Kapitel LXXX.
De nobilitate
oder
Von dem Adelstand

[32] Aber aus dem Krieg hat das adelige Geschlechte seinen Ursprung; nämlich es ist ein Ruhm und eine Erlauchtheit, welche aus der Feinde Blut und Niederlage ist erworben und mit öffentlichen Wappen geehret worden. Dahero hat man bei den Römern soviel Arten der Kronen oder Kränze gehabt, als da ist die bürgerliche Krone, die Mauerkrone, die obsidionalis oder die Blockadenkrone, die navalis oder die Schiffskrone und andere mehr; daher sind auch so viele Kriegesgeschenk oder Verehrungen kommen, als Spiesse, Armbänder, Schnüre, güldene Ketten, Ringe, Statuen und Bilder, mit welchen sie den Adelstand angefangen haben. Bei den Carthaginensern sind sie mit soviel Ringen beschenket worden, in soviel Schlachten sie gewesen sind; die Aragonier haben ihren Kriegern ums Grab soviel Obeliscos, soviel er Feinde ums Leben gebracht hat, aufgerichtet; bei den Skythiern durften nur diejenigen bei vornehmen Gastereien die silberne Trinkschale annehmen, welche einen Feind erleget hatten; bei den Mazedoniern war ein Gesetz, dass, wer keinen Feind umgebracht[32] hatte, der musste sich zum Zeichen seiner Schande mit einem gewissen Zaum umgürten; bei den alten deutschen Völkern durfte niemand ein Weib nehmen, der nicht zuvor dem Könige einen Feindeskopf gebracht hatte. Und hat der Verdruss und Zorn viel derjenigen, so sich wacker im Kriege versuchet hatten und deswegen nicht genug geehret wurden, angereizet, dass sie wider das Vaterland und dessen Freiheit aufgestanden, und demselben allen Dampf und gebranntes Herzeleid angetan haben; wie wir an dem Coriolano, Graccho, Sylla, Mario, Sertorio, Catilina und Julio Caesare Exempel haben.

Derowegen, wann wir nur den rechten Ursprung und Anfang des Adels examinieren, so werden wir erfahren, dass derselbe mit nichts anders als mit einer nichtswürdigen Treulosigkeit und Grausamkeit erworben ist. Sehen wir den Eingang oder den Antritt an, so werden wir befinden, dass derselbe durch die ums Geld feile Soldateska und durch Strassenraub ist stabilieret worden; ja wenn wir gar der Reiche und Länder Ursprung erforschen wollten, da würden uns nichts als Brüder- und Vatermörder, tödliche und greuliche Heiraten entgegenkommen, da würden wir sehen, wie die Väter von den Kindern und die Obern von den Untern sind verjaget und ums Leben gebracht worden.

Aber nun wollen wir den Adel an sich selbst und bis aufs Haar genau betrachten. Er ist aber fürwahr nichts anders als eine robuste Boshaftigkeit, eine Dignität, welche durch Schelmstücke erlanget ist und eine Erbschaft jeder schlechten Nachkommenschaft. Und dass es also und nicht anders sei, das sehen wir sowohl aus der Heiligen Schrift, als aus den alten und neuen Historien vieler Völker; denn, als vom Anfang bei Erschaffung der Welt der Übertreter Adam seinen ersten Sohn, den Kain, welcher ein Ackermann war, und seinen andern, den Abel, welcher ein Schafhirte war, gezeuget hatte, so bestunde dazumal das ganze menschliche Geschlecht in diesen zweien, nämlich in[33] Abel, welcher das gemeine Volk, und Kain, welcher den Adel repräsentierte. Kain aber war nach dem Fleische grausam und stolz, und verfolgete Abel, welcher nach dem Geist demütig war, und schlug ihn zu Tode; da repräsentierte Seth, der dritte Sohn des Adams, das Geschlecht des gemeinen Volkes und also sehen wir ja, dass Kain durch den Brudermord den Anfang zu dem Soldatenstande und dem Adel gemacht hat, worauf er, nachdem er Gott und die Gesetze der Natur aus den Augen setzete, und seiner Stärke trauete, sich der Herrschaft anmassete; erstlich bauete er Städte, danach formierte er Reiche, und fing an, die von Gott frei erschaffenen Leute und Kinder der heiligen Geburt mit Gewalt, Raub, Dienstbarkeit und unbilligen Gesetzen zu unterdrücken, und sich der Gewalt über sie zu gebrauchen, bis auch hernach diese alle Gottes Gerichte verachteten, sich miteinander fleischlich vermischten und Riesen gebaren, welche die Schrift mächtige und berühmte Männer der Zeit nennet. Das ist die wahre und beste Beschreibung des Adels und der Adeligen; denn sie unterdrückten die Armen, und erhuben sich durch Rauberei und Diebstahl, wurden stolz wegen ihres Reichtums, machten ihre Namen der Welt bekannt, und nenneten ganze Länder, Städte, Berge, Flüsse, Wasser und das Meer nach ihnen; deren erster Vater nun war Kain, welcher von Natur bösartig, missgünstig, verstocket, auch ein Verräter und Totschläger seines eigenen Blutes, von Gott verflucht und heimatlos, und ein rechter Gotteslästerer war.

