X (Adhyâya 34).

Vers 1205-1246 (B. 1-42).

[67] Der Heilige sprach:


1. (1205.) Noch weiter, o Grossarmiger, vernimm meine allerhöchste Rede, welche ich dir, den ich liebe, mitteilen will aus Wohlwollen für dich.

2. (1206.) Nicht die Scharen der Götter, nicht die grossen Weisen kennen meinen Ursprung, denn ich bin der Anfang der Götter und der grossen Weisen allüberall.

3. (1207.) Wer mich weiss als den Ungeborenen, den Anfanglosen, als den grossen Herrn der Welt, der lebt unter den Menschen ohne Verblendung und wird von allem Bösen erlöst.

4. (1208.) Verstand, Wissen, Besonnenheit, Geduld, Wahrhaftigkeit, Bezähmung, Ruhe, Lust, Schmerz, Entstehen und Nichtsein, Furcht und Furchtlosigkeit,

5. (1209.) Schonung, Gleichmut, Zufriedenheit, Askese, Freigebigkeit, Ehre und Schande, – alle diese einzelnen Zustände (bhâvâh) der Wesen entspringen aus mir.[68]

6. (1210.) Meines Wesens sind die sieben vorweltlichen grossen Weisen und die vier Manu's, sie sind meine geistigen Söhne, deren Weltschöpfung diese Wesen sind.

7. (1211.) Wer diese meine Machtentfaltung und Zauberkunst (yoga) in Wahrheit erkennt, der wird mit unerschütterlichem Yoga angetan, daran ist kein Zweifel.

8. (1212.) Ich bin der Ursprung des Weltalls, aus mir entwickelt sich das Weltall, das wissen die Weisen und verehren mich, in Liebe mir hingegeben.

9. (1213.) An mich denkend und mir das Leben hingebend, ermahnen sie sich gegenseitig, rühmen mich fort und fort und finden in mir ihre Befriedigung und Freude.

10. (1214.) Solchen Menschen, wenn sie, auf Grund ihrer Liebe zu mir, mir immerfort hingegeben und anhänglich sind, verleihe ich jene Vertiefung der Erkenntnis, durch welche sie zu mir gelangen.

11. (1215.) Und aus Mitleid mit ihnen gehe ich in ihr Wesen ein und vernichte die aus dem Nichtwissen entsprungene Finsternis durch die leuchtende Fackel der Erkenntnis.


Arjuna sprach:


12. (1216.) Das höchste Brahman, die höchste Stätte, das höchste Läuterungsmittel bist du, o Herr; für den ewigen, himmlischen Purusha,[69] für den Urgott, den ungeborenen, alldurchdringenden,

13. (1217.) erklären dich alle die Weisen und der Götterweise Nârada nebst Asita, Devala und Vyâsa, und auch du selber sagst es mir.

14. (1218.) Alles das nehme ich als wahr an, was du mir sagst, o Vollhaariger, denn weder Götter noch Dämonen, o Heiliger, kennen deine Entstehung.

15. (1219.) Nur du allein kennst dich selbst durch dich selbst, o höchster Geist, du Wesenbildner, du Wesenherr, du Göttergott, du Weltgebieter.

16. (1220.) So sage es mir ohne Vorbehalt, denn himmlisch sind deine Machtentfaltungen, durch welche Machtentfaltungen du, die Welten durchdringend, dastehst.

17. (1221.) Wie kann ich als Yogin dich erkennen, darüber sinnend für und für, und in welcherlei Wesensformen bist du, o Heiliger, von mir zu überdenken?

18. (1222.) Erkläre mir noch mehr, o Janârdana, in Ausführlichkeit deine Zauberkunst (yoga) und Machtentfaltung, denn wenn ich dir zuhören darf, bietet mir selbst Ambrosia kein Genüge mehr.


Der Heilige sprach:


19. (1223.) Wohlan! ich will sie dir verkünden, denn himmlisch sind meine Entfaltungen, –[70] im ganzen und grossen, o Bester der Kuru's, denn meiner Ausbreitung ist kein Ende.

20. (1224.) Ich bin, o Lockiger, die Seele, die in der Tiefe aller Wesen weilt, ich bin der Anfang der Wesen, bin ihre Mitte und ihr Ende.

21. (1225.) Ich bin Vishṇu unter den Âditya's, bin unter den Lichtern die strahlende Sonne, bin Marîci unter den Marut's, ich bin unter den Gestirnen der Mond.

22. (1226.) Ich bin der Sâmaveda unter den Veden, bin Vâsava (Indra) unter den Göttern, das Manas unter den Sinnesorganen, der Geist in den Wesen.

23. (1227.) Ich bin Ça kara (Çiva) unter den Rudra's, bin der Schätzeherr (Kubera) unter den Yaksha's und Rakshas', der Gott des Feuers unter den Vasu's, der Götterberg Meru unter den Bergen.

