge- oder Verbote umgangen. Es ist höchste Zeit, eine fördernde Hand anzulegen, Fischschonung und Fischzucht allgemein zu betreiben, um dem zunehmenden Nothstande so viel als möglich zu begegnen. Letzteres ist gewiß nicht leicht, aber doch auch keineswegs unmöglich.

Unsere neueste Fischereiordnung gibt im allgemeinen die zweckentsprechenden Mittel an die Hand, um den Fischbestand zu heben. Sie verbietet Störung und Beunruhigung der Laichplätze und Zugänge zu denselben, ungeeignete, insbesondere allzu engmaschige Netze und andere schädliche Fangwerkzeuge oder Fangmittel, die Ableitung giftiger Stoffe in Bäche und Flüsse, ordnet die Anlage von sogenannten »Lachsleitern« an, bestimmt Schonzeiten der einzelnen Fischarten usw., trifft aber einerseits die Fischer hart und gewährt anderseits bei weitem noch nicht genügende Mittel, um die Ausführung des Gesetzes zu überwachen. So wird die gute Absicht des Gesetzgebers zum großen Theile vereitelt werden, so lange nicht jeder einzelne bestrebt ist, zu gunsten aller Betheiligten zu wirken und zu handeln. Es wird daher von Seiten der Regierungen mit vollem Rechte auf die Bildung von Fischereigenossenschaften hingewirkt, und in der Hand solcher wird es liegen, ohne erhebliche Schädigung des einzelnen Einrichtungen zu treffen, welche allen zu gute kommen. Jede derartige Vereinigung verständiger Männer muß unserer Fischerei zum Nutzen gereichen, und wäre es auch nur dadurch, daß der einzelne zum Nachdenken über den hochwichtigen Gegenstand angeregt, zur Unterstützung der gemeinsamen Bestrebungen angespornt, zur Beobachtung der Fische und ihres Lebens hingeleitet wird.

Gerade in letzterer Hinsicht bleibt noch viel zu thun übrig. Ueber die Lebensweise und Lebensbedingungen aller übrigen Wirbelthiere wissen wir mehr und sichereres als über das Thun und [19] Treiben, die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Fische. »Viele wichtige Fragen, über welche weder die Fischer noch die Gelehrten im klaren sind, und deren Entscheidung von der größten Wichtigkeit für die Hebung der Fischerei ist«, bemerkt Benecke, »harren noch der Lösung. Die Bedingungen, an welche sich in verschiedenen Gewässern das Gedeihen der Fische knüpft, sind uns noch ebenso unbekannt wie die beliebteste und zuträglichste Nahrung einzelner, ja der meisten Arten. Dies ist wohl einer der Hauptgründe, daß manche mit reichen Mitteln ins Werk gesetzte Versuche, werthvolle Fische hier oder dort einzubürgern, gänzlich mißlungen sind. Ueber den Grund des plötzlichen Absterbens der Fische in Flüssen und Seen sind wir noch gänzlich im unklaren. Die Ursachen, welche die Fische mitunter zu plötzlichen ungewohnten Wanderungen antreiben, so daß z.B. die Aale, welche sonst zur Winterzeit im Schlamme verborgen liegen, zur selben Zeit in den Haffen frei umherschwimmen und in den großen Wintergarnen gefangen werden, sind uns noch durchaus unbekannt. Was also in den verschiedenen Gewässern zur Vermehrung des Fischbestandes geschehen muß, kann nur durch Sachverständige ermittelt werden, welche ihre volle Kraft der Beobachtung der Fische widmen.« Frankreich, England und Amerika stehen in dieser Beziehung hoch über uns, indem in allen genannten Staaten Mittel bewilligt werden, denen gegenüber die von den deutschen Regierungen ausgeworfenen höchst unerheblich erscheinen.