Sehet, das sind die ersten und ältesten Leistungen des Adels, die ersten Tugenden und die ersten Taten, mit welchen noch heutiges Tages der Adel gezieret ist; sein Baumeister ist der Vater der Riesen, welche Gott der Herr bei der Sündflut vertilget hat; nur Noah, den Gerechten, alleine hat er übrig gelassen, aus dem Geschlechte Seth, mit seiner Familie; Noah hatte drei Söhne, als Sem, Japhet und Cham; diese baueten nach der Sündflut auf Art der Riesen Städte[34] und errichteten Reiche; derowegen meldet die Schrift von Noah an bis auf den Abraham von keinem Gerechten, denn sie machten es alle auf den Schlag, wie es der Kain gemacht hatte, und waren alle voll von adeligen Eigenschaften, von Schurkerei, Gottlosigkeit, Macht, Krieg, Streit, Unterdrückung, Jagd, Pracht, Hoffart, Verschwendung, Eitelkeit und andern dergleichen adeligen Brandmalen mehr, welche ihnen die Kinder Noäh eingepräget hatten. Unter ihnen war der Vornehmste Cham, weil er unter allen der Nichtswürdigste war; er war so gottlos gegen seinen Vater und wollte über alles herrschen, und ein oberster Monarche sein; und dieser hat den Nimrod gezeuget, welchen die Schrift beschreibet als einen Mächtigen auf Erden, und als einen starken Jäger wider den Herrn. Dieser hat die ganze Stadt Babylon erbauet, welche zu der Sprachenverwirrung der Anfang gewesen ist, und hat vorgeschrieben gewisse Reguln zu regieren, und hat der Edelleute Gradus, Würden, Ämter und Bildnisse unterschieden; hernach haben diese gewisse Gesetze gegen das gemeine Volk gemachet, die Dienstbarkeit eingeführet, Abgaben und Beschwerungen aufgebracht, Krieges-Heere formieret, und greuliche Kriege geführet. Von diesem Cham ist hernach Chus herkommen, von diesem die Äthiopier; und Mizraim, von diesem die Ägyptier; und Canaan, von diesem die Cananäer, welche zwar ein berühmtes, aber auch ein gottloses und von dem Herrn verfluchtes Volk waren. Endlich nach verflossener vieler Zeit, hat Gott der Herr wiederum einen gerechten Menschen, nämlich den Patriarchen Abraham, erwählet, aus welchem er sich Samen und das heilige Volk erwecket, welches er mit dem Zeichen der Beschneidung von der Menge anderer Völker unterschieden hat. Dieser hat zwei Söhne gezeuget, einen aus der Magd, ein Hurenkind, den Ismael, den andern aus seinem ehrlichen Weibe, mit Namen Isaac. Ismael aber ist worden ein wilder Mensch, ein Schütze, ein mächtiger adelicher Mann, und der Vornehmste[35] unter den Ismaeliten, und hat dem Volke seinen Namen auf ewig hinterlassen. Gott hat ihm wohl gewollt, und hat seinen Adelstand im Raub und Krieg bestätiget, wenn er spricht: Manus ejus contra omnes, et manus omnium contra eum, et e regione fratrum suorum figet tabernacula.. Seine Hand wider jedermann, und Jedermanns Hand wider ihn, und wird gegen seinen Brüdern wohnen.

Isaac aber, gerecht wie sein Vater, der weidete die Herden seines Vaters und zeugete aus seiner Rebecca zwei Söhne, Esau und Jacob. Esau war wieder bei Gott verachtet, ganz rot und über und über rauch, ein Jäger, ein Schütze und der Fresserei ganz ergeben, also dass er um ein Gerichte Linsen seine Erstgeburt verkaufet hat. Er ist ein mächtiger Mann und der Vornehmste unter den Idumäern gewesen; Gott hat ihm den Segen des Adelstandes verliehen durch Fruchtbarkeit der Äcker, durch Tau des Himmels und durch Abschüttelung des Jochs. Jacob aber ist gerecht gewesen, flüchtig bei dem Laban, seiner Mutter Bruder; er hat ihm die Schafe gehütet und vierzehn Jahr um seine Töchter gedienet, aus welchen er zwölf Söhne gezeuget hat und ist hernach Israel genennet worden, welchen Namen er auch seinen Nachkommen hinterlassen, dass sie sind das Volk Israel genennet worden. Es hatte Jacob, wie wir gesagt haben, zwölf Söhne, nämlich Buben, Simeon, Levi, Judas, Isachar, Zabulon, Joseph, Benjamin, Dan, Nephthali, Gad und Aser, nach welchen die zwölf Stämme Israel sind gezählet worden.

Aber Joseph wurde von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft, und lernete auch allda die ägyptischen Wissenschaften; er war ein erfahrner Ausleger der Träume und sagte in dem Gefängnis wahr, er war in der Haushaltung so erfahren, dass er mit einer sonderlichen Verschlagenheit neue Künste, wie man reich werden könnte, erfunden hat, weswegen er dem Könige Pharaoni lieb und angenehm war, also, dass er von ihm zum Fürsten über Ägypten gesetzet, und also[36] aus der knechtischen Dienstbarkeit, mit sonderlichen Zeremonien zu einem ägyptischen Edelmann gemachet worden ist; denn der König hat ihm an seine Hand einen Ring gegeben, und ihm um seinen Hals eine güldene Kette gehänget, er hat ihn mit Purpur angetan und auf eine Carrete gesetzet und ist einer vorangangen und hat ausgerufen, dass sie ihn alle für einen Edeln und Fürsten in Ägypten ehren sollten. Und dergleichen Art Edelleute zu machen war auch unter den Persern, wie wir von dem Mardochäo Hebräo, welchen der König Artaxerxes geadelt hat, in dem Buch Esther lesen.

Es ist nun die Gewohnheit, Edelleute zu machen, noch bis auf den heutigen Tag kommen und bei den Königen und Kaisern geblieben. Da sind nun etliche, die ihren Adel ums Geld kaufen, etliche haben denselben durch ihre Kupplerei, etliche durch Vergebung und Gift oder eine Mordtat verdienet, vielen hat die Verräterei den Adel nebenst grossem Reichtum zuwege gebracht, wie solches in den Geschichten von dem Euthycrate, Philocrate, Euphorba und Philagro am Tage lieget; viele sind durch Schmeichelei, Verleumdung und durch Intrigue dazu kommen, viele dadurch, dass sie den Königen ihre schönen Weiber und Töchter zugebracht haben; viele hat die Jägerei, der Raub, der Totschlag, die Zauberei und Verblendung und andere böse Teufelskünste zu dieser Würde erhoben.

Aber wir müssen wieder zu Joseph kommen; denn dieser, als er im Hause des Königs mächtig war, und den erstgebornen Sohn, den Manasse, bekommen hatte, so ward er stolz durch seinen neuen Adel und hat in Verachtung seines väterlichen Hauses nicht ohne Sünde gesaget: Oblivisci me Deus fecit laborum meorum, et domus patris mei, quapropter in benedictionibus postpositus fuit Manasse, et praelatus illi junior Ephraim. Das ist: Gott hat mich lassen vergessen meiner Mühe und meines Vaters Hauses; darum hat auch der jüngere Ephraim müssen dem erstgebornen[37] Manasse im Segen vorgezogen werden. Ja, dieser Joseph selbst, ob er gleich ein Sohn Jacobs gewesen ist, so ist er doch wegen dieser adeligen und bei Gott sehr verhasseten Charge nicht gewürdiget worden, dass er den Namen einem Stamme in Israel hätte dürfen geben, sondern es ist solches seinen Söhnen, Ephraim und Manasse, zugeteilet worden; auch hatten sie in ihren Stämmen keinen Propheten, und wurde über sie von allen der geringste Segen ausgesprochen, was Kraft und Vermehrung anbelanget.