24. (1228.) Unter den Hauspriestern, o Pṛithâsohn, wisse, bin ich Bṛihaspati, unter den Heerführern Skanda (Kriegsgott), unter den Wassern der Ozean.

25. (1229.) Ich bin Bhrigu unter den grossen Weisen, bin die eine Silbe (om) unter den Worten, unter den Opfern bin ich das Opfer des Murmelns, unter den Bergen bin ich der Himâlaya.

26. (1230.) Unter allen Bäumen bin ich der Açvattha (Ficus religiosa), unter den Götterweisen Nârada, unter Gandharva's Citraratha,[71] unter den Seligen der rote Weise [kapilo muniḥ, vgl. Çvet. Up. 5,2; der rote Weise ist Hiraṇyagarbha].

27. (1231.) Unter den Rossen wisse mich als Uccaiḥçravas, der zugleich mit dem Amṛitam entstand, unter den edelsten Elefanten als Airâvata, unter den Menschen als König.

28. (1232.) Unter den Waffen bin ich der Donnerkeil, unter den Kühen die himmlische Wunschkuh, ich bin der zeugende Liebesgott, bin Vâsuki unter den Reptilien.

29. (1233.) Unter den Schlangen bin ich Ananta (Schlange des Vishṇu), unter den Seeungeheuern Varuṇa, unter den abgeschiedenen Vätern bin ich Aryaman, unter den Zwingherren Yama (der Höllenfürst).

30. (1234) Unter den Daitya's bin ich Prahlâda, für die Zählenden bin ich die Zeit, unter den Waldtieren der Löwe, unter den Vögeln der Vogel des Vishṇu.

31. (1235.) Ich bin der Wind unter den Luftreinigern, Râma unter den Waffenträgern, unter den Meertieren bin ich der Delphin, unter den Flüssen die Ga gâ.

32. (1236.) Ich bin Anfang, Mitte und Ende der Schöpfungen, unter den Wissenschaften bin ich das Wissen vom höchsten Âtman, ich bin die These der Disputierenden.

33. (1237.) Unter den Lauten bin ich der a-Laut, unter den zusammengesetzten Wörtern die kopulative Zusammensetzung (dvandva), ich[72] bin die unvergängliche Zeit, ich bin der Schöpfer mit Angesichtern nach allen Seiten.

34. (1238.) Ich bin der alles dahinraffende Tod, ich bin die Entstehung dessen, was entsteht, ich bin unter den weiblichen Götterwesen die Ehre, die Schönheit und die Rede, die Erinnerung, die Weisheit, die Festigkeit und die Geduld.

35. (1239.) Unter den Sâman's bin ich das Bṛihatsâman, unter den Metren die Gâyatrî, unter den Monaten der Mârgaçîrsha (der erste Monat im Jahre), unter den Jahreszeiten bin ich die Blumenreiche.

36. (1240.) Unter dem, was trügt, bin ich das Würfelspiel, ich bin der Glanz der glänzenden Dinge, ich bin der Sieg, die Entschlossenheit, die Güte (sattvam) der Guten.

37. (1241.) Unter den Vṛishṇisöhnen bin ich Vâsudeva (Kṛishna), unter den Paṇḍava's bin ich der Beutemacher (Arjuna), unter den Weisen bin ich Vyâsa, unter den Meistern bin ich der Meister Uçanas.

38. (1242.) Ich bin die Rute der Züchtigenden, bin die Staatsklugheit der nach Sieg Strebenden, das Schweigen der Geheimnisse, bin das Wissen der Wissenden.

39. (1243.) Und was bei allen lebenden Wesen der Same ist, das bin ich, o Arjuna; es gibt kein Wesen, beweglich oder unbeweglich, welches ohne mich wäre.[73]

40. (1244.) Kein Ende ist meiner himmlischen Machtentfaltungen, o Feindbezwinger, und nur andeutungsweise habe ich dir diese Auseinandersetzung meiner Machtentfaltung mitgeteilt.

41. (1245.) Alles, was mächtig und gut, alles, was schön und kraftvoll ist, das alles, sollst du wissen, entsteht als ein Teil aus meiner Kraft.

42. (1246.) Aber was soll dir dieses vielerlei Wissen, o Arjuna! Ich beharre und trage mit einem Teile von mir die ganze Welt der Lebenden.


So lautet in der Bhagavadgîtâ die Zauberkunst der Machtentfaltung (vibhûti-yoga).

Quelle:
Der Gesang des Heiligen. Eine philosophische Episode des Mahâbhâratam. Leipzig 1911, S. 67-74.
Lizenz:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Blumen und andere Erzählungen

Blumen und andere Erzählungen

Vier Erzählungen aus den frühen 1890er Jahren. - Blumen - Die kleine Komödie - Komödiantinnen - Der Witwer

60 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon