1. Die sechs Bestätigungen

[283] Der König sprach: Großmeister!

Sei vorsichtig stets und denke tief nach! Innerlich betrachte das Streben der Menschen. Untersuche und erwäge ihr Wahres und Falsches. Unterscheide unter Beamten und Leuten die Fähigen, ordne sie nach ihrer Art und Kunst. Sei sorgfältig! Wie vorsichtig mußt du sein gegenüber den nicht in die Beziehungen Passenden. An Beziehungen gibt es sieben Klassen. Unter diesen Klassen gibt es neun Arten von brauchbaren Menschen. Für diese brauchbaren Menschen gibt es sechs Bestätigungen. Die erste heißt: Betrachtung der Wahrhaftigkeit; die zweite heißt: Prüfung der Gesinnung; die dritte heißt: Schauen auf die Mitte; die vierte heißt: Betrachtung der Erscheinung; die fünfte heißt: Betrachtung des Verborgenen; die sechste heißt: Ermessung der Geisteskräfte.


a) Betrachtung der Wahrhaftigkeit


Der König sprach: Ach, du mußt sie nach den verschiedenen Richtungen betrachten. Wenn jemand reich und vornehm ist, so betrachte seine Sitten und sein Wirken. Wenn jemand arm[283] und hilflos ist, so betrachte, ob er seine Geisteskräfte wahrt. Wenn jemand in Gunst und Gnade steht, so betrachte, ob er nicht stolz und üppig ist. Wenn jemand in Verborgenheit und Beschränkung lebt, so betrachte, ob er nicht feige und ängstlich ist. Bei den Jungen betrachte, ob sie ehrerbietig und sorgfältig sind, das Lernen lieben und sich brüderlich fügen können. Bei den Erwachsenen betrachte, ob sie rein und unbestechlich sind, auf Handeln bedacht und ihr Eigenes zu besiegen fähig. Bei den Alten betrachte, ob ihre Gedanken vorsichtig und ob sie stark sind ihren Schwächen gegenüber und die Schranken nicht übertreten. Zwischen Vater und Sohn betrachte die Ehrfurcht und zärtliche Liebe. Zwischen älterem und jüngerem Bruder betrachte die Eintracht und Freundschaft. Zwischen Fürst und Beamten betrachte die Gewissenhaftigkeit und Gnade. Innerhalb der Dorfgemeinde betrachte die Zuverlässigkeit und Sorgfalt. Beachte die Wohnung eines Mannes und betrachte, ob er in einer guten Gegend weilt. Beachte ihn, wenn er in Trauer ist, und betrachte seine beharrliche und ehrliche (Trauer). Beachte seinen Ausgang und Eingang und betrachte, mit welchen Freunden er verkehrt. Betrachte, ob er Unbestechliche um Dienste bittet. Prüfe ihn, um seine Zuverlässigkeit zu betrachten. Erforsche ihn, um seine Erkenntnis zu betrachten. Halte ihm Schwierigkeiten vor, um seinen Mut zu betrachten. Mache ihm Mühe, um seine Ordnungsgabe zu betrachten. Tauche ihn in Gewinn, um zu betrachten, ob er nicht habgierig ist. Überschwemme ihn mit Vergnügungen und betrachte, ob sie ihm nicht schaden. Laß ihn sich freuen auf Dinge, um zu betrachten, ob er nicht leichtsinnig wird. Mache ihn zornig, um zu betrachten, ob er nicht schwierig wird. Mache ihn trunken, um zu betrachten, ob er sich nicht verliert. Mache ihn ungebunden, um zu betrachten, ob er feste Grundsätze hat. Sende ihn in die Ferne, um zu betrachten, ob er seine Gesinnung nicht wechselt. Halte ihn in der Nähe, um zu betrachten, ob er nicht ermüdet. Erforsche seine Gesinnung, um seine Gefühle zu betrachten. Prüfe sein Geheimes und Offenbares, um seine Wahrhaftigkeit zu betrachten. Beachte im einzelnen sein Tun, um seine Bereitschaft zu betrachten.

