1 Luther drückt sich hierüber auch also aus: »Rund und rein, gantz und alles gegläubt oder nichts gegläubt. Der Heilige Geist läßt sich nicht trennen, noch theilen, daß er ein Stück sollte wahrhaftig, und das andere falsch lehren oder glauben lassen... Wo die Glocke an einem Orte berstet, klingt sie auch nichts mehr und ist gantz untüchtig.« O wie wahr! Wie beleidigen den musikalischen Sinn die Glockentöne des modernen Glaubens! Aber freilich, wie ist auch die Glocke zerborsten!
2 Die urkundlichen Beweise von der Wahrheit dieses Bildes sind in Kapps kategorischer Schritt über Schelling in Hülle und Fülle zu finden.
3 Der geistlose Materialist sagt: »Der Mensch unterscheidet sich vom Tiere nur durch Bewußtsein, er ist ein Tier, aber mit Bewußtsein«, er bedenkt also nicht, daß in einem Wesen, das zum Bewußtsein erwacht, eine qualitative Veränderung des ganzen Wesens vor sich geht. Übrigens soll mit dem Gesagten keineswegs das Wesen der Tiere herabgesetzt werden. Hier ist der Ort nicht, tiefer einzugehen.
4 Toute opinion est assez forte pour se faire exposer au prix de la vie. Montaigne.
5 Ob diese Unterscheidung zwischen dem Individuum – ein, wie freilich alle abstrakten Wörter, höchst unbestimmtes, zweideutiges, irreführendes Wort – und der Liebe, der Vernunft, dem Willen eine in der Natur begründete ist oder nicht ist, das ist für das Thema dieser Schrift ganz gleichgültig. Die Religion zieht die Kräfte, Eigenschaften, Wesensbestimmungen des Menschen vom Menschen ab und vergöttert sie als selbständige Wesen – gleichgültig, ob sie nun, wie im Polytheismus, jede einzeln für sich zu einem Wesen macht oder, wie im Monotheismus, alle in ein Wesen zusammenfaßt –, also muß auch in der Erklärung und Zurückführung dieser göttlichen Wesen auf den Menschen dieser Unterschied gemacht werden, übrigens ist er nicht nur durch den Gegenstand geboten, er ist auch sprachlich und, was eins ist, logisch begründet, denn der Mensch unterscheidet sich von seinem Geiste, seinem Kopfe, seinem Herzen, als wäre er etwas ohne sie.
6 »Der Mensch ist das Schönste für den Menschen.« (Cic., De nat. D., lib. I.) Und dies ist kein Zeichen von Beschränktheit, denn er findet auch andere Wesen außer sich schön; er erfreut sich auch an der Schön heit der Tiergestalten, an der Schönheit der Pflanzenformen, an der Schönheit der Natur überhaupt. Aber nur die absolute, die vollkommene Gestalt kann sich neidlos an den Gestalten anderer Wesen erfreuen.
7 »Der Verstand ist allein für Verstand, und was daraus fließt, empfindlich.« Reimarus. (Wahrh. der natürl. Religion, IV. Abt., § 8.)
8 So sagt z.B. Christ. Huygens in seinem Cosmotheoros, lib. I. »Es ist wahrscheinlich, daß sich das Vergnügen der Musik und Mathematik nicht auf uns Menschen allein beschränkt, sondern auf noch mehrere Wesen sich erstreckt.« Das heißt eben: die Qualität ist gleich; derselbe Sinn für Musik, für Wissenschaft; nur die Zahl der Genießenden soll unbeschrankt sein.
9 De Genesi ad litteram. lib. V, c. 16.
10 »Ihr bedenkt nicht«, sagt Minucius Felix in seinem Octavian, Kap. 24, zu den Heiden, »daß man Gott eher kennen als verehren muß.«
11 »Die Vollkommenheiten Gottes sind die Vollkommenheiten unsrer Seelen, allein er besitzt sie unumschränkt... Wir besitzen einiges Vermögen, einige Erkenntnis, einige Güte, allein dieses alles ist in Gott vollkommen.« Leibniz. (Theod., Préface.) »Alles, wodurch sich die menschliche Seele auszeichnet, ist auch dem göttlichen Wesen eigen. Alles, was von Gott ausgeschlossen ist, gehört auch nicht zur Wesensbestimmung der Seele.« S. Gregorius Nyss. (De anima, Lips. 1837, S. 42.) »Unter allen Wissenschaften ist daher die herrlichste und wichtigste die Selbsterkenntnis, denn wenn einer sich selbst kennt, so wird er auch Gott erkennen.« Clemens Alex. (Paedog. lib. III, c.1.)
12 Im Jenseits hebt sich daher auch dieser Zwiespalt zwischen Gott und Mensch auf. Im Jenseits ist der Mensch nicht mehr Mensch. – höchstens nur der Einbildung nach –, er hat keinen eignen, vom göttlichen Willen unterschiednen Willen, folglich auch – denn was ist ein Wesen ohne Willen? – kein eignes Wesen mehr; er ist eins mit Gott; es verschwindet also im Jenseits der Unterschied und Gegensatz zwischen Gott und Mensch. Aber dort, wo nur Gott, ist kein Gott mehr. Wo kein Gegensatz der Majestät, ist auch keine Majestät.
13 Für den religiösen Glauben ist zwischen dem gegenwärtigen und zukünftigen Gott kein andrer Unterschied, als daß jener ein Objekt des Glaubens, der Vorstellung, der Phantasie, dieser ein Objekt der unmittelbaren, d.i. persönlichen sinnlichen Anschauung ist. Hier und dort ist er derselbe, aber hier undeutlich, dort deutlich.
14 »So groß auch die Ähnlichkeit zwischen dem Schöpfer und Geschöpf gedacht werden kann, die Unähnlichkeit zwischen ihnen muß doch noch größer gedacht werden.« Later. Conc. can. 2. (Summa omn. Conc. Carranza, Antw. 1559, S. 526.) – Der letzte Unterschied zwischen dem Menschen und Gott, dem endlichen und unendlichen Wesen überhaupt, zu welchem sich die religiös-spekulative Imagination emporschwingt, ist der Unterschied zwischen Etwas und Nichts, Ens und Non-Ens; denn nur im Nichts ist alle Gemeinschaft mit allen andern Wesen aufgehoben.
15 Cibus Dei. 3. Mose 3, 11.
16 »Wer nämlich«, sagt z.B. Anselmus, »sich verachtet, der ist bei Gott geachtet. Wer sich mißfällt, gefällt Gott. Sei also klein in deinen Augen, damit du groß seist in Gottes Augen; denn du wirst um so geschätzter bei Gott sein, je verächtlicher du den Menschen bist.« (Anselmi Opp., Parisiis 1721, S. 191.)
17 »Gott kann nur sich lieben, nur an sich denken, nur für sich selbst arbeiten. Gott sucht, indem er den Menschen macht, seinen Nutzen, seinen Ruhm« usw. S. »P. Bayle. Ein Beitrag zur Geschichte der Philos. u. Menschh.«
18 Der Pelagianismus negiert Gott, die Religion – isti tantam tribuunt potestatem voluntati, ut pietati auferant orationem (Augustin, De nat. et grat. cont. Pelagium, c. 58.) –, er hat nur den Schöpfer, d.h. die Natur zur Basis, nicht den Erlöser, den erst religiösen Gott – kurz, er negiert Gott, aber dafür erhebt er den Menschen zu Gott, indem er ihn zu einem Gottes nicht bedürftigen, selbstgenugsamen, unabhängigen Wesen macht. (S. hierüber Luther gegen Erasmus und Augustin, l. c., c. 33.) Der Augustinianismus negiert den Menschen, aber dafür erniedrigt er Gott zum Menschen bis zur Schmach des Kreuzestodes um des Menschen willen. Jener setzt den Menschen an Gottes, dieser Gott an des Menschen Stelle; beide kommen auf das nämliche hinaus; der Unterschied ist nur ein Schein, eine fromme Illusion. Der Augustinianismus ist nur ein umgekehrter Pelagianismus, was dieser als Subjekt, setzt jener als Objekt.
19 Die religiöse, die ursprüngliche Selbstvergegenständlichung des Menschen ist übrigens, wie dies deutlich genug in dieser Schrift ausgesprochen ist, wohl zu unterscheiden von der Selbstvergegenständli chung der Reflexion und Spekulation, diese ist willkürlich, jene unwillkürlich, notwendig, so notwendig als die Kunst, als die Sprache. Mit der Zeit fällt freilich immer die Theologie mit der Religion zusammen.
20 5. Mose 23, 12. 13.
21 S. z.B. 1. Mose 35,2. 3. Mose 11,44; 20,26 und Clericus' Kommentar zu diesen Stellen.
22 Vgl. zu diesem Kapitel: Anhang. Erläuterungen – Bemerkungen – Belegstellen I – III. Im folgenden werden Verweisungen auf den Anhang am Ende des betr. Kapitels in Klammern mit bloßer Nennung der röm. Ziffern gegeben. – W. Sch.
23 In seiner Schrift Contra Academicos, die Augustin gewissermaßen noch als Heide geschrieben, sagt er (lib. III, c. 12), daß im Geist oder in der Vernunft das höchste Gut des Menschen bestehe. Dagegen in seinen Libr. retractationum, die A. als distinguierender christlicher Theologe geschrieben, rezensiert er (lib. I, c.1) diese Äußerung also: »Richtiger hätte ich gesagt: in Gott; denn der Geist genießt, um selig zu sein, Gott als sein höchstes Gut.« Ist denn damit aber ein Unterschied gesetzt? Ist nicht da mein Wesen erst, wo mein höchstes Gut?
24 D.h., wie sich von selbst versteht, dem Verstande, wie er hier betrachtet wird, dem von der Sinnlichkeit abgesonderten, der Natur entfremdeten, theistischen Verstande.
25 Kant, Vorl. über d. philos. Religionsl., Leipzig 1817, S. 39.
26 Dies gut selbst vom Denkakt als physiologischem Akt, denn die Hirntätigkeit ist, ob sie gleich den Respirationsakt und andere Prozesse voraussetzt, eine eigne, selbständige Tätigkeit.
27 Malebranche. Ebenso sagt der Astronom Chr. Hugenius in seinem schon oben angeführten Cosmotheoros: »Sollte woanders eine von der unsrigen verschiedne Vernunft existieren und auf dem Jupiter und Mars für ungerecht und verrucht gelten, was bei uns für gerecht und löblich gilt? Wahrlich, das ist nicht wahrscheinlich und auch gar nicht möglich.«
28 Die Vorstellung oder der Ausdruck von der Nichtigkeit des Menschen vor Gott innerhalb der Religion ist der Zorn Gottes; denn wie die Liebe Gottes die Bejahung, so ist sein Zorn die Verneinung des Menschen. Aber eben mit diesem Zorne ist es nicht ernst. »Gott.... nicht recht zornig ist. Es ist sein rechter Ernst nicht, wenn man gleich meynet, er zürne und strafe,« Luther. Sämtl. Schriften und Werke, Leipzig 1729, T. VIII, S. 208. Diese Ausgabe ist es, nach welcher immer nur mit Angabe des Teils zitiert wird.
29 Luther, T. III, S. 589.
30 Predigten etzlicher Lehrer vor und zu Tauleri Zeiten. Hamburg 162I, S.81.
31 Selbst Kant sagt schon in seinen bereits mehrmals angeführten, noch unter Friedrich II. gehaltenen Vorlesungen über philosoph. Religionslehre, S. 135: »Gott ist gleichsam das moralische Gesetz selbst, aber personifiziert gedacht.«
32 »Was nun unserm Eigendünkel in unserm eigenen Urteil Abbruch tut, das demütigt. Also demütigt das moralische Gesetz unvermeidlich jeden Menschen, indem dieser mit demselben den sinnlichen Hang seiner Natur vergleicht.« Kant, Kritik der prakt. Vernunft, 4. Aufl., S. 132.
33 »Wir alle haben gesündigt... Mit dem Gesetz begannen die Vatermörder.« Seneca. »Das Gesetz bringet uns um.« Luther. (T. XVI. S. 320.)
34 »Dieser mein Gott und Herr hat meine Natur, Fleisch und Blut an sich genommen, wie ich habe und alles versucht und gelitten gleich wie ich, doch ohne Sünde; darum kann er Mitleiden haben mit meiner Schwachheit. Hebr. 5.« Luther. (T. XVI, S. 533.) »Wie tiefer wir Christum bringen können ins Fleisch, je besser ist es.« (Ebend., S. 565) »Gott selbst, wenn man außer Christo mit ihm will handeln, ist er ein schrecklicher Gott. da man keinen Trost, sondern eitel Zorn und Ungnade an findet.« (T. XV, S. 298.)
35 »Solche Beschreibungen, wo die Schrift von Gott redet als von einem Menschen und ihm zueignen alles was menschlich ist, seyn sehr lieblich und tröstlich, nemlich daß er freundlich mit uns rede und von solchen Dingen, davon Menschen pflegen mit einander zu reden, daß er sich freue, betrübe und leyde wie ein Mensch, um des Geheimnisses willen der zukünftigen Menschheit Christi.« Luther. (T. II, S. 334.)
36 »Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott würde.« Augustinus. (Serm. ad pop.) Bei Luther und mehreren Kirchenvätern finden sich jedoch Stellen, die das wahre Verhältnis andeuten. Damit, sagt Luther z.B. (T. I, S. 334), daß Moses »Gottes Bild, Gott gleich« den Menschen nennt, habe er dunkel andeuten wollen, daß »Gott sollte Mensch werden«. Hier ist also die Menschwerdung Gottes als eine Folge von der Gottheit des Menschen ziemlich deutlich ausgesprochen.
