Achtes Capitel

[22] Daß aber einzig so gelöst wird auch der Zweifel der Alten, wollen wir nach diesem bemerken. Indem nämlich die ersten, die der Wissenschaft oblagen, die Wahrheit suchten und die Natur der Dinge, wankten sie zur Seite, gleichsam auf einen andern Weg abgeführt durch Unerfahrenheit. So sprechen sie denn, daß nichts von dem was ist, weder werde noch vergehe, um der Nothwendigkeit willen, daß da werde das Werdende entweder aus dem Seienden oder aus dem Nichtseienden. Aus beiden aber sei es gleich unmöglich: denn weder das Seiende möge werden; es sei ja schon: aus dem Nichtseienden aber könne nichts werden, denn zum Grunde liegen müsse etwas. Und so über das sich der Reihe nach Ergebende sich verbreitend, behaupten sie, daß es kein Vieles giebt, sondern allein das Seiende als solches selbst. Jene nun nahmen diese Meinung an, wegen des Gesagten. Wir aber behaupten, daß, ob aus Seiendem oder Nichtseiendem etwas werde, ob das Seiende oder das Nichtseiende etwas thue oder leide, oder irgend zu etwas werde, auf gewisse Weise kein Unterschied ist; so wie ob der Arzt etwas thue oder leide, oder ob aus dem Arzte etwas sei oder werde. Denn da dieß auf beiderlei Weise gesagt wird: warum nicht auch, daß aus dem Seienden etwas sei, oder daß das Seiende etwas thue oder leide? Nun bauet der Arzt nicht als Arzt, sondern als Baumeister,[22] und weiß wird er nicht als Arzt, sondern als schwarzer; er heilt aber, und wird zum Nichtarzt als Arzt. Da aber wir am eigentlichsten dann von einem Thun oder Leiden des Arztes oder von einem Werden aus und durch den Arzt sprechen, wenn er als Arzt dieß leidet oder thut, so ist klar, daß auch das Werden aus dem Nichtseinenden gleichfalls das Werden aus diesem als Nichtseiendem bedeutet. Diesen Unterschied nun machten jene nicht und mußten darum abstehen. Und diese Unkunde zog so viel andere Unkunde nach sich, daß sie an kein Werden noch Sein des Uebrigen glaubten, sondern alle Entstehung aufhoben. Wir aber sagen ebenfalls, es wird zwar nichts schlechthin aus dem Nichtseienden, aber dennoch wird etwas aus dem Nichtseienden, gleichsam nebenbei. Aus der Verneinung nämlich, was an sich das Nichtseiende ist, indem etwas nicht vorhanden ist, wird etwas. Darüber aber wundert man sich, und hält es für unmöglich, daß da werde etwas aus dem Nichtseienden. Eben so aber muß man sagen, daß auch nicht aus dem Seienden das Seiende werde, außer nebenbei; daß es nämlich auch hier auf dieselbe Weise werde, wie wenn aus einem Thier ein Thier würde, und aus einem bestimmten Thier ein bestimmtes Thier, z.B. wenn ein Hund aus einem Pferde würde. Denn es würde hiemit nicht allein aus einem bestimmten Thiere der Hund, sondern auch aus einem Thiere überhaupt; aber nicht wiefern er ein Thier ist, denn vorhanden schon ist dieses. Soll aber ein Thier werden nicht auf beiläufige Art, so muß es nicht aus einem Thiere werden. Und soll ein Seiendes werden, nicht aus Seiendem, aber auch nicht aus Nichtseiendem; denn von dem Werden aus dem Nichtseienden haben wir schon gesagt, was damit gemeint ist, nämlich das Nichtseiende als solches. – Bei allem dem heben wir das Sein von allem, oder das Nichtsein nicht auf.

Eine Art, jenen zu begegnen, ist diese. Auf andere[23] Weise läßt sich dasselbe sagen mittelst der Begriffe der Möglichkeit und Wirklichkeit. Dieß aber ist anderwärts genauer bestimmt worden. So werden denn also, wie wir bemerkten, die Zweifel gelöst, durch die gezwungen sie einiges von dem Beigebrachten läugnen. Denn deshalb irrten die Früheren so weit von dem Wege ab, der zu dem Entstehen und Vergehen führt, und überhaupt zu aller Veränderung. – Denn hätten sie jene Wesenheit erblickt, so würde diese alle ihre Ungewißheit gelöst haben.

Quelle:
Aristoteles: Physik. Leipzig 1829, S. 22-24.
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