Das heißt: die Betrachtung der Wahrhaftigkeit.


[284] b) Prüfung der Gesinnung


Zweitens sprach er: Rede einmal mit einem Menschen, um seine Gesinnung zu betrachten. Wenn seine Gesinnung geheim und tief ist, wenn seine Seelenkraft weit und weich ist, wenn sein Benehmen einfach und nicht schmeichlerisch ist, wenn er in der Sitte es anderen zuvortut und im Reden hinter anderen zurückbleibt und seine Mängel zeigt, so heißt es von einem solchen: Er nimmt täglich zu.

Wenn aber einer den anderen entgegentritt mit einem gewandten Benehmen, sich über andere hervortut durch seine Seelenkraft, tüchtiger als andere ist im Reden, wenn er seine Mängel versteckt und seine Fähigkeiten hervorhebt, so heißt es: Er nimmt täglich ab.

Wenn einer in seinem Äußeren gerade und nicht anmaßend ist, wenn seine Worte gerecht und nicht selbstisch sind, wenn er nicht sein Schönes aufschmückt und nicht sein Häßliches verheimlicht, wenn er seine Fehler nicht versteckt, so heißt es: Er hat Substanz.

Wenn aber einer in seinem Äußern schmeichlerisch ist, wenn seine Worte künstlich und geschickt sind, wenn er seine sichtbaren Leistungen aufschmückt und seine kleinen Erfolge zu beweisen bestrebt ist, so daß er absichtlich alles selbst beredet, so heißt es: Er hat keine Substanz.

Wenn einer in Freude oder Zorn versetzt ist durch äußere Dinge, es aber in seinem Benehmen nicht merken läßt, wenn man ihn belästigt und verwirrt und seine Gesinnung nicht in Bewegung kommt, wenn man ihn tief in Gewinn hineinführt und sein Herz sich nicht ändert, wenn man ihn einzuschüchtern sucht durch Schrecken und seine Seelenkraft wird nicht gemein, so heißt es: Er ist von gleichmütiger Gesinnung und wahrt sie fest.

Wenn aber einer in Freude oder Zorn versetzt wird durch äußere Dinge und er verändert seine Gesinnung, wenn man ihn belästigt und verwirrt und seine Gesinnung bleibt nicht großzügig, wenn man ihm Gewinn zeigt und er verändert sich, wenn man ihn einschüchtert durch Schrecken und er wird feige, so heißt es: Er ist niedrig von Gesinnung, und seine Macht beruht nur auf Stimmungen.[285]

Wenn man einen durch eine Sache festhält und er ist rasch entschlossen zur Entscheidung, wenn man ihn durch Plötzlichkeit erschreckt und er erwägt ruhig (was zu tun ist), wenn er, ohne es gelernt zu haben, von Natur zu unterscheiden weiß, so heißt es: Er hat Gedanken.

Wenn aber einer sich schwer entscheidet in äußeren Dingen und sich schwer in Worten ausdrücken kann, wenn er eines weiß, ohne es erklären zu können, wenn er in Bedrängnis ist und nicht weiß, wo haltmachen, wenn er keine Unterschiede zu machen versteht und sich treiben läßt, so heißt es: Er ist ein törichter Widerling.

Wenn man einen durch Außendinge in Bewegung versetzt und er muß sich nicht erst vorbereiten, wenn man ihn zu Entschließungen nötigt und er fürchtet sich nicht, wenn man ihm die Pflicht vorlegt und er läßt sich nicht davon abbringen, so heißt es: Er ist rein und unbestechlich.

Wenn aber einer leicht zu bewegen ist durch Worte, wenn er seine Gesinnung nicht festhalten kann, wenn er sich zu Dingen, die er schon versprochen hat, nicht entschließen kann, so heißt es: Er ist ein Mensch von schwachem Willen.

