Drittes Capitel

[55] Um auf diese Streitfrage zu kommen, so ist ersichtlich, daß da ist die Bewegung in dem Beweglichen. Denn Wirklichkeit ist sie von diesem, und durch das Bewegsame. Und auch die Wirksamkeit des Bewegsamen, ist nicht eine andere. Es muß nämlich eine Wirklichkeit für beide geben. Denn bewegsam ist etwas dem Vermögen nach,[55] bewegend aber dem Wirken nach. Aber diese Wirksamkeit bezieht sich auf das Bewegliche. Also ist auf gleiche Weise Eine für die Wirksamkeit beider, wie die nämliche Entfernung von Eins zu Zwei und von Zwei zu Eins, oder wie Bergauf und Bergab. Denn dieses ist Eines, der Begriff jedoch ist nicht Einer. Auf gleiche Weise nun auch mit dem Bewegenden und Bewegten. Es tritt indeß hier ein Zweifel hinsichtlich des Begriffes ein. Vielleicht ist nämlich eine andere Wirksamkeit für das Thätige, eine andere für das Leidende gefordert; die eine Thätigkeit, die andere Leidenheit; Werk und Endziel aber bei dem einen That, bei dem andern Leiden. Sollten nun beides Bewegungen sein, und zwar verschiedene, so fragt sich: worin? Entweder nämlich sind beide in dem Leidenden und Bewegten, oder die Thätigkeit in den Thätigen, die Leidenheit in dem Leidenden. Sollte aber auch diese Thätigkeiten heißen, so wäre sie dem Namen nach gleich. Allein wäre dieß, so würde die Bewegung in dem Bewegenden sein; denn derselbe Begriff gilt dann für Bewegendes und Bewegtes. So daß also entweder alles Bewegende bewegt wird, oder Bewegung hat ohne bewegt zu werden. Sind aber beide in dem Bewegten und Leidenden, die Thätigkeit und die Leidenheit; und das Lehren und das Lernen, zwei, wie sie sind, in dem Lernenden: so ist erstens die Thätigkeit eines jeden nicht in diesem gegenwärtig; sodann ist es auffallend, daß zwei Bewegungen zugleich geschehen. Es ergeben sich nämlich dann Umbildungen zu zweien aus einer und in eine einzelne Formbestimmung. Aber dieß geht nicht. Oder soll vielleicht Eine sein die Wirksamkeit? Aber es ist widersinnig, daß zwei verschiedene Dinge eine und dieselbe Wirksamkeit besitzen; und es wird, wenn das Lernen und das Lehren im Begriffe Dasselbe, und die Thätigkeit und die Leidenheit, auch das wirkliche Lehren mit dem Lernen zu Demselben, und das Thun mit dem Leiden; so daß wer lehrt, zugleich alles lernen muß,[56] und wer thut, leiden. Doch vielleicht ist es gar nicht so sonderbar, daß die Wirksamkeit des Einen in dem Andern sei. Es ist nämlich das Lehren Wirksamkeit des zum Lehren Berufenen, in etwas jedoch, und dieß nicht abgesondert, sondern von etwas bestimmtem in etwas bestimmtem. Denn nichts hindert, daß eine Wirksamkeit zweier Dinge die nämliche ist; nicht dem Sein nach einerlei, wie Kleid und Rock, sondern wie nach dem Verhältnisse des Möglichen zum Wirkenden. Nicht also braucht darum der Lehrende zu lernen, wenn das Leiden und das Thun das Nämliche ist, doch nicht als sei der Begriff derselbe, der das Was aussagt, wie bei Kleid und Rock, sondern wie der Weg von Theben nach Athen, und der von Athen nach Theben, wie auch zuvor gesagt worden. Denn nicht durchaus nur Ein und dasselbe gilt von jedem, was auf irgend eine Weise Dasselbe ist, sondern nur von dem, was dem Sein nach Dasselbe. So ist denn nicht, wenn das Lehren mit dem Lernen dasselbe, auch mit den Geschäft des Lehrens das Geschäft des Lernen dasselbe; gleichwie auch nicht, wenn die Entfernung zweier Dinge von einander Eine, auch das Entferntsein hier von dort, und dort von hier, Ein und dasselbe ist. Ueberhaupt zu sagen aber, so ist weder das Lehren mit dem Lernen, noch die Thätigkeit mit der Leidenheit eigentlich das Nämliche, sondern das, worin dieses statt findet, die Bewegung. Denn das Sein einer Wirksamkeit des einen in dem andern und des einen durch das andere ist verschieden dem Begriffe nach.

Was nun also die Bewegung ist, sowohl überhaupt, als im Besonderen, ist gesagt. Man sieht nämlich leicht, auf welche Weise bestimmt werden wird eine jede ihrer Arten. Umbildung nämlich: die Wirklichkeit des Umbildsamen als solchen. Oder noch bestimmter: die des der Möglichkeit nach zu thun oder zu leiden Geeignetes als solchen, theils überhaupt, theils wiederum im Einzelnen,[57] als: Bauung oder Heilung. Auf dieselbe Weise wird auch von jedweder der übrigen Bewegungen zu sprechen sein.

Quelle:
Aristoteles: Physik. Leipzig 1829, S. 55-58.
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