Gedanken über die Entstehung der Schöpfung aus dem Âtman1

[53] Am Anfang war hier nur das Selbst; es war wie ein Mensch. Es blickte um sich und sah nichts anderes als sich selbst. ›Das bin ich‹, war sein erstes Wort. Daher erhielt es den Namen ›Ich‹. Darum sagt auch jetzt jemand, der begrüßt worden ist, zuerst, ›ich bin der‹ und nennt dann den andern Namen, den er führt.

Weil es aller Welt zuvor alle Übel verbrannte, darum ist es ein ›purusha2‹. Der, wer so weiß, verbrennt wahrlich den, der ihm voraus sein will.

Es fürchtete sich. Darum fürchtet sich einer, der allein ist. Er überlegte: ›Wenn es nichts anderes gibt als mich, vor wem fürchte ich mich denn da?‹ Da wich seine Furcht; denn vor wem hätte es sich fürchten sollen? Man fürchtet sich doch nur vor einem Zweiten.

Es empfand keine Freude. Darum empfindet ein Einsamer keine Freude. Es wünschte sich einen Zweiten. Es war so groß wie Mann und Frau bei der Umarmung.

Es ließ sich in zwei Teile zerfallen. So entstanden Gatte und Gattin. ›Darum sind wir beide hier nur wie ein Halbstück3‹, sprach Yâjnavalkya. Darum wird dieser Raum durch die Frau ausgefüllt. Er nahte ihr. Darauf entstanden die Menschen.

Sie überlegte: ›Wie kann er mir nahen, nachdem er mich aus sich selbst geschaffen hat? Wohlan, ich will mich verbergen.‹[53]

Sie wurde eine Kuh, er ein Stier. Wieder nahte er ihr, darauf entstanden die Rinder.

Sie ward zu einer Stute, er zu einem Hengste, sie zu einer Eselin, er zu einem Esel. Wiederum nahte er ihr. Darauf entstanden die Einhufer.

Sie wurde eine Ziege, er ein Bock; sie eine Schafmutter, er ein Widder. Wieder nahte er ihr, darauf entstanden Ziegen und Schafe. In dieser Weise erschuf es alles, was sich paart, bis hin zu den Ameisen ...

Wenn sie nun hier in bezug auf den einzelnen Gott sagen, opfere ›diesem oder jenem‹, so ist der nur eine Einzelschöpfung von ihm; denn es begreift alle Götter in sich ...

Daß es die höheren Götter schuf, ist eine Überschöpfung Brahmans. Weil es als ein Sterblicher die Unsterblichen schuf, darum ist es eine Überschöpfung. Wer so weiß, ist in dieser seiner Überschöpfung enthalten.

Die Welt war damals noch nicht (nach Name und Gestalt) geschieden. Sie schied sich nach Name und Gestalt: ›Er heißt soundso und hat die und die Gestalt.‹ So unterscheidet sich auch jetzt noch diese Welt nach Name und Gestalt: ›Er heißt soundso und hat die und die Gestalt.‹

Das (Selbst) ist (in alles) bis in die Nagelspitzen eingegangen. Wie das Messer in der Scheide verborgen liegt, wie das Feuer im Reibholz, so nimmt man es nicht wahr. Denn es ist zerteilt.

Wenn es atmet, ist ›Atem‹ sein Name; wenn es spricht, ist ›Rede‹ sein Name; wenn es sieht, ist ›Auge‹ sein Name; wenn es hört, ist ›Ohr‹ sein Name; wenn es denkt, ist ›Verstand‹ sein Name. All das sind nur Namen für seine Tätigkeiten. Der weiß das nicht, der nur die Einzelerscheinung verehrt. Denn es ist zerteilt und tritt nur als Einzelerscheinung auf.

Er soll nur den Âtman verehren; denn in ihm werden all diese Einzelerscheinungen (Atem, Rede, Auge) zur Einheit. Darum ist der Âtman ein Weg zu allem. Denn man erkennt[54] durch ihn alles, wie man mit Hilfe der Fußspur (jemanden) findet. Wer so weiß, gewinnt Ehre und Ruhm.

