Kapitel LXIII.
De arte meretricia
oder
Von der Hurenkunst

[260] Nun ist noch etwas übrig; weil bei den Ägyptiern als ersten Erfindern des Religion-Wesens niemand konnte zum Priester gemachet werden, welcher nicht in die Mysterien des Priapus war eingeweihet worden, also hat auch unsere Kirche den Gebrauch, dass derjenige, welcher keine Hoden hat, nicht kann Papst werden. Daher kann kein Beschnittener, kein Eunuchus oder Castrate in Priesterorden kommen, und wir sehen öffentlich, dass, wo stattliche Kirchen und prächtige Mönchsklöster und Collegia sind, da werden auch meistenteils in der Nähe Hurenhäuser sein; ja der meisten Nonnen und Beguinen Privathäuserchen werden Hurenhäuser sein, welche die Mönche und Religiösen (damit nicht ihre Keuschheit durchgezogen werde) unter ihrer langen Mönchskutte und männlichen Klosterhabit ernähret haben.

Dahero hat es uns gefallen, ob es gleich ausser der Ordnung scheinet zu sein, etwas von dieser Hurenkunst[260] zu schwatzen, welche, dass sie bei einer wohlbestellten Republik nicht allein nützlich, sondern auch notwendig sei, viel Verständige dafür gehalten haben. Denn Solon, der grosse Gesetzgeber der Athenienser und einer aus den sieben Weisen (nach dem Oraculo Apollinis, wie Philemon und Menander Zeuge sind), hat bestimmt, dass man der Jugend Hürgen kaufen und schaffen sollte; und er ist der Erste gewesen, der den Tempel Veneris Pandemi aus dem Schandlohn der Huren errichtet und Hurenhäuser geordnet, Ihnen gewisse Gesetze sanzieret und mit Freiheiten bestätiget hat. Die Huren sind auch in Griechenland in solchen Ehren gehalten worden, dass, als der Perser in Griechenland eingefallen ist, so haben die Huren zu Korinth um Wohlfahrt des Vaterlandes im Templo Veneris öffentlich gebetet. Es war auch der Gebrauch bei den Korinthern, dass, wann sie die Göttin Venus um eine wichtige Sache anrufeten, so wurde es den teuren befohlen. Viel Hurentempel sind zu Epheso aufgebauet worden und haben einen dergleichen die Abydeni für sich zu erbauen erlaubet, weil sie ihre verlorene Freiheit durch Huren wieder erlanget haben.

Der weise Aristoteles selber hat dafür gehalten und nicht gezweifelt, dass man den Huren göttliche Ehre antun sollte, wann er seinem Kebsweibe, der Hermiae, gleich wie der Göttin Cereri geopfert hat.

Aber diese Invention wird der Veneri zugeschrieben, weswegen sie auch unter die Zahl der Götter ist gerechnet worden. Denn diese, als eine unverschämte und aller bösen Lüste voll, die hat am ersten den Weibern in Cypern gewiesen, wie sie mit ihren Leibern haben können Geld verdienen; also ist bei den Cyprianern (wie Justinus erzählet) ein Gebrauch aufkommen, dass ihre Jungfern bei vorstehender Hochzeit, und wann sie wollten eine gewisse Mitgift erlangen, sich öffentlich bei dem Ufer des Meeres mussten prostituieren und also Geld verdienen, vor ihre Keuschheit aber mussten sie der Veneri ein gewisses[261] Opfer bezahlen. Bei den Babyloniern auch (wie Herodotus Zeuge ist) ist der Gebrauch gewesen, dass diejenigen, welche das ihrige ganz und gar verzehret gehabt, ihre Töchter zu solcher Bauch-Nahrung angehalten haben. Aber Aspasia, eine Sokratische Hure, die hat Griechenland, wie Athenäus schreibet, mit Huren so voll gefüllet, dass wegen ihrer Liebe von dem Pericle, wie Aristophanes saget, und wegen etlicher durch die Megarenser entraubten Dirnen der peloponnesische Krieg ist angefangen worden.

