IV (Adhyâya 28).

Vers 994-1035 (B. 1-42).

[28] Der Heilige sprach:


1. (994) Diese ewige Yogalehre [der Hingebung an das Werk] habe ich dem Vivasvant (dem Sonnengotte) verkündet, Vivasvant lehrte sie dem Manu, Manu dem Ikshvâku.

2. (995.) In dieser Weise von Geschlecht zu Geschlecht überliefert, gelangte diese Yogalehre zu den Königsweisen, aber im Laufe der langen Zeit ging sie verloren, o Feindbezwinger.

3. (996.) Heute aber ist dieser uralte Yoga dir von mir mitgeteilt worden, denn du bist mein Verehrer und mein Freund, daher ich dir dieses höchste Geheimnis [anvertraut habe].


Arjuna sprach:


4. (997.) Später ist deine Geburt, früher die Geburt des Vivasvant, wie soll ich es verstehen, dass du die Lehre uranfänglich verkündet hast (vgl. Ev. Joh. 8, Vers 57-58).


[29] Der Heilige sprach:


5. (998.) Zahlreich sind meine vergangenen Geburten und auch deine, o Arjuna; mir sind sie alle bewusst, dir aber sind sie nicht bewusst, o Feindbezwinger.

6. (999.) Ungeboren bin ich und unvergänglichen Wesens, bin der Gottherr (içvara) der Geschöpfe; aber indem ich eingehe in meine eigene Natur (prakṛiti), entstehe ich durch meine Zauberkunst (mâyâ).

7. (1000.) Denn jedesmal, wenn die Gesetzlichkeit welk geworden ist, o Bhârata, und Ungesetzlichkeit überwaltet, dann erschaffe ich selbst mich selbst.

8. (1001.) Zur Rettung der Guten und zur Vernichtung der Bösen entstehe ich in jedem Weltalter, um die Gesetzlichkeit wieder aufzurichten.

9. (1002.) Göttlich ist meine Geburt und göttlich mein Werk; wer das in Wahrheit weiss, der, wenn er seinen Leib verlässt, geht nicht ein in eine neue Geburt, zu mir geht er ein, o Arjuna.

10. (1003.) Viele sind ihrer, welche befreit von Leidenschaft, von Furcht und Zorn, zu mir werdend, zu mir ihre Zuflucht nehmend, geläutert durch die Askese der Erkenntnis, in meine Wesenheit eingehen.

11. (1004.) Und in dem Masse, wie sie zu mir sich hinwenden, in demselben Masse liebe[30] ich sie wieder, und so wandeln von überallher, o Pṛithâsohn, die Menschen auf meinem Wege.

12. (1005.) Nach dem Gelingen der Werke trachten ja [die Menschen] und verehren darum die Götter; denn schnell zeigt sich in der Menschenwelt das Gelingen, welches aus Werken entspringt.

13. (1006.) Ich bin es ja, der die vier Kasten schuf, der die Guṇa's und Werke unter sie verteilte; von dem allem, wisse, bin ich der Schöpfer und doch Nicht-Schöpfer für und für.

14. (1007.) Denn mich beflecken die Werke nicht, weil ich nicht nach der Frucht der Werke begehre; wer mich als solchen erkennt, der wird durch seine Werke nicht gebunden.

15. (1008.) Und in dem Bewusstsein, dass in dieser Weise das Werk geübt wurde, auch von den Altvordern, welche nach Erlösung trachteten, vollbringe auch du das Werk, wie es vordem von den Altvordern vollbracht wurde.

16. (1009.) Was ist das Werk und was das Nicht-Werk? In dieser Frage haben auch die Weisen geirrt. Darum will ich dir das Werk erklären, welches erkannt habend du vom Übel erlöst sein wirst.

17. (1010.) Man muss dabei merken auf das (gute) Werk und man muss merken auf das Abwerk (das böse Werk), auch muss man[31] merken auf das Nicht-Werk. Tief verborgen ist das Wesen des Werkes.

18. (1011.) Wer im Werke das Nicht-Werk sieht und im Nicht-Werke das Werk, der ist ein Weiser unter den Menschen, ein Hingegebener (Yogin), ein alle Werke Vollbringender.

19. (1012.) Der, dessen ganzes Tun frei ist von Lüsten und Wünschen, und dessen Werke verbrannt sind durch das Feuer der Erkenntnis, den nennen die Kundigen einen Weisen.

20. (1013.) Er hat sich frei gemacht von der Anhänglichkeit an die Frucht der Werke, ist ewig befriedigt, frei von der Hoffnung Krücken; ein solcher, auch wenn er sich mit Werken befasst, tut doch gar nichts.

21. (1014.) Er ist frei von Wünschen, hat die Gedanken in sich gebändigt, hat weggeworfen alles, was an das Leben kettet, nur dem Leibe nach tut er das Werk, und obschon er es tut, bleibt er doch frei von Versündigung.

22. (1015.) Er begnügt sich mit dem, was der Zufall ihm darbietet, ist erhaben über die Gegensätze [des Lebens] und frei von Eigensucht, gleichmütig bei Gelingen und Misslingen, und obgleich er handelt, verfällt er doch nicht der Bindung.

23. (1016.) Für ihn, der die Anhänglichkeit hat fahren lassen, sich frei gemacht hat und mit seinem Denken feststeht in der Erkenntnis,[32] für ihn, der das Werk nur als ein Opfer betreibt, ist dasselbe völlig zunichte geworden.