Dieser selbige ist lieber als ein Sohn, lieber als Besitz, lieber als alles andere. Das Vertrautere ist der Âtman. Wollte man von dem, der einen anderen als den Âtman für lieb erklärt, sagen, daß er das Liebe beeinträchtige, so wäre man dazu berechtigt. Nur den Âtman soll man als Liebes verehren. Wer nur den Âtman als Liebes verehrt, dem wird Liebes nicht verkümmert.

Da sagt man: ›Wenn Menschen mit Hilfe der Wissenschaft vom Brahman glauben, zum All werden zu können, was wußte denn das Brahman, dadurch es zur ganzen Welt wurde?‹

Nur das Brahman war hier am Anfang. Dies kannte nur sich selbst: ›Ich bin Brahman.‹ Darum wurde es zu der ganzen Welt. Wer immer von den Göttern das erkannte, der wurde dazu (zur ganzen Welt). Ebenso ist es bei den Rishis, ebenso bei den Menschen.

Vâmadeva, der Rishi, erkannte das und vergegenwärtigte sich: ›Ich war Manu einst und Sûrya‹ (RiV. IV, 26, 1)4. Darum wird auch jetzt der, der so weiß: ›ich bin Brahman‹, zur ganzen Welt. Auch die Götter sind nicht imstande, dies Werden zu verhindern. Denn er ist ihr Âtman. Aber wer eine andere Gottheit verehrt und denkt: ›sie ist etwas anderes als ich‹, der hat kein Verständnis. Er ist wie ein Nutztier für die Götter. Wie viele Tiere dem Menschen zum Nutzen dienen, so dient der einzelne Mensch den Göttern zum Nutzen. Wenn nur ein einzelnes Tier ihnen genommen wird, so ist das ihnen schon nicht angenehm, geschweige denn, wenn viele ihnen genommen werden. Darum ist es ihnen nicht lieb, wenn die Menschen zu dieser Erkenntnis gelangen.

Am Anfang war hier nur das Brahman; es war allein. Da es allein war, entfaltete es sich nicht. Es schuf als höhere Form darüber den Kriegerstand, nämlich die Fürsten unter[55] den Göttern: Indra, Varuna, Soma, Rudra, Parjanya, Yama, Mrityu, Îshâna. Daher gibt es nichts Höheres als den Kriegerstand; daher verehrt bei dem Fest der Königsweihe der Brahmane, indem er unter ihm steht, den Kshatriya; dem Kriegerstand verleiht er damit Ruhm. Das Brahman ist die Geburtsstätte des Kriegerstandes. Darum stützt der König, auch wenn er zur höchsten Höhe schreitet, sich am Ende doch auf das Brahman. Wer den Brahmanen verletzt5, der schädigt seine eigene Geburtsstätte damit. Der ist schlechter noch, als wenn er einen Vornehmen verletzt hätte.

Es war noch nicht entfaltet; es schuf das Volk, die Göttergeschlechter nämlich, die man in Gruppen aufzählt: die Vasus, Rudras, Âdityas, Allgötter und Maruts.

Es war noch nicht entfaltet; es schuf die Kaste der Shûdras (Knechte), den Pûshan. Diese Erde ist Pûshan. Diese Erde nährt alles, was da ist.

Es war noch nicht entfaltet; es schuf als höhere Form darüber das Recht. Das Recht ist die Herrschaft über die Herrschaft. Darum gibt es nichts Höheres als das Recht. Durch das Recht beherrscht6 der Schwächere den Stärkeren wie durch den König. Das Recht ist gleich mit Wahrheit. Darum heißt es von einem, der die Wahrheit sagt, daß er Recht spreche, oder von einem, der Recht spricht, daß er die Wahrheit sage. Beides ist ein und dasselbe.