Ein vielfach überschätztes, aber doch keineswegs unwirksames Mittel, unsere Flüsse und Bäche wiederum zu bevölkern, beruht in der sogenannten künstlichen Fischzucht, welche in China schon seit Jahrhunderten geübt, in Europa dagegen erst im Anfange des vorigen Jahrhunderts entdeckt wurde. Seit dem Jahre 1733 hatte sich Jacobi, ein Landwirt in Lippe-Detmold, mit der künstlichen Befruchtung des Forellenlaiches beschäftigt, dreißig Jahre später die von ihm gewonnenen Ergebnisse veröffentlicht. Seine Entdeckung gerieth, obwohl sie von Buffon, Duhamel und anderen Gelehrten bestätigt wurde, fast gänzlich in Vergessenheit; die durch ein Menschenalter fortgesetzten Zuchtergebnisse des Thüringer Pfarrers Armack im Westkreise Sachsen-Altenburgs wurden nicht veröffentlicht, und man erinnerte sich ihrer erst wieder, als 1837 Shaw in Schottland, 1848 Remy in Frankreich und 1850 Sandungen in Norwegen selbstständig dasselbe Verfahren aufgefunden hatten. Nun war es zuerst die französische Regierung, welche die erforderlichen Mittel bewilligte, um Versuche in großem Maßstabe anzustellen, und Coste's Bemühungen gelang es, die erste namhafte Fischbrutanstalt zu Hüningen im Elsaß zu gründen. Gemeinden und Grundbesitzer Frankreichs beeilten sich, dem gegebenen Beispiele zu folgen; in England und Amerika nahm man sich der hochwichtigen Angelegenheit mit Eifer und Erfolg an, und nunmehr kam man auch in Deutschland und Oesterreich-Ungarn, woselbst gegenwärtig eine nicht unerhebliche Anzahl theilweise sehr bedeutender Fischbrutanstalten bestehen, auf die deutsche Entdeckung zurück.

»Die künstliche Fischzucht«, fährt Benecke fort, »begann ihre Wirksamkeit mit der Befruchtung des Laiches lachsartiger Fische, und noch heutigen Tages ist der größte Theil der Fischbrutanstalten fast ausschließlich dem Lachse und seiner Verwandtschaft gewidmet. Man hat gerade bei diesen Fischen oft Gelegenheit, ihr Verhalten auf den natürlichen, in flachem, schnell fließendem Wasser gelegenen Laichplätzen zu beobachten. Sobald ein Weibchen seine verhältnismäßig großen Eier in fortdauerndem Strahle zu entleeren beginnt, entledigt sich auch ein Männchen seines Samens, welcher sich in Form weißer Wolken im Wasser auflöst. In jedem Tröpfchen des Samens oder der sogenannten Milch, welche in reichlicher Menge ergossen wird, finden sich zahllose äußerst kleine Samenkörperchen, welche in ihrer Gestalt Kaulquappen mit dickem Kopfe und dünnem Schwanze sehr ähnlich sind, durch Schlängelung des letzteren äußerst lebhaft sich bewegen und, wenn sie in ein Ei eindringen, dasselbe befruchten. Alle nicht befruchteten Eier sterben in kürzerer oder längerer Zeit ab, ohne einen Keimling zu entwickeln. Da nun beim natürlichen Laichen der Fische Roggen und Milch vom Strome erfaßt und über den Grund verstreut werden, kommt, wie bereits bemerkt, oft nur ein sehr geringer Theil der Eier mit dem Samen in Berührung, wogegen man es bei der künstlichen Befruchtung ganz in der Hand hat, die sämmtlichen Eier mit der Milch zu umspülen.«

