Das Brahman und seine vier Füsse.

[80] Chândogya-Upanishad 4,4–9.


Brahman erscheint in Raum, Materie, Licht, Sinnesorganen.


4,1. Satyakâma Jâbâla sprach zu seiner Mutter Jabâlâ: »Ich will, Verehrliche, als Brahmanschüler eintreten; sage mir, aus welcher Familie ich bin.« –

2. Sie sprach zu ihm: »Das weiss ich nicht, mein Junge, aus welcher Familie du bist; in meiner Jugend kam ich viel herum als Magd; da habe ich dich bekommen; ich weiss es selbst nicht, aus welcher Familie du bist; ich heisse Jabâlâ und du heissest Satyakâma; so nenne dich denn [statt nach dem Vater] Satyakâma, Sohn der Jabâlâ.«

3. Da ging er zu Hâridrumata, dem Gautamer, und sprach: »Ich möchte bei Ew. Ehrwürden als Brahmacârin eintreten, Ew. Ehrwürden wollen mich aufnehmen!« –

4. Er sprach zu ihm: »Aus welcher Familie bist du, mein Lieber?« – Er sprach: »Das weiss ich nicht, Herr Lehrer, aus welcher Familie ich bin; ich habe die Mutter gefragt, die hat mir geantwortet: ›In meiner Jugend kam ich viel herum als Magd; da habe ich dich bekommen; ich weiss es selbst nicht, aus welcher Familie du bist; ich heisse Jabâlâ und du heissest Satyakâma‹. So nenne ich mich denn Satyakâma, den Sohn der Jabâlâ, Herr Lehrer.« –[81]

5. Er sprach zu ihm: »Nur ein Brahmane kann so offen sprechen; hole das Brennholz herbei, mein Lieber [das zur Zeremonie erforderlich ist], ich werde dich aufnehmen, weil du nicht von der Wahrheit abgegangen bist.«

Nachdem er ihn aufgenommen hatte, sonderte er magerer und schwacher Rinder ein Vierhundert aus und sprach: »Diesen, mein Lieber, gehe nach, sie zu geleiten.« – Er trieb sie von dannen und sprach: »Nicht, ehe es tausend geworden sind, will ich heimkehren.« Und er blieb eine Reihe von Jahren in der Fremde.

Als es nun tausend geworden waren, 5,1. da redete ihn ein Stier an und sprach: »Satyakâma!« – »Ehrwürdiger!« erwiderte er. – »Wir sind auf tausend angelangt, mein Lieber, so bringe uns denn zur Wohnung des Lehrers.

2. Ich will dir auch einen Fuss (ein Viertel) des Brahman kund machen.« – »Ew. Ehrwürden machen ihn mir kund!« – Und er sprach zu ihm: »Die östliche Gegend ist ein Sechzehntel, die westliche Gegend ein Sechzehntel, die südliche Gegend ein Sechzehntel, die nördliche Gegend ein Sechzehntel; dieses, mein Lieber, ist der aus vier Sechzehnteln bestehende Fuss (Viertel) des Brahman, der da heisset der Weitenhafte.

3. Wer, solches wissend, diesen aus vier Sechzehnteln bestehenden Fuss des Brahman als den Weitenhaften verehrt, der wird weitenhaft[82] in dieser Welt; und weitenhafte Welten gewinnt er, der, solches wissend, diesen aus vier Sechzehnteln bestehenden Fuss des Brahman als den Weitenhaften verehrt. 6,1. Das Feuer wird dir einen weitern Fuss kund machen.«

Als es wieder Morgen geworden war, trieb er die Kühe weiter. Wo sie gegen Abend ankamen, da legte er ein Feuer an, pferchte die Kühe ein, legte Brennholz auf und setzte sich westlich von dem Feuer, das Gesicht nach Osten gewandt, nieder.

2. Da redete ihn das Feuer an und sprach: »Satyakâma!« – »Ehrwürdiger!« erwiderte er.

3. »Ich will dir, mein Lieber, einen Fuss des Brahman kund machen.« – »Ew. Ehrwürden machen ihn mir kund!« – Und es sprach zu ihm: »Die Erde ist ein Sechzehntel, der Luftraum ein Sechzehntel, der Himmel ein Sechzehntel, der Ozean ein Sechzehntel; dieses, mein Lieber, ist der aus vier Sechzehnteln bestehende Fuss des Brahman, der da heisset der Unendliche.