Das israelitische Volk hat viel Jahr in Ägypten gewohnet und Schäfer abgeben in der Gegend zu Gosen; als sie aber sich mehreten und mächtig wurden, sind sie den ägyptischen Königen und Edelleuten verdächtig und verhasset fürkommen, daher legten sie ihnen schwere Arbeit auf, sie mussten in Lehm und Ziegeln ihre Arbeit verrichten und harte knechtische Dienste tun, man tötete ihre Knaben und ertränkte sie im Wasser, damit ja bei ihnen kein Same überbleiben möchte. Einer aber von ihnen, weil er ein schöner Knabe war, ist von des Königs Tochter beim Leben erhalten worden; sie hat diesen zum Sohn angenommen und Moyses genennet, weil sie ihn aus dem Wasser errettet hatte. Und also ist Moyses im Hause des Königs aufgewachsen und ist gross worden, hat die ganze ägyptische Weisheit gelernet und ist wie ein Sohn des Königs gehalten und zum Heerführer des pharaonischen Krieges wider die Äthiopier gemachet worden; er hat sich aber zum Weibe genommen die Tochter des Königs in Äthiopien, daher hat er aus Missgunst und Hass der Ägyptier aus Ägypten fliehen und nach Madian sich begeben müssen, allda er bei einem Brunn wider die Hirten für etliche Mädchen gestritten und hat's dadurch so weit gebracht, dass er eine davon, eines Priesters Tochter, zum Weibe bekommen. Endlich, als er zu Jahren gelanget und klüger worden, und als er sein hebräisch Geschlecht recht wahrgenommen, ist er nach Ägypten wiederkommen und hat seinen Adelstand aufgekündiget,[38] auch von Gott mit Stärke begabet und sich zum Führer des israelitischen Volkes gemachet, hat hernach dieses Volk mit vielen Wunderwerken aus Ägypten geführet. Als aber das Volk wider Gott mit einem güldenen Kalbe sich versündiget hatte, wurde Moyses erzürnet und hat zu sich genommen die starken Söhne Levi und hat ihnen geboten und gesaget: Ponite gladios super femur vestrum, et euntes et redeuntes occidat unusquisque fratrem et amicum et proximum suum. Das ist: Gürte ein jeglicher sein Schwert auf seine Lenden, und durchgehe hin und wieder von einem Tor zum andern im Lager und erwürge ein jeglicher seinen Bruder, Freund und Nächsten. Und hat sie durch diese denkwürdige Schlächterei, so sich auf 23000 Menschen belaufen, gesegnet und zu ihnen gesaget: Consecrastis manus vestras hodie in sanguine, unusquisque in filio et fratre suo, completaque est benedictio Jacob ad Simeon et Levi, vocantis eos vasa iniquitatis bellantia, quorum furor maledictus et pertinax, et indignatio dura. Das ist: Gesegnet habet ihr euere Hände, ein jeglicher an seinem Sohn und Bruder, denn heute ist der Segen Jacob erfüllet über Simeon und Levi, welcher gesaget, sie seien mörderische Gefässe des Unrechts, ihr Zorn sei verflucht und ihr Grimm, dass er so störrig ist.

Mit diesem schönen Totschlag nun hat der Adel in Israel seinen Anfang genommen; denn Moyses hat ihnen darauf eingesetzet Feldherrn, Kriegsobristen, Hauptleute, streitbare Männer und treffliche Kämpfer, auch diejenigen, welche sich im Kriege wohl gehalten und sich für andern haben sehen lassen, die hat er zu Fürsten und Richtern gesetzet; Könige hatten sie nicht, sondern sie wurden durch Richter regieret, aus welchen war der vornehmste Josua, ein edler, starker und streitbarer Mann, ein Überwinder von Königen, der niemanden gefürchtet hat. Er hat nach Moyses regieret und nach seinem Tode hat das Volk ohne Fürsten unter einer Demokratie gelebet; aber sie sind aufrührerisch worden, haben selbst untereinander[39] gestritten und fast den ganzen Stamm Benjamin ausgerottet, dass nicht mehr als 600 Mann übrig geblieben sind und als sie ihnen ihre Töchter versaget hatten, so sind ihnen 400 gefangene Jungfrauen aus Galaad gegeben worden; denen übrigen 200 ist Jungfern aus Silo zu rauben vergönnet gewesen; und auf solche Art ist der Segen des Benjamitischen Adels vollends erfüllet worden, nämlich in einem Bilde eines Wolfes, der des Morgens den Raub holete und des Abends denselben austeilete. Nach diesem ist es mit ihnen wieder zur Aristokratie kommen, bis endlich Abimelech, ein Hurenkind des Heroboals aus dem Stamme Manasse, nachdem er bei einem Steine 70 seiner rechten Brüder in feierlichem Schlachten ermordet hatte, am ersten das Regiment in Sichem erlanget. Als nun darauf das ganze Volk Israel einen König begehret hatte, so sind ihnen von dem Herrn wuterfüllet Könige gegeben worden, davon die wenigsten fromm, die meisten aber böse gewesen sind.

Denn der Herr ist erzürnet worden und hat ihnen das Recht der Könige angesaget: der König würde ihre Söhne und Töchter wegnehmen, würde aus ihnen Wagenlenker und Brotbäcker machen, ihre Herden, ihre Äcker, ihr Erbe, ihre Knechte und Mägde zehnten und alles nach Gefallen seinen Dienern schenken und das ganze Volk unter das Joch der Dienstbarkeit bringen; und so oft der König gesündiget und unrecht getan hätte, so oft müsste das Volk für ihn Strafe leiden. Es wurde aber zum Könige gesetzet ein Jüngling aus dem Stamme Benjamin mit Namen Saul, stark an Kräften und lang von Statur also, dass er von den Schultern an über das Volk wegragete; und Gott jagte ihnen allen eine Furcht ein, dass sie ihn gleichsam als einen Diener Gottes ehreten; dieser, ehe er zur Regierung kam, war wie ein einjährig Kind, unschuldig und von guter Art; als er aber den Adel der Regentschaft erlangt hatte, ward er ein böser Mann und ein Sohn Belials; derowegen[40] brachte Gott das Reich von dem Hause Saul weg und gab es David, dem Sohn Isai, aus dem Stamme Juda, und dieser ist vom Schafhirten zum Könige erhoben worden, und ist auch mit der pestilenzischen Seuche des Adels so infizieret worden, dass er ein Mensch voller Sünden, ein Kirchendieb, ein Ehebrecher und ein Totschläger worden ist. Aber gleichwohl hat ihn die Barmherzigkeit Gottes nicht verlassen; er hat anfangs in Hebron regieret, als Isboset, Sauls Sohn, noch jenseits des Jordans herrschte; endlich ist ihm das ganze Reich zu Jerusalem zugeschlagen worden.