Wenn man einen beschenkt und ihm recht gibt und er freut sich nicht darüber, wenn man ihn verurteilt und beraubt und er wird nicht zornig deswegen, wenn er tief und still ist und wenig Worte macht, wenn er vieles prüft und sparsam ist in Äußerungen, so heißt es: Er ist von ruhiger Substanz.

Wenn aber einer beredt ist in Worten, aber nicht fest danach handelt, wenn ein anderer einen Ausweg hat und er ihn zunächst bedrängt, wenn er sich selbst gehen läßt und nicht nachgibt und man ihn zu seinen Aufträgen zwingen muß, so heißt es: Er ist neidisch und verleumderisch.

Wenn einer das Geringe klar sieht und es entwickeln kann, wenn er etwas prüft und untersucht und es erschöpfen kann, so heißt es: Er ist geordneten Sinnes.

Wenn aber einer blumig ist und verleumdet, geschickt in Worten und einnehmend im Äußern, genug, um eines zu machen, und aus dem Nichts ein Etwas macht, so heißt es: Er ist verschlagenen Sinnes.


[286] c) Schauen auf die Mitte


Drittens sprach er: Was wahrhaft ist in der Mitte eines Menschen, das zeigt sich in seinem Äußeren. Aus dem Offenbaren schließe auf das Verborgene. Aus dem Kleinen schließe aufs Große. Aus dem Tone eines Menschen höre die Beschaffenheit seiner Seelenkraft. Die Ursprungskraft1 erzeugt die Dinge. Wenn die Dinge erzeugt sind, haben sie einen Ton. Der Ton ist hart oder weich, trüb oder rein, gut oder böse; alles drückt sich im Ton aus. Wenn die Seele des Herzens blumig und eingebildet ist, so ist der Ton zerfließend und unbestimmt. Wenn die Seele fügsam und zuverlässig ist, so ist der Ton in rhythmischer Fügung. Wenn die Seele gemein und grausam ist, so ist der Ton häßlich. Wenn die Seele großzügig und weich ist, so ist der Ton milde und gut.

Die Kraft der Zuverlässigkeit ist zentral und eben. Die Kraft der Gerechtigkeit ist voll und weit. Die Kraft der Weisheit ist einfach und bereit. Die Kraft des Mutes ist stark und gerade. Wenn man den Ton eines Menschen hört, so weiß man die Beschaffenheit seiner Seelenkraft. Prüfe, was einer macht; betrachte, wovon er sich bestimmen läßt; untersuche, wo einer sich sicher fühlt. Aus dem Vorher schließe auf das Nachher. Aus dem Sichtbaren schließe auf das Geheime. Aus dem Kleinen schließe auf das Große.

Das heißt: die Mitte eines Menschen schauen.


d) Betrachtung der Erscheinung


Viertens sprach er: Die Menschen haben von Natur fünf Gefühle: Freude, Zorn, Lust, Furcht und Trauer. Wenn die Kraft der Freude das Innere erfüllt, so wird sie sich offenbaren, auch wenn man sie verheimlichen möchte, und die Freude wird sicher sich zeigen. Wenn die Kraft des Hasses das Innere erfüllt, so wird sie sich offenbaren, auch wenn man sie verheimlichen möchte, und der Haß wird sicher sich zeigen. Wenn die Kraft der Lust das Innere erfüllt, so wird sie sich offenbaren, auch wenn man sie verheimlichen möchte, und die Lust wird sich zeigen. Wenn die Kraft der Furcht das Innere erfüllt, so wird sie sich offenbaren, auch wenn man sie verheimlichen möchte, und die Furcht wird sich zeigen. Wenn die Kraft der Trauer das Innere erfüllt, so wird sie sich[287] offenbaren, auch wenn man sie verheimlichen möchte, und die Trauer wird sich zeigen. Wenn diese fünf Kräfte im Innern wahrhaftig sind, so entfalten und gestalten sie sich im Äußern. Daher sind die Gefühle der Menschen nicht verborgen.