37 So, in diesem Sinne, feierte der alte unbedingte, begeisterungsvolle Glaube die Inkarnation. Die Liebe siegt über Gott. Amor triumphat de Deo, sagt z.B. der hl. Bernhard. Und nur in der Bedeutung einer wirklichen Selbstentäußerung, Selbstverleugnung der Gottheit liegt die Realität, die Kraft und Bedeutung der Inkarnation, wenngleich diese Selbstnegation an sich nur eine Phantasievorstellung ist, denn, bei Lichte betrachtet, negiert sich nicht Gott in der Inkarnation, sondern er zeigt sich nur als das, was er ist, als ein menschliches Wesen. Was die Lüge der spätern rationalistisch-orthodoxen und biblisch-pietistisch-rationalistischen Theologie gegen die wonnetrunknen Vorstellungen und Ausdrücke des alten Glaubens in betreff der Inkarnation vorgebracht, verdient keine Erwähnung, geschweige Widerlegung.
38 »Wir wissen, daß Gott vom Mitleid mit uns ergriffen wird und nicht nur unsre Thränen sieht, sondern auch unsre ›Thränichen‹ zählt, wie im Psalm 56 geschrieben steht.« – »Der Sohn Gottes wird wahrhaft ergriffen vom Gefühle unsrer Leiden,« Melanchthonis et alorium Declamat. Argentor., T. III, S. 286, 450. »Kein Thränchen«, sagt Luther über den eben zitierten 9. Vers des 56. Psalms, »muß umsonst geschehen, es wird angezeichnet mit großen mächtigen Buchstaben im Himmel,« Aber ein Wesen, das selbst die Tränchen des Menschen zählt und »sammelt«, das ist doch gewiß ein höchst sentimentales Wesen.
39 Der hl. Bernhard hilft sich mit einem köstlich sophistischen Wortspiel: Impassibilis est Deus, sed non incompasibilis, cui proprium est misereri semper et parcere. (Sup. Cant., serm. 26.) Als wäre nicht Mitleiden Leiden, freilich Leiden der Liebe, Leiden des Herzens. Aber was leidet, wenn nicht das teilnehmende Herz? Ohne Liebe keine Leiden. Die Materie, die Quelle des Leidens, ist eben das allgemeine Herz, das allgemeine Band aller Wesen.
40 1. Johannis 4, 19.
41 Luther. T. XV, S. 44.
42 Die Religion spricht durch Exempel. Das Exempel ist das Gesetz der Religion. Was Christus getan, ist Gesetz. Christus hat gelitten für andere, also sollen wir dasselbe tun. »Nur darum mußte sich der Herr so entleeren, so erniedrigen, so verkleinern, damit Ihr es ebenso machtet.« Bernardus. (In die nat. Domini.) »Sollten wir das Exempel Christi fleißig ansehen... Solches würde uns bewegen und treiben, daß wir von Herzen auch würden andern Leuten gern helfen und dienen, ob es auch gleich sauer würde und wir auch drüber leiden müßten.« Luther. (T. XV, S. 40.)
43 »Die meisten«, sagt der hl. Ambrosius, »stoßen sich an dieser Stelle. Ich aber bewundre nirgends mehr Christi Demut und Majestät, denn er hätte mir weit weniger genützt, wenn er nicht meinen Affekt angenommen hätte.« (Expos, in Lucae Ev., lib. X, c. 22.) »Wie könnten wir es denn wagen, uns Gott zu nahen, wenn er leidensunfähig (in sua impassibilitate) bliebe,« Bernardus. (Tract. de XII grad. humil. et superb.) »Ob es gleich«, sagt der christliche Arzt J. Milichius, der Freund Melanchthons, »den Stoikern lächerlich erscheint, Gott Gefühle oder Gemütsbewegungen (affectus) zuzuschreiben, so sollen doch die Eltern, sooft sie die Wunden ihrer Liebe und Schmerzen über ein Unglück ihrer Kinder fühlen, denken, daß in Gott eine ähnliche Liebe zu seinem Sohne und uns stattfindet... Wahre, nicht kalte, nicht verstellte Liebe hat Gott.« (Declam. Melanchth., T. II, S. 147.)
44 »Mein Gott hängt am Kreuze, und ich soll der Wollust frönen?« (Form. hon. vitae. Unter den unechten Schriften des hl. Bernhard.) »Der Gedanke an den Gekreuzigten kreuzige in dir dein Fleisch,« Joh. Gerhard. (Medit. sacrae, med. 37.)
45 »Uebles Leiden weit besser ist, als gutes thun.« Luther, (T. IV, S. 15.)
46 »Leiden wollte er, um mitleiden zu lernen, erbärmlich werden, um Erbarmen zu lernen.« Bernhard. (De grad.) »Erbarme Dich unsrer, weil Du des Fleisches Schwachheit durch eignes Leiden erfahren hast.« Clemens Alex. (Paedag., lib. I, c. 8.)
47 »Gottes Wesen ist außer allen Kreaturen, gleichwie Gott von Ewigkeit in sich selbst war; von allen Kreaturen ziehe daher deine Liebe ab.« Joh. Gerhard. (Medit. sacrae, med. 31.) »Wiltu Du haben den Schöpffer der Creaturen, so mußt Du entperen der Creaturen... Als viel minder Creaturen als viel mehr Gottes. Darumb treibe und schlahe auß alle Creaturen, mit allem ihrem Trost.« J. Tauler. (Postilla, Hamburg 1621, S. 312.) »Wenn der Mensch nicht in seinem Hertzen mit Wahrheit sagen kann: Gott und ich sind allein in der Welt, sonst nichts, so hat er noch keine Ruhe in sich.« G. Arnold. (Von Verschmähung der Welt. Wahre Abbild, der ersten Christen. Lib. 4, c. 2, § 7.)
48 Gleichwie das weibliche Gemüt des Katholizismus – im Unterschiede vom Protestantismus, dessen Prinzip der männliche Gott, das männliche Gemüt, das Herz ist im Unterschiede vom Katholizismus – die Mutter Gottes ist.
49 »Ergötzlich sind für die Betrachtung die Eigenschaften und Gemeinschaft des Vaters und Sohnes, aber das Ergötzlichste ist ihre gegenseitige Liebe.« Anselmus. (In Rixners Gesch. d. Phil., II. B., Anh., S. 18.)
50 »Vom Vater ist er immer, von der Mutter einmal geboren, vom Vater ohne Geschlecht, von der Mutter ohne Geschlechtsgebrauch. Bei dem Vater fehlte der Schoß der Empfangenden, bei der Mutter fehlte die Umarmung des Zeugenden.« Augustinus. (Serm. ad pop., serm. 372, c. 1. Ed. Bened., Antw. 1701.)
51 In der Jüdischen Mystik ist Gott nach einer Partei ein männliches, der heilige Geist ein weibliches Urwesen, aus deren geschlechtlicher Vermischung der Sohn und mit ihm die Welt entstanden. Gfrörer, Jahrh. d.H., I. Abt., S. 332-34. Auch die Herrnhuter nannten den heiligen Geist die Mutter des Heilands
52 »Denn es wäre Gott nicht schwer oder unmöglich gewesen, seinen Sohn ohne eine Mutter in die Welt zu bringen; er hat aber darzu das weibliche Geschlecht gebrauchen wollen.« Luther. (T. II, S. 384.)
53 In der Tat ist auch die Frauenliebe die Basis der allgemeinen Liebe. Wer das Weib nicht liebt, liebt den Menschen nicht.
54 Im Konkordienbuch, Erklär., Art. 8, und in der Apol. der Augsb. Konf. heißt jedoch noch Maria die »hochgelobte Jungfrau, die wahrhaftig Gottes Mutter und gleichwohl eine Jungfrau blieben ist,« »alles höchsten Lobes wert.«
55 »Der Mönch sei wie Melchisedech ohne Vater, ohne Mutter, ohne Genealogie und nenne niemand auf Erden seinen Vater. Vielmehr denke er so von sich, als wäre nur er allein und Gott.« Specul. Monach. (Pseudobernhard.) »Melchisedechs Beispiel zufolge soll der Priester gleichsam ohne Vater und Mutter sein.« Ambrosius (irgendwo).
56 »Der Christ hat seinen Namen von Christus. Wer daher nicht Christum als seinen Herrn und Gott bekennt, der kann schlechterdings kein Christ sein.« Fulgentius. (Ad Donatum, lib. unus.) Aus demselben Grunde bestand auch die lateinische Kirche so fest auf dem Dogma, daß der heil. Geist nicht vom Vater allein, wie die griechische Kirche behauptete, sondern zugleich auch vom Sohne ausgehe. S. hierüber J. G. Walchii Hist. Contr. Gr. et Lat. de proc. spir. s., Jenae 1751.
57 Dies ist besonders deutlich in der Menschwerdung ausgesprochen. Gott gibt auf, negiert seine Majestät, Macht und Unendlichkeit, um Mensch zu werden, d.h. der Mensch verneint den Gott, der nicht selbst Mensch ist, bejaht nur den Gott, welcher den Menschen bejaht. »Exinanivit«, sagt der hl. Bernhard, »majestate et potentia, non bonitate et misericordia.« Das Unveräußerliche, das nicht zu Negierende ist also die göttliche Güte und Barmherzigkeit, d.i. die Selbstbejahung des menschlichen Herzens.
58 Es versteht sich von selbst, daß das Ebenbild Gottes auch noch eine andere Bedeutung hat, nämlich die, daß der persönliche, sichtbare Mensch Gott selbst ist. Aber hier wird nur das Bild als Bild betrachtet.
59 »Der ewige Vater«, sagt Melanchthon in seinem Buch De anima, »erzeugt, sich selbst anschauend, sein Bild. Denn daß durch das Denken Bilder erzeugt werden, erfahren wir auch in uns selbst. Und da Gott unsrer Worte sich bedient, so wollte er damit anzeigen, daß der Sohn durch das Denken erzeugt wird.« »Gott wollte«, sagt er ferner, »daß unsre Gedanken Bilder der Gegenstände sind, weil er wollte, daß in uns Gleichnisse von ihm selbst sind. Der Vater nämlich erzeugt, sich selbst anschauend, durch Denken den Sohn, welcher ist des ewigen Vaters Bild.« Was anders haben wir also in dem Sohn Gottes vergegenständlicht als die Einbildungskraft, die Phantasie?
60 »Wir verordnen, daß dem heiligen Bilde unseres Herrn Jesu Christi ebenso wie dem heiligen Evangelium die Ehre der Anbetung zuteil werde usw.« Gener. Const. Concil. VIII, Act. 10, can. 3.
61 Über die Bedeutung des Wortes Logos im N. T. ist viel geschrieben worden. Wir halten uns hier an das Wort Gottes als die im Christentum geheiligte Bedeutung, über den Logos bei Philo s. Gfrörer. Philo setzt statt Logos auch rhêma theou. S. auch Tertullian, Adv. Praxeam, c. 5, wo er zeigt, daß es auf eins hinauskommt, ob man Logos mit Sermo oder Ratio übersetzt. Daß übrigens das Wort der richtige Sinn des Logos ist, geht schon daraus hervor, daß die Schöpfung im A. T. von einem ausdrücklichen Befehl abhängig gemacht wird, und daß man von jeher in diesem schöpferischen Worte den Logos erblickt hat. Freilich hat der Logos auch den Sinn von Virtus, Spiritus, Kraft, Verstand usw., denn was ist das Wort ohne Sinn, ohne Verstand, d.i. ohne Kraft?
62 »So große Macht hat der Name Jesu über die Dämonen, daß er bisweilen, selbst von Bösen ausgesprochen, wirksam ist.« Origenes adv. Celsum, lib. I. S. auch lib. III.
63 »So offenbaret sich uns Gott, daß er sey der Sprecher, so bey sich hat ein ewiges ungeschaffnes Wort, dadurch er die Welt und alles geschaffen hat, mit einem leichten Werke, nemlich allein mit Sprechen, daß also Gott das geschaffene nicht schwerer ankommt, als uns das Nennen.« Luther. (T. I, S. 302.)
64 Schon in der zweiten Ausgabe suchte ich, wie viele andere fremde Worte, so auch besonders das mir unausstehliche Wort: Subjektivität aus meiner Schrift zu verbannen. Die entsprechenden deutschen Ausdrücke dafür sind bald Eigenheit, Selbstheit, Ichheit, bald Seele, Gemütlichkeit, bald Menschlichkeit, bald Geistigkeit, Unsinnlichkeit. Aber insofern es genau den Gegensatz zum Gegenständlichen ausdrückt, so haben wir für das Wort: Subjektivität oder Subjektiv kein deutsches, wenigstens gebräuchliches Wort. Dasselbe gilt von einigen andern Worten.
65 Es ist daher eine bloße Selbsttäuschung, wenn man glaubt, durch die Annahme eines Schöpfers sich das Dasein der Welt zu erklären.
66 Es liegt außer unserm Zwecke, diese kraß mystische Ansicht zu kritisieren. Es werde hier nur bemerkt, daß die Finsternis nur dann erklärt wird, wenn sie aus dem Lichte abgeleitet wird, daß aber nur dann die Ableitung des Dunkeln in der Natur aus dem Lichte als eine Unmöglichkeit erscheint, wenn man so blind ist, daß man nicht auch in der Finsternis noch Licht erblickt, nicht bemerkt, daß das Dunkel der Natur kein absolutes, sondern gemäßigtes, durch das Licht temperiertes Dunkel ist.
67 Schelling über das Wesen der menschlichen Freiheit, 429, 432, 427. Denkmal Jacobis, S. 82, 97 – 89.
68 Kernhafter Auszug... J. Böhms, Amsterdam 1718, S. 58. Die folgenden Stellen stehen S. 480, 338, 340, 323.
69 Nach Swedenborg haben die Engel im Himmel selbst Kleider und Wohnungen. »Ihre Wohnungen sind gänzlich so wie die Wohnungen auf Erden, so man Häuser nennt, aber weit schöner; es sind Kammern, Zimmer und Schlafgemache darin in großer Anzahl und Vorhöfe und ringsherum Gärten, Blumenwiesen und Felder.« (E. v. S. auserlesene Schriften, I. T., Frankf. a. M. 1776, S. 190 u. 96.) So ist dem Mystiker das Diesseits das Jenseits, aber eben deswegen das Jenseits das Diesseits.