[20] Nicht wenige Fischzüchter scheinen noch heutigen Tages an der Ansicht festzuhalten, daß die künstliche Fischzucht beträchtliche Ausgaben und bedeutende Vorkenntnisse erfordere, um mit Erfolg betrieben zu werden, während die Sache an und für sich selbst sehr einfach ist und sich überall anwenden läßt, wo man einen Bach reinen Quellwassers von annähernd gleicher Wärmehaltigkeit mit starker Strömung und kiesigem Grunde zur Verfügung hat. Von diesem Bache aus, welcher übrigens auch durch einen starken Zufluß von Quellwasser ersetzt werden kann, speist man mehrere in einem gewissen Verhältnisse zunehmende, tiefe, auch im Winter frostfrei bleibende Teiche, welche nöthigenfalls angelegt oder doch von allem Schlamme gereinigt und mit schattengebenden Büschen bepflanzt, auch mit hohl liegenden Steinen, den Schlupfwinkeln für die Fische, belegt werden müssen. In diesen Teichen hält man die Laichfische, beispielsweise Forellen verschiedener Jahrgänge, derart, daß man immer die gleichgroßen in einen und denselben Teich zusammenbringt, versieht sie mit entsprechendem Futter, beaufsichtigt sie und versucht, sie nach Kräften vor allen Feinden zu schützen, damit sie zur Laichzeit vollkommen gesund und kräftig sind. Beabsichtigt man andere Lachsarten ihres Samens zu berauben, so setzt man diese kurz vor der Verwendung in gedachte Teiche oder in Fischkästen.

An einer günstigen Stelle, an welcher ein sich vorfindender oder anzulegender Arm des Baches vorüberführt und sehr rasche Strömung stattfindet oder erzielt werden kann, errichtet man ein kleines Blockhaus mit dichten, gegen den Frost schützenden Wänden und Dache, welches im Inneren so viel Licht erhält, als zur Untersuchung der ihm anzuvertrauenden Bruteier erforderlich ist. Im Inneren dieses Blockhauses wird eine Röhrenleitung angebracht, welche eine nach Bedürfnis oder Belieben geringere oder höhere Anzahl von kleinen Brutbecken ununterbrochen mit Wasser versieht. Für den Nothfall genügt ein gewöhnliches Brunnenhäuschen, selbst ein Eisschrank dem beabsichtigten Zwecke. Die Brutbecken selbst können bestehen aus hölzernen Kästen mit hölzernem oder gläsernem Boden, aus kachelartigen, gebrannten Thonbecken, aus aufgemauerten kleinen, flachen Teichen, aus pfannenartigen Gefäßen, Wannen usw., dürfen eine handliche Größe nicht übersteigen und müssen so angeordnet sein, daß sie leicht zugänglich bleiben und ohne Schwierigkeiten versetzt werden können.

Ist die Laichzeit wirklich eingetreten, so strotzen die Geschlechtswerkzeuge der männlichen und weiblichen Fische von Milch und Roggen, und es genügt dann bei den meisten Lachsarten die leiseste Berührung der Unterseite des Leibes zur Entleerung der Zeugungsstoffe; somit bedarf es nur einer sehr einfachen Handhabung der Fische, um Milch und Roggen zu entleeren und bezüglich zu befruchten. Man nimmt ein flaches Gefäß aus Thon oder Porzellan, bringt die bis zum Gebrauche in großen Kübeln zu bewahrenden, möglichst nach dem Geschlechte zu trennenden Zuchtfische herbei, faßt einen Roggener mit der linken Hand vorsichtig am Vordertheile des Leibes, über welchen man ein trockenes Tuch gebreitet hat, läßt ihn durch einen Gehülfen am Schwanze halten, um das Schlagen des Fisches unmöglich zu machen, und streicht mit der rechten Hand leise längs des Bauches von vorn nach hinten, so lange die in einem Strahle ausspritzenden Eier ohne Anwendung jeglicher Gewalt sich entleeren. Gleichzeitig verfahren zwei Gehülfen ebenso mit einem Milchner, und es werden somit in einem und demselben Augenblicke Eier und Samen in dem Gefäße aufgefangen. Hier nun genügt ein unbedeutendes Schütteln des Gefäßes oder vorsichtiges Umrühren des Roggens mit der Hand oder mittels einer Federfahne, um die Milch so zu vertheilen, daß ein großer Theil der Eier befruchtet wird, weit besser und vollkommener, als dies bei den im Freien selbstlaichenden Fischen möglich ist. Da die Lachsfische niemals mit einem Male ihrer Zeugungsstoffe sich entledigen, hat man bei denjenigen Arten, welche man ohne Schwierigkeiten halten kann, dasselbe Verfahren in Zwischenräumen von drei bis fünf Tagen zu wiederholen, die Zuchtfische also inzwischen entsprechend aufzubewahren.