Diese Hurenkunst hat der Kaiser Heliogabalus trefflich rausgestrichen und in Ehren gehalten, also dass er (wie Lampridius Zeuge ist) seinen Freunden, seinen Vasallen und seinen Knechten gewisse Hurenhäuser hat bauen lassen; er hat grosse Gastereien zu zweiundzwanzig Gängen gegeben, aber bei einem jedweden Gerichte haben sich die Gäste mit ihren Huren müssen lustig machen und sich hernach wieder waschen, und haben ein Jurament müssen ablegen, dass sie wirklich miteinander haben zu tun gehabt. Auch hat er oft die Huren von den Hurenwirten gelöset und losgemacht, und unterweilen für eine schöne Hure dreissig Pfund Silber bezahlet; auch wird gesaget, dass er einsmals auf einem gewissen Tag alle Huren auf die Theatra und Amphitheatra hat kommen lassen, und einer jedweden einen Dukaten geschenket. Einsmals hat er auch alle Huren aus den Komödien, Fechtschulen, Theatris und Bädern in gewisse Häuser kommen lassen und eine militarische Revue gehalten, sie seine Kameraden und Kommilitonen genennet und mit ihnen disputieret von allerhand Unflätereien und bösen Lüsten, hernach hat er einer jedweden als einem tapfern Soldaten drei Goldkronen zum Donativ gegeben. Auch ehrbaren römischen Matronen, die hernach Lust zu huren bekommen, die hat er nicht allein ungestrafet gelassen, sondern denselben darzu Freiheiten gegeben und aus dem publico aerario gewisse Besoldung geordnet. Er hat gewisse Liebes- und Huren-Senatus-Consulta unters Volk bracht, welche man[262] nach seiner Mutter oder nach seinem Weibe Senatus Consulta Semiramia hat heissen müssen.

Ich übergehe nun anjetzo Judam, der Israeliter Patriarchen, den grossen Hurer; ich übergehe Samson, den Richter des Volkes Gottes, der nichts als Huren zu Eheweibern gehabt; den weisen Salomon, den König der Jüden, der ganze Herden unzähliger Huren gehalten hat; auch Caesarem Dictatorem, der sonsten ein vortrefflicher Mann gewesen, aber wegen dieses Lasters ein Weibermann genennet worden; ferner den Sardanapalum, den Babylonier-Monarchen, und andere mächtige unzählige Hurenpatrone mehr. Proculus, der römische Kaiser, hat in dieser Hurenkunst eine nicht geringe Ehre weggetragen. Aber das ist nichts dagegen, was bekanntlich die Poeten vom Herkule schwätzen, dass er in einer Nacht fünfzig Jungfern soll zu Weibern gemachet haben.

Sonsten hat diesen schönen Hurenorden auch nicht wenig gezieret die Sapho, und sonsten eine gewisse Leontion, welche in der Philosophie trefflich ist exerzieret gewesen, also, dass diese wider den Ehestand und zugunsten der Huren gegen den Theophrastum hat ein Buch geschrieben. Zu diesen kann auch gesetzet werden Sempronia, die in Griechenland und in Italien ist gebildet worden; auch nicht zu vergessen Leäna, eine dem Athenienser Aristogiton gar treue Hure, welche, als sie von einem Tyrannen, dass sie einen gewissen Freund verraten sollte, gemartert worden, hat sie alle Marter beständig ausgehalten und nicht ein Wort geredet.

