Molchfisch (Protopterus annectens)

[28] Die bekannteste der beiden Arten ist der Molchfisch, wie ich ihn nennen will, von den Negern des Weißen Niles »Doko« und »Komtok« genannt (Protopterus annectens, anguilli-formis, aethiopicus und rhinocryptis, Lepidosiren annectens, Rhinocryptis amphibia); ein Fisch von Meterlänge. Seine Gestalt ist aalartig, aber gedrungener; an Stelle der Brust- und Bauchflossen stehen lange, etwas zusammengedrückte, fadenartige Flossen von Spannenlänge mit strahligem Randsaume; die Rückenflosse, welche ungefähr auf der Mitte des Oberleibes beginnt, verschmilzt am Schwanze mit der Bauchflosse. In dem eher kleinen als großen, quer gestellten Maule, welches die Nase überragt, stehen vier starke, kegelförmige, etwas bewegliche Eckzähne. Zwischen den sechs Kiemenbogen finden sich fünf Kiemenspalten. Der Leib ist mit kleinen Schuppen bekleidet und zeigt auf dunkelbraunem, nach unten lichter werdendem Grunde zahlreiche rundliche, verwaschene Flecke von grauer Färbung. Das Auge hat kastanienbraune Färbung.

»Der Doko oder Molchfisch, welcher bekanntlich in ganz Mittel- und Innerafrika vorkommt«, schreibt Heuglin, »lebt auch im Weißen Nile und seinen Zuflüssen südlich vom neunten Grade nördlicher Breite und scheint hier überall häufig zu sein. Man findet den sonderbaren Fisch im Schlamme, seltener im freien Wasser; aber er nähert sich des Nachts häufig den Barken, wohl um den Auswurf derselben aufzufressen. Während der trockenen Jahreszeit hält er sich in wahrscheinlich selbstgegrabenen, mehr als metertiefen, wage- oder senkrechten Löchern im hohen Gestade der Regenbecken, auch wohl in feuchtem Laube auf und verläßt seine Behausung nur zur Nachtzeit, um Frösche, Weichthiere und Krabben zu fangen, welche seine Hauptnahrung ausmachen. Während der Regenzeit bahnt er sich förmliche Wege im Schlamme. Seine Bewegungen auf dem Boden sind nicht sehr behend, aber kräftig; doch sieht man, daß er einige Mühe hat, über größere Erhabenheiten sich wegzuschieben, was durch Aufrichten des Vorderlei bes und Nachschieben mittels des aalartig nach rechts und links sich windenden Schwanztheiles geschieht. Selten sieht man mehrere beisammen, weil sie im höchsten Grade unverträglich sind, sich, wenn sie sich zufällig begegnen, sofort bekämpfen und auch regelmäßig so arg zurichten, daß man selten Stücke findet, welche noch einen vollständigen Schwanz haben. Auch dem Menschen gegenüber setzt sich der Doko zur Wehre, beißt, wenn man zufällig auf ihn tritt, und zischt dabei wie eine Schlange, an welche er auch in der Behendigkeit seines Fortgleitens erinnert. Die Neger fangen ihn mit dem Wurfspeere, weil sie sein leckeres Fleisch gern essen. Doch beißt er auch in die Angel.«

[28] Wenn die Wohngewässer des Molchfisches austrocknen, hüllt er sich in eine aus Schlamm bestehende Kapsel ein und verbringt in dieser die Zeit der Dürre. Seit einigen Jahren kommen lebende Fische dieser Art nicht selten nach Europa und zwar in solchen Kapseln. Sie liegen hier zusammengerollt, den Schwanz theilweise über das Haupt geschlagen und derart auf einen so geringen Raum beschränkt, daß man von dem Umfange des Schlafraumes kaum auf die Größe des Fisches schließen kann. Die Wände der Kapsel bestehen aus gewöhnlichem Schlamme, das Innere aber ist mit einer schleimigen Masse überkleidet.


Molchfisch (Protopterus annectens). 1/3 der nat. Größe.
Molchfisch (Protopterus annectens). 1/3 der nat. Größe.

Wie lange der Winterschlaf währt, weiß man nicht, wohl aber so viel, daß das Thier mehrere Monate lang in dem engen Gefängnisse verweilen kann, ohne Schaden zu nehmen.