»Hat man«, lehrt Benecke, »Milch und Roggen genügend vermischt, so füllt man die Schale mit Wasser von derselben Wärme wie dasjenige, in welchem die Fische vorher gehalten worden sind, [21] läßt die Samenstoffe eine Viertel- bis eine halbe Stunde in Ruhe, gießt hierauf das milchig getrübte Wasser ab und erneuert es vorsichtig so lange, bis es klar bleibt. Die Eier erscheinen nun, weil sie sich voll Wasser gesogen haben, weit größer als bei ihrem Austritte aus dem Leibe des Weibchens. Während sie vorher zwischen Dotter und Schale keinen Zwischenraum erkennen ließen, sieht man jetzt innerhalb der prall gespannten Eihaut einen weiten, mit klarem Wasser erfüllten Raum, in welchem der Dotter frei schwimmt. Mit dem Wasser zugleich sind Samenkörperchen eingedrungen und haben die Befruchtung vollzogen. Nach kurzer Zeit bemerkt man Veränderungen an den Eiern und damit den Beginn der Entwickelung des Keimlinges.

Soll einer beträchtlichen Menge von Fischen der Laich genommen werden, so kann man sehr wohl erst den Roggen einer größeren Anzahl von Weibchen in eine, die Milch einer entsprechenden Anzahl von Männchen in eine andere Schale abstreichen und dann gleich die ganze Masse von Laich mischen. Auch ist es möglich, getödtete Fische, wenn sie kühl aufbewahrt worden sind, noch zwei bis drei Tage nach ihrem Tode wie lebende zur künstlichen Befruchtung ihres Laiches zu verwenden; man kann sogar, was unter Umständen sehr wichtig ist, in trockene Flaschen abgestrichenen Laich, Roggen wie Milch, mehrere Tage lang aufbewahren, falls man die Flaschen bis zum Rande füllt, gut verkorkt und im Kühlen beläßt. Bei der beschriebenen Vermischung des Laiches muß jedes Ei von Samenkörperchen umgeben sein, und letztere müssen beim Einsaugen des zugegossenen Wassers mit Sicherheit in dasselbe eindringen. Kommen dagegen Roggen und Milch getrennt von einander in das Wasser, so büßen sie sehr rasch ihre Lebenskraft ein: die Eier füllen sich mit Wasser und können dann die Samenkörperchen nicht mehr ansaugen; die letzteren verlieren bald ihre Beweglichkeit und damit ihre befruchtenden Eigenschaften. Gerade aus diesem Grunde hat man die früher geübte Behandlungsweise des Laiches, Milch und Roggen gleichzeitig ins Wasser fallen zu lassen, aufgegeben.«

Wollte man nun die künstlich befruchteten Eier auf den natürlichen Laichplätzen der Fische ihrem Elemente übergeben, so würde man allerdings schon sehr nützlich gewirkt haben, indem man ungleich mehr befruchtete Eier, als die Fische selbst erzielen können, ausgesetzt hätte; allein die bereits erwähnten Gefahren, denen die Eier ausgesetzt sind, erfordern nunmehr ihre Unterbringung in Brutbecken.