Rhodope, die Hure, hat diese Kunst auch edel gemachet; sie ist des Aesopi des Fabelschreibers Stu bengesellin und Mitsklavin gewesen, und hat durch ihr[263] Hurenhandwerk soviel Geld und Gut zusammen gebracht, dass sie ein Wunderwerk der Welt, nämlich die dritte Pyramidem, auf ihre eigenen Unkosten aufgebauet hat. Dieser hat gefolget die Thaïs zu Korinth, welche, wegen ihrer vortrefflichen Schönheit, nur von Königen und Fürsten hat dürfen geliebet und angerühret werden. Am meisten aber hat diese Kunst erhoben die Messalina, des Kaisers Claudii Eheweib.

Zu diesen könnten wir noch wohl bei unsern Zeiten setzen Johannam, die bekannte Neapolitanische Königin, und viele Fürstenweiber, auch die Palatinischen Huren, wann es uns nicht Gefahr brächte, dieselben zu nennen; und ob sie gleich durch das gemeine Geschrei so bekannt sind, so sind sie doch in diesem Fall von andern Huren unterschieden, dass sie wider das Heliogabalische Gebot nicht in den öffentlichen Hurenhäusern, wie Messalina die Kaiserin, sondern an gewissen Orten sich heimlich haben prostituieren lassen, und mit einer artigen List ihre Hurerei getrieben.

Wir könnten zwar auch in diese Zahl des Kaisers Octaviani Augusti seine Tochter und Tochterkind, beide Julia genannt, wie auch die Populeam und Cleopatram, die Königin in Ägypten , bringen und andere berühmte hohe Huren mehr, wie auch die Semiramidis und der Pasiphaës Exempel, unter welchen diese so unzüchtig gewesen, dass sie nicht allein ihren eigenen Sohn zur Unzucht angereizet, sondern auch in ein Pferd verliebet worden ist. Ja des Königs Minois Frau, die hat sich einem Ochsen gesellet. Wir wollen aber gleichwohl hier nicht einen Catalogum über die berühmtesten Huren rausgehen lassen; doch können wir dieses nicht verschweigen, dass die Huren und Ehebrecherinnen und ihre Begierden uns die grössten Helden haben am Tag gebracht, nämlich den Herculem, den Alexandrum, Ismaëlem, Abimelech, Salomonem, Constantinum, Clodovigum, der Franken König, und Theodoricum Gothum, Wilhelmum Normannum, Raymirum Arragonensem. Auch die Könige und grossen[264] Herren, die heutiges Tages regieren, derer werden wenig sein, die recht ehelich gezeuget sind. So schlecht werden heute zu Tage die Rechte des heiligen Ehestandes ästimieret, dass nach Belieben die rechten angetrauten Weiber werden abgeschaffet, verändert und andere an ihre Stelle angeschaffet; und die Söhne und Töchter werden so verheiratet, dass wir nicht wissen, ob sie im rechten Ehestande leben oder nicht. Exempel genug tun sich herfür, aber wir wollen uns mit wenigen, und die nur unlängst geschehen sind, jetzo vergnügen lassen.

Hat nicht Ladislaus, der König in Polen, nachdem er die Beatricem zum Weibe genommen, und dadurch das Königreich Ungarn erlanget, dieselbe wieder abgeschaffet, und ein Kebsweib aus Frankreich geholet? Hat nicht Karl VIII., König in Frankreich, Margaretham, des Kaisers Maximiliani Tochter, abgeschaffet, des Schwiegervaters Braut geraubet und sich mit derselben trauen lassen? Welche hernach Ludovicus XII., als er sein Weib von sich geschaffet, zum Weibe genommen hat; und haben noch wohl die Päpste und Bischöfe in diese schöne Tat gewilliget und dazu geholfen, auch es für ratsam gehalten: damit man das Recht an die Bretagne erlangen möchte, könnte man das Recht des heiligen Ehestandes fahren lassen. Es ist noch heutiges Tages, ich weiss nicht, was für einem Könige, eingeredet worden, dass er das Recht habe, sein Weib, welches er nunmehro über zwanzig Jahre gehabt, abzuschaffen und ein Kebsweib zu nehmen.