70 In der zit. Schrift. S. 339. S. 69.
71 »Was einer nur immer über alles andre setzt, das ist sein Gott.« Origenes. (Explan. in epist. Pauli ad Rom., c. 1.)
72 »Ich bin der Herr, der alles tut.« »Ich bin der Herr und ist keiner mehr. Ich bin Gott und keiner mehr.« »Ich bin es, der Herr, beides, der Erste und der Letzte.« Jesaias 41-47. Hieraus ergibt sich die erst später ausführlicher zu entwickelnde Bedeutung der Kreation.
73 Der tiefere Ursprung der Schöpfung aus Nichts liegt im Gemüt – was ebensowohl direkt als indirekt in dieser Schrift ausgesprochen und bewiesen wird. Die Willkür aber ist eben der Wille des Gemüts, die Kraftäußerung des Gemüts nach außen.
74 »Die zuverlässigsten Zeugnisse von einer göttlichen Vorsehung sind die Wunder.« H. Grotius. (De verit. rel. christ., lib. I, § 13.)
75 Der religiöse Naturalismus ist allerdings auch ein Moment der christlichen – mehr noch der mosaischen, so tierfreundlichen Religion. Aber er ist keineswegs das charakteristische, das christliche Moment der christlichen Religion. Die christliche, die religiöse Vorsehung ist eine ganz andere als die Vorsehung, welche die Lilien kleidet und die Raben speist. Die natürliche Vorsehung läßt den Menschen im Wasser untersinken, wenn er nicht schwimmen gelernt hat, aber die christliche, die religiöse Vorsehung führt ihn an der Hand der Allmacht unbeschädigt über das Wasser hinweg.
76 Der Verfasser hatte bei dieser Entgegensetzung der religiösen oder biblischen und natürlichen Vorsehung besonders die fade, bornierte Theologie der englischen Naturforscher vor Augen.
77 »Die, welche Götter leugnen, heben den Adel des Menschengeschlechts auf.« Baco. (Verul., Serm. fidel., 16.)
78 Bei Clemens Alex. (Coh. ad gentes) findet sich eine interessante Stelle. Sie lautet in der lateinischen Übersetzung (der schlechten Würzburger Ausgabe 1778): At nos ante mundi constitutionem fuimus, ratione futurae nostrae productionis, in ipso Deo quodammodo tum praeexistentes. Divini igitur Verbi sive Rationis, nos creaturas rationales sumus, et per eum primi esse dicimur, quoniam in principio erat Verbum. Noch bestimmter hat aber die christliche Mystik das menschliche Wesen als das schöpferische Prinzip, als den Grund der Welt ausgesprochen. »Der Mensch, der vor der Zeit in der Ewigkeit ist, der wirket mit Gott alle die Werke, die Gott vor tausent Jahren und nach tausent Jahren noch je gewirket.« »Durch den Menschen seind alle Creaturen ausgeflossen.« Predigten vor und zu Tauleri Zeiten. (Ed. c., S. 5, S. 119.)
79 Hieraus erklärt es sich, warum alle Versuche der spekulativen Theologie und der ihr gleichgesinnten Philosophie, von Gott auf die Welt zu kommen oder aus Gott die Welt abzuleiten, mißglücken und mißglücken müssen. Nämlich darum, weil sie von Grund aus falsch und verkehrt sind, nicht wissen, worum es sich eigentlich in der Kreation handelt.
80 Man kann hiegegen auch nicht einwenden die Allgegenwart Gottes, das Sein Gottes in allen Dingen oder das Sein der Dinge in Gott. Denn abgesehen davon, daß durch den einstigen wirklichen Untergang der Welt das Außer-Gott-Sein der Welt, d.h. ihre Ungöttlichkeit deutlich genug ausgesprochen ist – Gott ist nur im Menschen auf spezielle Weise; aber nur da bin ich zu Hause, wo ich speziell zu Hause bin. »Nirgent ist Gott als eigentlich Gott in der Seel. In allen Creaturen ist etwas Gottes, aber in der Seel ist Gott göttlich, dann sie ist seine Ruhestätt.« Predigten etzlicher Lehrer etc., S. 19. Und das Sein der Dinge in Gott ist, zumal da, wo es keine pantheistische Bedeutung hat, die aber hier wegfällt, ebenso nur eine Vorstellung ohne Realität, drückt nicht die speziellen Gesinnungen der Religion aus.
81 Hier ist auch der Punkt, wo die Kreation uns nicht nur die göttliche Macht, sondern auch die göttliche Liebe repräsentiert. »Wir sind, weil Gott gut ist.« (Augustin.) Anfangs, vor der Welt, war Gott allein für sich. »Vor allen Dingen war Gott allein, er selbst sich die Welt und der Ort und Alles. Allein aber war er, weil Nichts außer ihm war.« (Tertullian.) Aber kein höheres Glück gibt es, als andere zu beglücken, Seligkeit liegt im Actus der Mitteilung. Aber mitteilend ist nur die Freude, die Liebe. Der Mensch setzt daher die mitteilende Liebe als Prinzip des Seins. »Die Ekstase der Güte versetzt Gott außer sich.« (Dionysius A.) Alles Wesenhafte begründet sich nur durch sich selbst. Die göttliche Liebe ist die sich selbst begründende, sich selbst bejahende Lebensfreude. Das höchste Selbstgefühl des Lebens, die höchste Lebensfreude ist aber die Liebe, die beglückt, Gott als gütiges Wesen ist das personifizierte und vergegenständlichte Glück der Existenz.
82 Bei Diogenes L., lib. II, c. III, § 6 heißt es wörtlich: »Zur Anschauung der Sonne, des Mondes und des Himmels.« Ähnliche Gedanken bei andern Philosophen. So sagten auch die Stoiker: »Der Mensch ist geboren zur Betrachtung und Nachahmung der Welt.« Cicero. (De nat.)
83 »Die Hebräer sagen, daß die Gottheit alles durch das Wort bewirke, daß alles durch ihren Befehl gleichsam erschaffen sei, um damit anzuzeigen, wie leicht sie ihren Willen ins Werk setze und wie groß ihre Allmacht sei. Psalm 33, 6: Der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht. Psalm 148, 5: Er gebietet, so wird es geschaffen.« J. Clericus. (Comment. in Mosem, Genes., I., 3.)
84 2. Mose 16, 12.
85 1. Mose 28, 20.
86 2. Mose 24, 10. 11. Tantum abest, ut mortui sint, ut contra convivium hilares celebrarint. (Clericus.)
87 1. Könige 4, 30-34.
88 Übrigens dachten sie bekanntlich verschieden hierüber. (S. z, B. Aristoteles, De coelo, lib. I, c. 10.) Aber ihre Differenz ist eine untergeordnete, da das schaffende Wesen bei ihnen mehr oder weniger selbst ein kosmisches Wesen ist.
89 »Obgleich die Himmelskörper nicht Werke der Menschen sind so sind sie doch der Menschen wegen erschaffen. Keiner bete also die Sonne an, sondern erhebe sich zu dem Schöpfer der Sonne.« Clemens Alex. (Coh. ad gentes.)
90 Aber natürlich nur bei der absoluten Religion, denn bei den andern Religionen heben sie die uns fremden, ihrem ursprünglichen Sinn und Zweck nach unbekannten Vorstellungen und Gebräuche als sinnlos und lächerlich hervor, und doch ist in der Tat die Verehrung des Kuh-Urins, den der Parse und Indier trinkt, um Vergebung der Sünden zu erhalten, nicht lächerlicher, als die Verehrung des Haarkamms oder eines Fetzens vom Rocke der Mutter Gottes.
91 Weisheit 19, 6.
92 Nach Herder.
93 Die Bemerkung stehe noch hier, daß allerdings die Bewunderung der Macht und Herrlichkeit Gottes überhaupt, so auch Jehovas in der Natur zwar nicht im Bewußtsein des Israeliten, aber doch in Wahrheit nur die Bewunderung der Macht und Herrlichkeit der Natur ist. (S. hierüber »P. Bayle. Ein Beitrag« etc.) Aber dies förmlich zu beweisen, liegt außer unserm Plan, da wir uns hier nur auf das Christentum, d.h. die Verehrung Gottes im Menschen beschränken. Gleichwohl ist jedoch das Prinzip dieses Beweises auch in dieser Schrift ausgesprochen.
94 »Der größte Teil der hebräischen Poesie, den man oft nur für geistlich hält, ist politisch.« Herder.
95 Das subjektiv menschliche, weil das menschliche Wesen, wie es das Wesen des Christentums, ein supranaturalistisches, die Natur, den Leib, die Sinnlichkeit, durch welche uns allein eine gegenständliche Welt gegeben ist, von sich ausschließendes Wesen ist.
96 »Es gibt nichts, was nicht der gute und rechtschaffene Mensch von der göttlichen Güte erwarten könnte; alle Güter deren nur das menschliche Wesen fähig ist, Dinge, die kein Auge sah und kein Ohr vernahm und kein menschlicher Verstand begriff, kann der sich versprechen, der einen Gott glaubt; denn notwendig haben die unendliche Hoffnungen, welche glauben, daß ein Wesen von unendlicher Güte und Macht die Angelegenheiten der Menschen besorgt und daß unsre Seelen unsterblich sind. Und schlechterdings nichts kann diese Hoffnungen zunichte oder auch nur wankend machen, wenn man nur nicht dem Laster huldigt und ein gottloses Leben führt.« Cudworth. (Syst. Intellect., cap. 5, sect. 5, § 27.)
97 Sebastian Franck von Wörd in Zinkgrefs Apophthegmata deutscher Nation,
98 Es wäre ein schwachsinniger Einwand, zu sagen, Gott erfülle nur die Wünsche, die Bitten, welche in seinem Namen oder im Interesse der Kirche Christi geschehen, kurz, nur die Wünsche, welche mit seinem Willen übereinstimmen; denn der Wille Gottes ist eben der Wille des Menschen, oder vielmehr Gott hat die Macht, der Mensch den Willen : Gott macht den Menschen selig, aber der Mensch will selig sein. Bin einzelner, dieser oder jener Wunsch kann allerdings nicht erhört werden; aber darauf kommt es nicht an, wenn nur die Gattung, die wesentliche Tendenz genehmigt ist. Der Fromme, dem eine Bitte fehlschlägt, tröstet sich daher damit, daß die Erfüllung derselben ihm nicht heilsam gewesen wäre. S. z.B. Oratio de precatione, in Declamat. Melanchthonis, T. III.
99 Aus subjektiven Gründen vermag auch mehr das gemeinschaftliche als einzelne Gebet. Gemeinsamkeit erhöht die Gemütskraft, steigert das Selbstgefühl. Was man allein nicht vermag, vermag man mit andern. Alleingefühl ist Beschränktheitsgefühl; Gemeingefühl Freiheitsgefühl. Darum drängen sich die Menschen, von Naturgewalten bedroht, zusammen. »Es ist unmöglich, wie Ambrosius sagt, daß die Gebete vieler nichts erlangen... Der Einzelheit wird abgeschlagen, was der Liebe gewährt wird.« P. Paul Mezger. (Sacra hist. de gentis hebr. ortu., Aug. V. 1700, S. 668 – 69)
100 Luther. (T. XV, S. 282; T. XVI, S. 491 – 493.)
101 »Gott ist allmächtig; der aber glaubt, der ist ein Gott.« Luther. (T. XIV, S. 320.) An einer andern Stelle nennt Luther geradezu den Glauben den »Schöpfer der Gottheit«: freilich setzt er, auf seinem Standpunkt notwendig, sogleich die Einschränkung hinzu: »nicht daß er an dem göttlichen ewigen Wesen etwas schaffe, sondern in uns schaffet er es.« (T. XI, S. 161.)
102 Dieser Glaube ist der Bibel so wesentlich, daß sie ohne ihn gar nicht begriffen werden kann. Die Stelle 2. Petri 3, 8 spricht nicht, wie dies aus dem ganzen Kapitel hervorgeht, gegen einen nahen Untergang, denn wohl sind 1000 Jahre wie ein Tag vor dem Herrn, aber auch ein Tag wie 1000 Jahre, und die Welt kann daher schon morgen nicht mehr sein. Daß überhaupt in der Bibel ein sehr nahes Weltende erwartet und prophezeit, obgleich nicht Tag und Stunde bestimmt wird, kann nur ein Lügner oder ein Blinder leugnen. S. hierüber auch Lützelbergers Schriften. Die religiösen Christen glaubten daher auch fast zu allen Zeiten an die Nähe des Weltuntergangs – Luther z.B. sagt öfter, daß »der jüngste Tag nicht weit ist« (z.B. T. XVI, S. 26.) – oder sehnten sich wenigstens in ihrem Gemüte nach dem Ende der Welt, wenn sie gleich aus Klugheit es unbestimmt ließen, ob es nahe oder ferne sei. S. z.B. Augustin, (De fine saeculi ad Hesychium, c. 13.)
103 1. Mose 18 14.
104 »Der ganzen Welt ist's unmöglich, einen Todten aufzuwecken, aber dem Herrn Christo ist's nicht allein nicht unmöglich, sondern es ist ihm auch keine Mühe noch Arbeit... Solches hat Christus gethan zum Zeugniß und Zeichen, daß er aus dem Tode erretten könne und wolle. Er thut's nicht allezeit und an jedermann... Es ist gnug, daß er's etliche Mal gethan hat, das andere sparet er bis auf den jüngsten Tag.« Luther. (T. XVI, S. 518.) Die positive, wesentliche Bedeutung des Wunders ist daher die, daß das göttliche Wesen kein andres als das menschliche ist. Die Wunder bestätigen, beglaubigen die Lehre. Welche Lehre? Die eben, daß Gott ein Heiland der Menschen, ein Retter aus aller Not, d.h. ein den Bedürfnissen und Wünschen des Menschen entsprechendes, also menschliches Wesen ist. Was der Gottmensch mit Worten ausspricht, das demonstriert mit Taten das Wunder ad oculos.