Ihre Entwickelung hängt davon ab, daß man sie beständig mit frischem Wasser versieht, also einen ununterbrochenen Zufluß desselben erhält und vor schädlichen Einwirkungen so viel als möglich sichert. Die Wärme des Brutraumes darf, obschon die Eier durch den Frost nicht leicht getödtet werden, nicht bis zum Gefrierpunkte hinabsinken, sondern muß womöglich auf einer Höhe von 4 bis 6 Grad Reaumur erhalten werden; sie darf aber auch nicht höher sein, weil sonst die Entwickelung des Eies beschleunigt wird und die Jungen bei uns zu Lande zu frühzeitig ausschlüpfen, bezüglich vor Eintritt des Frühjahres ihren Dottersack aufgezehrt haben und sodann als vollkommene Fischchen unter der geringen Wärme leiden. Nicht minder wichtig ist die beständige Zuführung von lufthaltigem Wasser, weil auch das sich entwickelnde Ei athmet, das heißt ein Stoffwechsel in ihm stattfindet, indem es aus der dem Wasser beigemengten Luft Sauerstoff einsaugt und Kohlensäure ausscheidet. Die Versorgung des Wassers mit Luft oder Sauerstoff bewirkt man einfach dadurch, daß man dem zufließenden Wasser starkes Gefälle gibt oder es durch eine feinmündige Röhre mit einiger Gewalt in die Brutbecken einströmen läßt und so einen scharfen Strahl erzeugt, durch welchen Luft ins Wasser gerissen wird. Demgemäß empfiehlt es sich, für jede Reihe von Brutgefäßen eine besondere Zuflußröhre zu legen; denn wenn auch das von der oberen Brutkachelreihe abfließende Wasser zur Speisung einer zweiten Reihe usw. benutzt werden kann, so wird doch durch solches Verfahren die Entwickelung der in den unteren Reihen liegenden Eier erfahrungsmäßig verzögert und die Arbeit des beaufsichtigenden Züchters vermehrt. Erfüllung der eben genannten Bedingung führt mit Sicherheit ein günstiges Ergebnis herbei. Doch hat man noch eins zu beobachten: es gilt auch, die Feinde oder die schädlichen Einwirkungen abzuhalten. [22] Daß der Brutraum nach außen hin dicht abgeschlossen und kleinen Feinden, namentlich Wasserspitzmäusen, unzugänglich gemacht werden muß, versteht sich von selbst. Diese Räuber sind jedoch nicht die schlimmsten Feinde der Eier; sie hat der Züchter vielmehr in Schmarotzerpflanzen, gewissen Pilzen, zu suchen, welche die Eier überziehen und abtödten. Namentlich während der ersten Tage der Entwickelung hat man alle Sorgfalt auf genaueste Durchmusterung der Bruteier zu verwenden und jedes verdorbene, durch weißliche Trübung sich auszeichnende Ei sofort zu entfernen. Dies geschieht mit einem kleinen federnden Zängelchen oder mit einem Stichheber, lernt sich sehr leicht und nimmt verhältnismäßig wenig Zeit in Anspruch, falls die Bruteinrichtung bequem genug ist. Ein einigermaßen geübter Züchter wird während der ersten Tage mit etwa hunderttausend Eiern kaum länger als eine Stunde zu thun haben. Um die Verbreitung des verderblichen Schimmels nach Möglichkeit zu hindern, empfiehlt es sich, das einfließende Wasser vorher durch feinwebige Tücher abzuseihen, auch die Eier vermittels eines weichen Pinsels aus Dachshaaren täglich von dem auf ihnen sich absetzenden Niederschlage des Wassers zu reinigen. Bis in die neueste Zeit bedeckte man, Jacobi's Vorgange folgend und von der Absicht geleitet, den natürlichen Hergang möglichst genau nachzuahmen, den Boden der Brutgefäße mit Sand; neuerdings ist man hiervon gänzlich abgekommen, weil die Eier durchaus kein weiches Bett bedürfen und der Sand die Leichtigkeit der Beaufsichtigung wesentlich beeinträchtigt. Mit der zweiten Hälfte der Entwickelung, dem Sichtbarwerden der Augen, welche als zwei unverhältnismäßig große Punkte durch die Eischale schimmern, ist das schlimmste überstanden, und geht die weitere Entwickelung nunmehr gewöhnlich regelmäßiger und minder beeinflußt vor sich. In diesem Zustande kann man die Eier, sorgfältig in feuchtes Moos gepackt, weit versenden, sogar aus einem Erdtheile nach dem anderen bringen.