Aber wir müssen zu unsern schönen Hürgen wiederkommen und ihre artigen Ränke und Tücke ansehen; nämlich wie die Keuschheit aufgeopfert wird, mit was für leichtfertigen Augen, mit was für Winken des Gesichtes, mit was für Verstellung des Leibes, mit was für schmeichelndem Liebkosen und Reden, mit was für unzüchtigem Betasten und Fühlen, mit was für Schminke und unzüchtigen Habiten sie ihre Liebhaber einangeln. Alle diese ihre Hurenstückgen, Arglistigkeiten,[265] Fangstricke und Stratagemata werden uns von den Poeten beschrieben, und wer da will, der mag sie von Ihnen als ein trefflich Geschenk fordern.

Wer aber wissen will, wie dieses Hurenspiel recht zu spielen sei, und was für geschmierte Worte, Anblicke, Reden, Küsse, Anrühren, Anmäulen, traurige Mienen, Hinstreckung aufs Faulbette, gebundene und klagende Mienen; was für listige Hurenränke man brauchen soll, der muss der Medicorum Bücher durchstänkern, und da wird er von dieser Materie genug finden, und oftermals sogar überaus schandbare Sachen, dass einem die Ohren davon gellen möchten.

Sonsten haben von Huren gewisse Bücher geschrieben Antiphanes, Aristophanes, Apollodorus und Calistratus. Insonderheit aber hat das Lob der Hure Laidis artig beschrieben Cephalus Rhetor, und der Naidis ihren Ruhm der Alcidamus. Von der Hurenliebe aber so wohl griechisch als lateinische Autores, als der Callimachus, Philotes, Anacreon, Orpheus, Alcaeus, Pindarus, Sappho, Tibullus, Catullus, Propertius, Virgilius, Iuvenalis, Martialis, Cornelius Gallus und viel andere mehr, und haben nicht dadurch sowohl eines Poeten, sondern eines Kupplers Amt verrichtet. Aber alle diese übertrifft Ovidius in seinen Heroicis Epistolis und in den Gedichten, welche er ad Corinnam geschrieben hat, und sonderlich das Buch »von der Kunst zu lieben«, welches er besser von der Kunst zu huren und Huren zu halten hätte intitulieren sollen, weswegen ihm solches, und dass er der Jugend mit schamlosen Lehren ist an die Hand gegangen, von dem Kaiser Octaviano Augusto ausgewiesen und er ad Getas relegieret worden ist. Auch der lazedämonische Archilochus selbsten hat vor Zeiten geboten, dass alle Liebesbücher sollten verbrannt werden, und gleichwohl werden sie noch heutiges Tages von uns gelesen, und von unsern Schulmeistern den Discipuln, welches zu bejammern ist, gelehret, und werden auch noch wohl gar Commentaria darüber gemachet. Ja ich habe noch neulicher Zeit[266] gesehen und gelesen ein Buch sub Titulo Cortisanae, in italienischer Sprache geschrieben und zu Venedig gedruckt, von der Hurenkunst, wie Manns- und Weibspersonen solche recht perfekt begreifen und lernen sollen; fürwahr ein recht schändlich Werk und wäre zu wünschen, dass das Buch mitsamt dem Autore möchte ins Feuer geworfen werden.

Ich will hier nicht berühren der Jean Potagen ihre verfluchte Tänze und schändliche Actiones und zwar, solches mit gutem Bedacht, obgleich der grosse Aristoteles diese auf gewisse Masse gebilliget und der Kaiser Nero sie mit dem Namen einer Ehe geehret hat, zu der Zeit, da Paulus den Römern den Zorn des allmächtigen Gottes angekündiget: denn Gott wird Netze über sie regnen lassen, dass sie nicht entfliehen können; Feuer, Schwefel und Pech wird ihnen zu Lohn werden. Wider diese heisset der christliche Kaiser alle Gesetze aufwachen, und alle Gesetze sich waffnen, um die verdiente Strafe ihnen anzutun; heutiges Tages werden sie mit Feuer verbrannt. Moyses in seinen Gesetzen will solche Laster weggetan wissen, wie auch Plato in seiner Republik. Die alten Römer haben solches auch ernsthaft gestrafet (wie Valerius und andere Zeugen sind); an dem Q. Flaminio, welcher von dem Coelio ist getötet worden, haben wir ein Exempel.

