Aye-Aye (Chiromys madagascariensis)

[280] Es bildet somit das Fingerthier (Chiromys madagascariensis, Lemur psilodactylus, Sciurus, Daubentonia madagascariensis) nicht bloß eine besondere Sippe, sondern auch eine eigene Familie (Leptodactyla oder Chiromyida, Daubentoniada, Glirisimia, Glirimorpha) innerhalb der Ordnung der Halbaffen.

Der Aye-Aye oder das Fingerthier zeigt äußerlich folgende Merkmale: Der Kopf ist sehr groß, der Hals kurz, der Leib kräftig, der Schwanz etwa leibeslang. Die Glieder haben unter sich fast gleiche Länge. Im Verhältnis zur Kopfgröße erscheinen die Augen klein, die häutigen Ohren dagegen sehr groß. An der Hand und dem Fuße fallen die sehr verlängerten Finger und Zehen besonders auf. Der unterseits wulstige Daumen ist kräftig und kurz, der Zeigefinger etwas schwächer, der Goldfinger beinahe ebenso dick als der Daumen, der kleine Finger noch immer sehr stark, der dritte Finger aber verkümmert, indem er wie zusammengedorrt aussieht. Die Fußwurzel ist mäßig, die Daumenzehe mittellang und ähnlich gebaut wie der Daumen, während alle übrigen Zehen unter sich fast gleiche Länge und auch ähnliche Bildung zeigen. Ein röthliches Fahlgrau, mit Ausnahme eines dunkleren Ringes um die Augen und eines lichten Fleckes über denselben, [280] ist die Färbung des Gesichtes. Auf Wangen und Kehle sieht das Haarkleid fahlgrau aus; auf den übrigen Theilen erscheint die Gesammtfärbung bräunlichschwarz mit durchschimmerndem Fahlgrau und eingesprengtem Weiß, weil der Pelz aus zweierlei Haaren, dichten graufahlen Woll- und schwarzen, hier und da weißgespitzten Grannenhaaren besteht. Die borstigen, dunklen Schwanzhaare haben graue Wurzel; die starken Schnurren über den Augen und am Mundwinkel sind ganz schwarz. Ausgewachsene Stücke erreichen eine Gesammtlänge von 1 Meter, wovon 45 Centim. auf die Länge von der Schnauzenspitze bis zur Schwanzwurzel und über 50 Centim. auf den Schwanz kommen.

Der Aye-Aye, welcher einige Jahre in London lebte, konnte von mir wenigstens kurze Zeit beobachtet werden; leider aber war mir die Zeit meines Aufenthaltes so kurz gemessen, daß ich dem Thiere bloß einen einzigen Abend widmen durfte. Dieser eine Abend belehrte mich, daß Sonnerats Beschreibung nicht nur einer Erweiterung, sondern auch der Berichtigung bedarf. Ich will deshalb meine dürftigen Beobachtungen und alles, was ich den Wärtern abfragte, hier kurz zusammenstellen.

Das Thier hat buchstäblich mit keinem anderen Säuger eine beachtenswerthe Aehnlichkeit. Es erinnert in mancher Hinsicht an die Galagos; doch wird es schwerlich einem Forscher einfallen, es mit diesen in einer Familie zu vereinigen. Der dicke, breite Kopf mit den großen Ohren, welche den breiten Kopf noch breiter erscheinen lassen, die kleinen, gewölbten, starren, regungslosen, aber glühenden Augen mit viel kleinerem Stern, als das Nachtaffenauge ihn besitzt, der Mund, welcher in der That eine gewisse Aehnlichkeit mit einem Papageischnabel hat, die bedeutende Leibesgröße und der lange Schwanz, welcher, wie der ganze Leib, mit dünn stehenden, aber langen, steifen, fast borstenartigen Grannenhaaren besetzt ist, und die so merkwürdigen Hände endlich, deren Mittelfinger aussieht, als ob er zusammengedorrt wäre: diese Merkmale insgesammt verleihen der ganzen Erscheinung etwas so Eigenthümliches, daß man sich unwillkürlich den Kopf zermartert, in der fruchtlosen Absicht, ein diesem Thiere verwandtes Geschöpf aufzufinden.

