Gemeine Maulwurfsgrille (Gryllotalpa vulgaris)

[562] Die zahlreichen volksthümlichen Namen, wie Werre, Reutwurm, Reitkröte, Erdwolf, Moldworf, Erdkrebs und andere, womit man die Maulwurfsgrille (Gryllotalpa vulgaris) belegt, deuten darauf hin, daß man sich um dieses Thier kümmert, sei es wegen des Schadens, den es anrichtet, sei es wegen des wunderlichen Ansehens, durch welches es ein Zerrbild des Maulwurfes darstellt. Vom Körperbaue sei nur bemerkt, daß hinten die vom Rücken herab zwischen die Raifen gehende Bogenlinie die Gräten, also die Spitzen der Hinterflügel sind, vorn außer den Fühlern die fünfgliederigen Kiefertaster auffällig hervorragen und auf dem Scheitel zwei glänzende Nebenaugen stehen. Der braune Körper ist mit Ausnahme der Augen, der Bewehrung an den Beinen, der Flügel sowie des durch sie geschützten Rückentheiles von einem rostbraunen, seidenglänzenden, ungemein kurzen Filze bedeckt. Das Weibchen hat keine Legröhre und unterscheidet sich vom anderen Geschlechte durch etwas anders gebildete letzte Bauchschuppen.

Die Maulwurfsgrille bewohnt nach den vorliegenden Erfahrungen vorzugsweise einen lockeren, besonders sandigen Boden und zieht trockenen dem nassen vor; im sogenannten fetten, schweren Erdreiche trifft man sie selten und vereinzelt an. Im norddeutschen Tieflande dürfte sie daher eine allgemeinere Verbreitung haben als im hügeligen oder gebirgigen Süden. Sie ist, wo sie einmal haust, gefürchtet und mit Recht, nur gehen die Ansichten über die Veranlassung des Schadens auseinander. Der bisher geltenden Meinung, daß sie die Wurzeln verzehre, treten in neueren Zeiten mehrere Beobachter mit der Behauptung entgegen, daß sie Gewürm, Engerlinge, ja ihre eigene Brut zur Nahrung wähle und nur die Wurzeln der über dem Neste befindlichen Pflanzen abbeiße, außerdem aber noch durch das fortwährende Durchwühlen und Auflockern dieser Stelle dem Pflanzenwuchse nachtheilig werde. Beide Theile dürften Recht haben. Wie die übrigen Schrecken Pflanzennahrung zu sich nehmen, ohne andere ihnen zu nahe kommende Kerfe zu verschonen, so auch die Werre. Da sie sich fast nur unter der Erde aufhält, so fallen ihr die unterirdischen Larven und Pflanzentheile anheim. Von ihrer wahrhaft unnatürlichen Gefräßigkeit erzählt Nördlinger ein schlagendes Beispiel. Eine in einem Garten betroffene Werre sollte mit dem Grabscheite getödtet werden, wobei man sie zufällig so traf, daß sie in eine vordere und hintere Hälfte gespalten wurde. Nach einer Viertelstunde fiel der Blick des Vertilgers auf das vermeintlich todte Thier; wie groß war aber sein Entsetzen, als er die vordere mit dem Auffressen der [562] weicheren hinteren Hälfte beschäftigt fand. Wie alle Grillen ist auch diese außerordentlich scheu und vorsichtig und zieht sich bei dem geringsten Geräusche, der geringsten Erschütterung des Erdbodens, die herannahende Fußtritte hervorbringen, schleunigst zurück, oder verkriecht sich sofort wieder, wenn man sie aus der Erde hervorholt, oder bei ihren abendlichen, der Begattung geltenden Flugversuchen niederschlägt. Versuche lassen sich die Flugübungen unserer Art nur nennen; eine andere in Japan und im Indischen Archipel scheint gewandter hierin zu sein; denn E. von Martens erzählt, daß sie dort öfters des Abends in die Wohnungen geflogen käme.

Die Begattung fällt in die zweite Hälfte des Juni und erste des Juli. Die Paarung erfolgt während der Nacht und gewiß auch an versteckten Orten, weshalb sie noch nie beobachtet worden ist, wie bei so vielen Kerfen, welche in dieser Hinsicht besonders den Hausthieren mit ihrer Verschämtheit ein nachahmungswürdiges Beispiel geben. Die Männchen lassen, so lange die Sonne nicht über dem Horizonte steht, einen leise zirpenden Ton hören, den man mit dem entfernten Schwirren des Ziegenmelkers (Caprimulgus europaeus) verglichen hat.