Aber wir wollen unserer keuschen Ohren schonen, und von dieser brutalischen Lust und Unreinigkeit wieder auf die Huren kommen; denn einem jedweden ist diese Lust und Begierde gleichsam angeboren,[267] und wird niemand sein, der dessen Feuer nicht in etwas bei sich fühlen sollte. Aber anders brauchen sich dieser Lust die Weiber, anders die Männer, anders die Jünglinge, anders die Alten, anders vornehme Leute, anders Arme; und welches denkwürdig und wunderlich ist, nach Art der Nationen und der Örter: anders die Italiener, anders die Spanier, anders die Franzosen, anders die Teutschen. Also werden wir durch dieses Lustfeuer angezündet nach Gelegenheit des Geschlechtes, des Alters, der Dignität und Unterscheid der Nation, und machen uns unterschiedene Gebräuche, diese Unsinnigkeit zu begehen. Der Männer Liebe ist heftiger, der Weiber halsstarriger; der jungen Leute leichtfertiger, der Alten lächerlicher. Der Arme sucht zu gefallen durch Gehorsam, der Reiche durch Geschenke; der gemeine Pöbel durch Schwelgen mit Fressen und Saufen; die Hohen durch Pracht und Ansehen.

Der schlaue Italiener der betet Pathicam oder das Liebessubjektum an, und verbirget seine Brunst mit einer zierlichen Leichtfertigkeit, indem er die Person mit schönen Versen lobet und für allen rausstreichet; ist der Eifer da, der wird sie stets in acht nehmen, und gleichsam gefangen halten; ist er aber in der Liebe betrogen und desperieret de recuperanda pathica, so wird er sie verfluchen und vermaledeien.

Der unbedachtsame Spanier, der ist in seiner Brunst so ungeduldig und unsinnig, dass er von seiner unruhigen bösen Lust ganz zu Boden fället, und beweinet mit elendem Lamentieren sein Liebefeuer; er rufet Pathicam an und betet sie an; erhält er aber, was er will, so verzehret sich der Eifer bald bei ihm; er prostituieret sie, wann er aber nicht kann darzu kommen, so verflucht er sich selbsten und will sich den Tod antun.

Der leichtfertige Franzose, der suchet alles durch Nachgiebigkeit zu erlangen, und Pathicam durch[268] Scherze und anmutige Lieder zu ergötzen; wann nun der Eifer zuerst über ihn kommt, so ist er traurig; kann er aber nicht zu seinem Ziel kommen, sondern muss abtreten, so schändet und schmähet er, und drohet, wie er sich rächen will, brauchet auch wohl gar Gewalt; hat er erlanget, was er gewollt, so ist sie ihm bald nicht mehr gut genug, sondern er suchet eine andere.

Der kalte Teutsche aber der kommt gar langsam zu diesem Brande; ist er aber einmal in Harnisch gebracht, so hält er an, und fordert durch Geschenke Gewährung; ist der Eifer bei ihm, so stellt er seine Freigebigkeit ein; krieget er eine Nase, so ist's, als wann ihm nichts darum wäre; ist aber der Handel angangen, so lässet die Hitze bald bei ihm nach, und wird bald wieder kalt.

