Kapitel LXXXIV.
De pharmacopolia
oder
Von der Apothekerkunst

[91] Nun zu den Köchen der Medicorum. Die Apotheker und Pharmacopolen werden von ihren Büchsen also genennet, von welchen ein Sprichwort ist: Tituli remedia habent, pyxides venena. Aussen auf dem Titul stehen heilsame Mittel geschrieben, inwendig aber in den Büchsen ist nichts als Gift; oder wie Homerus schreibet:


»Die Büchsen sind gemischt mit gut und bösen Sachen;

Triffts ein, wohl gut; wo nicht, so wird man's dir wohl machen.«


Denn indem sie ihren Nutzen damit suchen, so müssen wir unsern Tod so teuer kaufen, und weil sie Quid pro Quo geben, auch bisweilen stinkende, verdorbene und verlegene Arzneien mit untermischen, so müssen wir manchen schädlichen und tödlichen Trank, davon wir sollten gesund werden, hinunterschlucken. Da treiben sie mit ihren schon vor langer Zeit geschmierten alten Pflastern, mit ihren Augensalben, Schmierereien, Morschellen und andern dergleichen Medikamenten, welche sie aus den Hefen und aus der Grund-Suppe ihrer Ingredienzen zusammen[91] mischen, schändlichen Wucher; das miscieren sie so gut als sie können eines in das andere; und vertrauen den barbarischen Kaufleuten und Wurzelkrämern, wann sie nur von weitem her sind und nur teuere Exotica und fremde Sachen mitbringen, am allerersten, da solche doch auf nichts anders als auf Betrug umgehen und die ganze Welt bescheissen.

Hier könnte ich gar artig weisen ihre schädliche Uneinigkeit, die sie von Simplicibus oder einfachen Stoffen statuieren, auch ihre andere Irrtümer, die sie insgemein von den Medizinen haben, da sie doch oftermals nicht wissen oder verstehen, wo sie herkommen oder wie sie heissen, und dennoch solche böslich und in den Tag hinein brauchen, was alles Nicolaus Leonicenus in einem grossen Buch beschrieben hat.

Ich will auch hier nicht viel sagen von ihren wunderseltsamen Compositionibus und Mixturen fremder und ausländischer Ingredientien, mit welchen sie alles durcheinander mischen und wollen uns darnach überreden, sie hätten ein einziges Medikament, welches sich auf aller Menschen Natur schickete, wie sie von der Composition des Theriaks und von dem Gegengifte des Mithridates ein Haufen Wesen machen. Darauf passen die Worte des Poeten, die er von dem Chaos saget: ein ungeschickter und ungeheurer Klumpen, darinnen alles wider sich selbst lauft und sich nicht vertragen kann. Allwo in einem Leibe das Kalte mit dem Warmen, das Feuchte mit dem Trockenen, das Weiche mit dem Harten und das Leichte mit dem Schweren streitet und einander zuwider ist.

Lass es sein, so wären etliche nützliche Compositiones von den alten Medicis erfunden worden, welche man durch lange Erfahrungen auch wohl brauchen könnte. Aber sie sind von der alten Art und Methode zu kurieren so abgesondert, dass sie auch von vielen Medicis selber nach Überzeugung ihres eigenen Gewissens verworfen worden sind, als vom Plinio, Theophrasto, Plutarcho, Hippocrate, Galeno, Dioscoride, Erasistrato, Celso, Scribonio und Avicenna. Was[92] nun diese von solcher Kur gehalten, das würde zu lang sein, hier zu erzählen. Dieser Meinung sind nicht allein die Allen, sondern auch viel von den Neuen gewesen, aus welchen einer der Arnaldus de Villanova ist, wann er in seinen Aphorismis schreibet: Ubi in promptu habentur simplicia, dolum esse, si quis compositis utatur. Das ist: Es ist ein Betrug, Composita zu gebrauchen, wann man Simplicia haben kann. Aber die, welche also kurieren, die werden nun heutiges Tages von vielen verachtet und nicht mehr angesehen, sondern es müssen jetzo die Medicinalia aus den Apotheken und Würzkrämen der beiden vornehmen Lichter, des Mesue und Nicolai hergesuchet, und aus ihren vergüldeten Büchsen, die so prächtige Tituln und Überschriften haben, die Gesundheit hergelanget werden; daher geschieht's zum öftern, dass solche Medici, damit sie ihrer Faulheit desto besser können abwarten, der Menschen Leben auf das Treiben der Apotheker setzen, welche sich auf die betrügerischen Spezereikrämer verlassen, und immer die Sachen in Tag hinein mischen, ohne etwas gelernt zu haben; also, dass man mehr von Medikamenten, als von der Krankheit selber Gefahr zu erwarten hat.

Jetzo aber wollen wir noch etwas sagen von dem Betrug der kostbaren Arzneien, welche oftermals mit einer solchen Art und Finesse verfälscht werden, dass auch die Klügsten und Fleissigsten betrogen worden. Es wäre des Menschen Gesundheit, ja dem ganzen Volk in einer Republik besser, wann solche fremde und ausländische Arzneien, welche um einen so grossen Preis von den betrügerischen Kaufleuten zum höchsten Schaden des gemeinen Wesens hergebracht werden, gänzlich verboten würden, und dass alle Medici und die Apotheker dahin gebracht würden, dass sie dergleichen nicht kaufen sollten.

