§ 35.

[100] Wir gehen an die bezeichnete Untersuchung.

Die formale Freiheit wird gesetzt, sie ist positive. Aber von ihr durchaus unabtrennlich ist ein Quantitiren, rein als solches. Als einfacher Punct kann sie, in sich und für sich, sich anschauend, nicht gesetzt werden, denn dann ist sie überhaupt nicht gesetzt; es wäre denn weder sie, noch überhaupt Etwas. Der Punct ist lediglich die einseitige Ansicht derselben im Denken: – hier aber ist Anschauung Es wird daher nothwendig zugleich gesetzt ein Quantitiren, nicht weiter aber, als es von der Position der Freiheit unabtrennlich ist.

Nun ist ferner dies Quantitiren in und für sich zwar einfach und dasselbe, so aber wiederum unwirklich und unerreichbar. In der Reflexion ist es doppelt: Concretion und Discretion in Folge. Beides ist daher schlechthin gesetzt und der Grundform des Wissens vorausgesetzt. Wir haben daher Folgendes zu beantworten: Was liegt in der Concretion überhaupt und besonders in der Form der formalen Freiheit, mit der sie hier vorkommt? Was in der Discretion zu einer Folge, in denselben Rücksichten? Was endlich in der absoluten Identität beider?

1) Die Concretion ist der Substanz nach irgend ein Raum, eben ein Concresciren und Sichhalten nachmals und beliebig zu denkender Puncte. Ohne diese mögliche Mannigfaltigkeit ist es keine Concretion, wie unmittelbar einleuchtet. Nun ist es aber ferner nicht bloss der sich im Gleichgewicht haltende und seine Anschauung fixirende Raum selbst; denn sonst wäre es nicht zugleich Construction, und zwar durch Freiheit. Was also ist es? Ein an sich räumliches Mannigfaltige, in welchem ins Unendliche fort sich durchdringende, in wechselseitiger Concretion sich befindende Puncte gesetzt werden können, die irgend eine Linie anheben, fortsetzen, richten mit der unbeschränktesten[100] Freiheit. Die Agilität ist durch das Ganze verbreitet oder verbreitbar: ebenso die Gediegenheit des Raumes durch das Ganze, welcher die Agilität, sobald sie nur auf irgend eine Weise sich bestimmt und entscheidet, hingegeben ist – aber immer nach ihrem eigenen Gesetze und so, dass sie zugleich darin Freiheit sey, wie im vorigen § nachgewiesen worden. Die Basis ist der ruhende stehende Raum; mit ihm aber ist die Freiheit der Concretion unzertrennlich verbunden.

Dies nun ist die Materie: sie ist daher die fixirte Construirbarkeit des Raumes selbst, und durchaus nichts Anderes. Sie ist nicht der Raum; denn dieser ruht ewig und unerschüttert, und trägt alle Construction, aber sie ist im Raume, sie ist die Construction, die da getragen wird. Der Raum und sie sind die unabtrennbare Ansicht Eines und Ebendesselben, der Quantitabilität (von Seite der Anschauung), als stehend und allgemein, und zugleich concret und construirbar.

Sätze: a) Die Materie ist nothwendig ein Mannigfaltiges; wo sie gefasst wird, wird ein solches gefasst und anders kann sie gar nicht gefasst werden. b) Sie ist theilbar ins Unbedingte, ohne dass sie in Nichts zerflösse. Es hält sie der stetige Raum im Hintergrunde, welcher als solcher gar nicht getheilt wird, sondern in welchem bloss getheilt wird. c) Sie ist nothwendig und in sich selbst organisch. Der Grund einer Bewegung ist durch sie hindurch verbreitet, denn sie ist die Construirbarkeit im Raume. Sie mag wohl in Ruhe seyn, aber sie kann sich schlechthin aus sich selbst in Bewegung setzen.