Je nach der Wärme des Brutraumes und des Wassers, welches man anwendet, schlüpft das Junge früher oder später aus, selten vor Ablauf der sechsten, zuweilen erst in der achten Woche, und nunmehr geschieht die Weiterentwickelung so, wie oben beschrieben. So lange das Fischchen noch seinen Dottersack am Bauche trägt, bedarf es keiner Nahrung; sobald dieser aber aufgezehrt und der Bauch eben geworden ist, stellt sich das Bedürfnis nach Nahrung ein. Schon etwas früher hat der Züchter seine erzielten Jungen in größere, selbstverständlich ebenfalls mit beständigem Zufluß versorgte Becken gebracht, indem er das Brutgefäß selbst vorsichtig entleerte oder, was besser, in das größere Becken so versenkte, daß es vollständig unter Wasser steht. So lange die Fischchen noch von ihrem Dottersacke zehren, liegen sie fast bewegungslos am Grunde; sowie das Bedürfnis nach Nahrung eintritt, regen sich bei ihnen auch schon die entschiedensten Raubgelüste. Jetzt werden ihnen alle oben genannten Thierchen zur Beute. Im Freien müssen sie sich ihre Beute selbst erwerben; in dem ihnen vom Züchter angewiesenen engen Raume hat jener zu sorgen und, da es seine Schwierigkeit hat, ihnen das natürliche Futter zu verschaffen, sie durch ein Ersatzfutter zu ernähren. Hierzu eignet sich am besten getrocknetes und fein geraspeltes Rind-, Schaf-oder Pferdefleisch, der ebenso zu behandelnde, von den genannten Thieren herstammende Blutkuchen, das Hirn und Eidotter; nur muß der letztere stets in sehr geringer Menge gegeben werden. Von dieser Nahrung wirft man mehrmals täglich einige Messerspitzen auf das Wasser und beobachtet nun den Abgang, um die erforderliche, stetig wachsende Menge des Futters festzustellen. Sind die kleinen Lachse bereits etwas herangewachsen, so fügt man Ameisenpuppen, weiße Würmer und nach und nach alle dem Züchter bekannten oder unbekannten Würmer und Kerbthiere hinzu, so viel man deren erlangen kann. Während der Fütterung mit dem gedachten Ersatzfutter, welche so lange fortgesetzt werden muß, als man die Fischchen in engeren Becken hält, hat man vor allen Dingen darauf zu sehen, daß der Strom des durchgehenden Wassers kräftig genug sei, weil im entgegengesetzten Falle leicht ein aus diesen Stoffen bestehender Bodensatz sich bildet, beim Verfaulen einen schleimigen Ueberzug des Bodens hervorruft und vielen Fischen den Tod bringt. Nach allen bis jetzt gesammelten Erfahrungen erscheint es überhaupt am vortheilhaftesten, die ausgeschlüpften [23] Fischchen, sobald die Witterung erlaubt, in einen verhältnismäßig großen, gut gereinigten Teich oder, falls man darüber verfügt, in mit Quellwasser gespeiste Wiesengräben zu bringen. Hier wie dort geht zwar die Hälfte der eingesetzten Fischchen verloren; es wird jedoch durch jenes Verfahren so viel an Arbeitskraft erspart, daß der Verlust sich mehr als ausgleicht. Nachdem die Fischchen endlich die geeignete Größe erlangt haben, übergibt man sie denjenigen Gewässern, in denen sie später leben sollen.