Es kann für den Thierkundigen, welcher dieses wundersame Wesen lebend vor sich sieht, gar keinem Zweifel unterliegen, daß er es mit einem vollendeten Nachtfreunde zu thun hat. Der Aye-Aye ist lichtscheuer als jedes mir bekannte Säugethier. Ein Nachtaffe läßt sich wenigstens erwecken, tappt herum, schaut sich die helle Tageswelt verwundert an, lauscht theilnehmend auf das Summen eines vorüberfliegenden Kerbthieres, leckt und putzt sich sogar: der Aye-Aye scheint bei Tage, wenn man ihn nach vieler Mühe wach gerüttelt, vollkommen geistesabwesend zu sein. Mechanisch schleppt er sich wieder seinem Dunkelplatze zu, rollt er sich zusammen, verhüllt er mit dem dicken Schwanze, welchen er wie einen Reifen um den Kopf schlägt, sein Gesicht. Er bekundet eine Trägheit, eine Langweiligkeit ohne Gleichen in jeder Bewegung, jeder Handlung. Erst wenn die volle dunkle Nacht hereingebrochen ist, lange nach der Dämmerung, ermuntert er sich und kriecht aus seiner Dunkelkammer hervor, scheinbar noch immer mit Gefühlen der Angst, daß irgend ein Lichtstrahl ihn behelligen möchte. Der Schein einer Kerze, welcher andere Nachtthiere nicht im geringsten ansicht, macht ihn eilig zurückflüchten.

Seine Bewegungen sind langsam und träge, obschon weniger, als man vermuthen möchte. Wenn es gilt, dem störenden Licht sich zu entziehen, beweist der Aye-Aye, daß er unter Umständen sogar ziemlich flink sein kann. Der Gang ähnelt dem anderer Nachtaffen, nur ist er ungleich langsamer. Dabei steht das Thier hinten viel höher als vorn, wo es sich auf die sehr gebreiteten und stark gekrümmten Finger stützt, und streckt den buschigen Schwanz wagerecht von sich, ohne ihn auf dem Boden schleppen zu lassen. Jeder Schritt wird, wie es scheinen möchte, mit Ueberlegung ausgeführt; Zeit genug zur Ueberlegung nimmt sich das Thier wenigstens. Im Klettern konnte ich es nicht beobachten: es soll dies aber ebenso langsam geschehen wie das Gehen.

Wenn Sonnerat richtig beobachtet hat, muß er es mit einem besonders gutmüthigen Aye-Aye zu thun gehabt haben. Derjenige, welchen ich sah, war nichts weniger als sanft, im [281] Gegentheile sehr reizbar und ungemüthlich. Wenn man sich ihm näherte, fauchte er wie eine Katze; wenn man ihm die Hand vorhielt, fuhr er unter Ausstoßen derselben Laute wüthend und sehr rasch auf die Hand los und versuchte, sie mit seinen beiden Vorderpfoten zu packen. Dabei unterschied er zwischen der Hand und einem eisernen Stäbchen. Mit diesem ließ er sich berühren, ohne zu fauchen oder zuzugreifen. Die Wärter, welche große Achtung vor dem Gebiß ihres Schutzbefohlenen an den Tag legten, versicherten, von diesem Unterscheidungsvermögen des Thieres überzeugende Beweise erhalten zu haben: sie waren mehrere Male derb gebissen worden. Eigentlich furchtsam also darf man den Aye-Aye nicht nennen; er ist nur scheu und meidet jede Gesellschaft. Auch nachts bewegt ihn das geringste Geräusch, so eilig als möglich seinen Versteckplatz aufzusuchen.