Der Franzose stellet sich verliebet, der Teutsche verbirget seine Liebe, der Spanier überredet sich selbst, dass er geliebet werde, der Italiener aber weiss nicht ohne Eifer zu lieben. Der Franzose liebet eine Anmutige, ob sie schon nicht schön ist; der Spanier liebet eine Schöne, wann sie gleich träge und indolent ist; der Italiener will lieber eine Schüchterne, der Teutsche begehret eine mehr Kühne und Freche. Der Franzose wird mit seinem halsstarrigen Lieben endlich gar aus einem Weisen zum Narren; der Teutsche vertut das Seinige alles darüber und wird wohl endlich klug, aber zu spät; der Spanier fänget wegen der Liebe grosse Sachen an; der Italiener, dass er nur der Liebe gemessen mag, verachtet alles.

Wir erfahren es, dass auch die grössten Männer, die sich in diese Liebesstricke verwickelt haben, viel ruhmwürdige Taten oftermals negligieret und mit dem Rücken angesehen haben, wie in Ponto Mithridates, zu Capua Hannibal, in Alexandria Cäsar, in Griechenland Demetrius, in Ägypten Antonius. Der Herkules ist von seinen trefflichen Taten abgestanden wegen der Jole. Achilleus hat sich nicht in den Kampf begeben wollen wegen der Briseide; die Circe hat den[269] Ulyssem aufgehalten; Claudius ist wegen der Virginia im Kerker gestorben; der Cäsar wird durch die Cleopatra zurückgehalten, und diese war auch des Antonii Ruin und Untergang.

Die Heilige Schrift saget uns, dass wegen der Hurerei der Söhne Seth mit den Töchtern Cain fast das ganze menschliche Geschlecht durch die Sündflut umkommen sei. Wegen der Hurerei ist Sichem und das Haus Emor, und fast der ganze Stamm Benjamin ausgerottet worden. Wie oft ist das israelitische Volk wegen Hurerei mit ausländischen Weibern geschlagen und in die Dienstbarkeit verjaget worden. Und was hat das Land wegen des einigen Königes Davids Ehebruch für Niederlagen an Hunger, Pest und Kriege erlitten? Wegen der Hurenliebe und Weiberraub sind die Thebani, die Phocenses, die Circejenses bekrieget und vertilget worden, und der Peloponnesische Krieg ist selbsten – wie gesagt – von dem Pericle angefangen worden; und durch einen zehnjährigen Krieg ist Troja nicht ohne sonderbaren Schaden des ganzen Griechenlandes und Asiae erobert worden. Eben dieser Ursachen wegen haben Tarquinius, Claudius, Dionysius, Hannibal, Ptolomäus, M. Antonius, Theodoricus Gothus, Rodaldus Longobardus, Childericus Francus, Wencelaus Bohemus und Manfredus Neapolitanus den Tod und des Vaterlandes Ruin leiden müssen.

Wegen der Canä Julia, einer Tochter des Präfekten von Tanger, welche der König Rodericus stuprieret hat, haben die Sarraceni ganz Spanien eingenommen. Heinrich, der andere, König in Engelland, ist wegen Schändung seines Sohnes-Weibes, die des französischen Königs Philippi Schwester war, von seinem Sohne aus dem Reiche verjaget worden.

Ihrer Männer Hurerei wegen haben erzürnte Weiber, als Klytemnaestra, die Olympia, Laodicea, Beronica, Fredegonda und Blancha, beide Königin in Frankreich, und die Johanna Neapolitana und viel andere mehr ihre Männerunis Leben bracht. Eben dieser Ursachen wegen haben die Medea, Procne, Ariadne, Althaea[270] und Heristilla ihre mütterliche Liebe in einen greulichen Hass verwandelt, und ihre Kinder getötet. Auch in folgenden Zeiten haben viel Weiber ihrer Männer Hurerei gerochen und solches den Kindern entgelten lassen, und sind aus liebevollen Müttern grausame Medeen, jähzornige Althaeen und unbarmherzige Heristillen worden.[271]

Quelle:
Agrippa von Nettesheim: Die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift. München 1913, Band 1, S. 260-272.
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