4. Wer, solches wissend, diesen aus vier Sechzehnteln bestehenden Fuss des Brahman als den Unendlichen verehrt, der wird unendlich in dieser Welt; und unendliche Welten gewinnt er, der, solches wissend, diesen aus vier Sechzehnteln bestehenden Fuss des Brahman als den Unendlichen verehrt. 7,1. Die Gans wird dir einen weitern Fuss kund machen.«[83]

Als es wieder Morgen geworden war, trieb er die Kühe weiter. Wo sie gegen Abend ankamen, da legte er ein Feuer an, pferchte die Kühe ein, legte Brennholz auf und setzte sich westlich von dem Feuer, das Gesicht nach Osten gewandt, nieder.

2. Da flog eine Grans auf ihn zu, redete ihn an und sprach: »Satyakâma!« – »Ehrwürdiger!« erwiderte er. –

3. »Ich will dir, mein Lieber, einen Fuss des Brahman kund machen.« – »Ew. Ehrwürden machen ihn mir kund!« – Und sie sprach zu ihm: »Das Feuer ist ein Sechzehntel, die Sonne ein Sechzehntel, der Mond ein Sechzehntel, der Blitz ein Sechzehntel; dieses, mein Lieber, ist der aus vier Sechzehnteln bestehende Fuss des Brahman, der da heisset der Lichtvolle.

4. Wer, solches wissend, diesen aus vier Sechzehnteln bestehenden Fuss des Brahman als den Lichtvollen verehrt, der wird lichtvoll in dieser Welt; und lichtvolle Welten gewinnt er, der, solches wissend, diesen aus vier Sechzehnteln bestehenden Fuss des Brahman als den Lichtvollen verehrt. 8,1. Der Tauchervogel wird dir einen weitern Fuss kund machen.«

Als es wieder Morgen geworden war, trieb er die Kühe weiter. Wo sie gegen Abend ankamen, da legte er ein Feuer an, pferchte die Kühe ein, legte Brennholz auf und setzte[84] sich westlich von dem Feuer, das Gesicht nach Osten gewandt, nieder.

2. Da flog ein Tauchervogel auf ihn zu, redete ihn an und sprach: »Satyakâma!« – »Ehrwürdiger!« erwiderte er. –

3. »Ich will dir, mein Lieber, einen Fuss des Brahman kund machen.« – »Ew. Ehrwürden machen ihn mir kund!« – Und er sprach zu ihm: »Der Odem ist ein Sechzehntel, das Auge ein Sechzehntel, das Ohr ein Sechzehntel, das Manas ein Sechzehntel; dieses, mein Lieber, ist der aus vier Sechzehnteln bestehende Fuss des Brahman, der da heisset der Stützehafte.

3. Wer, solches wissend, diesen aus vier Sechzehnteln bestehenden Fuss des Brahman als den Stützehaften verehrt, der wird stützehaft in dieser Welt; und stützehafte Welten gewinnt er, der, solches wissend, diesen aus vier Sechzehnteln bestehenden Fuss des Brahman als den Stützehaften verehrt.« 9,1. Und er gelangte zur Wohnung des Lehrers. Da redete ihn der Lehrer an und sprach: »Satyakâma!« – »Ehrwürdiger!« erwiderte er. –

2. »Du glänzest, mein Lieber, wie einer, der das Brahman kennt. Wer kann es sein, der dich belehrt hat?« – »Andre als Menschen«, antwortete er, »aber Ew. Ehrwürden mögen es mir, bitte, erklären.

3. Denn ich habe Männer, die Ew. Ehrwürden gleichen, sagen hören, dass das Wissen,[85] welches man vom Lehrer lernt, am sichersten zum Ziele führt.«

Da legte er ihm dasselbe [das Brahman] aus; dabei fiel nichts daneben, – fiel nichts daneben.

Quelle:
Die Geheimlehre des Veda. Leipzig 1919, S. 80-86.
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