Aber gleichwohl hat das israelitische Volk keinen einzigen friedfertigen Monarchen gehabt; denn bei Davids Leben fiel Absalon, sein Sohn, das Reich in Hebron an; nachdem nun dieser ermordet war, fiel in solches Sibra, der Sohn Bochri ein; ferner buhlte ums Reich Adonias, der Sohn Davids. Als David selbsten sterben wollte, so setzte er seinen jüngsten Sohn Salomon, ein Kind der ehebrecherischen Bethsabä, ein, und dieser ist der erste rechte Monarche der Hebräer gewesen, dessen Herrschaft durch den Totschlag seines ältern Bruders, des Adoniä ist konfirmieret worden. In Summa, er hat alles überkommen, und gleichwohl ist er von dem rechten Wege abgewichen, hat mit vielen Weibern gehuret, ist abtrünnig und ein Verächter Gottes Gesetzes gewesen. Auf ihn ist gefolget sein böser Sohn Roboam, ein böser und grosser Sünder gegen Gott; von ihm ist die Monarchie geteilet worden, und sind zehen Stämme von ihm abgefallen, und haben sich Hierobeam zum Könige erwählet, einen nichtswürdigen Mann aus dem Stamme Dan, welcher ganz Israel vergiftet und zehen Stämme zum Götzendienst verführet hat, auch Götzenkälber in Samaria aufgerichtet, dass der Fluch erfüllet würde, der da spricht: Dan Coluber super viam, cerastes super semitam, mordens calcaneum equi, ut cadat sessor ejus retorsum. Das ist: Dan wird eine Schlange werden auf dem Wege, und eine Hornviper[41] auf dem Steige und wird das Pferd in die Fersen beissen, dass sein Reuter zurückfalle.

Der Stamm Juda aber hat sich ruhig und gehorsam gehalten unter dem Samen Davids, gleich wie ihn Jakob gesegnet hat: das Szepter soll Juda nicht entwendet werden, bis der Messias kommt. Es war aber Juda unter Jakobs Söhnen der ärgste, und ein Blutschänder seines Sohnes-Weibes; es waren auch seine Söhne nichtswürdige und verruchte Menschen; also hat er den Adel gehabt nach dem Segen seines Vaters: das Szepter des Reichs und die Stärke des Löwens. Endlich aber ist das Volk Edom und Lobne von den Königen in Israel abgetreten, und haben sich nach ihrem Gefallen Könige erwählet. Nach dem Segensworte : Esau werde das Joch abschütteln.

Unter allen Königen in Juda und Israel sind kaum vier gute oder fromme gefunden worden. Darum sind die Könige mitsamt dem Adel ausgetrieben worden und die Juden in die babylonische Dienstbarkeit und Gefängnis gebracht; und als sich Gott wieder über sie erbarmet, sind sie nach langer Zeit wiederum heraus und nach Jerusalem gebracht worden, da sie dann eine Zeitlang unter Priestern und den Vornehmsten dem gemeinen Wesen oder der Republik glücklich vorgestanden haben, bis Aristobulus, des Hyrcani Sohn, die königliche Krone sich selbsten aufgesetzet, und das Judäische Reich durch Mutter- und Brudermord wieder herstellte, welches dann nach einigen Königen und endlich unter dem stolzen und unflätigen König Archelao sich geendiget hat. Denn damals ist ganz Judäa unter die Gewalt der Römer kommen, und unter dem Tito und Vespasiano ganz vertilget, und also dieses grosse Volk durch die ganze Welt noch bis auf den heutigen Tag in ewige Dienstbarkeit gebracht worden.

Dieses habe ich zu dem Ende allhier aus der Heiligen Schrift wollen anführen, damit ich desto besser erweisen kann, dass im Anfang kein Adel gewesen, welcher nicht durch Schlechtigkeit seinen Ursprung[42] genommen hätte, und dass der Adel nichts anders sei als eine Ehre und ein Lohn einer grossen Unbilligkeit und Ungerechtigkeit; denn so war es immer: je ärger und befleckter Leben einer geführet hat, je vornehmeres adeligen Standes ist er gewesen, und je mehr Schelmenstücke einer verübet, je mehr Ehre und Lohn hat er davongetragen, wie gar artig jener Seeräuber Diomedes zu dem grossen Alexander gesaget hat: Ego, quia uno navigio latrocinor, accusor pirata, tu quia ingenti classe id agis, vocaris imperator; si solus et captivus esses, latro esses; si mihi ad nutum populi famularentur, vocarer imperator. Nam quo ad causam non differimus, nisi quia deterior est, qui capit improbius, qui justitiam abjectius deserit, qui manifestius impugnat leges. Quos enim ego fugio, tu persequeris, quos ego utcunque veneror, tu contemnis; me fortunae iniquitas, et reifamiliaris angustia, te fastus intolerabilis, et inexplebilis avaritia furem facit. Si fortuna mea mansuesceret, fierem forte melior; at tu, quo fortunatior, nequior eris. Das ist: Weil ich mit einem einzigen Schifflein hin und wieder geraubet, werde ich als ein Seeräuber verklaget, weil du aber mit einer grossen Schiffs-Flotte das Meer beraubest, wirst du ein König genennet. Wärest du allein wie ich, und würdest darüber ergriffen, wärest du auch ein Räuber, und wann mir grosse Völker dieneten, würde ich auch ein König genennet; denn in der Sache selbst ist kein Unterschied unter uns, ohne dass derjenige noch ärger ist, welcher fürsätzlich und öffentlicher Weise wider die Gesetze sündiget. Denn für welchen ich fliehe, die verfolgest du; welche ich ehre, die verachtest du. Mich macht die Not und Armut zum Diebe, dich aber dein unerträglicher Hochmut und unersättlicher Geiz. Wann mir das Glücke was bescherete, könnte ich mich noch wohl bessern, aber du würdest je glücklicher, je ärger. Alexander, verwundert über dieses Menschen Unerschrockenheit, hat ihn lassen mit unter seine Soldaten nehmen, damit er hernach recht[43] gesetzlich streiten und kriegen, das ist: stehlen könnte.