Bringt man nun eine dieser Kapseln in ein Becken mit Wasser, dessen Wärme der eines mittelafrikanischen Gewässers ungefähr entspricht, so zeigt sich der alsbald ins Leben zurückgerufene Fisch, dessen Umhüllung rasch sich auflöst, anfänglich außerordentlich träge, gleichsam schlaftrunken; schon nach Verlauf einer Stunde aber ist er vollständig munter und nunmehr auch rege geworden, obwohl er jetzt noch die dunklen Stellen seines Beckens aufsucht und sehr viel auf dem Grunde desselben sich aufhält. Nach einigen Tagen regt sich der Hunger, und fortan macht ihn jede Bewegung der Wasseroberfläche aufmerksam, weil er in dem Urheber der Bewegung eine Beute vermuthet. Gewandt und zierlich, Flossen und Rückensaum abwechselnd regend, steigt er schlängelnd zur Oberfläche empor und sucht hier nach der Beute, nimmt auch ein ihm vorgehaltenes Thier oder ein Fleischstück sofort in Empfang, verschlingt es und kehrt wieder zu seinem früheren Aufenthalte zurück. Im Krystallpalaste zu London hat man mehrere Jahre lang Molchfische in [29] Gefangenschaft gehalten und ihr Betragen genau beobachtet. Einer dieser Fische lebte drei Jahre und würde länger ausgehalten haben, hätte man ihn in seinem Becken belassen können. Man fütterte ihn anfänglich mit Fleischstücken, welche man ihm vorwarf, nachdem man durch rasche Bewegung der Wasseroberfläche seine Aufmerksamkeit erregt hatte; später reichte man ihm Fische und Frösche zur Nahrung. Die Fleischbissen packte er mit seinen scharfen und kräftigen Vorderzähnen, bewegte hierauf lebhaft alle Theile seiner Schnauze, als ob er das Fleisch aussaugen wolle, biß währenddem kräftig zu, spie plötzlich den Bissen von sich, faßte ihn von neuem, verfuhr wie vorher und schlang ihn endlich hinab. Als man ihn in ein Becken brachte, welches bisher von Goldfischen bewohnt war, begann er sofort Jagd auf diese zu machen, und zwar nicht nur auf die kleineren Stücke, sondern auch auf solche, welche ihn an Größe übertrafen. Ungeachtet seiner langsamen Bewegungen nämlich wußte er sich jedes Fisches zu bemächtigen, den er sich ausersehen. Aufmerksam beobachtete er den über ihm schwimmenden Klassenverwandten, schlängelte sich zierlich von unten herauf, bis er dicht unter dem Bauche seines Opfers angelangt war, stürzte sich plötzlich vor und packte den unglücklichen Fisch gerade unter den Brustflossen, mit kräftigem Bisse ein entsprechendes Stück aus dem Leibe desselben reißend. Mit diesem im Maule sank er hierauf wieder zur Tiefe herab, während der tödtlich verwundete Fisch wenige Sekunden später entseelt auf der Wasserfläche schwamm. In derselben Weise übertölpelte er auch Frösche, und so hatte er sein reichbelebtes Becken sehr bald entvölkert. Da man seiner Raubgier vollständig Genüge that, nahm er sehr schnell an Größe und Gewicht zu: als fünfundzwanzig Centimeter langer Fisch war er ins Becken gebracht worden, drei Jahre später hatte er eine Länge von fast einem Meter und ein Gewicht von über drei Kilogramm erreicht.

In der Meinung, daß es ihm vielleicht nothwendig oder genehm sein möge, einen Theil des Jahres zu verschlafen, versorgte man diesen Doko reichlich mit passendem Lehme und Schlamme; er jedoch dachte gar nicht daran, das Wasser, in welchem er sich augenscheinlich sehr wohl befand, zu verlassen, und zeigte sich während der drei Jahre beständig munter und rege. Anders benahmen sich Molchfische, welche Dumeril pflegte. Sie begannen zu einer bestimmten Zeit, gegen Ende des September, unruhig zu werden, bewegten sich lebhaft, sonderten auffallend viel Schleim ab und waren bestrebt, in den feuchten Boden sich einzugraben. Ihr Pfleger kam ihnen zu Hülfe und versuchte, durch allmähliches Ablassen des Wassers in ihrem Behälter das Eintrocknen der heimischen Gewässer nachzuahmen. Nach drei Wochen war die Thonerde, welche den Bodensatz des Beckens bildete, erhärtet und an verschiedenen Stellen zerklüftet, von den Thieren selbst aber schon seit langem nichts mehr gesehen worden. Zweiundsechzig Tage später wurde der Boden untersucht und jeder Fisch in seiner Kapsel aufgefunden. Beide Fische gaben, als man die Kapseln öffnete, nur geringe Lebenszeichen und starben bald darauf ab.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 28-31.
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