105 Freilich ist diese Befriedigung – eine Bemerkung, die sich übrigens von selbst versteht – insofern beschränkt, als sie an die Religion, den Glauben an Gott gebunden ist. Aber diese Beschränkung ist in Wahrheit keine Beschränkung, denn Gott selbst ist das unbeschränkte, das absolut befriedigte, in sich gesättigte Wesen des menschlichen Gemütes.
106 Die Legenden des Katholizismus – natürlich nur die bessern, wahrhaft gemütlichen – sind gleichsam nur das Echo von dem Grundton, der schon in dieser neutestamentlichen Erzählung herrscht. – Das Wunder könnte man füglich auch definieren als den religiösen Humor. Besonders hat der Katholizismus das Wunder von dieser seiner humoristischen Seite ausgebildet.
107 Höchst charakteristisch für das Christentum – ein populärer Beweis des Gesagten – ist es, daß nur die Sprache der Bibel, nicht die eines Sophokles oder Plato, also nur die unbestimmte, gesetzlose Sprache des Gemüts, nicht die Sprache der Kunst und Philosophie für die Sprache, die Offenbarung des göttlichen Geistes im Christentum galt und heute noch gilt.
108 Manchen Wundern mag wirklich ursprünglich eine physikalische oder physiologische Erscheinung zugrunde gelegen haben. Aber hier handelt es sich nur von der religiösen Bedeutung und Genesis des Wunders.
109 »Wo Adam in die Sünde nicht gefallen wäre, so würde man von der Wölfe, Löwen, Bären usw. Grausamkeit nichts wissen und wäre ganz und gar nichts in der ganzen Creatur dem Menschen verdrießlich oder schädlich gewesen... so wären keine Dörner, noch Disteln, noch Krankheiten... die Stirne wäre ihm nicht verruntzelt worden, so wäre kein Fuß, noch Hand, noch ein ander Glied des Leibes schwach, matt oder siech worden.« »Nun aber nach dem Falle wissen und fühlen wir alle, was für ein Grimm in unserm Fleische stecket, welches nicht alleine grimmig und brünstig gelüstet und begehret, sondern auch eckelt, wenn es überkommen hat, darnach es gelüstet hat.« »Aber dieß ist der Erbsünde Schuld, davon die ganze Creatur beschmutzet worden ist, also, daß ich es dafür halte, es sey für dem Falle die Sonne viel heller, das Wasser viel lauterer und reiner und das Land von allen Gewächsen viel reicher und voller gewesen.« Luther. (T, I, S. 322 – 23, 329, 337.)
110 Tantum denique abest incesti cupido, ut nonnullis rubori sit etiam pudica conjunctio. M. Felicis Oct., c. 31. Der Pater Gil war so außerordentlich keusch, daß er kein Weib von Gesicht kannte, ja er fürchtete sich sogar, nur sich selbst anzufassen. Der Pater Coton hatte einen so feinen Geruch in diesem Punkte, daß er bei Annäherung von unkeuschen Personen einen unerträglichen Gestank wahrnahm. Bayle. (Dict., Art. Mariana Rem. C.) Aber das oberste, das göttliche Prinzip dieser hyperphysischen Delikatesse ist die Jungfrau Maria; daher sie bei den Katholiken heißt: Virginum gloria, Virginitatis corona, Virginitatis typus et forma puritatis, Virginum vexillifera, Virginitatis magistra, Virginum prima, Virginitatis primiceria.
111 S. z.B. J. D. Winckler, (Philolog. Lactant. s. Brunsvigae 1754, S. 247 – 254.)
112 Interessant ist in dieser Beziehung das Selbstbekenntnis Augustins. (Confess., lib. X, c. 33.)
113 T. XVI, S. 490.
114 »Weil uns Gott seinen Sohn gegeben, so hat er uns alles mit ihm geben, es heiße Teufel, Sünde, Tod, Hölle, Himmel, Gerechtigkeit, Leben; Alles, alles muß es unser seyn, weil der Sohn, als ein Geschenk, unser ist, in welchem alles mit einander ist.« Luther. (T. XV, S. 311.) »Das beste Stück an der Auferstehung ist schon geschehen; Christus, das Haupt der ganzen Christenheit, ist durch den Tod hindurch und von den Todten auferstanden. Zudem ist das fürnehmste Stück an mir, meine Seele, auch hindurch durch den Tod und mit Christo im himmlischen Wesen. Was kann mir denn das Grab und der Tod schaden.« (T. XVI, S. 235.) »Bin Christenmensch hat gleiche Gewalt mit Christo, ist eine Gemeine und sitzet mit ihm in gesammten Lehn.« (T. XIII, S. 648.) »Wer sich nun an Christum hängt und hält, der hat so viel als er.« (T. XVI, S. 574.)
115 Hieraus erhellt die Unwahrhaftigkeit und Eitelkeit der modernen Spekulation über die Persönlichkeit Gottes. Schämt ihr euch nicht eines persönlichen Gottes, so schämt euch auch nicht eines fleischlichen Gottes. Eine abstrakte farblose Persönlichkeit, eine Persönlichkeit ohne Fleisch und Blut ist ein hohles Gespenst.
116 Konkordienb., Erklär., Art. 8.
117 Schon Faustus Socinus hat dies aufs trefflichste gezeigt. S. dessen Defens. Animadv. in Assert. Theol. Coll. Posnan. de trino et uno Deo Irenopoli. 1656, c. 11.
118 Man lese in dieser Beziehung besonders die Schriften der christlichen Orthodoxen gegen die Heterodoxen, z.B. gegen die Sozinianer. Neuere Theologen erklären bekanntlich auch die kirchliche Gottheit Christi für unbiblisch; aber gleichwohl ist diese unleugbar das charakteristische Prinzip des Christentums, und wenn sie auch nicht so in der Bibel schon steht, wie in der Dogmatik, dennoch eine notwendige Konsequenz der Bibel. Was kann ein Wesen, welches die leibhafte Fülle der Gottheit, welches allwissend (Joh. 16, 30.) und allmächtig ist (Tote erweckt, Wunder wirkt), welches allen Dingen und Wesen der Zeit und dem Bange nach vorangeht, welches das Leben in sich selbst hat (wenn auch als gegeben), gleichwie der Vater das Leben in sich hat, was kann dieses Wesen, konsequent gefolgert, anders als Gott sein? »Christus ist dem Willen nach mit dem Vater eins«; aber Willenseinheit setzt Wesenseinheit voraus. »Christus ist der Abgesandte, der Stellvertreter Gottes«; aber Gott kann sich nur durch ein göttliches Wesen vertreten lassen. Nur den, in welchem ich gleiche oder doch ähnliche Eigenschaften wie in mir finde, kann ich zu meinem Stellvertreter oder Gesandten wählen, sonst blamiere ich mich selbst.
119 »Die Helden verspotteten daher deswegen die Christen, daß sie dem Himmel und den Gestirnen, die wir verlassen, wie wir sie gefunden haben, den Untergang androhten, uns selbst aber, den Menschen, die wir doch wie einen Anfang, so auch ein Ende hätten, nach dem Tode ewiges Leben versprächen.« Minucii Felicis Octav., c. 11, § 2.
120 Aristoteles sagt bekanntlich ausdrücklich in seiner Politik, daß der Einzelne, weil er für sich selbst nicht sich genüge, sich gerade so zum Staate verhalte wie der Teil zum Ganzen, daß daher der Staat der Natur nach früher sei als die Familie und das Individuum, denn das Ganze sei notwendig früher als der Teil. – Die Christen »opferten« wohl auch »das Individuum«, d.h. hier den Einzelnen als Teil dem Ganzen, der Gattung, dem Gemeinwesen auf. Der Teil, sagt der heilige Thomas Aquino, einer der größten christlichen Denker und Theologen, opfert sich selbst aus natürlichem Instinkt zur Erhaltung des Ganzen auf. »Jeder Teil liebt von Natur mehr das Ganze als sich selbst. Und jedes Einzelne liebt von Natur mehr das Gut seiner Gattung als sein einzelnes Gut oder Wohl. Jedes Wesen liebt daher auf seine Weise naturgemäß Gott, als das allgemeine Gut, mehr als sich selbst.« (Summae P. I, Qu. 60, Art. V.) Die Christen denken daher in dieser Beziehung wie die Alten. Thomas A. preist (De regim. princip., lib. III, c. 4) die Römer, daß sie ihr Vaterland über alles setzten, seinem Wohl ihr Wohl aufopferten . Aber alle diese Gedanken und Gesinnungen gelten im Christentum nur auf der Erde, nicht im Himmel, in der Moral, nicht in der Dogmatik, in der Anthropologie, nicht in der Theologie. Als Gegenstand der Theologie ist das Individuum, der Einzelne übernatürliches, unsterbliches, selbstgenuges, absolutes, göttliches Wesen. Der heidnische Denker Aristoteles erklärt die Freundschaft (Ethik, 9. B., 9. K.) für notwendig zur Glückseligkeit, der christliche Denker Thomas A. aber nicht. »Nicht gehört notwendig«, sagt er, »Gesellschaft von Freun den zur Seligkeit, weil der Mensch die ganze Fülle seiner Vollkommenheit in Gott hat.« »Wenn daher auch eine Seele allein für sich im Genusse Gottes wäre, so wäre sie doch selig, wenn sie gleich keinen Nächsten hätte, den sie liebte.« (Prima Secundae, Qu. 4, S.) Der Heide weiß sich also auch in der Glückseligkeit als Einzelnen, als Individuum und deswegen als bedürftig eines andern Wesens seinesgleichen, seiner Gattung, der Christ aber bedarf keines andern ich, weil er als Individuum zugleich nicht Individuum, sondern Gattung, allgemeines Wesen ist, weil er »die ganze Fülle seiner Vollkommenheit in Gott«, d.h. in sich selbst hat.
121 Im Sinne der Religion und Theologie ist freilich auch die Gattung nicht unbeschränkt, nicht allwissend, nicht allmächtig, aber nur deswegen, weil alle göttlichen Eigenschaften nur in der Phantasie existieren, nur Prädikate, nur Ausdrücke des menschlichen Gemüts- und Vorstellungsvermögens sind, wie in dieser Schrift gezeigt wird.
122 Wohlweislich sagte ich: die unmittelbare, d.h. die supranaturalistische, phantastische, geschlechtlose, denn die mittelbare, vernünftige, naturhistorische Einheit der Gattung und des Individuums gründet sich nur auf das Geschlecht. Ich bin nur Mensch als Mann oder Weib. Entweder-Oder – entweder Licht oder Finsternis, entweder Mann oder Weib – ist das Schöpfungswort der Natur. Aber dem Christen ist der wirkliche, der weibliche, der männliche Mensch »der Tiermensch«; sein Ideal, sein Wesen ist der Kastrat, der geschlechtlose Gattungsmensch, denn der Gattungsmensch ist nichts andres als der im Unterschiede vom Mann und Weibe, weil beide Menschen sind, personifizierte, folglich geschlechtlose Mensch.
123 So sind z.B. bei den Siamern Verstellung und Lüge angeborne Laster, aber gleichwohl haben sie wieder Tugenden, die andern Völkern abgehen, welche diese Laster der Siamer nicht haben.
124 Bei den Indern (Menu Ges.) ist erst derjenige »ein vollständiger Mann, der aus drei vereinigten Personen, seinem Weibe, sich selbst und seinem Sohne besteht. Denn Mann und Weib und Vater und Sohn sind eins.« Auch der alttestamentliche Irdische Adam ist unvollständig ohne das Weib, sehnt sich nach ihm. Aber der neutestamentliche, der christliche, der himmlische, der auf den Untergang dieser Welt berechnete Adam hat keine geschlechtlichen Triebe und Funktionen mehr.
125 »Nur sämtliche Menschen«, sagt Goethe – Worte, die ich zwar schon woanders angeführt habe, aber mich nicht enthalten kann, hier zu wiederholen –, »erkennen die Natur; nur sämtliche Menschen leben das Menschliche.«
126 »Das Leben für Gott ist nicht dis natürliche Leben, welches der Verweßlichkeit unterworfen ist... Sollten wir denn nicht seufftzen nach den zukünftigen Dingen und diesen zeitlichen allen feindt seyn?... Darum sollten wir dieß Leben und diese Welt getrost verachten und von Hertzen seuffzen und Verlangen haben zu der künfftigen Ehre und Herrlichkeit des ewigen Lebens.« Luther. (T. I, S. 466, 467.)
127 »Dahin ist der Geist zu richten, wohin er einst gehen wird.« (Meditat, sacrae Joh. Gerhardi. med. 46.)
128 »Wer das Himmlische begehrt, dem schmeckt nicht das Irdische. Wer nach dem Ewigen verlangt, dem ist das Vergängliche zum Ekel.« Bernhardus. (Epist. ex persona Heliae monachi ad parentes.) Die alten Christen feierten daher nicht, wie die modernen, den Geburtstag, sondern den Todestag. (Siehe die Anmerk. zu Min. Felix, e rec. Gronovii, Lugd. Bat. 1719, S. 332.) »Darum sollte man lieber einem Christen-Menschen rathen, daß sie die Krankheit mit Geduld tragen, ja auch begehren, daß der Tod komme, je eher, je lieber. Denn wie S. Cyprianus spricht, ist nichts nützlicheres einem Christen, denn bald sterben. Aber wir hören lieber den Heyden Juvenalem, der da spricht: Orandum est ut sit mens sana in corpore sano.« Luther. (T. IV, S. 15.)
129 »Der ist vollkommen, der geistig und leiblich von der Welt geschieden ist.« De modo bene vivendi, ad sororem, serm. VII. (Unter den unechten Schriften Bernhards.)