2) Ist die formale Freiheit in beiden gesetzt, so ist eben ein Construiren gesetzt. Dieses aber ist schlechthin, so eng man es auch beschränken möge, ein Linienziehen: es erzeugt eine Linie, durchaus keinen Punct. Aber die Linie setzt eine Richtung voraus, und diese ist nothwendig gebunden an irgend eine Folge. Durch das Setzen der formalen Freiheit wird sonach nothwendig irgend eine Folge des Mannigfaltigen gesetzt, und aller besonnenen oder von sich wissenden Freiheit vorausgesetzt.[101]

Diese ursprüngliche in der Anschauung (nicht, wie oben, im Denken) ergriffene Folge nun giebt die Zeit. – Es ist klar, dass die vorausgesetzt Linie theilbar ist ins Unbedingte. Zwar ist sie vollendet, und in Beziehung auf den Raum ein geschlossenes Ganze. Aber zwischen jede zwei Puncte, die im Verhältnisse der Folge stehen, kann ich wieder Puncte setzen, die in demselben Verhältnisse stehen. Ob also gleich die Anschauung, von der wir hier reden, offenbar Einheit des Blicks ist, auch jeder Zeitmoment ein von anderen Zeitmomenten abgesondertes, discretes Zeitganze seyn dürfte, so ist er doch in einer anderen Ansicht wieder ein unendlich Theilbares der Einen Zeit; und lediglich durch diese Unendlichkeit des Schwebens erhält der Zeitmoment seine Gediegenheit. Der charakteristische Begriff, der uns bisher noch mangelte ist abgeleitet.

Ferner: – Eben durch diese Gediegenheit fasst die Anschauung sich selbst, als ein objectives, sich gegebenes, immanentes Licht. Denn alles Licht beruhte ja in einem Schweben über unendlicher Unterscheidbarkeit, Quantitabilität, welche zugleich ins unendliche bestimmbar, construirbar seyn muss. Das Licht ist nicht etwas Einfaches, sondern es ist die unendliche Wechselwirkung der Freiheit mit sich selbst, das Durchkreuzen seiner Einheit, Ewigkeit und Ursprünglichkeit mit der daraus sich erhebenden Mannigfaltigkeit und Bestimmbarkeit ins Unendliche. Dieses Licht muss irgendwo sich selbst aufgehen, in wirklichem Wissen sich ergreifen: dieser Punct des Aufgehens ist die beschriebene Anschauung in der Synthesis von Raum, Materie und Zeit.

3) Beides – Concretion wie Discretion – ist die Position der formalen Freiheit, in welcher beides durchaus vereint ist. Die letztere liefert Zeit und damit wirkliches Wissen; die erstere Raum und Materie. Aber diese ist wiederum die Grundlage und Bedingung für jene. Es ist daher kein Licht (kein Wissen), seiner wesentlichen Form nach, ausser in der Materie, und umgekehrt: es ist keine Materie (für sich – dieser Zusatz werde wohl bemerkt), ausser in der Zeit und ihrem Lichte.[102]

Doch gehen wir dies einzeln durch.

Zuvörderst, ein wichtiger und eben auch nicht bemerkter Satz: Es ist kein Wissen und Leben, das nicht nothwendig eine Zeit dauere, sich für sich selbst in eine Zeit setze. Das Wissen trägt selbst seiner Form nach die Zeit in sich und bringt sie mit: ein zeitloses Wissen, etwa ein absolut einfacher Punct in der Zeit, ist unmöglich. – Aber die Zeit ist durchaus nur eine gebundene Folge des Materiellen in dem Raume. Es wird daher keine Zeit begriffen, – und da sie nothwendig begriffen wird, wenn Leben und Wissen seyn soll, so ist kein Leben und Wissen, – es werde denn auch Materie und Raum begriffen. Die Materie kann ebensowohl genannt werden eine Verwandlung des Raumes in Zeit, Freiheit und Wissen, – und so sind in diesem Mittelpuncte auch Zeit und Raum als untrennbar vereinigt eingesehen.

Das Leben beschreibt sich nothwendig selbst in der Materie. – Umgekehrt: die Materie kann nicht beschrieben werden, ausser durch Construction einer Linie. Diese aber bedarf einer Richtung; diese einer Folge von Puncten, diese eines Wissens, in dem ein Mannigfaltiges zusammengefasst werde, ausserdem würde die Linie zum Puncte.