Kommen wir nun zu den heidnischen Historien, so werden wir gleichfalls sehen, dass der Adel nichts anders sei als Ungerechtigkeit, Wüten, Strassenraub, Totschlag, Verschwendung, Jagen und Gewalt, die aus nichts als aus bösen Ursachen herkommet, und aus denselben ihren Anfang hat, dessen Fortgang noch ärger, der Ausgang aber am allerärgsten ist, welches gar leicht aus den vier berühmten Monarchien und aus andern Reichen der Adeligen kann dargetan werden.

Die erste Monarchie nach der Sündflut ist die Assyrische gewesen, und deren erster Begründer und Anfänger war Ninus, welcher mit seinen Grenzen sich nicht vergnüget, sondern Begierde, dieselben mehr zu erweitern, bekommen hat; dahero sind neue Kriege entstanden, er hat das Volk im ganzen Orient unter sich gebracht, und die Grösse seines Reichs mit vielen nachfolgenden Siegen und steter Eroberung mehrerer Länder, vermehret. Er hat Asiam unter sich gebracht, Pontum Euxinum überwältiget, und Zoroasten, der Bactrianer König, durch einen mörderischen Streit untergedruckt und ertötet. Dieser Ninus hat ein Weib mit Namen Semiramis gehabt, welche, wie der Historienschreiber Dion referieret, von ihrem Manne gebeten hat, dass sie fünf Tage regieren möchte; nachdem sie solches erlanget, hat sie sich die königliche Krone nach ihrem Kopf gerecht machen lassen und ist auf den königlichen Thron gestiegen, und hat den Trabanten und Hofschranzen geboten, dass sie ihrem Manne seinen königlichen Habit und Zierat sollten ausziehen und ihn ums Leben bringen, worauf sie das Reich angetreten; sie ist aber auch nicht mit dessen Grenzen zufrieden gewesen, sondern sie hat noch Äthiopien darzu gebracht, in Indien Krieg angefangen und die Stadt Babylon mit einer weitläuftigen Mauer umgeben, aber hernach ist sie von ihrem eigenen Sohne, dem Nino Secundo,[44] den sie verbrecherisch empfangen und gottlose weggesetzet, nachdem sie ihn zuvor nicht ohne Blutschande erkannt hat, umgebracht worden.

Sehet ihr nun, mit was für Totschlagen die assyrische Monarchie ihre Herrschaft erlanget, bis sie unter dem Sardanapalo, dem weibischen Könige, wiederum abgenommen und ein Ende gefunden hat; denn diesen hat Arbactus, der Kommandant in Medien, mitten unter einer Herde Huren gefangen genommen und getötet, und dieser hat sich selbst zum Könige aufworfen und das ganze Reich von den Assyriern auf die Meder gebracht, welches hernach Cyrus auf die Perser transferieret hat, bei welchen sein Sohn Cambyses, der da Neu-Babylon erbauet, nachdem er viel Reiche mit. darzu geschlagen, die andere oder zweite Monarchie hat stabilieret. Auch Cambyses hat sein Reich durch Bruder- und Sohnesmord konsakrieret. Dieses ist nachmals auf den Narses, des Ochi Sohn, kommen, welchem bald, nachdem er von dem Bogoas, einem Beschnittenen, ist ums Leben gebracht worden, Darius Persa, des Arsani Sohn, der sonsten Codomannus geheissen, zum Nachfolger ist gesetzet worden; und dieser ist vom Alexandro Magno überwunden, und hat also die persische Monarchie mit seinem Leben ein Ende genommen, welchem aber dieser Alexander, der sich nebenst der ehebrecherischen Mutter schuldig an des Vaters Tod befand, sukzedieret, und eben durch diesen bekannten Vatermord das ganze Reich auf die Mazedonier gebracht hat; und ist also dieses die dritte Monarchie, welche auch bald nach des Alexandri Tode untergegangen ist.

Hierauf ist die vierte, nämlich die Römische kommen, über welche keine mächtiger gewesen; aber wann wir die Zeiten von Erbauung der Stadt Rom ansehen, so werden wir erfahren, dass sie aus einem bösen Anfang entstanden und mit vielen bösen Taten ist continuieret worden; derowegen wollen wir sie ein wenig weiter und von den Baumeistern der Stadt Rom herholen.[45]

Die Stadt Rom ist von Zwillingsbrüdern, Romulo und Remo, welche von einer Vestalin durch Blutschande sind geboren und von einer Huren aufgezogen, in Italien erbauet worden; das Reich hat Romulus durch den Brudermord, gleich wie Kain getan, geschändet und als er sich einen Sohn der Götter nennen lassen, hat er seine schändlichen Trabanten und Hofbursche versammelt, den Sabinern ihre Töchter entführet und diese den Römern nach Gefallen zu Weibern gegeben; und diese geraubten Frauen haben hernach diejenigen Riesen geboren, ich sage diejenigen römischen Edelleute, Könige und Grossen, die der ganzen Welt einen Schrecken eingejaget haben. Nachdem sie der Sabiner Weiber und Töchter schurkischer Weise, und mit ihrer Eltern und Bruder Tode und Blute eingehaschet, sich mit ihnen verräterischer Weise und unter Zwang trauen lassen, hat dieser Romulus sich seines Schwiegervaters Blute nicht enthalten können, sondern er hat ihn, nämlich den Titum Tatium, einen gottesfürchtigen alten Mann und der Sabiner ehrlichen Kriegesführer, nachdem er ihn zuvorhero zum Gesellen seines Reiches angenommen hatte, jämmerlich ermordet. Sehet den schönen Anfang zu dem römischen Reiche, welches also über 240 Jahr unter den grausamen Königen ist regieret worden; hernach aber hat diese Regierungsart unter dem Tarquinio Superbo, dem Lucretien-Schänder, aufgehöret; und gleichwie die Nachfolge Kain in der siebenten Generation bei der Sündflut untergegangen ist, also haben auch diese Sukzessores des Romuli unter dem siebenten Könige durch des Volks Aufruhr ein Ende nehmen müssen; aber obgleich die Stadt Rom die königliche Regierung von sich getan, so ist sie doch der Tyrannei nicht los worden.

Denn, nachdem die Könige sind ausgetrieben worden und nach manchem Aufruhr des wilden Volks ist das Reich von den Grossen regieret worden, und[46] ist Brutus, ein edler Römer, am ersten zum Bürgermeister oder Konsul zu Rom erwählet worden. Dieser, damit er desto besser seine Regierung stabilieren möchte, hat als Nachahmer und Überbieter des Romuli, des ersten Königs, sein Regiment mit Bruder- und Kindermord bestätiget, denn er hat seine zwei Söhne, noch Jünglinge, und seiner Frauen Brüder, die Vitellios, auf öffentlichem Markt mit Ruten hauen und ihnen hernach die Köpfe abschlagen lassen.