Die Freude erscheint glänzend und belebt. Der Zorn erscheint kochend und beleidigt. Die Lust erscheint schmeichlerisch und ist geheim vertraulich. Die Furcht erscheint dünn und ist niederdrückend. Die Trauer erscheint belastet und ist still.

Wahrhafte Weisheit hat stets eine schwer zu erschöpfende Erscheinung. Wahrhafte Güte hat stets eine ehrwürdige Erscheinung. Wahrhafter Mut hat stets eine schwer einzuschüchternde Erscheinung. Wahrhafte Gewissenhaftigkeit hat stets eine liebenswürdige Erscheinung. Wahrhafte Reinheit hat stets eine schwer zu befleckende Erscheinung. Wahrhafte Ruhe hat stets eine vertrauenerweckende Erscheinung.

Die echte Erscheinung ist strahlend, fest und sicher; die falsche Erscheinung ist kriechend, verwirrend und lästig. Obwohl man sie in seinem Innern verschließen möchte: die Erscheinung gehorcht nicht. Darum kann man sie aus allen ihren Veränderungen heraus erkennen.

Das heißt: Betrachtung der Erscheinung.


e) Betrachtung des Verborgenen


Fünftens sprach er: Die lebenden Menschen haben alle ihr Verborgenes und Offenbares. Die Menschen verhehlen meist ihre wahren Gefühle, schmücken ihr Künstliches auf, um sich einen Namen zu machen.

Es gibt solche, die ein gütiges Gemüt heucheln, solche, die geordnete Erkenntnis heucheln, solche, die Kunst und Wissenschaft heucheln, solche, die Unbestechlichkeit und Mut heucheln, solche, die Gewissenhaftigkeit und Ehrfurcht heucheln, solche, die treue Freundschaft heucheln. Deshalb darf man eine Prüfung nicht unterlassen.

Wer Kleines gibt und Großes zu erlangen hofft; wer im Kleinen nachgibt, aber im Großen sich vorzudrängen liebt; wer den Laut der Worte für das Wesen ausgibt; wer falsche Zärtlichkeit für Gewissenhaftigkeit ausgibt; wer in seinen Mienen großzügig und in seinem Benehmen liebevoll ist und[288] die Regeln heuchelt, um sich zu zeigen in der Absicht, durch dieses Tun sich einen Namen zu machen: der heuchelt ein gütiges Gemüt.

Wer seine Leistungen an die Spitze stellt und seine Unzulänglichkeiten verringert; wer aus Besorgnis, er möchte in Wahrheit unzureichend sein, so tut, als redete er nur nicht; wer innerlich in Wahrheit unzulänglich ist, aber in seiner Erscheinung sich zeigt, als habe er Überfluß; wer, wenn er merkt, daß er Eindruck auf andre macht, sich gehen läßt und nicht nachgibt; wer Ausflüchte durcheinanderwirrt ohne Folge, so daß niemand seine eigentliche Meinung erkennt: der heuchelt geordnete Erkenntnis.

Wer versucht, andere durch Worte zu bewegen, sich mit Dingen abgibt, die er nicht zu Ende führt, wenn er gefragt wird, nicht antwortet und so tut, als wäre er unerschöpflich; wer in seiner Erscheinung sich zeigt, als habe er Überfluß; wer auf falschen Wegen sich gehen läßt, wenn man ihn aber bei einer Sache braucht, vollständig versagt: der heuchelt Kunst und Wissenschaft.

Wer unbestechliche Reden für Kraft ausgibt; wer Stolz und Hochmut für Mut ausgibt; wer im Innern Angst hat und nach außen sich rühmt, daß er vor nichts haltmache; wer dauernd sich seiner Meinungen rühmt und anderen mit Verschlagenheit begegnet: der heuchelt Unbestechlichkeit und Mut.

