Zehnter Gesang.

[61] Der Erhabene sprach


Nun höre noch ein Wort von mir, ein höchstes, du Großarmiger!

Ich sag' es dir, weil du mich liebst und weil ich auf dein Heil bedacht.

Es kennen meinen Ursprung nicht die Götter noch die Weisen auch,

Weil ich der Götter Urquell bin und auch der Weisen allesamt.

Wer mich kennt als den Herrn der Welt, der ungeboren, anfangslos, –

Ein solcher Mensch ist nicht betört, der wird von allen Sünden frei.

Einsicht, Wissen, Nichtbetörung, Geduld, Wahrheit und Zucht und Ruh,

Glück, Leid, Entstehen und Vergehn, Gefahr, sowie auch Sicherheit;

Nichtverletzung, Gleichmut, Frieden, Buße, Spenden, Ehre und Schmach, –

Die mannigfachen Zustände der Wesen stammen all von mir.

Die sieben Weisen alter Zeit und die vier Manus1 ebenso,

Sie sind im Geist von mir gezeugt, deren Kinder die Menschen sind.

Wer diese Macht und Wunderkraft an mir in voller Wahrheit kennt,

Dem wird zuteil nie wankende Andacht, – da kann kein Zweifel sein.

Ich bin der Ursprung dieses Alls, aus mir geht dieses All hervor, –

In solcher Ansicht huld'gen mir die Weisen, ganz von Lieb' erfüllt.

Mein denkend, in mir lebend ganz und sich erweckend wechselsweis,

Erzählend immerdar von mir, sind sie zufrieden und sind froh.

Diesen Immerandächtigen, die mich verehren liebevoll,

Verleih' des Geistes Andacht ich, durch welche sie zu mir eingehn.

Diesen auch aus Barmherzigkeit vernichte ich die Finsternis

Des Nichtwissens mit hellem Licht des Wissens, ruhend in mir selbst.
[62]

Arjuna sprach


Höchstes Brahman, höchste Stätte und höchste Läuterung bist du!

Den ew'gen Geist, den himmlischen, den Urgott, mächtig, ungebor'n –

So nennen dich die Weisen all, – auch der Gottweise Nârada,

Asita, Vyâsa, Devala2 – und auch du selber sagst es mir.

Dies alles halte ich für wahr, was du mir sagst, o Keçava!

Denn deine Offenbarung ist Göttern und Geistern unbekannt,

Du selber aber kennst dich wohl durch dich selber, o höchster Geist,

Der Wesen Heiland du und Herr, Gott der Götter und der Herr der Welt!

Du kannst es künden ohne Rest, denn himmlisch ist ja deine Macht,

Mit welcher Macht du diese Welt durchdrungen hast und stehst so da.

Wie erkenn' ich dich, Heiliger, wenn ich auch immer denk' an dich?

In welchem Zustand deines Seins soll ich dich fassen, Herrlicher?

Ausführlicher erzähl' mir noch von deiner Wunderkraft und Macht!

Hör' ich den Nektar deines Worts, dann hör' ich mich wohl niemals satt.


Der Erhabene sprach


Wohlan, so will ich's künden dir, denn himmlisch ist ja meine Macht, –

Das Wichtigste nur nenn' ich dir, denn End' und Grenzen hab' ich nicht.

Ich bin die Seele dieser Welt, in aller Wesen Herz bin ich,

Ich bin der Anfang, Mitte ich und Ende auch der Wesen all,

Vishnu unter den Adityas3, die Sonn' in der Gestirne Schar,

Marîci4 in der Marut Schar, der Mond im Sternenheer bin ich!

Bin der Sâman von den Vedas, bin Indra in der Götter Heer,

Von den Sinnen der innre Sinn, – der Wesen Einsicht, das bin ich.

Bin von den Rudras Çankara5, Kuvera6 in der Yakshas Heer,

Bin von den Vasus7 all das Feu'r, von den Bergen der Meru8 ich.

Wisse, daß ich der erste bin von den Priestern, Brihaspati9!

Von den Feldherrn bin ich Skanda10, von den Seen bin ich das Meer.[63]

Von den Rishis bin ich Bhrigu, von den Worten bin ich das Om11,

Im Gottesdienst ein leis Gebet, als Gebirg der Himâlaya;

Der Açvattha12 von den Bäumen, von den Gottweisen Nârada,

Als Gandharve Citraratha13, von den Seligen Kapila14;

Wisse, ich bin Uccâihçravas15 unter den Rossen, meerentstammt,

Als Elephant Airâvata16, – unter Menschen bin ich der Fürst;

Von den Waffen der Donnerkeil, unter den Kühen Kâmaduh17,

Als Erzeuger der Liebesgott, unter den Schlangen Vâsuki18.

Bin Ananta19 bei den Nâgas, bin Varuna20 im Wasserreich,

Bin von den Vätern Aryaman, bin Yama21 in der Zwingherrn Schar.

Bin Prahlâda22 bei den Dâityas, unter den Zählenden die Zeit,

Bin der Löwe unter den Tieren, unter den Vögeln Garuda23;

Bin von den Reinigern der Wind, bin Râma in der Helden Schar,

Bin von den Fischen der Delphin, von den Flüssen der Gangâ-Strom.