Ein solch Gesetze hat vor Zeiten der Kaiser Nero, als er noch wohl regieret, zu Rom geben und gebieten lassen, dass nur diejenigen Medicinalia, so im eigenen Lande gewachsen, haben dürfen gebrauchet werden.[93] Und fürwahr höchst billig; denn unsere Natur ist derselben besser gewohnet, können auch viel frischer und neuer, auch mit wenigen Unkosten erlanget werden; so ist auch nicht soviel Gefahr dabei als bei den ausländischen, welche meistenteils sehr verdächtig und gefährlich sind, indem sie oftermals verfälscht oder verschlechtert sind, von dem Seewasser in Schiffen ersticket, von der Salzlake ganz verderbet und durch die Länge der Zeit vermodert gefunden werden. Ja es geschieht oft, dass solche Exotica nicht zu rechter Zeit und am rechten Orte (daraus nicht geringe Gefahr entstehen kann) geholet und gesamlet worden sind. Denn man hat's erfahren, dass die Coloquinte, wann sie zu zeitlich abgebrochen und nicht reif ist, den Menschen blutend machet und wohl gar ums Leben bringet; und dass der Agaricus oder der Tannenschwamm, der masculus nämlich, tödlich, und je älter er wird, je schädlicher ist. Die Scammonea oder das Purgierkraut, wie auch die Terra Lemnia ist heutiges Tages ganz verfälscht.

Aber, Lieber, sage mir doch, was treibet uns für Not dazu, solche fremde Sachen zu gebrauchen, die wir eben dergleichen und vielleicht noch von besserer Kraft und Wirkung in unserem Lande haben? Ist es nicht eine ausbündige Narrheit, das was wir zu Hause haben, aus Indien herzuholen, und dass wir uns einbilden, dass das, was nicht fremde oder teuer ist, nicht gut sei? Da müssen diejenigen Sachen, welche unsere Länder herfürbringen, verachtet, hingegen das, was weit von uns und am Ende der Welt wächset, auch mit schweren Unkosten hergeholet wird, wann es nur fremd und fein teuer ist, vorgezogen werden. Kann denn ohne Ammoniak die Milz oder ohne Datteln die Leber nicht kurieret werden? Meinest du denn, dass ohne Bdellio niemand kein inneres Geschwür heilen kann? Oder dass dem Kopfe durch nichts andres als durch Moschus oder Ambra kann geholfen oder der Magen ohne Mastix und Korallen nicht wieder zurechte gebracht werden? Wann diese Exotica[94] oder fremde Medicinalia unsern Leibern und unsern Constitutionen gut wären, so würde ohne allem Zweifel die Natur, welche in allen Sachen unsere Vorsorgerin ist, uns solche wohl auch bei uns gegeben haben. Haben denn unsere Voreltern, welche von diesen allen noch nichts gewusst, nicht auch gelebet, sind nicht gesünder gewesen und viel älter worden?

Fürwahr es ist solches unserer Ärzte Faulheit zuzuschreiben, die nicht besser nach unsern Kräutern und nach ihrer Eigenschaft inquirieren und die Erfindung der Apotheker, welche doch nur ihren eigenen, nicht aber den gemeinen Nutzen suchen; und da lassen wir uns überreden, dass, was am teuersten ist, das helfe auch am besten. Diesem ist es durch den Propheten Jeremiam genug gesaget, wann er spricht: Nunquid non est resina in Galaad aut Medicus non est ibi? Das ist: Ist denn keine Salbe von Harz in Gilead, oder ist kein Arzt nicht da? Die Natur gibet einem jedweden Lande, auch einem jedweden Volke nach ihrem Climate und nach ihrer Luft und Himmel ihre Kräuter und Gewächse und temperieret auch solche darnach.

Lass es sein, dass an diesem oder jenem Orte dieses oder jenes Kraut oder Gewächse mehr Kräfte und Wirkung in sich hätte, so wird es doch an einem fremden Orte, wo es nicht wächst, oder bei andern menschlichen Temperamenten nicht eben das tun. Es mögen die ausländischen Kräuter stärker sein als die unserigen, so glaube ich, dass sie denen Leuten allein gesund sind und gut bekommen, unter deren Climate sie wachsen.

Aber es gibet unter uns solche Empiricos, die durch ihren Geiz und Raub uns überreden wollen, dass wir nicht können gesund werden, wann wir nicht solche ungeheuerliche Exotica brauchten, und putzen uns arme Leute nur ums Geld; sie mischen die Viper-Schlangen und andere schädliche kriechende Tiere und bereiten so ihre Antidota daraus, machen aus des Menschen Fett, als wann sonsten keine andere[95] Mittel vorhanden wären, Salben; sie balsamieren des Menschen Fleisch und ihre Körper (welches sie Mumien nennen) und geben solches denen Patienten, wider die menschliche Natur, nicht ohne Todsünde ein.[96]

Quelle:
Agrippa von Nettesheim: Die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift. München 1913, Band 2, S. 91-97.
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