Stimmen aus der Übergangszeit.

[10] Vâjasaneyi-samhitâ 8,36.


Er, über dem nichts Höh'res ist vorhanden,

Der eingegangen in die Wesen alle,

Prajâpati, mit Kindern sich beschenkend,

Durchdringt die drei Weltlichter sechzehnteilig.


Taittirîya-âraṇyakam 1,23,9.


Die Welten bauend, die Wesen bauend,

Die Zwischenpole bauend und die Pole,[10]

Prajâpati, der Ordnung Erstgeborner,

Ging durch sich selber (âtmanâ) in sich selber (âtmânam) ein.


Taittirîya-brâhmaṇam 2,8,8,8–10.


1.

Brahman zuerst im Osten ward geboren;

Vom Horizont deckt auf den Glanz der Holde;

Die Formen dieser Welt, die tiefsten, höchsten,

Zeigt er, die Wiege des, was ist und nicht ist.

2.

Vater der glänzenden, der Schätze Zeuger,

Ging ein er in den Luftraum allgestaltig;

Ihn preisen sie durch Lobgesang; das Junge,

Das Brahman ist, durch Brahman (Gebet) wachsen machend.


3.

Das Brahman hat die Gottheiten, Brahman die Welt hervorgebracht;

Die Kshatriya's brahman-erzeugt sind, Brahman Brahmanen durch ihr Selbst.


4.

In ihm sind diese Welträume, in ihm die ganze Lebewelt,

Der Wesen Erstling ist Brahman; wer wagt, ihm zu vergleichen sich?


5.

In ihm die dreimal zehn Götter, in ihm Indra, Prajâpati,

In Brahman sind die Weltwesen beschlossen wie in einem Schiff.


Atharvaveda 4,1.


1.

Brahman zuerst vor Zeiten ward geboren;

Und später deckt' es auf der Seher, glanzvoll,[11]

Indem er seine tiefsten, höchsten Formen,

Den Schoss des, was da ist und nicht ist, aufschloss.


3.

Der Wissende entstand, der Ihm Verwandte,

Alle Geburten kund zu tun der Götter;

Er riss heraus das Brahman aus dem Brahman,

Tief, hoch, zu seinen Satzungen drang durch er.


4.

Denn Er, als Ruhesitz, der Heil'ge stützte

Des Himmels und der Erde grosse Ufer;

Als grosser stützt die grossen Er, sich wandelnd

Zur Himmelswohnung, zu der Erde Räumen.


5.

Vom Urgrund auf bis zu der Wesen Spitze

Reicht Gott Bṛihaspati, der Fürst des Weltalls; –

Drum, wie der lichte Tag aus Licht entstanden,

So sollen glanzumstrahlt die Weisen leuchten.


6.

Und jetzo wirbelt sie der Weise auf,

Des grossen, vorgewes'nen Gottes Schöpfung,

Wiewohl er mit den Vielen ward geboren,

Noch schlummernd, als sie vormals ward entbunden.


Taittirîya-brâhmaṇam 2,8,9,6–7.


1.

Was ist das Holz, was ist der Baum gewesen,

Aus dem sie Erd' und Himmel ausgehauen?

Ihr Weise, forscht im Geiste diesem nach, worauf

Er sich gestützt hat, wenn er trägt das Weltenall!


2.

Das Brahman ist das Holz, der Baum gewesen,

Aus dem sie Erd' und Himmel ausgehauen![12]

Ihr Weise, euch, im Geiste forschend, melde ich:

Auf Brahman stützt er sich und trägt das Weltenall.


Taittirîya-brâhmaṇam 3,12,9.


2.

Durch den die Sonne scheint, durch Glut entzündet,

Der Vater wird durch jeden Sohn, der geboren,

Nur wer den Veda kennt, versteht den grossen

Allgegenwärt'gen Âtman beim Hinscheiden.


3.

Er, der als Grossheit einwohnt dem Brahmanen,

Wird nicht vermehrt durch Werke, noch vermindert.

Das Selbst ist sein Pfadfinder, wer ihn findet,

Wird durch das Werk nicht mehr befleckt, das böse.


Vâjasaneyi-samhitâ 31,18–21.


1.

Ich kenne jenen Purusha, den grossen,

Jenseits der Dunkelheit wie Sonnen leuchtend;

Nur wer ihn kennt, entrinnt dem Reich des Todes,

Nicht gibt es einen andern Weg zum Gehen.


2.

Prajâpati wirket im Mutterleibe,

Der Ungeborne vielfach wird geboren;

Wie er entsprungen, sehen nur die Weisen,

In ihm gegründet sind die Wesen alle.


3.

Verehrung ihm, der wärmend strahlt

Den Göttern, der ihr Priester ist,

Der vor ihnen entstanden war,

Dem leuchtenden, von Brahmanart.
[13]

4.

Den leuchtenden, von Brahmanart

Zeugend, sprachen die Götter dann:

»Dem Priester, der dich also weiss,

Seien die Götter untertan!«


Aus Vâjasaneyi-samhitâ 32.


1.

Das ja ist Agni, Âditya, das ist Vâyu und Candramas,

Das ist das Reine, das Brahman, die Wasser und Prajâpati.


2.

Alle Zeitteile entsprangen aus dem Blitze, dem Purusha;

Nicht in der Höhe, noch Breite, noch Mitte ist umspannbar er.


3.

Nicht ist ein Ebenbild dessen, der da heisst: grosse Herrlichkeit.