130 S. indes hierüber Hieronymus, De vita Pauli primi eremitae.
131 Natürlich hatte das Christentum nur solche Kraft als, wie Hieronymus an die Demetrias schreibt, das Blut unsers Herrn noch warm und der Glaube noch in frischer Glut war. Siehe über diesen Gegenstand auch G. Arnold, Von der ersten Christen Genügsamkeit und Verschmähung alles Eigennutzes. (L. c., B. IV, c. 12, § 7 – 16.)
132 Wie anders die alten Christen! »Es ist schwer, ja unmöglich, zugleich die gegenwärtigen und künftigen Güter zu genießen.« Hieronymus. (Epist. Juliano.) »Du bist gar zu delikat, mein Bruder, wenn Du Dich hier mit der Welt freuen und hernach mit Christus herrschen willst.« Derselbe. (Epist. ad Heliodorum.) »Ihr wollt Gott und Creatur alles mit einander haben und das ist unmöglich. Lust Gottes und Lust der Creaturen mag nicht bei einander stehen.« Tauler. (Ed. c., S. 334.) Aber freilich, sie waren abstrakte Christen. Und jetzt leben wir im Zeitalter der Versöhnung! Jawohl!
133 »Nicht vollkommen sein wollen heißt: sündigen,« Hieronymus. (Epist. ad Heliodorum de laude vitae solit.) Ich bemerke zugleich, daß ich die hier exponierte Bibelstelle über die Ehe in dem Sinne auslege, in welchem sie die Geschichte des Christentums exponiert hat.
134 »Der Ehestand ist nichts neues oder ungewöhnliches, und ist auch von Heiden nach dem Urtheile der Vernunft für gut angesehen und gelobet worden.« Luther. (T. II., S. 337 a.)
135 »Die in das Paradies aufgenommen werden wollen, müssen davon ablassen, wovon das Paradies frei ist.« Tertullian. (De exhort. cast., c. 13) »Der Zölibat ist die Nachahmung der Engel.« Jo. Damascenus. (Orthod. fidei. lib. IV, c. 25.)
136 »Die Unverheiratete beschäftigt sich nur mit Gott und hat nur einen Gedanken; die Verheiratete aber lebt zum Teil mit Gott, zum Teil mit dem Mann.« Clemens Alex. (Paedag., lib. II, c. 10.) »Wer ein einsames Leben erwählt, denkt nur an göttliche Dinge.« Theodoret. (Haeretic. fabul., lib: V, 24.)
137 Thomas a Kempis. (De imit.. lib. II, c. 7, c. 8; lib. III, c. 5, c. 34, c. 53, c. 59.) »O wie selig ist die Jungfrau, in deren Brust außer der Liebe Christi keine andere Liebe wohnt!« Hieronymus. (Demetriadi, virgini Deo consecratae.) Aber freilich, das ist wieder eine sehr abstrakte Liebe, die im Zeitalter der Versöhnung, wo Christus und Belial ein Herz und eine Seele sind, nicht mehr schmeckt. O wie bitter ist die Wahrheit!
138 »Unterschieden ist das Weib und die Jungfrau,« »Siehe, wie selig die ist, welche selbst den Namen ihres Geschlechts verloren hat. Die Jungfrau heißt nicht mehr Weib.« Hieronymus. (Adv. Helvidium de perpet. virg.. S. 14, T. II. Erasmus.)
139 Dies läßt sich auch, so ausdrücken: Die Ehe hat im Christentum nur eine moralische, aber keine religiöse Bedeutung, kein religiöses Prinzip und Vorbild. Anders bei den Griechen, wo z.B. »Zeus und Here das große Urbild jeder Ehe« (Creuzer, Symb.), bei den alten Parsen, wo die Zeugung als »die Vermehrung des Menschengeschlechts, die Verminderung des Arhimanischen Reichs«, also eine religiöse Pflicht und Handlung ist (Zend-Avesta), bei den Indern, wo der Sohn der wiedergeborne Vater ist.
So der Frau ihr Gemahl nahet, wird er wiedergeboren selbst von der, die Mutter durch ihn wird.
(Fr. Schlegel.)
Bei den Indern darf kein Wiedergeborner in den Stand eines Sanyassi, das ist eines in Gott versunkenen Einsiedlers, treten, wenn er nicht vorher drei Schulden bezahlt, unter andern die, daß er rechtlicherweise einen Sohn gezeugt hat. Bei den Christen dagegen, wenigstens den katholischen, war es ein wahres religiöses Freudenfest, wenn Verlobte oder schon Verheiratete – vorausgesetzt, daß es mit beiderseitiger Einwilligung geschah – den ehelichen Stand aufgaben, der religiösen Liebe die eheliche Liebe aufopferten.
140 Insofern das religiöse Bewußtsein alles zuletzt wieder setzt, was es anfangs aufhebt, das jenseitige Leben daher zuletzt nichts andres ist als das wiederhergestellte diesseitige Leben, so muß konsequent auch das Geschlecht wiederhergestellt werden. »Sie werden den Engeln ähnlich sein, also nicht aufhören, Menschen zu sein, so daß der Apostel Apostel und die Maria Maria ist.« Hieronymus. (Ad Theodoram viduam.) Aber wie der jenseitige Körper ein unkörperlicher, scheinbarer Körper, so ist notwendig das dortige Geschlecht ein geschlechtloses, nur scheinbares Geschlecht.
141 »Schön sagt die Schrift (1. Johann. 3, 2.), daß wir dann Gott sehen werden, wie er ist, wenn wir ihm gleich sein, d.h. das sein werden, was er selbst ist; denn welchen die Macht gegeben ist, Gottes Söhne zu werden, denen ist auch die Macht gegeben, daß sie zwar nicht Gott sind, aber doch sind, was Gott ist.« De vita solit. (Pseudobernhard.) »Der Zweck des guten Willens ist die Seligkeit: das ewige Leben aber Gott selbst.« Augustinus. (Bei Petrus Lom., lib. II, dist. 38, c. 1) »Die Seligkeit ist die Gottheit selbst, jeder Selige also ein Gott.« Boethius. (De consol. phil., lib. III, Prosa 10.) »Seligkeit und Gott sind dasselbe.« Thomas Aq. (Summa cont. gentiles. lib. I, c. 101.) »Der andere Mensch wird erneuert werden in das geistliche Leben, er wird Gott gleich sein, im Leben, in Gerechtigkeit, Herrlichkeit, Weisheit,« Luther. (T. I, S. 324.)
142 »Wenn ein unverwüstlicher Körper ein Gut für uns ist, warum wollen wir daran zweifeln, daß Gott einen solchen uns machen werde?« Augustinus. (Opp., Antwerp. 1700, T. V., S. 698.)
143 »Der himmlische Körper heißt ein geistiger Leib, weil er dem Willen des Geistes sich fügen wird. Nichts wird dir aus dir selbst widersprechen, nichts sich in dir gegen dich empören. Wo du sein willst, wirst du in demselben Moment sein.« Augustinus. (L. c., S. 705, 703.) »Nichts Garstiges wird dort sein, nichts Feindseliges, nichts Uneiniges, nichts Mißgestaltetes, nichts den Anblick Beleidigendes.« Ders. (L. c., 707.) »Nur der Selige lebt, wie er will.« Ders. (De civit. Dei, lib. 10, c. 25.)
144 Und ebenso verschiedenartig ihren Gott. So haben die frommen christlichen Deutschtümler einen »deutschen Gott«, notwendig also auch die frommen Spanier einen spanischen Gott, die Franzosen einen französischen Gott. Die Franzosen sagen wirklich sprichwörtlich: Le bon Dieu est Français. In der Tat existiert auch so lange Vielgötterei, solange es viele Völker gibt. Der wirkliche Gott eines Volks ist der Point d'honneur seiner Nationalität.
145 Ibi nostra spes erit res. Augustin (irgendwo). »Darum haben wir die Erstlinge des unsterblichen Lebens in der Hoffnung, bis die Vollkommenheit am jüngsten Tage herbeikommt, darinnen wir das gegläubete und gehoffete Leben fühlen und sehen werden.« Luther. (T. I, S.459.)
146 Ältern Reisebeschreibungen zufolge denken sich jedoch manche Völker das künftige Leben nicht identisch mit dem gegenwärtigen oder besser, sondern sogar noch elender. – Parny (Oeuv. chois., T. I, Mélang.) erzählt von einem sterbenden Negersklaven, der sich die Einweihung zur Unsterblichkeit durch die Taufe mit den Worten verbat: Je ne veux point d'une autre vie, car peut-être y serais-je encore votre esclave.
147 Dort wird daher alles wiederhergestellt; selbst »kein Zahn oder Nagel« wird verlorengehen. Siehe Aurelius Prudent. (Apotheos. de resurr. carnis hum.) Und dieser in euren Augen rohe, fleischliche und deswegen von euch desavouierte Glaube ist der allein konsequente, der allein redliche, der allein wahre Glaube. Zur Identität der Person gehört die Identität des Leibes.
148 »Nach der Auferstehung wird die Zeit nicht mehr nach Tagen und Nächten gemessen. Es wird vielmehr ein Tag ohne Abend sein.« Joa. Damascen. (Orth. fidei, lib. II, c. 1.)
149 Ipsum (corpus) erit et non ipsum erit. Augustinus. (v. J. Ch. Doederlein, Inst, theol. christ., Altorf 1781, § 280.)
150 »Dein Heil sei dein einziger Gedanke, Gott deine einzige Sorge.« Thomas a K. (De imit., lib. I. c. 23.) »Denke nichts wider dein eignes Heil. Ich habe zu wenig gesagt; statt wider hätte ich außer sagen sollen.« Bernhardus. (De consid. ad Eugenium, lib. II.) »Wer Gott sucht, ist um sein eignes Heil bekümmert.« Clemens Alex. (Coh. ad gentes.)
151 Wer übrigens nur aus dem Unglück die Realität der Religion beweist, beweist auch die Realität des Aberglaubens.
152 Also in dem Sinne wird hier und an andern Orten dieser Schrift Theorie genommen, in welchem sie die Quelle der wahren objektiven Praxis ist, denn der Mensch vermag nur soviel, als er weiß: tantum potest quantum scit. Der Ausdruck: der subjektive Standpunkt sagt daher soviel als: Der Standpunkt der Unbildung und Unwissenheit ist der Standpunkt der Religion.
153 Über die biblischen Vorstellungen vom Satan, seiner Macht und Wirkung siehe Lützelbergers Grundzüge der Paulinischen Glaubenslehre und G. Ch. Knapps Vorles. über die christl. Glaubensl., §. 62-65. Hierher gehören auch die dämonischen Krankheiten, die Teufelsbesitzungen. Auch diese Krankheiten sind in der Bibel begründet. S. Knapp. (§ 65, III, 2, 3.)
154 Schelling erklärt in seiner Schrift über die Freiheit dieses Rätsel durch eine in der Ewigkeit, d.h. vor diesem Leben vollbrachte Selbstbestimmung. Welche phantastische, illusorische Annahme! Aber Phantastik, ja bodenlose, kindische Phantastik ist das innerste Geheimnis der sogenannten positiven Philosophen, dieser »tiefen«, jawohl sehr tiefen religiösen Spekulanten. Je schiefer, je tiefer.
155 Man wird diese Enthüllung des Mysteriums der Gnadenwahl zweifelsohne verrucht, gottlos, teuflisch nennen. Ich habe nichts dagegen: ich bin lieber ein Teufel im Bunde mit der Wahrheit als ein Engel im Bunde mit der Lüge.
156 Hierher gehört auch die geist- und wesenlose oder vielmehr sophistische Lehre vom Concursus Dei, wo Gott nicht nur den ersten Impuls gibt, sondern auch in der Handlung der causa secunda selbst mitwirkt. Übrigens ist diese Lehre nur eine besondere Erscheinung von dem widerspruchvollen Dualismus zwischen Gott und Natur, der sich durch die Geschichte des Christentums hindurchzieht, über den Gegenstand dieser Anmerkung, wie überhaupt des ganzen Paragraphen, siehe auch Strauß: Die christliche Glaubenslehre, II. B., § 75 u. 76.
157 »Solange wir im Körper sind, sind wir von Gott entfernt.« Bernard. (Epist. 18 in der Basler Ausgabe von 1552.) Der Begriff des Jenseits ist daher nichts als der Begriff der wahren, vollendeten, von den diesseitigen Schranken und Hemmungen befreiten Religion, das Jenseits, wie schon oben gesagt, nichts als die wahre Meinung und Gesinnung, das offene Herz der Religion. Hier glauben wir; dort schauen wir: d.h., dort ist nichts außer Gott, nichts also zwischen Gott und der Seele, aber nur deswegen, weil nichts zwischen beiden sein soll, weil die unmittelbare Einheit Gottes und der Seele die wahre Meinung und Gesinnung der Religion ist. – »Wir haben noch immerdar mit Gott also zu schaffen, daß er uns verdeckt und verborgen ist, und ist nicht möglich, daß wir in diesem Leben von Angesicht zu Angesicht bloß mit ihm handeln können. – Alle Creaturen sind itzt nichts anders denn eitel Larven, darunter sich Gott verbirgt und dadurch mit uns handelt.« Luther. (T. XI, S. 70.) »Wärest Du allein ledig der Bilde der Creaturen, Du möchtest Gott ohne Unterlaß haben.« Tauler. (L. c., S. 313.)
158 Eigentlich auch aller negativen, bösen, schädlichen, menschenfeindlichen Wirkungen, denn auch diese geschehen, wie sich die sophistische Theologie ausdrückt, nur mit Erlaubnis Gottes; ja der Teufel, der Urheber alles Bösen und üblen. Ist eigentlich nichts als der böse Gott, der Zorn Gottes, personifiziert, vorgestellt als ein besonderes Wesen, der Zorn Gottes daher die Ursache alles Übels. »Die Greuelszenen der Geschichte (z.B. von Jerusalem, Utika) sollten uns an den Zorn Gottes erinnern und bewegen, durch wahre Buße und inbrünstige Anrufung Gott zu erweichen.« Melancht. (Declam., T. III, S. 29.)
159 Nur der Unglaube an das Gebet hat das Gebet schlauerweise nur auf Geistiges eingeschränkt.
160 In der rohsinnlichen Vorstellung ist daher das Gebet ein Zwangs- oder Zaubermittel. Diese Vorstellung ist aber eine unchristliche (obwohl sich auch bei vielen Christen die Behauptung findet, daß das Gebet Gott zwingt), denn im Christentum ist Gott an und für sich das selbstbefriedigte Gemüt, die nichts dem (natürlich religiösen) Gemüte abschlagende Allmacht der Gute. Der Vorstellung des Zwangs liegt aber ein gemütloser Gott zugrunde.
161 »Ohne die göttliche Vorsehung und Macht ist die Natur Nichts.« Lactantius. (Div. inst., lib. 3, c. 28.) »Alles Erschaffene ist, obgleich von Gott sehr gut gemacht, doch im Vergleich zum Schöpfer nicht gut, gleichwie es auch im Vergleich zu ihm nicht ist, denn er schreibt nur sich das Sein im höchsten und eigentlichsten Sinn zu, indem er sagt: Ich bin, der ich bin.« Augustinus. (De perfect. iust. hom., c. 14.)
162 »Schöne und mannigfaltige Formen, glänzende und anmutige Farben lieben die Augen. Nicht sollen aber diese Dinge meine Seele fesseln; sie fesseln nur Gott, der sie gemacht hat; sie sind zwar sehr gut, weil von ihm gemacht, doch nur er selbst ist mein Gut, nicht diese Dinge.« Augustin. (Confess., lib. X, c. 34.) »Die Schritt verbietet uns, 2. Korinth. 4, 18 unsern Sinn auf das Sichtbare zu richten. Gott allein ist daher zu lieben, diese ganze Welt aber, d.h. alles Sinnliche ist zu verachten. Jedoch zur Notdurft dieses Lebens zu gebrauchen.« Ders. (De moribus eccl. cathol., lib. I, c. 20.)
163 Zugleich aber auch den Zweck, das Wesen des Menschen zu bewahrheiten. Die verschiedenen Beweise sind nichts andres als verschiedene, höchst interessante Selbstbejahungsformen des menschlichen Wesens. So ist z.B. der physikotheologische Beweis die Selbstbejahung des zwecktätigen Verstandes.
164 »Christus ist in die Höhe gefahren... Das ist, er sitzt nicht alleine da oben, sondern auch hienieden. Und ist eben darum dahin gefahren, daß er hienieden wäre, daß er alle Dinge erfüllete und an allen Orten könnte sein, welches er nicht könnte thun auf Erden, denn da könnten ihn nicht alle leiblichen Augen sehen. Darum ist er dahin gesessen, da ihn jedermann sehen kann, und er mit jedermann zu schaffen habe.« Luther. (T. XIII, S. 643.) Das heißt: Christus oder Gott ist ein Objekt, eine Existenz der Einbildungskraft; in der Einbildungskraft ist er auf keinen Ort beschränkt, ist er jedem gegenwärtig; und gegenständlich, Gott existiert im Himmel, ist aber eben deswegen allgegenwärtig; denn dieser Himmel ist die Phantasie, die Einbildungskraft.
165 »Du hast Dich nicht zu beklagen, daß Du weniger geübet seyest, als Abraham oder Isaak gewesen sind. Du hast auch Erscheinungen... Du hast die heilige Taufe, das Abendmahl des Herrn, da Brod und Wein die Gestalt, Figur und Formen sind, darinnen und unter welchen Gott gegenwärtig Dir in die Ohren, Augen und Hertze redet und wirket... Er erscheinet Dir in der Taufe und ist selber, der Dich täufet und anredet... Es ist alles voll göttlicher Erscheinung und Gespräche, so er mit Dir hält.« Luther. (T. II, S. 466. S. über diesen Gegenstand auch T. XIX, S. 407.)
166 Die Negation einer Tatsache hat keine unverfängliche, an sich indifferente, sondern eine schlimme moralische Bedeutung. Darin, daß das Christentum seine Glaubensartikel zu sinnlichen, d.h. unleugbaren, unantastbaren Tatsachen machte, durch sinnliche Tatsachen also die Vernunft überwältigte, den Geist gefangennahm, darin haben wir auch den wahren, den letzten, primitiven Erklärungsgrund, warum und wie sich im Christentum, und zwar nicht nur im katholischen, sondern auch protestantischen, in aller Förmlichkeit und Feierlichkeit der Grundsatz aussprechen und geltend machen konnte, daß die Ketzerei, d.h. die Negation einer Glaubensvorstellung oder Tatsache ein Strafobjekt der weltlichen Obrigkeit, d.h. ein Verbrechen sei. Die sinnliche Tatsache in der Theorie wird in der Praxis zur sinnlichen Gewalt. Das Christentum steht hierin weit unter dem Muhamedanismus, wenigstens dem Koran, welcher nicht das Verbrechen der Ketzerei kennt.
167 »Oft zeigen die Götter ihre Gegenwart an.« Cicero. (De nat. d., lib. II.) Ciceros Schriften De nat. d. und De divinatione sind besonders auch deswegen so interessant, weil hier für die Wahrheit der heidnischen Glaubensgegenstände im Grunde dieselben Argumente geltend gemacht werden, welche noch heute die Theologen und Positivisten überhaupt für die Wahrheit der christlichen Glaubensgegenstände anführen.
168 Was ist denn der wesentliche Inhalt der Offenbarung? Dies, daß Christus Gott, d.h. daß Gott ein menschliches Wesen ist. Die Heiden wandten sich an Gott mit ihren Bedürfnissen, aber sie zweifelten, ob Gott die Gebete der Menschen erhöre, ob er barmherzig, ob er menschlich sei. Aber die Christen sind der Liebe Gottes zum Menschen gewiß: Gott hat sich als Mensch geoffenbart. (S. hierüber z. B, Or. de vera Dei invocat., Melanchth: Decl., T. III, und Luther, z.B. T. IX, S. 538, 539.) D.h., eben die Offenbarung Gottes ist die Gewißheit des Menschen, daß Gott Mensch, der Mensch Gott ist. Gewißheit ist Tatsache.
169 »Was grausam ist, wenn es die Menschen ohne Gottes Befehl tun, das mußten die Hebräer tun, weil sie auf Befehl Gottes, des höchsten Herrn über Leben und Tod den Krieg führten.« J. Clericus. (Comm. in Mos., Num., c. 31, 7.) »Vieles tat Samson, was kaum entschuldigt werden könnte, wenn er nicht für ein Werkzeug Gottes, von dem die Menschen abhängen, gehalten würde.« Ders. (Comment. in Judicum, c. 14, 19.) S. hierüber auch Luther, z.B. T. I, S. 339; T. XVI, S. 495.
170 Sehr richtig bemerkten schon die Jansenisten gegen die Jesuiten: Vouloir reconnoitre dans l'Ecriture quelque chose de la foiblesse et de l'esprit naturel de l'homme, c'est donner la liberté à chacun d'en faire le discernement et de rejetter ce qui lui plaira de l'Ecriture, comme venant plûtot de la foiblesse de l'homme que de l'esprit de Dieu. Bayle. (Dikt., Art. Adam [Jean], Rem. E.)
171 »In der Heil. Schrift darf man keinen Widerspruch annehmen.« (Petrus L., lib II, dist. II, c. I.) Gleiche Gedanken bei den Kirchenvätern, bei den Reformatoren, so z.B. Luther. – Zu bemerken ist noch, daß, wie der katholische Jesuitismus hauptsächlich die Moral, so der protestantische Jesuitismus, der freilich, wenigstens meines Wissens, keine förmlich organisierte Korporation bildet, hauptsächlich die Bibel, die Exegese zum Tummelplatz seiner Sophistik hat.
172 Dies zeigt sich unter anderm besonders auch in dem Superlativ und in der Präposition: über, hyper, die den göttlichen Prädikaten vorgesetzt werden und von jeher – wie z.B. bei den Neuplatonikern, den Christen unter den heidnischen Philosophen – eine Hauptrolle in der Theologie spielten.
173 »Gott weiß also, wie groß die Anzahl der Flöhe, Schnaken, Mücken und Fische ist, er weiß, wie viele geboren werden und sterben, aber er weiß dies nicht einzeln nacheinander, sondern alles zugleich und auf einmal.« Petrus Lomb. (Lib. I, dist. 39, c. 3.)
174 »Welche den Alles Wissenden wissen, die können Nichts nicht wissen.« Liber Meditat., c. 26 (Pseudoaugustin).
175 J. Tauler, l. c., S. 312.
176 In neuerer Zeit hat man daher auch wirklich die Tätigkeit des Genies zur weltschöpferischen Tätigkeit gemacht und dadurch der religionsphilosophischen Imagination eine neues Feld geöffnet. – Ein interessanter Gegenstand der Kritik wäre die Weise, wie von jeher die religiöse Spekulation die Freiheit oder vielmehr Willkürlichkeit, d.i. Unnotwendigkeit der Schöpfung, die dem Verstande widerspricht, mit der Notwendigkeit derselben, d.h. mit dem Verstande zu vermitteln suchte. Aber diese Kritik liegt außer unserm Zwecke. Wir kritisieren die Spekulation nur durch die Kritik der Religion, beschränken uns nur auf das Ursprüngliche, Fundamentale. Die Kritik der Spekulation ergibt sich durch bloße Folgerung.
177 »Die größte Einigung, die Christus besessen hat mit dem Vater, die ist mir möglich zu gewinnen, ob ich könnte ablegen, das da ist von diesem oder von dem und könnte mich genemen (annehmen) Menschheit. Alles das denn Gott je seinem eingebornen Sohn gab, das hat er mir gegeben so vollkommenlich als ihm.« (Predigten etzlicher Lehrer vor und zu Tauleri zeiten. Hamburg 1621, S. 14.) »Zwischen dem eingebornen Sohn und der Seele ist kein Unterscheid.«(Ebend., S. 68.)
178 »Gott mag unser als wenig entbehren als wir sein.« Predigten etzlicher Lehrer etc., S. 16. S. über diesen Gegenstand auch Strauß, Christi. Glaubensl., I. B., § 47 und die deutsche Theologia, c. 49.
179 »Dieß zeitliche vergängliche Leben in dieser Welt (d.i. natürliches Leben) haben wir durch Gott, der da ist allmächtiger Schöpfer Himmels und der Erden. Aber das ewige unvergängliche Leben haben wir durch unsers Herrn Jesu Christi Leiden und Auferstehung... Jesus Christus ein Herr über jenes Leben.« Luther. (T. XVI, S. 459.)
180 Es ist sonderbar, wie die spekulative Religionsphilosophie gegen den gottlosen Verstand die Trinität in Schutz nimmt und doch mit der Beseitigung der persönlichen Substanzen und mit der Erklärung, daß das Verhältnis von Vater und Sohn nur ein dem organischen Leben entnommenes, unangemessenes Bild sei, der Trinität die Seele, das Herz aus dem Leibe reißt. Wahrlich, wenn man die Kunstgriffe kabbalistischer Willkür, welche die spekulativen Religionsphilosophen zugunsten der »absoluten« Religion anwenden, auch den »endlichen« Religionen zugute lassen kommen dürfte oder wollte, so wäre es nicht schwierig, auch schon aus den Hörnern des ägyptischen Apis die Pandorabüchse der christlichen Dogmatik herauszudrechseln. Man bedürfte hierzu nichts weiter als die ominöse, zur Rechtfertigung jedes Unsinns geschickte Trennung von Verstand und spekulativer Vernunft.
181 Die Einheit hat nicht die Bedeutung des Genus, nicht des Unum, sondern des Unus. (s. Augustin und Petrus Lomb., lib. I, dist. 19. c. 7, 8, 9.) Hi ergo tres, qui unum sunt propter ineffabilem conjunctionem deitatis, qua ineffabiliter copulantur, unus Deus est. (Petrus L., l. c., c. 6.) »Wie kann sich die Vernunft darin schicken oder das gläuben, das drey eines und eines drey sey.« Luther. (T. XIV, S. 13.)
182 »Wenn der Vater Gott und der Sohn Gott und der hell. Geist Gott ist, warum heißen sie denn nicht drei Götter? Höre, was Augustin auf diese Frage antwortet: Wenn ich sagte drei Götter, so widerspräche die Schrift, welche sagt: Höre Israel: Dein Gott ist ein einiger Gott. Deswegen sagen wir also lieber drei Personen als drei Götter, weil diesem nicht die heilige Schrift widerspricht.« (Petrus L., lib. I, dist. 23, c. 3.) Wie sehr stützte sich doch auch der Katholizismus auf die heilige Schrift!
183 Eine meisterhafte Darstellung von den zerstörenden Widersprüchen, in welche das Mysterium der Trinität ein unverfälschtes religiöses Gemüt versetzt, findet man in der Schrift meines Bruders Friedrich: »Theantropos«, Zürich 1838.
184 »Das Sakrament hat Ähnlichkeit mit dem Gegenstande, dessen Zeichen es ist.« (Petrus L., lib. IV, dist. 1, c. 1.)
185 In Beziehung auf den Wundertäter ist allerdings der Glaube (die Zuversicht zu Gottes Beistand) die Ursache, die causa efficiens des Wunders (s. z.B. Matth. 17, 20, Apostelgesch. 6, 8). Aber in Beziehung auf den Zuschauer des Wunders – und davon handelt es sich hier – ist das Wunder die causa efficiens des Glaubens.
186 »Hie siehet man ein Wunderwerk über alle Wunder, so Christus gethan hat, daß er seinen höchsten Feind so gnädiglich bekehret.« Luther. (T. XVI, S. 560.)
187 Es macht daher dem Verstande und Wahrheitssinne Luthers große Ehre, daß er, so insbesondre in seiner Schrift gegen Erasmus, der göttlichen Gnade gegenüber den freien Willen des Menschen unbedingt negierte. »Der Nahme freyer Wille«, sagt ganz richtig Luther vom Standpunkte der Religion aus, »ist ein göttlicher Titel und Nahme, den Niemand führen soll noch mag, denn allein die hohe göttliche Majestät.« (T. XIX, S. 28.)
188 Freilich trotzte auch schon den altern, unbedingt gläubigen Theologen die Erfahrung das Geständnis ab, daß die Wirkungen der Taufe wenigstens in diesem Leben sehr beschränkt seien. Baptismus non aufert omnes poenalitates hujus vitae. (Mezger., Theol. schol., T. IV, S. 251. S. auch Petrus Lomb., lib. IV, dist. 4, c. 4, lib. II, dist. 32, c. 1.)
189 Selbst in der absurden Fiktion der Lutheraner, daß »die Kinder in der Taufe selbst glauben«, reduziert sich das Moment der Subjektivität wieder auf den Glauben anderer, indem den Glauben der Kinder »Gott würcket durch das Fürbitten und Herzubringen der Paten im Glauben der christlichen Kirchen«. Luther. (T. XIII, S. 360, 361.) »Also hilft der fremde Glaube, daß ich auch einen eignen Glauben kriege.« Derselbe. (T. XVI, S. 347 a.)
190 »Dis, sagt Luther, ist in Summa unsre Meinung, daß wahrhaftig in und mit dem Brote der Leib Christi geessen wird, also, daß alles, was das Brot würcket und leidet, der Leib Christi leide und würcke, daß er ausgetheilt, geessen und mit den Zähnen zerbissen werde propter unionem sacramentalem.« (Planks Geschichte der Entst. des protest. Lehrbeg., VIII. B., S. 369.) Anderwärts leugnet freilich wieder Luther, daß der Leib Christi, ob er gleich leiblich genossen wird, mit den Zähnen »zerbißen und zerrißen und mit dem Bauch verdäuet werde wie ein Stück Rindfleisch«. (T. XIX, S. 429.) Kein Wunder, denn was genossen wird, ist ein Gegenstand ohne Gegenständlichkeit, ein Leib ohne Leiblichkeit, ein Fleisch ohne Fleischlichkeit, ein »Geistfleisch ists«, wie Luther (ebend.) sagt, d.h. ein imaginäres Fleisch. – Bemerkt werde noch: Auch die Protestanten genießen das Abendmahl nüchtern, aber dies ist bei ihnen nur Brauch, nicht Gesetz. (S. Luther, T. XVIII, S. 200, 201.)
191 1. Korinther 11, 29.
192 »Wir sehen die Gestalt des Weins und Brotes, aber glauben nicht an das Dasein der Substanz des Brotes und Weines. Wir glauben dagegen, daß die Substanz des Leibes und Blutes Christi da ist, und doch sehen wir nicht seine Gestalt.« Divus Bernardus. (Ed. Basil. 1552, S. 189-191.)
193 Auch noch in anderer, hier nicht entwickelter, aber anmerkungsweise zu erwähnender Beziehung, nämlich folgender: In der Religion, im Glauben ist der Mensch sich als das Objekt, d.i. der Zweck Gottes Gegenstand. Der Mensch bezweckt sich selbst in und durch Gott. Gott ist das Mittel der menschlichen Existenz und Seligkeit. Diese religiöse Wahrheit, gesetzt als Gegenstand des Kultus, als sinnliches Objekt, ist das Abendmahl. Im Abendmahl ißt, verzehrt der Mensch Gott – den Schöpfer des Himmels und der Erde – als eine leibliche Speise, erklärt er durch die Tat des »mündlichen Essens und Trinkens« Gott für ein bloßes Lebensmittel des Menschen. Hier ist der Mensch als der Gott Gottes gesetzt – das Abendmahl daher der höchste Selbstgenuß der menschlichen Subjektivität. Auch der Protestant verwandelt hier, zwar nicht mit dem Worte, aber der Wahrheit nach, Gott in ein äußerliches Ding, indem er ihn sich als ein Objekt des sinnlichen Genusses unterwirft.
194 »Wende nicht ein, daß Christus diese Worte: ›Dies ist mein Leib‹, gesprochen habe, ehe seine Schüler aßen, und also das Brot schon vor dem Genuß (ante usum) der Leib Christi gewesen sei.« Buddeus. (L. c., lib. V, c. 1, §13. § 17.) Siehe dagegen das Concil. Trident., Sessio 13, c. 3, c. 8, can. 4.
195 Apologie Melanchthons, Strobel, Nürnb. 1783, S. 127.
196 »Nu aber die Schwärmer gläuben, es sey eitel Brodt und Wein da, so ists gewißlich also, wie sie gläuben, so haben sie es und essen also eitel Brod und Wein.« Luther. (T. XIX, S. 432.) D.h., glaubst du, stellst du dir vor, bildest dir ein, daß das Brot nicht Brot, sondern der Leib ist, so ist es auch nicht Brot; glaubst du es nicht, so ist es auch nicht. Was es für dich ist, das ist es.
197 Selbst auch die Katholiken. »Die Wirkung dieses Sakraments, wenn es würdig genossen wird, ist die Vereinigung des Menschen mit Christus.« Concil. Florent. de S. Euchar.[57]
198 »Ist der Leib im Brodt und wird mit Glauben leiblich gegessen, so stärket er die Seele, damit (dadurch), daß sie gläubt, es sey Christi Leib, das der Mund isset.« Luther. (T. XIX, S. 433; s. auch S. 205.) »Denn was wir gläuben zu empfahen, das empfahen wir auch in Wahrheit.« Ders. (T. XVII, S. 557.)
199 »Will ich ein Christ seyn, so muß ich glauben und thun, was andere Leute nicht gläuben, noch thun.« Luther. (T. XVI, S. 569.)
200 Celsus macht den Christen den Vorwurf, daß sie sich rühmten, nach Gott die Ersten zu sein. Est Deus et post illum nos. (Origenes adv. Cels.., ed. Hoeschelius., Aug. Vind. 1605, S. 182.)
201 »Ich bin stolz und hoffärtig von wegen meiner Seeligkeit und Vergebung der Sünde, aber wodurch? Durch eine fremde Ehre und Hoffarth, nemlich des Herrn Christi.« Luther. (T. II, S. 344.) »Wer sich rühmet, rühme sich des Herrn,« (1. Kor. 1, 31.)
202 Ein ehemaliger Adjutant des russischen Generals Münnich sagte: »Da ich sein Adjutant war, fühlte ich mich größer als nun, wo ich kommandiere.«
203 »Die Menschen sind durch das göttliche Gesetz zum rechten Glauben verpflichtet. Vor allen andern Geboten des Gesetzes wird der rechte Glaube von Gott festgesetzt, indem es heißt: ›Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Herr.‹ Dadurch wird der Irrtum derjenigen ausgeschlossen, welche behaupten, es sei gleichgültig für das Heil des Menschen, mit welchem Glauben er Gott diene.« Thomas Aquino. (Summa cont. gentiles, lib. III, c. 118, § 3.)
204 Dem Glauben, wo er noch Feuer im Leibe, Charakter hat, ist immer der Andersgläubige gleich dem Ungläubigen, dem Atheisten.
205 Schon im N. T. ist mit dem Unglauben der Begriff des Ungehorsams verknüpft. »Die Hauptbosheit ist der Unglaube.« Luther. (T. XIII, S. 647.)
206 Auch Gott selbst sparet keineswegs immer die Bestrafung der Gotteslästerer, der Ungläubigen, der Ketzer für die Zukunft auf, sondern er bestraft sie oft auch schon in diesem Leben, »seiner Christenheit zu gute und zur Stärkung des Glaubens«, so z.B. den Ketzer Cerinthum, den Ketzer Arium. S. Luther. (T. XIV, S. 13.)
207 »Wer den Geist Gottes hat, erinnere sich an den Vers (Psalm 139, 21): ›Ich hasse ja, Herr, die dich hassen‹.« Bernardus. (Epist. 193 ad magist. Yvonem card.)
208 »Wer Christus verleugnet, wird von Christus verleugnet.« Cyprian. (Epist., E. 73, § 18, edit. Gersdorf.)
209 »Il y a, sagt Jurieux, T. 4, Papisme, c. 11, un principe dangereux, que les Esprits forts de ce Siècle essayent d'établir, c'est que les Erreurs de créance de quelque nature qu'elles soyent ne damnent pas; denn es ist unmöglich, daß einer der da gläubet, daß nur ein (seligmachender) Glaube, Ephes. 4, 5., und der da weiß, welches der seligmachende und rechte Glaube sei, nicht auch sollte wissen, welches der unrechte und welche Ketzer sind oder nicht.« Das Ebenbild Christ. Thomasii durch S. Bentzen, Pastorn. 1692, S. 57. »Wir richten und urtheilen«, sagt Luther in seinen Tischreden in betreff der Wiedertäufer, »nach dem Evangelio, wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet. Darum müssen wir gewiß sein, daß sie irren und verdammt sind!«
210 »Den zartesten Teil des menschlichen Körpers hat er genannt, damit wir aufs deutlichste einsähen, daß Gott ebenso durch die kleinste Beleidigung seiner Heiligen verletzt wird, als der Mensch durch die geringste Berührung seines Augapfels verletzt wird.« Salvianus. (Lib. VIII, De gubern. Dei.) »So sorgfältig bewacht der Herr die Wege der Heiligen, damit sie nicht einmal an einen Stein anstoßen.« Calvin. (Inst. rel. chr., lib. I, c. 17, sect. 6.)
211 Philipper 2, 10. 11. »Wenn man den Namen Jesu Christi höret, so soll erschrecken Alles, was im Himmel und auf Erden ungläubig und gottlos ist.« Luther. (T. XVI, S. 322.) »Der Christ rühmt sich des Todes des Heiden, weil er Christum verherrlicht.« Divus Bernardus. (Sermo exhort., ad Milites Templi.)
212 Petrus L., lib. IV, dist. 50, c. 4. Dieser Satz ist aber keineswegs ein Ausspruch des Petrus L, selbst. Petrus L. ist viel zu bescheiden, schüchtern und abhängig von den Autoritäten des Christentums, als daß er so eine Behauptung auf seine eigne Faust hin wagte. Nein! Dieser Satz ist ein allgemeiner Ausspruch, ein charakteristischer Ausdruck der christlichen, der gläubigen Liebe. – Die Lehre einiger Kirchenväter, wie z.B. des Origenes, des Gregor von Nyssa, daß die Strafen der Verdammten einst enden würden, stammt nicht aus der christlichen oder kirchlichen Lehre, sondern aus dem Platonismus. Ausdrücklich wurde daher auch die Lehre von der Endlichkeit der Höllenstrafen nicht nur von der katholischen, sondern auch protestantischen Kirche (Augsb, – Konfess., Art. 17) verworfen. – Ein köstliches Exempel von der exklusiven, menschenfeindlichen Borniertheit der christlichen Liebe ist auch die von Strauß (Christi. Glaubensl., II. B., S. 547) aus Buddeus zitierte Stelle, nach welcher nicht die Kinder der Menschen überhaupt, sondern ausschließlich nur die Kinder der Christen der göttlichen Gnade und Seligkeit teilhaftig werden, wenn sie ungetauft sterben.
213 »Fugite, abhorrete hunc doctorem.« Aber warum soll ich ihn fliehen? Weil der Zorn, d.h. der Fluch Gottes auf seinem Haupte ruht.
214 Notwendig ergibt sich hieraus eine Gesinnung, wie sie z.B. Cyprian ausspricht. »Wenn die Ketzer überall nur Feinde und Antichristen heißen, wenn sie als zu Meldende und Verkehrte und von sich selbst Verdammte bezeichnet werden, warum sollten die, welche nach dem Zeugnis der Apostel von sich selbst verdammt sind, nicht auch von uns verdammt werden?« Epist. 74. (Edit. cit.)
215 Die Stelle bei Lukas 9, 56, als deren Parallele Joh. 3, 17 zitiert wird, erhält daher ihre Ergänzung und Berichtigung in dem sogleich folgenden Vers 18: »Wer an ihn glaubet, der wird nicht gerichtet, wer aber nicht glaubet, der ist schon gerichtet.«
216 Der Glaube ist zwar nicht »ohne gute Werke«, ja es ist so unmöglich nach Luthers Ausspruch, Werke vom Glauben zu scheiden, als unmöglich, Brennen und Leuchten vom Feuer zu scheiden. Aber gleichwohl – und das ist die Hauptsache – gehören die guten Werke nicht in den Artikel von der Rechtfertigung vor Gott, d.h. man wird gerecht vor Gott und »selig ohne die Werke, allein durch den Glauben.« Der Glaube wird also doch ausdrücklich von den guten Werken unterschieden: nur der Glaube gilt vor Gott, nicht das gute Werk; nur der Glaube ursachet die Seligkeit, nicht die Tugend; nur der Glaube hat also substantielle, die Tugend nur akzidentielle Bedeutung, d.h., nur der Glaube hat religiöse Bedeutung, göttliche Autorität, nicht die Moral. – Bekanntlich behaupten einige sogar, daß die guten Werke nicht nur nicht nötig, sondern auch sogar »schädlich zur Seligkeit« seien. Ganz richtig.
