Hornhecht (Belone vulgaris)

[253] Der Hornhecht, Grünknochen oder Geepen (Belone vulgaris und rostrata, Esox belone, Macrognathus scolopax, Hemirhamphus balthicus), die bekannteste, weil über alle europäischen Meere und weiter verbreitete Art, der ungefähr vierzig Glieder zählenden Sippe, erreicht eine Länge von einem Meter und darüber, bei selten mehr als einem Kilogramm Gewicht, und ist auf der Oberseite bläulichgrün, auf der unteren Seite silberweiß gefärbt.


Hornhecht (Belone vulgaris). 1/6 natürl. Größe
Hornhecht (Belone vulgaris). 1/6 natürl. Größe

Die Rückenflosse spannen siebzehn, die Brustflosse dreizehn, die Bauchflosse sechs, die Afterflosse einundzwanzig, die Schwanzflosse funfzehn Strahlen.

An den europäischen Küsten erscheint der Hornhecht gewöhnlich mit den Makrelen, gilt deswegen auch als deren Führer und trägt einen hierauf bezüglichen Namen. Je nach der Oertlichkeit trifft er in größerer oder geringerer Anzahl ein. Im Mittelländischen Meere ist er gemein, in den britischen Gewässern nicht selten, an der Küste von Cornwall oft sehr häufig, in der Nord- wie in der Ostsee eine gewöhnliche Erscheinung. Nach Couch nähert er sich dem Strande in der Regel in zahlreichen Heeren, schwimmt nahe der Oberfläche des Wassers mit schlängelnder Bewegung rasch dahin und gefällt sich in gewaltigen Sprüngen, welche er unter Umständen sehr oft wiederholt. Diese Art zu springen ist, wie Ball hervorhebt, sehr sonderbar. Der Fisch fährt nämlich senkrecht aus dem Wasser heraus und fällt mit dem Schwanze voran wieder ins Wasser zurück. Schwimmende Gegenstände, welche ihm in den Weg kommen, reizen seine Aufmerksamkeit oder [253] seinen Zorn. Couch sagt, daß er manchmal längere Zeit mit einem schwimmenden Reis- oder Strohhalme spiele, und Sloane berichtet von einem, welcher seine spitzige Schnauze so tief in ein Fischerboot stieß, daß er daran starb.

Yarrell bemühte sich vergeblich, durch eigene Untersuchung über die Nahrung des Hornhechtes ins klare zu kommen, erfuhr aber durch Couch, daß diese Fische nichts verschonen, was Leben hat und von ihnen, wenn auch mit Mühe, verschlungen werden kann. Selten würgt der Räuber die erfaßte Beute sofort nach dem Fange hinab, hält sie vielmehr fest und bemüht sich nun, sie nach und nach zu bewältigen. Obgleich er nicht im Stande ist, ein Stück abzubeißen, gelingt es ihm doch, einen Bissen zu zertheilen: man hat beobachtet, daß er einen Köder förmlich zersetzte. Bei den Anstrengungen, der Angel sich zu entledigen, bricht er stets den Mageninhalt mit aus, und so hat man erfahren können, daß kleinere Fische, beispielsweise Seestichlinge, am häufigsten von ihm verschlungen werden. Ueber die Fortpflanzung, welche in die letzten Monate des Frühlinges fällt, fehlen genaue Angaben. Clarke fand im Juni drei sehr kleine Hornhechte von zwei Centimeter Länge; Yarrell erhielt Junge von sechzehn Centimeter Länge im December.

Obgleich der Hornhecht, wenn er aus dem Wasser genommen wird, einen sehr unangenehmen Geruch von sich gibt und mageres und zähes Fleisch hat, welches man am liebsten zum Ködern der Angel verwendet, wird er doch viel gefangen. Auf den Londoner Fischmarkt gelangen zuweilen ansehnliche Ladungen dieser Fische, finden auch ihre Abnehmer, weil man sie theils aus Neugierde, theils des geringen Preises wegen kauft und sich beim Essen besonders noch an den durch das Kochen grün werdenden Knochen ergötzt. An der Ostseeküste verzehrt man ihn im frischen, eingemachten und geräucherten Zustande und bezahlt das Kilogramm seines Fleisches im ersteren Falle mit zwanzig, im letzteren mit sechzig Pfennigen, an der Nordseeküste dagegen durchschnittlich nur mit der Hälfte der angegebenen Werthe. Zum Fange verwendet man entweder Häringsnetze oder die Angel oder einen Handspeer mit gegen zwanzig Spitzen, letzteren jedoch nur des Nachts bei Fackelscheine, welcher die Fische herbeizieht. Auf den Ionischen Inseln bedient man sich, laut Tonna, eines aus drei Bambusstöcken zusammengesetzten dreieckigen Fahrzeuges, in dessen Mitte ein Mast mit lateinischen Segeln gesetzt wird. Der Fischer begibt sich bei Landwind auf einen vorspringenden Felsen der Steilküste, macht sein eigenthümliches Fahrzeug flott und läßt es auf das Meer hinausschwimmen, so weit eine lange, dünne Schnur, welche er in der Hand behält, es zuläßt. An dieser Schnur sind in Abständen von einem oder zwei Faden Korkstücke und an ihnen geköderte Angeln mittels feinerer Schnüre befestigt. Wenn der Hornhecht anbeißt, zieht er die Korkstücke mit Heftigkeit in die Tiefe, scheint sich dann aber in sein Schicksal zu ergeben und gestattet somit dem Fischer, zu warten, bis zehn oder zwölf sich gefangen haben; sodann zieht dieser die Leine ein, löst die Fische von den Angeln, ködert letztere von neuem und läßt das Schifflein wiederum aufs Meer hinausschwimmen. Tonna versichert, auf Paxo einem Knaben zugesehen zu haben, welcher binnen einer halben Stunde auf diese Weise funfzig bis sechzig Hornhechte fing. Ich gebe diesen Bericht wieder, obgleich eine Stelle desselben mit den Angaben anderer im Widerspruche steht. Die mit der Angel gefangenen Hornhechte sollen sich nämlich keineswegs so ohne weiteres in ihr Schicksal ergeben, sondern wie rasend geberden und die größten Anstrengungen machen, um von dem lästigen und gefährlichen Haken sich zu befreien. Gelingt ihnen dies, so tummeln sie sich oft in der sonderbarsten Weise minutenlang nahe der Oberfläche des Wassers umher, gleichsam um ihrer Freude, der drohenden Gefahr entronnen zu sein, nach ihrer Art Ausdruck zu geben. In Netzen gefangene Hornhechte sterben ab, sobald man sie aus dem Wasser hebt, rasen sich auch in Gefäßen alsbald zu Tode und lassen sich daher in engerem Gewahrsame nicht am Leben erhalten.


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Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 253-254.
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