II, 33. [224.] An Rudra.[42] 31

Rudra bedeutet seinem Ursprunge nach den glänzenden, nicht nach der ältern Ansicht den heulenden, jammernden. Er ist auch nicht ein Sturmgott, ebenso wenig wie seine Söhne die funkelnden Marut's, sondern wie diese ist er der Gott des Gewitters und zwar ins besondere der funkelnden Blitze. Dagegen tritt die Schilderung des das Gewitter begleitenden Sturmes bei seiner Darstellung im Rig-Veda gar nicht hervor. Er wird als schönster aller Wesen (Vers 3), als funkelnd, als braunroth von Farbe, blondgelockt, als geschmückt mit glänzendem Geschmeide (9) geschildert. Er hat den Blitz in seinem Arme (3) und schleudert ihn als Wurfspeer (14) auf den Bösen, oder schiesst ihn als Pfeil von seinem starken Bogen (10); aber dem Frommen ist er gnädig, beschirmt ihn und seine Familie und seine Heerden (1. 14), reicht heilende Arzneien dar (2. 4. 7. 12. 13), als der beste der Aerzte (4), als der Vater und Beherrscher der Welt (9.)


1. Es nahe deine Huld, o Marut-Vater,

nicht halte fern uns von der Sonne Anblick;

Der Held sei huldreich unsern schnellen Rossen,

lass fort uns leben, Rudra, in den Kindern.

2. Lass mich durch deine besten Arzeneien,

o Rudra, hundert Jahre noch erleben;

Vertreib weit von uns hinweg die Feindschaft,

nach allen Seiten Siechthum und Bedrängniss.

3. Du bist an Schönheit schönster der gebornen,

den Blitz im Arm, der starken stärkster, Rudra;

Zum Heile führ' uns über die Gefahren

und halte fern den Anlauf jeder Krankheit.

4. Nicht mögen wir, o Rudra, dich erzürnen

durch schlechtes Lob, o Stier, Gebet und Anruf;

Durch Arzeneien erquicke unsre Männer,

du, sagt man, seist der beste Arzt der Aerzte.

5. Der durch Gebet sich rufen lässt und Opfer,

den Rudra will mit Liedern ich besänft'gen;

Nicht geb' uns seinem Zorne hin der milde,

geneigte, braune mit dem schönen Helme.[42]

6. Erfreut hat mich der Held mit seinen Marut's

mit gröss'rer Kraft, als ich um Hülfe flehte;

Wie Schatten vor der Glut mög' unversehrt ich

des Rudra Huld erreichen und gewinnen.

7. Wo ist, o Rudra, deine Hand, die milde,

die Heilung schafft und alle Schmerzen lindert,

Die auch hinwegnimmt gottverhängte Krankheit;

jetzt üb' Erbarmen gegen mich, o Starker.

8.32 Dem braunen Stiere, ihm dem schöngeschmückten,

lass froh ein grosses Loblied ich erschallen;

Den funkelnden verehrend mit Verehrung,

erheben wir des Rudra hehren Namen.

9. Mit starken Gliedern hat der mächt'ge, braune,

und blankem Gold geschmückt sich vielgestaltig;

Von ihm, der diese weite Welt beherrschet,

von Rudra weichet nie die Lebensfülle.

10. Als würd'ger trägst du deinen Pfeil und Bogen,

als würd'ger hehren reichgezierten Goldschmuck;

Als würd'ger theilst du alle diese Macht aus,

nicht gibt es, Rudra, stärkeres als du bist.

11. Sing' dem berühmten, jungen Wagenkämpfer,

der kräftig angreift, wie ein grimmer Löwe;

Sei hold dem Sänger, Rudra, du gelobter;

dein Pfeil vernichte andere als wir sind.

12. Wie auch das Kind sich dem verehrten Vater

in Liebe zuneigt, wenn er kommt, o Rudra,

So preis' ich dich, den Herrn, der vieles schenket,

gelobter du, verleih uns Arzeneien.

13. Die Arzeneien, die ihr habt, o Marut's,

die heilend, rein, erquickend sind, o Stiere,

Die unser Vater Manu sich erbeten,

die wünsche ich zu Heil und Glück von Rudra.

14. Des Rudra Wurfspiess geh' an uns vorüber,

vorüber auch des starken grosse Ungunst.

O spanne deinen Bogen ab den Fürsten,

o milder, sei den Kindern hold und Enkeln.

15. Als solcher dich, o brauner Stier, erweisend,

der nicht, o Gott, du zürnest, noch vertilgest,

Sei unsres Rufs Erhörer hier, o Rudra;

lasst laut im Chore bei dem Fest uns singen.

Quelle:
Rig-Veda. 2 Teile, Leipzig 1876, [Nachdruck 1990], Teil 1, S. 42-43.
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