24. (1017.) Brahman ist seine Darbringung, Brahman seine Opferspeise, Brahman spendet er im Feuer durch das Brahman, und so wird er eingehen in das Brahman, er, dessen Meditation dieses Brahmanwerk ist.

25. (1018.) Einige dieser Hingegebenen huldigen dem Opfer als einem den Göttern dargebrachten, andere hingegen bringen, im Brahmanfeuer opfernd, das Opfer selbst zum Opfer dar [sie verzichten darauf].

26. (1019.) Wieder andere opfern das Gehör und alle Sinne in dem Feuer der Selbstbezwingung, und noch andere opfern in dem Feuer der Sinne das Gehörte und alle andern Sinnendinge.

27. (1020.) Und abermals andere opfern alle Verrichtungen der Sinnesorgane und alle Verrichtungen der Lebenshauche (prâṇâḥ) in dem Yogafeuer der Selbstbezwingung, welches von der Erkenntnis angefacht wird.

28. (1021.) Manche bringen ihr Vermögen dar, oder sie opfern durch Kasteiung oder durch Yoga oder durch Vedastudium und Erkenntnis, sie alle als Bezwinger mit scharfem Gelübde.

29. (1022.) Manche auch opfern den Aushauch im Einhauch und den Einhauch im Aushauch [die Hemmung des Aushauchens während des Einhauchens gilt ihnen als ein[33] Opfer desselben und umgekehrt], indem sie den Gang des Aushauches und des Einhauches einschränken und die Hemmung des Atmens als höchsten Zweck sich setzen.

30. (1023.) Andere regeln die Ernährung und opfern die Lebenshauche in den Lebenshauchen [indem beim Prâṇâgnihotram, Chând. Up. 5, 19 fg., die Ernährung jedes einzelnen Lebenshauches als eine zeitweilige Aufopferung der vier übrigen erscheint]. – Alle diese sind des Opfers kundig und vernichten durch das Opfer ihre Sünden.

31. (1024.) Diejenigen, welche [in dieser Gesinnung] das Amṛitam (Nektar) des Opferrestes geniessen, die gehen ein in das ewige Brahman. Nicht einmal diese Erdenwelt wird dem Nichtopfernden zuteil, wieviel weniger die andere, o Bester der Kuru's!

32. (1025.) In dieser Weise sind mannigfache Opfer ausgebreitet in dem Munde des Brahman [im Veda, der sie als ihr Mund offenbart]. Sie alle aber, wisse, wurzeln in dem Werk; wenn du dies erkannt hast, wirst du erlöst werden.

33. (1026.) Aber besser als das aus stofflichen Darbringungen bestehende Opfer ist das Opfer, das im Erkennen besteht, o Bezwinger der Feinde; das ganze Opferwerk ohne Ausnahme, o Sohn der Pṛithâ, wird vollbracht, indem man Erkenntnis hat.

34. (1027.) Dies Wissen erwirb, indem du[34] dich niederlässt zu des Lehrers Füssen, indem du ihn befragest und ihm dienest; dann werden jene Wissenden, Wahrheitschauenden dich das Wissen lehren.

35. (1028.) Wenn du es erlernt hast, das Wissen, so wirst du nicht wiederum, so wie jetzt, der Verblendung [des Samsâra] verfallen, o Pâṇḍusohn, das Wissen, vermöge dessen du die Wesen ohne Ausnahme schauen wirst in dir selbst und sodann in mir.

36. (1029.) Und wenn du unter allen Bösewichtern der ärgste wärest, so wirst du doch mit dem Schiff der Erkenntnis alles Schlimme überschreiten.

37. (1030.) So wie, o Arjuna, das angezündete Feuer das Brennholz zu Asche macht, so macht das Feuer der Erkenntnis alle Werke zu Asche.

38. (1031.) Denn es gibt auf der Welt kein Läuterungsmittel, welches der Erkenntnis gleichkäme, und dieses findet der im Yoga Vollkommene von selbst mit der Zeit in seinem eigenen Innern.

39. (1032.) Der Gläubige erlangt die Erkenntnis, wenn er einzig nach ihr trachtet und seine Sinne bezähmt, und hat er die Erkenntnis erlangt, so geht er binnen kurzem zum höchsten Frieden ein.

40. (1033.) Aber der Nichtwissende, Nichtglaubende, von Zweifel Erfüllte geht zugrunde;[35] nicht diese Welt und nicht die andere, nicht Freude hat, wer erfüllt von Zweifel ist.

41. (1034.) Aber wer durch den Yoga die Werke abgeworfen und durch die Erkenntnis alle Zweifel von sich gelöst hat (Muṇḍ. Up. 2,2,8), wer den Âtman besitzt, den binden die Werke nicht mehr, o Beutemacher.

42. (1035.) Darum, o Bhârata, zerspalte mit dem Schwerte der Erkenntnis jenen im Nichtwissen wurzelnden, in deinem Herzen wohnenden Zweifel, gib dich dem Yoga hin und ermanne dich.


So lautet in der Bhagavadgîtâ die Hingebung an die Erkenntnis (jñâna-yoga).

Quelle:
Der Gesang des Heiligen. Eine philosophische Episode des Mahâbhâratam. Leipzig 1911, S. 28-36.
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