5. Die Wahrheit haben und die Wahrheit suchen

[37] Die Wahrheit haben ist des Himmels Weg, die Wahrheit suchen ist der Weg des Menschen.

Wer die Wahrheit hat, trifft das Rechte ohne Mühe, erlangt Erfolg ohne Nachdenken, wandelt mit selbstverständlicher Leichtigkeit auf dem mittleren Weg. Das sind die Heiligen.

Wer die Wahrheit sucht, der wählt das Gute und hält es fest.

Er forscht umfassend danach, er fragt kritisch danach, er denkt sorgfältig darüber nach, er untersucht es klar, er handelt entschlossen danach. Es mag Dinge geben, die er nicht erforscht; aber was er erforscht, davon läßt er nicht ab, bis er es kann. Es mag Dinge geben, nach denen er nicht fragt;[37] aber was er fragt, davon läßt er nicht ab, bis er es weiß. Es mag Dinge geben, über die er nicht nachdenkt; aber worüber er nachdenkt, davon läßt er nicht ab, bis er es gefunden hat. Es mag Dinge geben, die er nicht untersucht; aber was er untersucht, davon läßt er nicht ab, bis es klar ist. Es mag Dinge geben, die er nicht tut; aber was er tut, davon läßt er nicht ab, bis er es beherrscht. Andre können es vielleicht aufs erstemal, ich muß es zehnmal machen; andre können es vielleicht aufs zehntemal, ich muß es tausendmal machen. Wer aber wirklich die Beharrlichkeit besitzt, diesen Weg zu gehen: mag er auch töricht sein, er wird klar werden; mag er auch schwach sein, er wird stark werden.

Von der Wahrheit zur Klarheit11, das ist Naturveranlagung (Wesen); von der Klarheit zur Wahrheit, das ist Erziehung. Wer die Wahrheit hat, der hat auch die Klarheit; wer die Klarheit hat, der hat auch die Wahrheit.

Nur wer auf Erden die höchste Wahrheit hat, kann sein Wesen durchdringen. Wer sein Wesen durchdringen kann, kann das Wesen der Menschen durchdringen. Wer das Wesen der Menschen durchdringen kann, der kann das Wesen der Dinge12 durchdringen. Wer das Wesen der Dinge durchdringen kann, der kann wie Himmel und Erde schöpferisch gestalten. Wer wie Himmel und Erde schöpferisch gestalten kann, der bildet mit Himmel und Erde die große Dreieinigkeit.

Die nächste Stufe ist es, beim Kleinen und Einzelnen anzufangen und es in die Wahrheit zu bringen. Wahrheit wirkt Wirklichkeit, Wirklichkeit wirkt Sichtbarkeit, Sichtbarkeit wirkt Klarheit, Klarheit wirkt Bewegung, Bewegung wirkt Veränderung, Veränderung wirkt Umgestaltung. Nur wer auf Erden höchste Wahrheit hat, kann umgestalten.

Der Weg der höchsten Wahrheit führt dazu, daß man die Zukunft voraus erkennen kann. Wenn ein Reich im Begriff ist aufzublühen, so gibt es stets günstige Vorzeichen; wenn ein Reich im Begriff ist unterzugehen, so gibt es stets unheilvolle Vorzeichen. Das offenbart sich in Schafgarbe und Schildkröte (beim Orakel) und regt sich in allen Gliedern. Ob Heil oder Unheil heraufzieht, so gibt es Gutes, das (der Heilige) sicher zum voraus erkennt, und Böses, das er zum voraus erkennt. Darum ist der, der die höchste Wahrheit hat, göttlich.[38]

Die Wahrheit vollendet durch sich selbst, und der Weg leitet durch sich selbst. Die Wahrheit ist Ende und Anfang aller Dinge. Ohne Wahrheit gibt es kein Ding. Darum hält der Edle die Wahrheit wert. Der Wahre macht nicht nur sich selbst vollkommen, sondern eben dadurch macht er auch die Außendinge vollkommen. Sich selbst vollkommen machen ist Menschlichkeit, die Außendinge vollkommen machen ist Weisheit. Das sind die Geisteskräfte des Wesens und der Weg zur Vereinigung des Äußern und des Innern. Ihn allezeit anzuwenden geziemt sich.

Darum gibt es für die höchste Wahrheit kein Ablassen; Unablässigkeit führt zur Dauer, Dauer führt zur Wirkung, Wirkung führt zur Fortwirkung in die Ferne, Fortwirkung in die Ferne führt zu Weite und Festigkeit, Weite und Festigkeit führen zu Höhe und Klarheit.

Weite und Festigkeit: dadurch werden die Dinge getragen; Höhe und Klarheit: dadurch werden die Dinge beschirmt. Durch ununterbrochene Dauer werden die Dinge vollkommen. Weite und Festigkeit ist der Erde zugeordnet. Höhe und Klarheit ist dem Himmel zugeordnet. Ununterbrochene Dauer ist Unendlichkeit.

Wer das erreicht hat, der offenbart sich, ohne sich zu zeigen, verändert, ohne sich zu bewegen, macht vollkommen, ohne zu handeln. Der Weg von Himmel und Erde läßt sich mit einem Wort erschöpfen: Weil sie in ihrem Wesen (Substanz) ohne Zweideutigkeit sind, deshalb erzeugen sie Wesen (Substanzen) unergründlich.

Der Weg von Himmel und Erde ist weit und fest und hoch und klar und ununterbrochen und dauernd.

Nun ist der Himmel eben das leuchtende Etwas (das wir sehen); aber in seiner Unendlichkeit hält er Sonne, Mond, Sterne und Tierkreiszeichen fest und schirmt alle Dinge. Nun ist die Erde eben diese Hand voll Staub (die ich fassen kann); aber in ihrer Weite und Festigkeit trägt sie das Huagebirge13, und es ist ihr nicht zu schwer; sie leitet die Ströme und Meere, daß sie nicht überfließen, und trägt alle Dinge. Nun ist der Berg eben diese Faust voll Steine; aber in seiner Weite und Größe wachsen auf ihm Kräuter und Bäume, wohnen auf ihm Vögel und Tiere, und Schätze sind in ihm verborgen in großen Mengen.[39] Nun ist das Wasser eben dieser Löffel voll Flüssigkeit; aber in seiner Unergründlichkeit leben Leviathan und Krokodil, allerlei Drachen, Fische und Schildkröten, und kostbare Güter erzeugt es. In den Liedern heißt es (IV Sung I, 2, 1):


»Des Himmels Wille

ist dunkel und ewig.«


Damit ist ausgedrückt, wodurch der Himmel Himmel ist. (Ferner heißt es:)


»O wie verborgen

ist die Reinheit der Geisteskraft des Königs Wen.«


Damit ist ausgedrückt, wodurch der König Wen Wen (vollendet) war: Seine Reinheit war auch ewig (unaufhörlich).

11

Wahrheit wirkt sich praktisch aus, Klarheit ist theoretische Erkenntnis.

12

Hier ist die Magie des Heiligen geschildert. »Das Wesen der Dinge«: Dabei ist nicht so sehr an die äußeren Naturdinge, als an die menschlichen Einrichtungen im Einklang mit dem Kosmos gedacht. Das Werk des Heiligen ist es, als König auf Erden Frieden zu schaffen.

13

Der Hua Schan ist der heilige Berg des Westens.

Quelle:
Li Gi. Düsseldorf/Köln 1981, S. 37-40.
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