Anfang und End' der Schöpfungen und Mitte bin ich, Arjuna,

Kunde höchsten Geists im Wissen, der Redner Rede, das bin ich!

Unter den Lauten bin ich A24, bin Dvandva25 als Compositum,

Ich bin die Zeit, die nie vergeht, bin der Schöpfer, der allhin schaut.

Ich bin der Tod, der alles raubt, der Ursprung des, was werden soll;

Als Weib: die Ehre, Anmut, Red', Erinnrung, Einsicht, Kraft, Geduld.

Von den Sâmans bin ich Brihat26, von den Metren die Gâyatrî27,

Bin als Monat Mârgaçîrsha28 und der Frühling als Jahreszeit;

Der Würfel unter dem, was trügt, der Glanz der Glänzenden bin ich,

Der Sieg bin ich, Entschluß bin ich, der Guten Güte, das bin ich.

Vâsudeva29 bei den Vrishnis, unter den Pândus Arjuna,

Vyâsa30 unter den Asketen, unter den Dichtern Uçanas31.

Der Stock bin ich der Strafenden, die Politik der Kämpfenden,

Als Geheimnis bin ich Schweigen32, bin das Wissen der Wissenden.

Was nur von allen Wesen hier der Same ist, ja das bin ich!

Es gibt kein Ding, das ohne mich besteht; sei's ruhend, sei's bewegt.

Kein Ende gibt's, o edler Held, meiner himmlischen Wunderkraft,[64]

Andeutungsweise hab' ich nur von ihrem Umfang dir erzählt.

Was es Herrliches irgend gibt, was schön ist und was kraftvoll ist,

Das, wisse, stammet alles her aus einem Teile meiner Kraft.

Indes, was soll dir, Arjuna, dies mannigfalt'ge Wissen all? –

Mit einem Teile meiner selbst hab' ich dies Weltall festgestellt!

1

Vorsteher, resp. Schöpfer und Ordner der großen Weltperioden, der vier Weltalter. Auf den mythischen Manu des jetzigen Weltalters wird das berühmte Gesetzbuch zurückgeführt.

2

Bekannte Seher der Vorzeit.

3

Eine Ordnung höchster Götter.

4

Marîci, der oberste unter den Sturmgöttern, den Marut.

5

Çankara, der Heilvolle, ein Beiname des Çiva-Rudra, welcher seit alters als der oberste unter den Rudras, einer Ordnung göttlicher Wesen, gilt, die halb unheimlich und gefahrbringend, halb heilvoll und helfend gedacht sind.

6

Kuvera ist Gott des Reichtums, Herr der Yaksha genannten Halbgötter oder Elfen.

7

Eine bestimmte Götterordnung.

8

Meru, der mythische Weltenberg. Er ist aus Gold, die sieben Weltinseln liegen um ihn herum und die Gestirne kreisen um ihn.

9

Brihaspati, Herr des Gebets, der Priester unter den Göttern.

10

Skanda, der Kriegsgott.

11

Das heiligste Wort, von mystischer Bedeutung.

12

Der heilige Feigenbaum

13

Citraratha ist König der Gandharven genannten Halbgötter.

14

Kapila, ein mythischer Weiser, der angebliche Begründer der Sânkhya-Lehre.

15

Ein mythisches Roß, das bei der Quirlung des Ozeans durch die Götter herausgekommen sein soll – Prototyp und Urbild aller Rosse.

16

Der bei der Quirlung des Ozeans herausgekommene Elephant, das Reittier des Indra, Prototyp aller Elephanten.

17

Die berühmte Wunschkuh, die jeden Wunsch alsbald erfüllte.

18

Der Fürst der Schlangen.

19

Ananta »Unendlich«, Beiname des Çesha, des Königs der Nâga oder Schlangendämonen.

20

Der Gott der Gewässer.

21

Der Todesgott.

22

Prahlâda oder Prahrâda, der fromme Sohn des bösen Riesen Hiranyakaçipu – ein standhafter Verehrer Vishnus unter dem götterfeindlichen Dämonengeschlechte der Dâityas; vgl. die rührende Geschichte des Prahrâda bei Schack, Stimmen vom Ganges.

23

Der mythische König der Vögel, Reittier des Vishnu.

24

Weil dies der erste Buchstabe ist, auch im Alphabet der Inder.

25

Das Dvandva oder copulative Kompositum steht in der Grammatik der Inder als erstes da in der Reihe der Nominal-Composita, daher es auf diesem Gebiet quasi eine führende Stellung einnimmt.

26

Das Brihat ist einer der hervorragendsten unter den Sâmans oder heiligen Opfergesängen.

27

Hervorragend wichtiges und heiliges Metrum im Rigveda.

28

Der erste Monat im Jahre.

29

Vâsudeva, ein Beiname des Krishna; als solcher gehört er zum Geschlechte der Vrishnis.

30

Der berühmte mythische Verfasser des Mahâbhârata.

31

Ein schon im Rigveda genannter Dichter und Seher der Vorzeit.

32

Eig. unter den geheimen verborgenen Dingen bin ich das Schweigen.

Quelle:
Bhagavadgita: Des Erhabenen Sang. Jena 1959, S. 61-65.
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