4.

Er ist der Gott in allen Weltenräumen,

Vordem geboren und im Mutterleibe;

Er ward geboren, wird geboren werden,

Ist in den Menschen und allgegenwärtig.


5.

Er, der entstanden ist vor allem andern,

Der sich zu allen Wesen umgestaltet,

Prajâpati, mit Kindern sich beschenkend,

Durchdringt die drei Weltlichter sechzehnteilig.


8.

Der Vena (Seher) schaut das Höchste, das verborgen,

In dem die ganze Welt ihr einzig Nest hat,[14]

Einheits- und Ausgangspunkt der Welt, den Wesen

Allgegenwärtig ein- und angewoben.


9.

Des Ew'gen kundig künde der Gandharva (Seher)

Sein als Welt ausgebreitetes Geheimnis;

Drei Viertel davon bleiben uns verborgen,

Wer diese weiss, wäre des Vaters Vater.


10.

Er, der verwandt uns, Vater und Vorseher,

Kennt die Wohnstätten und die Wesen alle;

Da wo die Götter, Ewigkeit erlangend,

Zum dritten Weltenraume empor sich schwangen.


11.

Umwandelnd alle Wesen, alle Welten,

Umwandelnd alle Gegenden und Pole,

Drang durch er zu der Ordnung Erstgebornem,

Ging ein mit seinem Selbste in das Selbst er.


12.

Mit eins umwandelt hat er Erd' und Himmel,

Umwandelt Welten, Pole und das Lichtreich;

Er löste auf der Weltordnung Gewebe:

Er schaute es und ward es, denn er war es.


Aus Atharvaveda 10,8.


6.

Offen ist's, und geheim bleibt es, »Uralt« heisst es, ein grosses Land,

In ihm steht dieses Weltganze, was lebt und webt, gegründet fest.
[15]

11.

Was regsam ist, was fliegt und dennoch stillsteht,

Was atmet und nicht atmet, was die Augen schliesst,

Das trägt die ganze Erde allgestaltig,

Und das, zusammengehend, wird zur Einheit.


12.

Das Endlose ist vielfach ausgebreitet,

Endlos und Endlich grenzen aneinander;

Des Himmels Hüter wandelt beide scheidend,

Er kennt, was dagewesen und was sein wird.


16.

Woher der Sonne Aufgang ist, worein sie wieder untergeht,

Das, meine ich, ist das Höchste, das überragt kein Wesen je.


18.

Er spannt die Flügel tausend Tagesweiten,

Wenn er als goldner Vogel fliegt am Himmel,

An seinem Busen hält er alle Götter;

So wandert er, die Wesen überschauend.


25.

Das Eine, als ein Haar feiner, unsichtbar fein das Eine ist,

Und doch umfassender als dies Weltall, – der Gott ist teuer mir!


27.

Du bist das Weib, du bist der Mann,

Das Mädchen und der Knabe,

Du wirst, geboren, allerwärts,

Du wankst als Greis am Stabe.


28.

Du bist der Leute Vater und ihr Sohn auch,

Der älteste von allen und der jüngste.[16]

Der eine Gott, den ich im Geiste trage,

Ist Erstgeborner und im Mutterleibe.


29.

Aus Fülle giesst er aus Fülle, Fülle fliesst aus der Fülle ab;

Das möchten heute wir wissen, woraus dies ausgegossen wird!


30.

Die ewige, vor ew'ger Zeit geborne,

Die grosse Gottheit, uralt, allumfassend,

Sie strahlt herab aus jeder Morgenröte

Und schaut aus allem, was da blickt mit Augen.


44.

Begierdelos, treu, ewig, durch sich selbst nur,

Genussdurchsättigt, keinem unterlegen,

Wer diesen kennt, der fürchtet nicht den Tod mehr,

Den weisen, alterlosen, jungen Âtman.


Vâjasaneyi-samhitâ, 34,1–6 (Çivasamkalpa).


1.

Der göttliche, der in die Ferne schweifet

Beim Wachenden, der auch im Schlafe schweifet,

Fernwandernd, das alleine Licht der Lichter,

Der Geist sei mir von freundlicher Gesinnung!


2.

Durch den werktüchtig ihre Werke Weise

Beim Opfer und der Festversammlung üben,

Der als vorzeitlich Wunder wohnt im Menschen,

Der Geist sei mir von freundlicher Gesinnung!


3.

Der als Bewusstsein, Denken und Entschliessen,

Der als unsterblich Licht verweilt im Menschen,

Ohn' dessen Zutun keine Hand sich reget,

Der Geist sei mir von freundlicher Gesinnung!
[17]

4.

Der diese Welt, Vergangenheit und Zukunft,

Der alle Dinge in sich schliesst, unsterblich,

Durch den das Opfer flammt mit sieben Priestern,

Der Geist sei mir von freundlicher Gesinnung!


5.

In dem die Ṛic's, die Sâman's und die Yajus'

Befestigt sind wie Speichen in der Nabe,

Dem eingewebt alles, was Menschen denken,

Der Geist sei mir von freundlicher Gesinnung!


6.

Der, wie ein guter Lenker seine Rosse,

Die Menschen wie an Zügeln sicher leitet,

Im Herzen fest und doch des Schnellen Schnellstes,

Der Geist sei mir von freundlicher Gesinnung!

Quelle:
Die Geheimlehre des Veda. Leipzig 1919, S. 10-18.
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