Wer es liebt, anderen zu erzählen, wie er seinen Eltern dient; wer danach strebt, daß andere von seinen Bemühungen und Sorgen reden und in seinem Gesicht stets Sorgfalt und Liebe zeigt; wer seine offenbaren Taten aufschmückt in der Absicht, einen guten Namen dafür zu bekommen; wer seinen Namen nach außen ausbreitet, während in Wahrheit im Innern dem nichts entspricht; wer sich einen Namen macht, daß er seinen Eltern diene, und dadurch sich absichtlich Vorteile verschafft; wer sich (wenn seine Eltern Fehler machen) seinen guten Ruf durch Abrücken von ihnen und Rückzug auf die eigene Person zu erhalten sucht: der heuchelt Gewissenhaftigkeit und Ehrfurcht.

Wer heimlich handelt, um sich einen Namen zu machen; wer sich mit anderen zusammentut, um sich gegenseitig zu loben; wer klar erkennt, daß jemand tüchtig ist, und es beweisen[289] würde, aber wenn die Umgebung nicht mit ihm übereinstimmt und verkehrt, in seinem Verkehr auch nur sich selber wichtig nimmt; wer jemand im Herzen gern hat, aber ihm mit seiner Person nicht nahe kommt, während er mit denen, mit denen er persönlichen Verkehr pflegt, in Wirklichkeit nichts zu tun hat; wem seine Liebe zur Gewissenhaftigkeit nicht aus dem Grunde (des Herzens) kommt, wer aber seine ganze Liebe zur Gewissenhaftigkeit vor anderen zeigt, ja sie in seinem Äußern noch übertrifft: der heuchelt treue Freundschaft.

Das heißt: Betrachtung des Verborgenen.


f) Ermessung der Geisteskräfte


Sechstens sprach er: Wenn bei jemand Worte und Taten nicht von einer Art sind; wenn Ende und Anfang einander widersprechen; wenn Verborgenes und Offenbares sich ändern können; wenn Äußeres und Inneres nicht übereinstimmen: dann mag er wohl die Regeln (der Güte) heucheln. Wenn man seinen Wandel sieht, so heißt es: Er hat keine wahrhaftige Substanz.

Wessen Worte sehr gewissenhaft sind und wessen Taten sehr ebenmäßig, wessen Wille keine Selbstsucht kennt und wem es bei seinem Wirken nicht auf das Viele ankommt, wer still ist und wenig seinesgleichen hat, wer stark ist und die Menschen beruhigt, von dem heißt es: Er hat ein gütiges Herz.

Wer, auch wenn die Verhältnisse wechseln, sie zu ordnen vermag, wer das Gute erkundet und sich darüber freuen kann, wer, wenn er im tiefsten Mißerfolg ist, Erfolg zu erringen versteht, wer mit seiner Person einen festen Standpunkt einnimmt und ihn durchführen kann, von dem heißt es: Er hat einen weiträumigen Willen.

Wer wenig redet und entsprechend handelt, wer ehrerbietig und einfach ist und anderen den Vortritt läßt, wer Erkenntnis hat, aber sich ihrer nicht rühmt, wer wirkt, aber es nicht zur Schau stellt, von dem heißt es: Er ist bescheiden und echt.

Wer auch ein unbedeutendes, rasch gegebenes Wort hält, wer auch im Dunklen so handelt, daß er nur nach seinem Einsamsten handelt ohne die Absicht, es andern hervorzutun, wer den Hingegangenen gegenüber ebenso handelt wie den[290] Lebenden gegenüber, von dem heißt es: Er ist fügsam und zuverlässig.

Wer vornehm und reich ist und dabei ehrerbietig und einfach und wirken kann, wer in hoher und ehrfurchtgebietender Stellung sich an die Sitte hält und nicht stolz ist, von dem heißt es: Er hat Geisteskräfte.

Wer, verdunkelt und beschränkt, sich nicht fürchtet und, wenn er in Sicherheit und Glück weilt, nicht üppig wird, wer in Arbeit und Mühsal sich nicht ändert, wer in Freude und Zorn den klaren Maßstab behält, von dem heißt es: Er wahrt sich.

Wer an seinem Posten steht ohne Verschwommenheit, wer unbestechlich und rein ist ohne Schärfe, wer selbständig und stark ist ohne Selbstsucht, von dem heißt es: Er ist auf dem rechten Weg.