Dasselbe ist Brahman, Herrschaft, Volk, Knecht. Durch Agni erschien es als Brahman unter den Göttern, als Brahmane unter den Menschen, durch den Kshatriya als Kshatriya, durch den Vaishya als Vaishya, durch dnn Shûdra als Shûdra. Darum begehrt man unter den Göttern eine Stätte bei Agni, unter den Menschen eine bei einem Brahmanen. Denn in diesen beiden Formen zeigte sich das Brahman7.

Wer aus dieser Welt scheidet, ohne seine eigentliche Welt erkannt zu haben, dem nützt diese, weil sie nicht erkannt ist, so wenig wie der Veda, den man nicht studiert hat, oder eine Arbeit, die man unterlassen hat. Welch großes, verdienstliches[56] Werk ein in dieser Weise Unkundiger auch vollbringen mag, es wird am Ende doch zunichte. Nur den Âtman soll er als die Welt verehren. Das Werk dessen, der nur den Âtman als die Welt verehrt, wird nicht zunichte. Denn aus diesem Âtman schafft er sich alles, was immer er nur begehrt.

Dieses Selbst ist eine Stätte für alle Wesen. Wenn man opfert, wenn man verehrt, dann ist es die Stätte für die Götter; wenn man lernt, dann ist es die Stätte für die Rishis; wenn man Nachkommen wünscht, wenn man den Manen hinstreut, dann ist es die Stätte für die Manen; wenn man Menschen beherbergt, wenn man ihnen Speise gibt, dann für die Menschen; wenn man für die Nutztiere Gras und Wasser sucht, dann für die Nutztiere; wenn wilde Tiere, Vögel bis hin zu den Ameisen, in seiner Behausung ihren Unterhalt finden, dann ist es die Stätte für sie. Wie einer seiner Stätte Heil wünscht, so wünschen dem, der so weiß, alle Wesen immer Heil. Das ist es, was man erkannt und erwogen hat.

Nur das Selbst war hier am Anfang; es war allein. Es wünschte, ›möchte mir eine Gattin sein, dann würde ich mich fortpflanzen, dann würde mir Reichtum sein, dann würde ich Werke verrichten‹. So war sein Wunsch. Trotz aller Wünsche möchte einer nicht mehr als das erreichen. Darum wünscht auch jetzt ein Lediger: ›Möchte mir doch eine Gattin sein, dann würde ich mich fortpflanzen, dann würde mir Reichtum sein, dann würde ich Werke verrichten.‹ Solange einer jedes Einzelne von diesen Dingen nicht erlangt, hält er sich für unvollkommen. Darin besteht jemandes Vollkommenheit:

Der Verstand ist sein Selbst, die Rede seine Frau, der Hauch seine Nachkommenschaft; sein Auge das menschliche Vermögen; denn mit dem Auge gewinnt er es; das Ohr sein göttliches Vermögen; denn mit dem Ohr vernimmt er es; sein Ich ist sein Werk, denn mit seinem Ich vollzieht er es.

Fünffach ist das Opfer (an Götter, Rishis, Manen, Menschen,[57] Tiere); fünferlei sind die Opfertiere (Mensch, Roß, Rind, Schaf, Ziege); fünffach ist der Mensch (Verstand, Rede usw.). Fünffach ist das alles, was da ist. Alles erreicht der, der so weiß.


(I, 4)

1

Einige Abschnitte sind weggelassen.

2

Wertlose Etymologie.

3

Text nicht sicher.

4

Der Rigveda-Vers ist sehr künstlich herbeigezogen.

5

Das erste svâm yonim ist zu streichen.

6

Ich kann mit der im Text stehenden Form âshansate nichts anfangen. P.W. übersetzt: »sucht oder hofft zu bemeistern«. Halten wir an â + shans fest, so dürfte es ein juristischer Terminus sein: »beklagen« oder »vor Gericht fordern«.

7

§27 ist eine wohl hinzugefügte Einschränkung des Vorhergesagten zugunsten brahmanischer Ansprüche.

Quelle:
Upanishaden. Altindische Weisheit aus Brâhmanas und Upanishaden. Düsseldorf/Köln 1958, S. 53-58.
Lizenz:

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