217 Siehe hierüber z.B. J. H. Boehmeri., Jus Eccles., lib. V, Tit. VII, § 32, § 44.
218 »Placetta de Fide sagt: Man muß nicht in der Natur der Dinge selbst die wahrhafte Ursache von der Unzertrennlichkeit des Glaubens und der Frömmigkeit suchen. Man muß sie, wenn ich mich nicht irre, einzig in dem Willen Gottes suchen. Er hat recht und denkt wie wir, wenn er jene Verbindung (nämlich der Heiligkeit oder frommen, tugendhaften Gesinnung mit dem Glauben) von der gnädigen Willensverfügung Gottes ableitet. Auch ist dieser Gedanke kein neuer, sondern mit unsern ältern Theologen übereinstimmender.« J. A. Ernesti. (Vindiciae arbitrii div. Opusc. Theol., S. 297.) »Wenn jemand behauptet, daß der kein Christ sei, welcher Glauben ohne Liebe hat, so sei er verflucht.« Concil. Trid. (Sess. VI, De justif., can 28.)
219 S. hierüber Luther, z.B. T. XIV, S. 286.
220 »Darum sollen gute Werke dem Glauben folgen als Danksagungen gegen Gott.« (Apol. der Augsb. Konf., Art. 3.) »Wie kann ich Dir dann deine Liebesthaten im Werk erstatten? doch ist noch etwas, das Dir angenehme, wenn ich des Fleisches Lüste dämpf und zähme, daß sie aufs neu mein Herz nicht entzünden mit neuen Sünden.« »Will sich die Sünde regen, so bin ich nicht verlegen, der Blick auf Jesu Kreuze ertödtet ihre Reize.« (Gesangbuch der evangel. Brüdergmeinen.)
221 Die einzige dem Wesen der Liebe nicht widersprechende Beschränkung ist die Selbstbeschränkung der Liebe durch die Vernunft, die Intelligenz. Liebe, die die Strenge, das Gesetz der Intelligenz verschmäht, ist theoretisch eine falsche, praktisch eine verderbliche Liebe.
222 Auch die Peripatetiker; aber sie gründeten die Liebe, auch die gegen alle Menschen, nicht auf ein besonderes, religiöses, sondern ein natürliches, d.h. allgemeines, vernünftiges Prinzip.
223 Die handelnde Liebe ist und muß natürlich immer eine besondere, beschränkte, d.h. auf das Nächste gerichtete sein. Aber sie ist doch ihrer Natur nach eine universale, indem sie den Menschen um des Menschen willen, den Menschen im Namen der Gattung liebt. Die christliche Liebe dagegen ist als christliche ihrer Natur nach exklusiv.
224 Mit Einschluß der Natur, denn wie der Mensch zum Wesen der Natur – dies gilt gegen den gemeinen Materialismus - , so gehört auch die Natur zum Wesen des Menschen – dies gilt gegen den subjektiven Idealismus, der auch das Geheimnis unsrer »absoluten« Philosophie, wenigstens in Beziehung auf die Natur ist. Nur durch die Verbindung des Menschen mit der Natur können wir den supranaturalistischen Egoismus des Christentums überwinden.
225 Ja, nur als freier Bund der Liebe; denn eine Ehe, deren Band nur eine äußerliche Schranke, nicht die freiwillige, in sich befriedigte Selbstbeschränkung der Liebe ist, kurz, eine nicht selbstbeschloßne, selbstgewollte, selbstgenuge Ehe ist keine wahre und folglich keine wahrhaft sittliche.
226 »Dieweil Gott wohlthut durch Obrigkeit, Herrn und die Creaturen, so platzet das Volk zu, henget an den Creaturen und nicht an den Schöpfer, sie gehen nicht durch sie zum Schöpfer. Dabei ist es gekommen, daß die Heyden aus den Königen haben Götter gemacht... Denn man kann und will es nicht merken, wie das Werk oder die Wohlthat von Gott komme, und nicht schlecht von der Creatur, ob die wohl ein Mittel ist, dadurch Gott wirket, uns hilft und giebet:,« Luther, (T. IV, S. 237.)
227 »Wer mich ehrt, den will ich auch ehren, wer aber mich verachtet, der soll wieder verachtet werden.« 1. Samuel 2, 30. »Schon hat, o guter Vater! der niedrigste und ewigen Hasses würdigste Wurm das Vertrauen, von Dir geliebt zu werden, weil er fühlt, daß er liebt, oder vielmehr, weil er vorausfühlt, daß er geliebt wird, scheut er sich nicht, wieder zu lieben. Niemand also, der bereits liebt, zweifle daran, geliebt zu werden.« Bernardus, Ad Thomam. (Epist. 107.) Ein sehr schöner und wichtiger Ausspruch. Wenn ich nicht für Gott bin. Ist Gott nicht für mich; wenn ich nicht liebe, bin ich nicht geliebt. Das Passivum ist das seiner selbst gewisse Aktivum, das Objekt das seiner selbst gewisse Subjekt. Lieben heißt Mensch sein, Geliebtwerden heißt Gott sein. Ich bin geliebt, sagt Gott, ich liebe, der Mensch. Erst später kehrt sich dies um und verwandelt sich das Passivum in das Aktivum und umgekehrt.
228 »Der Herr sprach zu Gideon: Des Volks ist zuviel, das mit dir ist, daß ich sollte Midian in ihre Hände geben; Israel möchte sich rühmen wider mich und sagen: Meine Hand hat mich erlöset«, d.h. ne Israel sibi tribuat, quae mihi debentur. Richter 7, 2. »So spricht der Herr: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt. Gesegnet aber ist der Mann, der sich auf den Herrn verläßt und der Herr seine Zuversicht ist.« Jeremia 17, 5. »Gott will nicht unser Geld, Leib und Gut haben, sondern hat dasselbe dem Kayser (d.h. dem Repräsentanten der Welt, des Staates) gegeben und uns durch den Kayser. Aber das Hertz, welches das größte und beste ist am Menschen, hat er ihm fürbehalten, dasselbe soll man Gott geben, daß wir an ihn gläuben.« Luther. (T. XVI, S. 505.)
229 Offenbar ist auch die christliche Wassertaufe nur ein Überbleibsel der alten Naturreligionen, wo, wie in der parsischen, das Wasser ein religiöses Reinigungsmittel war. (S. Rhode, Die heilige Sage etc., S. 305, 426 u. f.) Hier hatte jedoch die Wassertaufe einen viel wahreren und folglich tieferen Sinn als bei den Christen, weil sie sich auf die natürliche Kraft und Bedeutung des Wassers stützte. Aber freilich, für diese einfachen Naturanschauungen der alten Religionen hat unser spekulativer wie theologischer Supranaturalismus keinen Sinn und Verstand. – Wenn daher die Perser, die Inder, die Ägyptier, die Hebräer körperliche Reinlichkeit zu einer religiösen Pflicht machten, so waren sie hierin weit vernünftiger als die christlichen Heiligen, welche in der körperlichen Unreinlichkeit das supranaturalistische Prinzip ihrer Religion veranschaulichten und bewährten. Die Übernatürlichkeit in der Theorie wird in der Praxis zur Widernatürlichkeit. Die Übernatürlichkeit ist nur ein Euphemismus für Widernatürlichkeit.
230 »Essen und Trinken ist das allerleichteste Werk, da die Menschen nichts liebers thun: Ja das allerfröhlichste Werk in der gantzen Welt ist Essen und Trinken, wie man pfleget zu sagen: Vor Essen wird kein Tantz. It. Auf einem vollen Bauch stehet ein fröhlich Haupt. Summa Essen und Trinken ist ein lieblich nöthig Werk, das hat man bald gelernet und die Leute dahin geweiset. Dasselbe liebliche nöthige Werk nimmt unser lieber Herr Christus und spricht: Ich habe eine fröhliche süße und liebliche Mahlzeit zubereitet, euch will ich kein hart, schwehr Werk auflegen... ein Abendmahl setze ich ein« usw. Luther. (T. XVI, S. 222.)
231 Und wenn Gott als die personifizierte Seligkeit der Endzweck des Menschen ist, so ist doch offenbar Gott als das Wesen des Menschen ausgesprochen; denn wie kann der Endzweck eines Wesens außer seinem Wesen liegen? Nam qui movetur a Deo tanquam fine, non movetur ab extrinseco, sed a seipso, quandoquidem movetur ab eo, quod est esse suum laudabile et intimius intimissimo nostro. Theoph. Galeus, Philos. gener., lib. III, c. 3, sect. 3, § 3, N. 11.
232 Der Raum- und Zeitersparung wegen gebe ich öfter nur den Sinn, nicht die Worte einer Stelle, so auch hier.
233 So leugnen sie auch, um zu beweisen, daß ein Gott, ein schlechthin vollkommnes Wesen existiert und Schöpfer der Welt ist, die Übel der Welt, sind Optimisten; aber um zu beweisen, daß ein anderes, unsterbliches Leben ist, leugnen sie die Güter der Welt, sind sie Pessimisten.
234 Diese Stelle ist eine wahrhaft klassische; sie veranschaulicht aufs klarste, ja handgreiflichste das Wesen der Theologie. Gott ist der Actus purus, die bloße reine Tätigkeit ohne Leiden, d.h. ohne Körper, die Tätigkeit des Auges, aber ohne Augen, die Tätigkeit des Kopfes, das Denken, aber ohne Kopf. Die Frage: »Gibt es einen Gott?« Ist daher die Frage: Gibt es ein Sehen ohne Augen, ein Denken ohne Kopf, eine Liebe ohne Herz, eine Zeugung ohne Zeugungsorgan, ein Gebären ohne Gebärmutter? Ich glaube an Gott heißt: Ich glaube an eine Kraft ohne Organ, an einen Geist ohne Natur oder Leib, an ein Abstraktum ohne Konkretum, an eine Wesenheit ohne Wesen, d.h. ich glaube an Wunder.
235 So sagt er auch ausdrücklich in diesem Kommentar, c. 12: sicut participationes excedunt participantia, ut sanctitas sanctum, ita collocatur super omnia existentia ille qui superior est omnibus existentibus, d.h. das Abstrakte ist höher als das Konkrete.
236 Dieses und das folgende Kapitel sind – wie freilich Calvin überhaupt – sehr lesenswürdige, interessante Dokumente von dem häßlichen, heuchlerischen Egoismus und Obskurantismus des theologischen Geistes.
237 »Ich glaube«, sagt Moses Maimonides (In H. Grotii Philosoph. sententiae de fato, Amst. 1648, S. 311-325), »daß die Vorsehung Gottes unter den Wesen unter dem Monde allein für die Individuen der menschlichen Gattung sorgt. Die Meinung, welche die göttliche Vorsehung auf gleiche Weise für die Tiere und Menschen sorgen läßt, ist eine verderbliche. Der Prophet Habakuk (1, 14) sagt: ›Und lässet die Menschen gehen wie Fische im Meere, wie Gewürm, das keinen Herrn hat‹, und zeigt damit deutlich an, daß die Individuen der Tiergeschlechter keine Gegenstände der göttlichen Vorsehung sind (extra curam Dei posita). Die Vorsehung hängt vom Verstande ab und richtet sich nach dem Verstand. Soviel Teil am Verstande ein Wesen hat, soviel Teil hat es auch an der göttlichen Vorsehung. Selbst in betreff der Menschen ist daher die Vorsehung nicht gleich, sondern so verschieden, als die Geister der Menschen verschieden sind. Die Vorsehung richtet sich bei jedem Menschen nach seinen geistigen und moralischen Eigenschaften. Je mehr Geist, desto mehr Vorsehung.« Das heißt: die Vorsehung drückt nichts aus als den Wert des Menschen, sie ist nichts von seiner Qualität, seiner Natur Verschiedenes; es ist daher der Sache nach ganz eins, ob eine Vorsehung ist oder nicht ist; denn wie der Mensch, so die Vorsehung. Die Vorsehung ist eine fromme Vorstellung – sehr häufig indes auch eine bloße Phrase –, die, wie alle religiösen Vorstellungen, bei Lichte besehen, sich in das Wesen der Natur oder des Menschen auflöst.
238 Auch hieraus erhellt, daß der Inhalt, das Wesen Gottes die Welt ist, aber als Gegenstand der menschlichen Denk- und Einbildungskraft, die Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges verknüpft.
239 Übrigens stellten sich auch der Epikureer (Lucret., lib. V. u. II.) den Weltuntergang nahe vor, aber dadurch wird doch nicht der angegebne Unterschied zwischen dem heidnischen und christlichen Weltuntergang aufgehoben.
240 Die Todesstrafe verwarfen überhaupt sehr viele Christen, aber andere kriminalistische Strafen der Ketzer wie Landesverweisung, Konfiskation – Strafen, durch die man einen Indirekt ums Leben bringt –, fanden sie nicht im Widerspruch mit ihrem christlichen Glauben. Siehe hierüber J. H. Boehmeri Jus Eccl. Protest., lib. V, tit. VII, z.B. § 155, 157, 162, 163.
241 Wegen dieser Behauptung verweise ich auf Lützelbergers Schrift: »Die kirchliche Tradition über den Apostel Johannes und seine Schriften in ihrer Grundlosigkeit nachgewiesen« und Bruno Bauers »Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker und des Johannes« (III. B.).
242 In diesen wenigen, bereits im Jahr 1557 ausgesprochenen Worten ist eigentlich schon das Geheimnis der christlichen Religion und Theologie aufgelöst. Ist der Leib Gottes die Idee unsres Leibes, so ist notwendig auch das Wesen Gottes überhaupt die Idee unsers Wesens, d.h. unser Wesen, aber nicht als wirkliches oder mit uns, den wirklichen Individuen identisches, sondern als ein vermittelst des Denkens von uns abgezognes, vermittelst der Phantasie in dieser Abgezogenheit verselbständigtes, personifiziertes Wesen.
243 An einer andern Stelle lobt daher Luther den heil. Bernhard und Bonaventura deswegen, daß sie die Menschheit Christi so hervorgehoben hätten.
244 Allerdings ist auch im Katholizismus, im Christentum überhaupt, Gott ein Wesen für den Menschen; aber der Protestantismus erst hat aus dieser Relativität Gottes das wahre Resultat – die Absolutheit des Menschen – gezogen.