Als nun dieses Reich durch die Optimaten und durch das Volk etliche Secula durch also bestanden, nicht ohne manche Tyrannei durch Beamte oder Private, so hat es doch endlich unter dem Julio Cäsare (es ist schwer zu sagen, ob er grösser im Kriege oder abscheulicher in Wollüsten war) und bald hierauf unter dem Antonio, auch einem Sklaven der Wollüste, solchergestalt sich wieder geendiget; und ist die ganze römische Macht dem einigen Octaviano Augusto, dem Kaiser, gegeben worden. In diesem nun hat die vierte Welt-Monarchi ihren Anfang genommen, und zwar auch nicht ohne Mord und Totschlag; denn obschon dieser Augustus für den sanftmütigsten unter allen Fürsten ist gehalten worden, so hat er doch des Cäsars, seines Oheims, von welchem er zum Regiment adoptieret und gleichsam als Erbe eingesetzet gewesen, Sohn und Tochter, welche aus der Cleopatra gezeuget waren, ums Leben bringen lassen, und hat also weder des Namens, noch der Guttat, noch der nahen Anverwandtnis gedacht, noch dieser zarten Jugend geschonet.

Also haben nun jetztund diese Welt-Monarchie die römischen Fürsten unter sich gehabt, und solche ungeheure Monstra, als den Neronem, Domitianum, Caligulam, Heliogabalum, Galienum und andere mehr am Tag gebracht, unter welchen die ganze Welt ist zerrüttet worden, bis der grosse Constantinus, welcher, nachdem er Maxentium ums Leben gebracht (der wegen seiner Grausamkeit bei dem gemeinen Volk zu Rom verhasst war), von dem römischen Rate zum[47] Augustus und römischen Kaiser ernennet wurde; dieser, als er die Stadt Byzanz aufrichten und der Stadt Rom gleich machen wollen, auch dieselbe Neu-Rom oder Constantinopel, nach seinem Namen zu heissen befohlen, hat also Verordnung gemachet, dass der Sitz der Kaiser allda sein sollte, und demnach das römische Reich auf die Griechen und nach Constantinopel gebracht; und dieser hat gleich wie Romulus zu Rom die neue Stadt eingeweiht und seiner Schwester Mann und Sohn, die Licinios, blutig geopfert, hat auch sein eigenes Weib und seine Kinder ermordet. Dieses Reich nun hat bei den Griechen bestanden, bis auf die Zeiten des Garoli Magni, durch welchen, dem Namen nach, das römische Reich auf die Teutschen ist gebracht worden.

Und dieses sei bishero von den Welt-Monarchien geredet. Wollten wir nun der andern Reiche Ursprung und Ende betrachten, so würden wir erfahren, dass sie ebenso ihren Anfang genommen und mit ebensolchen grossen Sünden gewonnen, auch endlich durch solche Grausamkeit und Wollüste ihre Endschaft erlanget haben. Ich will vor diesesmal vorbei gehen den Vatermord des Dardani, mit welcher Tat er die Griechen ein Reich zu gründen gelehret hat. Ich will verschweigen das Regiment der Weiber, welches sie sich durch ihrer Männer Totschlag angemasset haben, wie von den Amazonen die Historien voll sind. Wir wollen nur ein wenig in unsere Zeiten, und in unsere Nachbarschaft gehen.

In Spanien hat zur Zeit des Kaisers Theodosii Athanaricus, ein Gote, regieret; aber eben zu derselben Zeit besassen auch die Alani und Vandali Spanien. Der erste aus den gotischen Königen, welcher über Spanien ist Monarche worden, hat Suytilla geheissen, welches Reich endlich der König Rodericus, als er Juliam, die Tochter des Hauptmanns der mauritanischen Provinz, geschwängert hatte, wieder verloren und den[48] Goten ein Ende ihrer Regierung gemachet hat. Nachdem aber die Sarazenen Spanien eingenommen hatten, haben hernach unter dem Könige Pelagio, welcher etliche Örter überrumpelt, die Könige in Spanien ihren Anfang genommen, und ist der Titul des Reichs bei dem Städtlein Leon geblieben, bis auf die Zeiten Ferdinandi, des Sanctii (Sancho) Sohn, welcher sich hernach am ersten König in Castilien hat nennen heissen; und dieser hat auch, nachdem er zuvor seinen Bruder, den Garsiam getötet, das Königreich Navarra mit dazu gebracht; sein anderer Bruder, Ramirus aber, welchen der Vater aus einer Konkubine gezeuget hatte, ein wilder und streitbarer Mann, der ist der erste König in Arragonien gewesen.

Der erste König aber in Portugal hat Alphonsus geheissen, welcher vom Henrico Lotharingio und von der Tyresia, des Alphonsi, Königs in Castilien unehelichen Tochter ist geboren worden; ein streitbarer Herr, und welcher in einer Schlacht fünf sarazenische Königlein überwunden hat; daher führen die Könige von Portugal fünf Schilde in ihrem Wappen. Dieser Alphonsus hat auch sein mörderlich Gemüt gegen seine Mutter sehen lassen, da er dieselbe, als sie sich zum andernmal verheiratet, in ewige Gefängnis werfen lassen, daraus sie auch auf keinerlei Art und auf keine Vorbitte der Kirche hat wieder kommen können. So sind alle die spanischen Reiche entweder mit verbrecherischen Untaten entstanden oder mit losen Ränken erhalten worden.

Auch der Anfang der englischen Königreiche ist fast fabulos, so lange, bis diese Insuln unter vielen Königen und von vielen Völkern, Pikten, Schottländern, Dänemarkern und Sachsen hin und wieder sind untergedruckt und subjungieret worden. Endlich haben sie unter dem Guilielmo Normanno eine geruhige Monarchie gebabt, welche er sich und seinen Nachkommen durch den Tod seines Vetters, des Atoldi, des Königs der Westsachsen, bestätiget. Und währet diese Sukzession noch bis auf den heutigen Tag, aber[49] allezeit ist sie durch Vater-, Mutter- und Brudermord berühmt gewesen.