Die einzige Nahrung, welche man dem Thiere reicht, ist frische Milch, mit der man das gekochte und zerriebene Dotter eines Eies zusammenrührt. Eine kleine Schüssel davon genügt für den täglichen Bedarf. Beim Fressen gebraucht der Aye-Aye seine beiden Hände: er wirft die flüssige Speise mit ihnen in seinen Mund. Fleischkost hat er bis jetzt hartnäckig verschmäht; ob man versucht hat, ihn auch an andere Nahrungsmittel zu gewöhnen, weiß ich nicht.

Beachtenswerth scheint mir eine Beobachtung zu sein, welche gemacht wurde. Alle Zweige des Käfigs, welchen dieser Aye-Aye bewohnt, sind von ihm abgeschält und angebissen worden. Er muß also seine Schneidezähne, welche den Naturforschern so viel Kopfzerbrechen verursacht haben, in ganz eigenthümlicher Weise verwenden. Ich glaube hieraus schließen zu dürfen, daß er in der Freiheit auf dürren Bäumen seine Nahrung sucht und wirklich Kerbthiere frißt, wie Sonnerat angibt. Er schält, so vermuthe ich, mit seinen dazu vortrefflich geeigneten Zähnen die Baumrinde ab, legt damit die Schlupfwinkel gewisser Kerbthiere oder deren Larven bloß, und zieht diese dann mit seinen langen Fingern aus Ritzen und Spalten vollends hervor, um sie zu verspeisen.

Auf diese im Jahre 1863 niedergeschriebenen Beobachtungen will ich Pollens neuerdings (1868) veröffentlichte Angaben folgen lassen, weil sie namentlich die Kenntnis des freilebenden Aye-Aye wesentlich vervollständigen. »Dieses wissenschaftlich so merkwürdige Thier«, sagt unser Gewährsmann, »bewohnt mit Vorliebe die Bambuswaldungen im Innern der großen Insel. Nach Angabe der Eingeborenen ist es so selten, daß man es nur durch Zufall einmal zu sehen bekommt, lebt einzeln oder paarweise, niemals in Banden, kommt bloß des Nachts zum Vorschein und schläft über Tags in den dichtesten und undurchdringlichsten Bambusdickichten mitten in den Waldungen. Es nährt sich von dem Marke des Bambus-und Zuckerrohres, ebenso aber auch von Käfern und deren Larven. Um seine Nahrung zu erhalten, bestehe sie in dem Herz des Bambus- und Zuckerrohres oder in Kerbthieren, nagt es mit seinen kräftigen Schneidezähnen eine Oeffnung in den Stamm der Pflanzen, führt durch diese seinen schmächtigen Mittelfinger ein und holt mit ihm den Pflanzenstoff oder die Kerbthiere hervor. So schläferig es über Tags sich zeigt, so lebhaft bewegt es sich während der Nacht. Von Sonnenaufgang an schläft es, indem es den Kopf zwischen den Füßen verbirgt und ihn noch außerdem mit dem langen Schwanze einhüllt; mit Beginn der Nacht erwacht es aus seiner Schlaftrunkenheit, klettert an den Bäumen auf und nieder und springt mit der Behendigkeit der Maki's von Zweig zu Zweige, dabei sorgfältig alle Oeffnungen, Ritzen und Löcher der alten Bäume untersuchend, um Beute zu machen, zieht sich aber schon vor Beginn der Morgenröthe wieder in das Innere der Waldungen zurück. Seinen Schrei, ein kräftiges Grunzen, vernimmt man oft im Verlaufe der Nacht.«

Außerdem erwähnt Pollen, daß ein von seinem Freunde Vinson gefangen gehaltener Aye-Aye Kerbthierlarven aus dem Holze der Lebbekakazie fraß, solche aus dem Mangobaume aber verschmähte; daß dasselbe Thier leidenschaftlich gern stark gezuckerten Milchkaffee trank und zwar, indem es mit unglaublicher Schnelligkeit seinen Mittelfinger bald eintauchte, bald wieder ableckte.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. CCLXXX280-CCLXXXIII283.
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