Kapitel LXXXII.
De medicina in genere
oder
Von der Medizin insgemein

[66] Aber wir müssen nun von dem Krieg und dem Adel zur Medizin eilen, denn sie ist auch eine Kunst, die Leute zu töten; sie ist bloss eine mechanica, oder Handwerkskunst, ob sie sich gleich mit dem Titul der Philosophie schelten lässet, auch wohl gar über der Jurisprudenz nächst der Theologie ihren Sitz haben will; daher ist unter den Medicis und Juristen ein heftiger Streit entstanden, welchen unter ihnen die Oberstelle gebühre.

Die Medici machten diesen Schluss: die Güter des Menschen sind dreierlei, nämlich die Güter des Gemütes, die Güter des Leibes und die Güter des Reichtums oder Glückes; um die ersten bekümmert sich der Theologus, um die andere der Medicus, und um die dritte der Juriste. Also müssen auch die Medici die zweite Stelle und die über den Juristen haben, weil des Leibes Gesundheit dem Reichtum oder dem Glücke vorzuziehen ist. Aber diesen Streit hat ein Richter durch eine artliche Frage aufgehoben, denn als die Streitenden vor ihn kommen sind, hat er sie gefraget, was doch für ein Gebrauch und Ordnung[66] gehalten würde, wann ein Übeltäter sollte nach dem Galgen geführet werden: ob da der Dieb oder der Henker voranginge? Und als sie antworteten, dass der Dieb voranginge und der Henker folgete, so hat er diesem Abschied gegeben: ergo müssen die Juristen vorangehen und die Medici folgen; und hat damit wollen zu verstehen geben, dass jene den Leuten das ihrige nähmen, die aber brächten sie ums Leben.

Aber wir müssen wieder zur Medizin kommen, und da gibet es viel Pfuscher und Boenhasen. Denn es ist die eine Art dieser Kunst, welche man die Medicinam rationalem, sophisticam oder dogmaticam nennet, die Hippocrates, Diocles, Chrysippus, Caristinus, Paraxagoras und Herosistratus exerziert haben, solche auch Galenus lange Zeit hernach gebilliget hat. Denn dieser hat für andern dem Hippocrati gefolget, welcher die ganze Kunst zu kurieren auf Cognition der Ursachen, auf Erkundigung der Signorum oder Zeichen, und auf des Leibes Konstitution und Eigenschaften bezogen hat.

Weil aber diese Ketzerei mehr in Worten als in den Sachen selbsten bestehet, so muss ich bekennen, dass sie ein bedeutender Teil der natürlichen Philosophie kann genennet werden; jedoch den zu heilenden Kranken nicht notwendig, sondern vielmehr verderblich. Sie weiset die kranken Menschen mehr auf zusammen geraffete Sophismata und betrügliche Reden, als auf rechte reine Arzneien; sie begnüget sich mit diesem scholastischen Syllogismis, und will von keinem der Kräuter nichts wissen, die auf dem Felde oder in Gärten wachsen. Derowegen hat Serapion gesaget, dass diese medicina rationalis die Kunst zu kurieren nichts anginge.

Aber es ist noch eine andere Partei oder Rotte der Medicorum, eine rechte gewinnsüchtige und mechanische Art, von welcher die Medici noch heutiges Tages ihren Namen her haben; die nennen sie die[67] Medicinam operatricem, und teilen sie in empiricam und methodicam, und von dieser müssen wir jetzo reden.

Die empirische Arzneikunst nennen sie von der Experienz oder Erfahrung; deren Häupter sind Serapion, Heraclides und beide Apollonii, welchen hernach von den Lateinern Marcus Cato, C. Valgius, Pomponius Laetus, Cassius Felix, Aruntius, Cornelius Celsus, Plinius und andere mehr gefolget haben. Aus dieser empirischen ist hernach die methodische Schule kommen, welche Hierophilus Chalcedonius aus langer Erfahrenheit in gewisse Regeln gebracht und ans Tageslicht kommen lassen; und die haben mit starken Beweisgründen gebilliget Asclepiades, Themision und Archigenes. Aber Thesillus Italus, welcher (wie Varro uns lehret) aller anderen Meinung aufgehoben, und mit einer wahren Wut gegen die Mediziner früherer Jahrhunderte gewettert, war dieser Schule Meister.

Hernach aber sind viel barbarische Philosophi aufgestanden und haben von der Medizin geschrieben, unter welchen die Araber so berühmt worden sind,[68] dass man sie für die Erfinder dieser Kunst gehalten hat; und das hätten sie auch leicht behaupten können, wann sie nicht soviel lateinische und griechische Namen und Wörter gebraucht, und dadurch sich verraten hätten. Daher sind des Avicennae, Rhazis und Averroës Bücher eben mit dergleichen Autorität als des Hippocratis und Galeni aufgenommen worden und haben soviel Kredit erlanget, dass, wer ohne dieselben zu kurieren sich unterstanden, von dem hat leicht gesagt werden können, er ruiniere die allgemeine Wohlfahrt.

Obgleich es nun von den Medizinern nicht gar so viele Sekten gibet, so ist doch unter ihnen eben so ein Streit und Kampf, als wie unter den Philosophis, entstanden.