Ich komme nur kurz zu den burgundischen und lombardischen Reichen, welche durch die entferntesten teutschen Völker in Frankreich und Italien, als durch die Könige Gondaichum und Alboynum erstlich angefangen und hernach durch unterschiedene greuliche Mordtaten fortgepflanzet worden. Wir wollen fürnehmlich das französische Reich ansehen; dieses hat seinen ersten Anfang von dem Pharamundo, des Fürsten Merovei Sohn, welcher am ersten aus Teutschland nach Frankreich kommen und zum ersten Könige der Franken gemachet worden, über dessen Scheusslichkeit und Grausamkeit nichts gewesen ist; dessen Sukzession und Ordnung hat bis auf den Childericum Tertium gewähret, welcher wegen seiner Faulheit im Regimentswesen und wegen Hurerei mit den Frauen in ein Kloster ist gestossen worden; an seiner Stelle ist Pipinus zum Regiment kommen, welches er sich und den seinigen durch Verräterei erworben und durch den Brudermord des Grifonis stabilieret, und hat sein Haus gewähret bis auf Ludovicum Sextum, des Lotharii Sohn, welcher Ehebruchs wegen von seinem Weibe, der Blancha, mit Gift ist vergeben worden. Darauf hat hernach Hugo Capet das Reich der Franken investieret, ein streitender und blutdürstiger Mann, welcher deswegen zu Paris ist in grossen Ehren gehalten worden, sonsten aber ist er aus einer unedlen Familie und von einem Metzger erzeuget worden.

Dieser ist wider Carolum, des Ludovici Onkel, den rechtmässigen Erben des Reiches zum Rebellen worden; er hat ihn, nach Zusammenziehn vieler verbrecherischer Buben bekämpft, und als er bei Orleans in seine verräterische Hände geraten, ins Carcer, darinnen er gestorben, werfen lassen; hat durch diesen schändlich verübten Totschlag sich selbsten die königliche Krone aufgesetzet, und hernach mit seinen Nachkommen über Frankreich regieret, dessen Sukzession[50] noch bis auf den heutigen Tag kontinuieret, bis sie etwan künftig in einem Hurensklaven ihren Ruin empfangen möchte.

Es würde hier zu lang werden, aller Reiche Anfang zu erzählen und alle Historien durchzugehen. Ich habe diese Sache, welche ich hier nur ein wenig berühret habe, in einem absonderlichen Buche weitläuftig beschrieben und daselbst den Adel mit seinen Farben und Lineameten recht abgemalet; und daselbst habe ich gewiesen, dass kein Reich nicht gewesen, noch auch anjetzo ist, welches nicht durch Totschlag, durch Verräterei und Treulosigkeit, durch Grausamkeit, durch Metzeleien und Mordtaten und andere schreckliche Laster, ich meine adelige Künste, seinen Anfang genommen; wenn wir so die Köpfe dieser Bestie erkannt haben, werden wir leicht ihre andern Gliedmassen erraten, welche nichts anders sind als Gewalt, Raub, Totschlag, Jagden und andern der Lust und Üppigkeit gewidmeten Exerzitien. Will einer ein Edelmann werden, so muss er erst ein Jäger werden, das ist der Anfang zum Adel; hernach ein Soldat, damit er ums Geld die Leute totschlagen kann, das ist die rechte Tugend des Adelstandes; wann er sich in diesen Künsten als ein wackerer Strassenräuber exerzieret, so träget er die grösste Ehre des Adels mit hinweg; ist er aber hiezu nicht geschickt, so muss er den Adelstand ums Geld kaufen, weil solcher genug zum feilen Kauf gehet; kann er aber auch dieses nicht tun, so muss er einen Schmarutzer bei Königen und Fürsten abgeben, oder muss durch andere Listen und Praktiken zu Hofe eindringen oder einen Kuppler abgeben; er muss sein Weib oder seine Töchter, wann sie schön sind, den Fürsten zukommen lassen oder sich bei einer grossen Dame mit Liebe engagieren; oder eine königliche oder fürstliche Hure oder dessen Hurenkind zum Weibe nehmen.

Dies ist der höchste Gradus des Adels; so wird einer dem Adel inkorporieret. Das sind die Wege, Leitern,[51] Stufen, auf denen man am kürzesten und bequemsten zum Gipfel des Adels gelangen kann. Die aber für noch vornehmer und als Abkömmlinge von einem adeligen Geschlecht für die Allervornehmsten wollen gehalten werden, rühmen sich solcher Vorfahren, die man – wären sie am Leben – verachten müsste; sie streichen heraus allerlei verlaufene Menschen ohne Haus und Herd, Trojaner, Mazedonier und andre mit tausend Schandtaten bedeckte Landstreicher und loben diese angeblichen Vorfahren und deren Adel, der so schlimm begonnen hatte. Andere, die von Huren herkommen sind und durch dieses Ehrenloch ihren Adelstand hergeholet haben, die wissen ihre Schande hübsch zu bemänteln und mit Fabeln zuzudecken, wie wir etwan von der Melusina lesen. Es sind noch andere, deren Anfang und Geburt recht schändlich ist, nämlich durch Blutschande, durch Notzucht, durch Ehebruch und andere dergleichen Laster. Also ist Balduinus von dem Carolo Calvo wegen dessen entführten Tochter, der Judith, zum ersten Grafen über Flandern gemacht worden. Also sind die Piemontischen Markgrafen, als die zu Montisferra, die zu Saluzzien und die zu Sena und andern Orten, von dem Kaiser Ottone wegen entraubter Töchter eingesetzet worden. Denn es pflegen bisweilen Kaiser und Könige, wann sie eine ihnen angetane Schande ohne Gefahr nicht rächen können, den Täter durch ein Ehrenamt unschädlich zu machen.

Es sind aber fürnehmlich vier Ämter des Adelstandes oder der Edelleute, in welchen meistenteils ihre Glückseligkeit bestehet. Das erste besteht darinnen, dass sie wacker rauben und per fas et nefas alles an sich bringen können; das andere, wann sie mit List, Üppigkeit und Wollüsten sich können gross machen; das dritte ist die Freiheit, wann sie nur nach ihren Willen und Gesetzen frei, wie es ihnen gefället, leben dürfen; das vierte ist der Ehrgeiz, wann sie nur zu hohen Ehren und Dignitäten, es mag geschehen, durch welches Laster als es will, kommen.[52]

Ihr Genüge finden die Adeligen erst, wann sie die Jägerkunst verstehen, wann sie gute Spieler sind, wann sie wacker saufen, huren und buben, wann sie nur alles durchgehen lassen, wann sie der Pracht, der Hoffart, der Übermut und aller Unmässigkeit ergeben und den Tugenden feind sind. Wann sie vergessen, dass sie geboren wurden und sterben müssen. Noch stolzer dünken sie sich, wann sie solche Pest schon von ihren Vätern ererbt haben und sagen dürfen: Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen.