(Wenn ich mit Jemand zu thun hätte, dem ich die Nothwendigkeit der idealistischen Ansicht an einem einzelnen Beispiele zu zeigen hätte, so würde ich ihn fragen: wie kannst du doch jemals zu einer Linie kommen, als dadurch, dass du die Puncte ausser einander hältst (sonst fallen sie zusammen); sie aber auch in Einem Blicke zugleich zusammenfassest und ihr Aussersichseyn aufhebst (sonst kämen sie gar nicht an einander)? Du begreifst doch aber, dass diese Einheit der Mannigfaltigkeit, dies Setzen und Wiederaufheben einer Discretion nur im Wissen seyn kann, wie sich eben gezeigt hat, dass es die Grundform des Wissens ist. Nun solltest du zugleich begreifen, dass Raum und Materie ganz gleicher Weise in einer solchen Auseinanderhaltung der Puncte, in der Einheit jedoch, bestehen, dass sie demnach nur in einem Wissen und als Wissen möglich sind, – dass sie eben die eigentliche Form des Wissens selbst sind.[103]

Dies ist nun eigentlich das Klarste, Offenbarste, was es giebt, Jedem, der die Augen öffnet, Vorliegendes, nicht erst zu Beweisendes und zu Erwerbendes, sondern auf das man sich berufen sollte, als auf das Bekannteste, welches man sich schämen sollte, erst zu sagen. – Warum sahe man es denn also nicht? Weil Alles uns näher liegt, als eben das Sehen selbst, in dem wir ruhen, weil man hartnäckig in jenem Objectiviren verfestet war, welches ausser sich sucht, was in uns liegt.)

Wir fügen zwei durchgreifende, weit umher lichtverbreitende Bemerkungen bei:

1) Der Grund alles wirklichen Seyns (der Welt der Erscheinungen) ist auf das Tiefste und Erschöpfende dargestellt, theils seinem formalen, theils seinem materialen Charakter nach. Der erste besteht darin, dass die Welt seyn soll unabhängig von allem Wissen, das da im Wissen selbst für Wissen anerkannt wird; dass sie seyn würde, wenn auch das Wissen von ihr nicht wäre, ferner, dass sie doch nicht nothwendig seyn soll, sondern ebensowohl auch nicht seyn könnte. – Besonders um das Erste ist es uns zu thun; und man irrt sehr, wenn man glaubt, der transcendentale Idealismus läugne die empirische Realität der Sinnenwelt u. dergl.: er weist in ihr bloss die Formen des Wissens nach, und vernichtet sie darum als ein für sich Bestehendes und Absolutes. – Der Grund ihrer Existenz ist kurz und mit Einem Worte der, dass das Wissen für sieh nothwendig sich selbst voraussetzen muss, um seine Entstehung und Freiheit auch nur beschreiben zu können. Die formale Freiheit setzt sich als seyend. Diese formale Freiheit nun, in ihrer, allem bewussten Freiheitsgebrauche vorausgehenden Position, und durchaus nichts Anderes, ist die Sinnenwelt. Sie verhält sich als Substanz zu jedem als frei sich reflectirenden Wissen, das sodann Accidens ist: daher muss sie seyn, wenn auch kein Wissen wäre. So muss nothwendig derjenige urtheilen, der in dieser Synthesis stehen bleibt. Jeder aber, der sie selbst wiederum begreift, begreift eben das, was wir hier sagten. (Kant nennt dies eine Täuschung, welche wir gar nicht loswerden können. Eine solche Aeusserung[104] würde bloss beweisen, dass man einzelne Lichtstrahlen, lucida intervalla, der transcendentalen Ansicht habe, die da unwillkürlich verschwinden. Wer aber diese Ansicht in freier Gewalt hat, dem ist nirgends Täuschung. Er weiss, dass es von diesem Standpuncte der Ansicht nothwendig so ist, was also richtig, – und von dem anderen höheren nothwendig so, was also auch richtig sich verhält, dass aber das einige absolute Wissen weder in dem einen, noch in dem andern, sondern nur in der Erkenntniss des Verhältnisses des ganzen Systemes des Wissens zum absoluten Seyn beruht.)

2) Ferner sind an diesem ruhenden und stehenden Seyn der Welt die zwei Grundeigenschaften derselben: Geist und Materie, aus Einem Mittelpuncte, als schlechthin zu diesem Seyn gehörig, und selbst nur eine Duplicität der Ansicht dieses Einen Seyns im Wissen, abgeleitet worden. Indem das Wissen sieh als seyend setzt, setzt es sich als Materie; indem es sich als frei seyend setzt, setzt es sich als eine Folge in der Zeit, als stehende, ruhende, an sich gebundene Intelligenz.

Quelle:
Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Band 2, Berlin 1845/1846, S. 100-105.
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