So höret nur, mit was für altväterischen Rationen sie miteinander streiten, nur allein über diesen Punkt was der Samen sei; Pythagoras hat es einen Schaum oder Gischt des Geblüts oder ein nützlich Exkrement der Speise genennet; Plato aber den Abfluss des Rückenmarks; Alcmeon hat es einen Teil des Gehirnes tituliert, weil die Augen nach Exzessen des Liebesgenusses wehe tun, welche ein Teil des Gehirns sind; Democritus spricht: dieses wäre von allen Teilen des Leibes abgesondert; Epicurus, es wäre von der Seele und Leib gerissen; Aristoteles, es wäre ein Exkrement des Nahrungsblutes, welches auf die Letzt in den Gliedmassen verzehret würde; andere meinen, es wäre ein in den Testikeln durch die Hitze gekochtes Blut.

Ferner sagen Aristoteles und Democritus, dass des Weibes Samen zur Generation nichts täte, und dass sie keinen Keim, sondern einen eigentümlichen Schweiss ausliessen; Galenus aber, dass sie einen Samen, ob es gleich nicht ein vollkommener Keim wäre, ausliessen und dass beider Samen, sowohl des Mannes als des[69] Weibes, die Frucht konstituierten. Aber Aristoteles will haben, dass die Leiber der Tiere aus dem Geblüte gezeuget und unmittelbar ernähret würden, und dass der Same aus dem Geblüte seine Generation hätte. Hingegen stehet Hippocrates in denen Gedanken, dass die Körper der Tiere erstlich aus den vier Humoribus oder Feuchtigkeiten coagulieret würden; und viel aus den arabischen Medicis haben gemeinet, dass die vollkommenen Tiere ohne Zutun des Mannes und Weibes vollkommen könnten generieret und ohne Samen hervorgebracht werden, und deswegen haben sie gesaget, die Matrices wären nicht eben notwendig, sondern nur als Accidens da.

Wann sie nun von den Ursachen der Krankheiten und von ihrem Ursprung handeln, mein, wie sind sie einander zuwider. Hippocrates meint, die Krankheiten kämen aus dem Spiritu oder Winde her; Hierophilus aus den Humoribus oder Feuchtigkeiten; Erasistratus aus dem Geblüte der grossen Pulsader; Asclepiades aus den Atomis, welche durch die Poren durchdringen; Alcmeon aus dem Überschuss oder Mangel der körperlichen Kräfte; Diocles aus der Ungleichheit der corporalischen Elementen, und aus dem Anhauchen der Luft; Strato von der Speisen Überflüssigkeit, Crudität und Corruption.

Aber wie die Speise verwandelt und verdauet werde, da sind sie auch nicht weniger zweifelhaftig; denn Hippocrates, Galenus und Avicenna, die wollen behaupten, dass die Speise im Magen durch die Hitze gekochet und verdauet würde; Erasistratus meinet, dass es im Bauche geschehe; Plistonicus und Praxagoras sagen, sie würde nicht allein darinnen gekochet, sondern sie verfaulete auch. Ja auch der Avicenna und seine Ausleger, der Gentilis und Jacobus de Forlivio, die geben für, aber nicht ohne grossen Irrtum, dass der Dreck in dem Magen gezeuget würde; aber Asclepiades und seine Nachfolger die halten dafür, dass die Speisen in dem Magen nicht verdauet, sondern roh in dem Körper überall eingeteilet würden,[70] und halten alle diejenigen Meinungen, davon wir eben gedacht haben, für vergeblich und nichtswürdig.

Ich übergehe hier auch das Judicium vom Urin oder dem Wasser, und vom Takte des Pulses, welches doch alles noch nicht vollkommen von ihnen erkennet und wahrgenommen ist. In diesen Fragen ist Hippocrates, ob sie ihn schon für einen Gott gehalten, denen andern nicht so sehr contrairer und widerwärtiger Meinung gewesen als vielmehr ganz irrig; denn in dem Buch de Natura Infantis saget er: Generatur ex luteo ovi avis, nutrimentum autem et augmentum habet album quod in ovo est. Es wird der junge Vogel gezeuget aus dem Dotter des Eies, das Nutriment aber und das Wachstum steckt in dem Weissen, welches in dem Eie ist. Welches, dass es falsch sei, beweiset Aristoteles in den Büchern de Animalibus und de Generatione Animalium, darinnen er wider den Alcmeon disputieret, welcher des Hippocratis Meinung gewesen ist, und schliesst endlich: Origo pulli in albumine est, cibus per umbilicum ex luteo petitur. Das ist: Der Anfang und Ursprung des Jungen ist in dem Weissen, die Speise aber wird durch den Nabel aus dem Dotter geholet.

Dieser Meinung pflichtet Plinius bei, wann er spricht: Ipsum animal ex albo liquore ovi corporatur, cibus ejus in luteo est. Das ist: Das Tier an sich selbsten wird aus dem Weissen des Eies korporieret, die Speise aber ist in dem Dotter. Ist dann auch nicht jener Machtspruch des Hippocratis erlogen, wann er spricht: Mulier non podagrizat, nisi menstrua illi de fecerint? Das ist: Ein Weib hat nicht das Podagra, sie hätte denn ihre Menses oder weibliche Zeit nicht mehr? Wir sehen ja, dass viel Weiber, wann sie gleich ihre Zeit haben, am Podagra doch laborieren.[71]

Quelle:
Agrippa von Nettesheim: Die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift. München 1913, Band 2, S. 66-72.
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