Maulwurfsgrille (Gryllotalpa vulgaris), erwachsen und als Larve.
Maulwurfsgrille (Gryllotalpa vulgaris), erwachsen und als Larve.

Gleich nach der Paarung beginnt das Brutgeschäft des Weibchens. Um seine zahlreichen Eier abzulegen, bereitet es ein förmliches Nest, indem es einige schneckenförmig gewundene Gänge und in der Mitte derselben, bis etwa 10,5 Centimeter unter der Erde, eine Höhlung von Gestalt und Größe eines Hühnereies gräbt. Die Wände werden mit Speichel befeuchtet, gut geglättet und auf solche Weise gewissermaßen ausgemauert, so daß man bei gehöriger Vorsicht das ganze Nest als eine hohle, gerundete Erdscholle herausheben kann. Von ihm aus führen nach verschiedenen Seiten einige mehr oder weniger gerade, flache Gänge, die als etwa 19,5 Millimeterbreite Aufwürfe sich kenntlich machen, außerdem einige senkrechte nach unten, die theils dem Weibchen als Zufluchtsort bei nahender Gefahr, theils der Brutstätte zum Abzuge starker Nässe und zum Trockenhalten dienen. Ein solcher Bau wird an einer offenen, unbeschatteten Stelle angelegt und der Raum über demselben durch Auflockern des Erdreiches und durch unterirdisches Abfressen des Pflanzenwuchses dem Einflusse der Sonnenwärme erschlossen. Das platzweise Absterben der Pflanzen, unter denen zolldicke Stauden sein können, verräth am besten einen Brutplatz. Die Zahl der Eier, welche man in einem Neste findet, bleibt sich nicht gleich, durchschnittlich kann man zweihundert annehmen, hat aber auch schon über dreihundert angetroffen; eine bedeutend geringere als die erste Zahl weist darauf hin, daß das betreffende Weibchen mit seinem Geschäfte noch nicht zu Ende war, da dasselbe nicht auf einmal abgethan ist. Nach Beendigung desselben stirbt es nicht, hält sich vielmehr in der Nähe des Nestes in einem senkrechten Gange, mit dem Kopfe nach oben sitzend, wie Wache haltend, auf. Wenn man deshalb behauptet hat, es »brüte«, so liegt darin mindestens eine zu Irrungen Anlaß gebende ungeschickte Ausdrucksweise. Richtig ist, daß es noch lebt, wenn die Jungen auskriechen, und daß es viele derselben auffrißt, ob es aber, wie gleichfalls behauptet wird, in fast senkrecht angelegten Röhren tief unter der Erde mit dem Kopfe nach oben überwintert, bezweifle ich, glaube vielmehr, daß es vor Anfang des Winters stirbt.

Drei Wochen etwa liegen die grünlich gelbbraunen, festschaligen Eier von länglicher, schwach gedrückter Gestalt, ehe die Larven ausschlüpfen. Von Mitte Juli an pflegt dies geschehen zu sein, [563] doch beobachtet man auch von jetzt ab noch hier und da frisch gelegte Eier, ja Ratzeburg fand solche einmal noch am 6. August. In den ersten drei bis vier Wochen bleiben die Jungen beisammen, wühlen nicht und ernähren sich von den Pflanzenresten in der Gartenerde oder den lebenden Würzelchen in der Umgebung ihrer Geburtsstätte. Jetzt häuten sie sich zum ersten Male, werden lebhafter und zerstreuen sich. Ende August, also abermals nach drei bis vier Wochen, erfolgt die zweite Häutung und Ende September die dritte, nach welcher sie eine durchschnittliche Größe von 26 Millimeter erlangen. Zum Winterschlafe graben sie sich etwas tiefer in die Erde ein. Bald nach dem Erwachen im Frühjahre häuten sie sich zum vierten Male und bekommen dabei die Flügelscheiden. Ende Mai oder etwas später erscheint der vollendete Erdkrebs, so genannt wegen des großen Halsschildes. In allen übrigen Erdtheilen leben sehr ähnliche Arten. – Die besprochene und noch einige andere Gattungen bilden in ihrer Gesammtheit die dritte und letzte Familie der springenden Kaukerfe, die der Grabheuschrecken (Gryllodea), welche sich durch die in der deutschen Benennung ausgesprochene Lebensweise sowie dadurch, daß sie nicht im Eistande überwintern, und durch die drehrunde Form des plumpen Körpers hinreichend von den vorangegangenen unterscheiden.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 562-564.
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