Zwanzigstes Kapitel

[43] Es ist auch klar, wie man die sophistischen Widerlegungen, welche sich auf die Trennung und Verbindung der Worte stützen, aufzulösen hat. Bezeichnet nämlich der Satz, je nachdem man seine Worte trennt oder verbindet, Verschiedenes, so muss der Antwortende das Gegentheil vom Schlusssatz behaupten. Alle solche Begründungen stützen sich auf die Verbindung oder Trennung der Worte; z.B. bei der Frage: Womit du sahst, dass dieser Mensch geschlagen wurde, wurde damit derselbe geschlagen? Ferner: Womit er geschlagen wurde,[43] hast du damit ihn gesehen? Solche Fragen haben auch etwas von zweideutigen Fragen an sich, aber trotzdem gehören sie zu den auf der Verbindung der Worte beruhenden Fragen; denn das, was sich auf die Trennung der Worte stützt, kann nicht als zweideutig gelten, weil es nicht mehr dieselbe Rede bleibt, wenn sie getrennt wird; da ja nicht einmal dasselbe Wort, oros und horos wegen der verschiedenen Aussprache dasselbe bedeutet. Geschrieben ist es zwar dasselbe Wort, da es mit denselben Buchstaben in beiden Fällen und gleich geschrieben wird, obschon man auch da noch ein besonderes Zeichen hinzufügt; aber gesprochen sind beide nicht ein und dasselbe Wort, und deshalb beruht auch der, auf die Trennung der Worte sich stützende Schluss auf keinem Doppelsinn. Hieraus erhellt, dass nicht alle sophistischen Widerlegungen auf einem Doppelsinn der gebrauchten Worte beruhen, wie von Manchen behauptet wird.

Der Antwortende muss also die Worte der Frage trennen, denn: Mit den Augen sehen, dass jemand geschlagen wird, ist nicht dasselbe, als wenn man sagt, man sehe, dass jemand mit den Augen geschlagen werde. Der Art ist auch die Frage des Euthydemos: Kennst du, während du in Sizilien bist, jetzt im Piraeos liegende Schiffe. Ferner: Kann man als ein Guter ein Schlechter sein. Es kann aber ein Guter ein schlechter Schuster sein; also wird ein guter Schuster ein schlechter Schuster sein. Ferner ist es gut, das zu lernen, was zu wissen gut ist? Nun ist das Lernen des Bösen ein Gutes, also ist das Böse ein Gutes-Lernen. Allein es giebt ein Böses und auch ein Lernen des Bösen, also ist das Lernen des Bösen etwas Böses, aber es ist gut, dass man das Böse kennen lerne. Ferner: Ist es jetzt wahr, dass Du geboren bist? Antwort: Ja; also bist Du jetzt geboren. Allein, wenn man die Worte der Frage sondert, so bedeutet sie etwas Anderes; denn man kann in Wahrheit jetzt sagen, dass Du geboren bist, aber nicht, dass Du jetzt geboren bist. – Ferner die Frage: Wirst Du das auch so thun, wie Du es kannst und was Du kannst? Antwort: Ja. Nun spielst Du die Zither jetzt nicht, obgleich Du sie spielen kannst, also spielst Du die Zither, wenn Du sie nicht spielst. Allein man kann die Zither nicht in der Zeit spielen, wo man sie nicht spielt,[44] aber wenn man sie nicht spielt, hat man doch das Vermögen, es zu thun.

Manche lösen diesen Fall auch in anderer Weise. Denn wenn der Antwortende zugegeben habe, dass er die Zither spielen könne, so folge nach ihrer Meinung nicht dass er sie, auch wenn er sie nicht spielt, spiele; denn, er habe nicht ganz so zugegeben, dass er es thue, wie er es thun könne; es sei vielmehr nicht das selbe, ob man sage, dass man es könne und dass man durchaus es thue, wie man es könne. Indess ist dies keine gute Lösung; denn für Schlüsse, die sich auf dieselben Gründe stützen, muss auch die Lösung dieselbe sein, während diese letztere Lösung auf alle Gefragten und nicht auf alle Fragestellungen passt; denn sie richtet sich gegen den Fragenden und nicht gegen seine Begründung.

Quelle:
Aristoteles: Sophistische Widerlegungen. Heidelberg 1883, S. 43-45.
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