Sehet ihr die schönen Künste des Adelstandes! Aber sie haben über dieses noch mehr adelige Künste an sich und zwar die allerschädlichsten, mit welchen sie dieses zuwege bringen, dass sie für ehrliche und wackere Leute angesehen werden, und als wann die Weisheit, Gottesfurcht, Gerechtigkeit und andere Tugenden selbsten in ihnen wohneten. Sie stellen sich freundlich, leutselig und angenehm, sie erweichen ihre Reden, wie man saget, mit Öl, da sie doch nichts als schädliche Pfeile sind. Sie disputieren frei vom Gemeinwesen und lassen ihre Weisheit, die sie von andern aufgeschnappt haben, bei den fürstlichen Zusammenkünften hören. Sie gebrauchen sich ihres grossen Namens mit einem schlauen Geize, dem einen nehmen sie was weg, dem andern schenken sie es wieder; sie sind grossmütige und freigebige Räuber; und tun, was die Alten vom Sylla geschrieben haben, nämlich, sie suchen die einen durch Schaden der andern reich zu machen und sind doch mitten unter ihrer täglichen Rauberei allezeit arm. Sie simulieren die Gerechtigkeit und Gottesfurcht, nehmen die Klagen der Armen gerne auf und beschützen sie wider die Reichen; aber nur, damit sie den Reichen ihre Beutel mögen leer machen; denn sie haben den Sinn und die Meinung, nicht den Armen zu Hilfe zu kommen, sondern nur den Reichen zu nehmen und dieselben ums Geld zu putzen. Es ist ihnen leichter und gewohnter zu schaden als zu helfen. Durch diesen Vorwand und dieses[53] verblendete Schattenwerk der Gottesfurcht und Gerechtigkeit massen sie sich oft einer solchen Lizenz an, dass sie ganzen Städten und Mächtigen Gewalt antun und mit öffentlicher Feindseligkeit heimsuchen, und wo sie durch die Autorität der Gesetze nichts zu hoffen hätten, da finden sie durch ihren Adel dennoch einen Ruhm. Sie sind stolz wie die alten Riesen in ihren Sünden und gehen wie die bösen Geister rum, überall Schaden zu tun; und alsdann nutzen sie einem noch am meisten, wann sie aufhören zu schaden. Sie wollen allen ein Schrecken einjagen und von niemand geliebt werden; wer sich ihnen vertrauet und unter ihren Schutz begibet, den berauben sie und unterdrücken ihn.

Es ist auch keine Art Leute den Städten so schädlich und gehässig, als die Edelleute; denn sie gefallen sich alleine und dünken sich wohlgeborener zu sein als andere, sind allezeit stolz und hochmütig; von ihnen hat Aristophanes wohl recht seine Meinung gesaget, da er spricht: Non oportere in urbe nutrire leones, sin autem alti sunt, obsequi ipsis oportere. Das ist: Man müsse in der Stadt keine Löwen ernähren; seien aber derselben zuvor drinnen gross geworden, müsse man ihnen gehorchen.

Als durch eine solche Tyrannei die Schweizer gedrucket waren, so brachten sie alle Edelleute ums Leben und rotteten ihre Geschlechter aus dem Vaterlande ganz aus; und durch diese sehr berühmte Niederlage der Edelleute bekamen die Schweizer ihre Freiheit wieder, darinnen sie nunmehro über die 500 Jahr sitzen und glücklich regieren; und ist noch allezeit der Adelstand bei ihnen verhasset.

Vor Zeiten waren den Völkern die Männer am allerangenehmsten und wurden trefflich beschenket, welche die Tyrannen und ihre Leibgarde und Trabanten, auch ihre unschuldigen Kinder ums Leben brachten. Ja die Juristen selbsten lehren, dass man Unschuldige bisweilen wohl ums Leben bringen könne,[54] wann es des Gemeinwesens höchste Notwendigkeit erfordere, also dass man mit dem Tyrannen auch die Kinder töten sollte, damit nicht eine neue Tyrannei aus der Brut entstehen möchte. Gleichwie die Griechen nach der Zerstörung Trojae des Hectoris Sohn, den Astyanactem, getötet haben, damit er nicht, wann er überbliebe, Gelegenheit zu einem neuen Kriege möchte geben. Wir mögen nun die Historienschreiber der alten Zeit lesen als den Titum Livium, Josephum, Egesippum, Quintum Curtium, Suetonium, Tacitum und andere, so ist es allezeit vergönnet gewesen, einen Tyrannen zu betrügen, zu täuschen, am besten gar ums Leben zu bringen, auch mit Gifte hinzurichten, gleichwie Tiberius, nach dem Julio Caesare der dritte römische Kaiser, ist umgebracht worden. Dieses Gift war lebenspendend für die Welt. Wir lesen dieses auch in der Heiligen Schrift an Eglon, Sisseran und Holoferne, welche Ajoth, Jahel und Judith ums Leben gebracht haben; also ist es auch für Gott vergönnet gewesen, selbst durch ein Verbrechen das Joch des Tyrannen abzuschütteln und das Volk in Freiheit zu setzen. Solche Tyrannenmörder sind von der Heil. Schrift für Diener Gottes erklärt worden.

Jetzo nun aber zweifeln wir nicht, dass der Adelstand nicht sowohl durch Übung und Gewohnheit, als auch von Natur selbsten böse sei; denn unter den Vögeln und vierfüssigen Tieren hat kein Adelstand keinen Vorzug, als die den andern Tieren und auch wohl dem Menschen schädlich sind, als da sind die Adler, die Geier, die Falken, die Habichte, die Raben, die Weihen, die Straussvögel, die Harpyjä, die Greife und andere dergleichen Monstra; auf solche Art sind auch die Löwen, die Tiger, die Wölfe, die[55] Pardertiere, die Bären, die wilden Schweine, die Drachen, die Schlangen und die Kröten.

Aus den Bäumen aber werden keine oder wenige den Göttern konsekrieret oder für edel gehalten, ausser welche ganz unfruchtbar oder dem Menschen keine essbare Frucht geben, als wie die Eiche, die Hageiche, der Lorbeer- und der Myrthenbaum. Unter den Steinen wird nicht der Marmel, nicht der Baustein, nicht der Mühlstein, sondern die Edelgesteine, welche doch dem Menschen keinen Nutzen bringen, für die edelsten gehalten. Also auch unter den Metallen ist das verderbliche Silber und das mehr als das Eisen schädliche Gold allein für wert und adelig gehalten, um deren willen so viel Blut vergossen worden ist.[56]

Quelle:
Agrippa von Nettesheim: Die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift. München 1913, Band 2, S. 32-57.
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