Wer recht ist und still und seine Zeit abwartet, wer ungerufen nicht kommt und ungefragt nicht redet, wer in seinen Worten nicht über seine Taten hinausgeht und in seinen Taten nicht über den rechten Weg hinausgeht, von dem heißt es: Er ist tief und still.

Wer gewissenhaft und liebevoll ist im Dienst seiner Eltern, wer freudig sie ehrt, wer seine Kräfte ihnen weiht, ohne durch Äußerlichkeiten dabei nach einem Namen bei den Leuten zu streben, so daß sein Name auch wirklich nicht ausgebreitet wird, von dem heißt es: Er ist gewissenhaft und ehrerbietig.

Wer in seiner Gesinnung übereinstimmt mit seinen Nachbarn, wer ihren Kummer teilt und ihre Schwierigkeiten mit trägt, wer gewissenhaft und zuverlässig ist und nicht abweicht, wer, ob in der Verborgenheit oder im Erfolg, seine Freunde nicht verläßt, von dem heißt es: Er ist ein aufrichtiger Freund.

Wer mit den Äußerungen seiner Gesinnung und der Kraft seiner Sätze tief in die Menschen eindringt, wer im Vorwärtsgehen und Rückwärtsgehen geschickt ist und im Verkehr mit den Menschen schlau, wer sich den Menschen sehr schnell nähert, aber auch wieder leicht von ihnen abkehrt, von dem heißt es: Sein Sinn ist auf die Stellung gerichtet.

Wer dem nahe steht, dem er seine Nahrung verdankt, wer[291] mit dem verkehrt, der ihn bereichert, wer sich um des Gewinnes willen mit andern vereinigt und so auf Ruhm hofft und Gewinn macht und im Verborgenen auf Außendinge baut, von dem heißt es: Er ist habgierig und gemein.

Wer in seiner Substanz nicht entschieden ist und in seinen Sätzen nicht zur Sache kommt, wer seine Unzulänglichkeiten verkleinert und ohne Ende Pläne schmiedet, von dem heißt es: Er ist unaufrichtig und falsch.

Wer in seinen Worten und Taten äußerst veränderlich ist, sich bequem gehen läßt und hin und her wendet, wer in seiner Neigung und Abneigung keine feste Richtung hat, wer in seinen persönlichen Handlungen nicht artgemäß ist, von dem heißt es: Er hat keine wahrhaftige Gesinnung.

Wer im Kleinen Bescheid weiß, aber keine Entscheidung im Großen zu treffen vermag, wer im Kleinen fähig ist, aber im Großen nichts vollenden kann, wer auf kleine Dinge achtet, aber von großen Ratschlägen nichts versteht, wer äußerst veränderlich ist und viel an sich selbst denkt, von dem heißt es: Er ist blumig und großsprecherisch.

Wer nach dem Zirkelmaß mahnt, aber nicht in der Art seiner Worte auf dem Weg geht, wer in seinen Handlungen nicht ebenmäßig ist, von dem heißt es: Er stiehlt sich einen Namen.

Wer also Gefährliches treibt, ist nicht friedlich; wer sich auf Dämonen verläßt, ist nicht gütig; wer einen ins Gesicht lobt, ist nicht gewissenhaft; wer das Äußere aufschmückt, ist nicht der Wirklichkeit gemäß; wer Regeln vortäuscht, ist nicht friedlich; wer viel an sich selbst denkt, ist nicht gerecht; wer viele Reden verbreitet, ist selten zuverlässig.

Das heißt: Ermessung der Geisteskräfte.

1

Das mit »Kraft, Seelenkraft, Seele« wiedergegebene Wort ist chinesisch Hi, dessen Urbedeutung »Dampf, Atem« ist. Dadurch ergeben sich die Beziehungen zwischen Atem und Ton ganz von selbst.

Quelle:
Li Gi. Düsseldorf/Köln 1981, S. 283-292.
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