Ganz anders als für die Eier der Winterlaichfische gestaltet sich das Verfahren der künstlichen Fischzucht für die Eier der in der warmen Jahreszeit laichenden Arten, beispielsweise der Karpfen im weitesten Sinne. Sie setzen ihren Laich an den flachen Ufern der Gewässer ab und heften ihn mittels eines eigenartigen Klebstoffes an Blätter und Stengel verschiedener Wasserpflanzen. Da gedachte Eier, laut Benecke, schon in fünf bis acht Tagen ausschlüpfen und die jungen Fischchen nur einen kleinen Dottersack mitbringen, also sofort nach dem Ausschlüpfen weit beweglicher sind als die aller Lachsarten, so genügt diese Befestigung, um sie vor dem Untersinken zu bewahren. In Teichen also, welche von Raubfischen frei sind und nicht von Enten besucht werden, bedarf es daher keiner weiteren Hülfsmittel, um die Entwickelung der Eier zu sichern. Wünscht man aber in größeren Gewässern, welche man von Raubfischen und laichfressenden Vögeln nicht frei zu erhalten vermag, das Gedeihen der Eier karpfenartiger Fische zu befördern, so kann dies am besten dadurch geschehen, daß man vor dem Laichen auf den bekannten Laichplätzen Tannenreiser versenkt und diese nachher in kleine, leicht zu beaufsichtigende, an Nahrung für die erhoffte Brut reiche Zuchtteiche überträgt, um die kleinen Jungen hier bis zum ersten Herbste zu pflegen. Eine künstliche Befruchtung des Laiches der Karpfenarten ist aus dem Grunde nicht erforderlich, als man natürlich befruchtete Eier in Menge aufsammeln kann.

Da die künstliche Fischzucht erst seit sehr kurzer Zeit ausgeführt wird, lassen sich ihre Ergebnisse zur Zeit kaum noch beurtheilen. So viel aber darf wohl behauptet werden, daß sie eines der erfolgreichsten Hülfsmittel zur Vermehrung unseres gesunkenen Fischbestandes werden kann und wird.

Man kennt etwa neuntausend der Gegenwart angehörige und ungefähr zweitausend vorweltliche Fische, da diese Wirbelthiere als die unvollkommensten von allen und als entschiedene Wasserbewohner früher als die höher ausgerüsteten auf der Erde erscheinen und schon unsere Urmeere bevölkern konnten. In den ältesten Bildungen der Erdrinde kommen nur Knorpelfische vor, Haie und Rochen, Schmelzschupper und eigenthümliche Panzerfische; später treten Schmelzschupper mit knöchernem Gerippe auf, an ihrer Stelle aber nach und nach die Knochenfische, welche gegenwärtig den größten Theil der Klasse ausmachen.

Ueber die Rangordnung der Fische kann man sehr verschiedener Ansicht sein, weil gerade die Knorpelfische, welche man am tiefsten stellt, in der Entwickelung ihrer Fortpflanzungswerkzeuge eine höhere Ausbildung zeigen als die Knochenfische, nämlich bis zu einem gewissen Grade an die Meersäugethiere erinnern. Auch die Begrenzung anderer Ordnungen, Familien und Sippen ist sehr schwierig und keineswegs noch mit vollkommener Sicherheit festgestellt. Die im nachstehenden befolgte Eintheilung entspricht im wesentlichen der von den meisten Fischkundigen getheilten Auffassung.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 1-25.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Strindberg, August Johan

Gespenstersonate

Gespenstersonate

Kammerspiel in drei Akten. Der Student Arkenholz und der Greis Hummel nehmen an den Gespenstersoirees eines Oberst teil und werden Zeuge und Protagonist brisanter Enthüllungen. Strindberg setzt die verzerrten Traumdimensionen seiner Figuren in steten Konflikt mit szenisch realen Bildern. Fließende Übergänge vom alltäglich Trivialem in absurde Traumebenen entlarven Fiktionen des bürgerlich-aristokratischen Milieus.

40 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon