§ 46.

[146] Wir sind heraufgestiegen bis zur Allgemeinheit der Wahrnehmung der empirischen Freiheit, und haben aus dieser die Natur selbst und die Allgemeinheit ihrer Wahrnehmung rein abgeleitet. Bloss ein nicht Abzuleitendes und Unbekanntes blieb uns übrig, ein bestimmter, an die Freiheit sich richtender Trieb, den wir indessen Naturtrieb nannten, ohnerachtet[146] wir freilich von ihm so viel wussten, dass er kein Trieb der todten Natur sey. Es möchte von da aus, wie sich deutlich ergab, sich wohl nichts weiter erklären lassen. Die Welt der Empirie dürfte auf ihrem eigenen Boden bis zu ihrem höchsten Grundpuncte verfolgt seyn, wo sie sich dem empirischen Auge verliert.

1) Heben wir deshalb an von der anderen Seite und zwar aus dem höchsten Puncte desselben, den wir schon recht gut kennen. – Das Wissen ist ein absolutes Entspringen aus Nichts und dies zwar in einem eben so absoluten Fürsich. Auf das Letztere gesehen, ist daher in ihm ein reines, absolutes Seyn, und so wie es dasselbe, eben den reinen Gedanken desselben, fasset, wie es hier ja soll, ist es in diesem Theile selbst rein absolutes Seyn, als Wissen nemlich. (Durch den letzteren Zusatz des absoluten Sichdurchdringens des reinen Denkens wird der Satz neu: das reine Denken selbst, nur eben verloren im Objectiviren mit der ganzen daran hängenden Synthesis, ist oben zur Genüge erklärt.)

Ueber dieses Wissen, seinen Inhalt und seine Form nur soviel. Was das Erste anbelangt, so ist dies die absolute Form des Wissens, des Sichergreifens selbst, aber nicht als Act, sondern als Seyn: mit Einem Worte, das reine absolute Ich. Es ist der Form nach unveränderlich, ewig, unwandelbar, welches freilich Alles Merkmale aus der zweiten Hand sind: an sich ist es unzugänglich, ist das absolute Seyn, in sich ewig Ruhen selbst. Ferner trägt es und soll es als tragend gedacht werden den hier durchaus herrschenden Charakter der Wahrnehmung, formaliter nemlich. Dies ist so zu verstehen: das Wissen erkennt sich als zufällig. Wie denn aber und nach welcher Prämisse? Wie erkennt es das Zufällige und wie bringt es das Wissen, etwa als eine species, unter jenes genus? Durchaus nach keiner aus Erfahrung stammenden Prämisse, – solche Annahme wäre eine Absurdität – sondern schlechthin ursprünglich. Wie denkt es das Absolute, im Gegensatze mit welchem es sich nur als zufällig erkennt? Eben auch ursprünglich. Und wie erkennt es in diesem beiderseitigen Erkennen sich selber als absolut? Gleichfalls auf[147] ursprünglicher Weise. Es ist schlechthin so und weiter kann es nicht über sich hinausgehen.

2) Nun ist dieses also beschriebene Denken nicht möglich ohne eine ihr gegenüberstehende quantitirende Anschauung – zufolge der sattsam uns geläufig gewordenen Synthesis. In ihr quantitirt eben das absolute Wissen oder das reine Ich sich selbst, d. i. es wiederholt sich schematisirend. Diese Anschauung, als Nebenglied eines Denkens, ist die – nothwendig geschlossene – Anschauung eines Systemes von Vernunftwesen. Die Vernunft daher setzt in der unmittelbaren Anschauung von sich selbst aus sich nothwendig auch ausser ihr selbst: das reine Ich wird in einer geschlossenen Anzahl wiederholt, und dies folgt durchaus aus dem Denken seiner formalen Absolutheit. (Wohlgemerkt: dem widerspricht nicht, dass dieses System, wie es in die sinnliche Wahrnehmung eintritt, unendlich, d. i. für diese Wahrnehmung factisch unerreichbar und nicht zu vollenden sey: denn zwischen Denken und Wahrnehmung tritt hier eben dazwischen die Eine der Grundformen des Quantitirens, die unendliche Zeit. Aber dies folgt, dass in jedem Momente, wo es zur Wahrnehmung kommen soll, das Ich als für die Wahrnehmung geschlossen gesetzt werde, obgleich der unendliche Fortgang der Wahrnehmung in jedem künftigen Momente es über sein Jetzt hinausführt. Dies aber folgt nicht aus irgend welchen empirischen Prämissen, sondern ist schlechthin, dass das Ich (die Iche) jenseits aller Wahrnehmung als Grund derselben in der reinen Vernunftidee an sich, oder in Gott, geschlossen ist.)

Dies der Grundpunct der intelligibeln Welt. Jetzt zu dem der gegenüberstehenden sinnlichen Welt. Wir nehmen aus dem Mannigfaltigkeit der in der Vernunftanschauung gesetzten Iche ein beliebiges, als Repräsentanten heraus. Dies ist in der Wahrnehmung durchaus an sich, als Individuum, gebunden und kann nicht, wie im Denken, heraus zum Anschauen einer reinen Vernunftwelt. Diese Gebundenheit aber ist das Grundprincip aller Wahrnehmung, welche, als selbst absolute Anschauung, die Möglichkeit des absoluten Denkens bedingt. Dies ist aber als Individuum das so und so bestimmte in der[148] Reihe; da jedoch diese Reihe und ihre Totalität nur im Denken ist: wie ist sie denn also, oder vielmehr ihr Resultat – vor allem Denken, und, wenn durchaus in der ganzen Vernunftwelt kein Individuum sich zum Denken erhöbe, wie ja möglich ist, da das Denken von der Freiheit abhängt, – wie ist es denn in der Wahrnehmung? Nach dem Obigen, der Form nach, eben als ein empirisch absolutes und nur wahrnehmbares, aber nicht weiter zu erklärendes Seyn (das da nun eben so ist und so sich findet). Wir haben hierin, nur in einer anderen Gestalt, in einem dunkeln Reflexionspuncte den im Dunkel bleibenden Trieb wieder.

Aber wie wird denn nun jenes Verhältniss, das im reinen Denken als durch das absolute Seyn bestimmt erkannt wird, hier, wo es überall nicht erkannt wird, also durchaus nicht die Folge eines Erkennens seyn kann, dennoch zu einem unmittelbar wahrnehmbaren Seyn?

So wichtig die Frage ist, so leicht ist hier die Antwort. Die Frage ist die wichtigste und höchste, die eine Philosophie aufwerfen kann. Es ist die Frage nach einer Harmonie, und zwar, nachdem die Frage nach der (einen Dualismus voraussetzenden) Harmonie des Dinges und des Wissens und die auf der Vorstellung atomer Iche beruhende Frage nach der Harmonie mehrerer freier Wesen, in Nichts verschwunden sind, indem sich gezeigt hat, dass diese wohl harmoniren müssen, da sie im Grunde Eins sind und dasselbe – nach Unten in der allgemeinen Wahrnehmung, nach Oben in dem nach der absolut quantitirenden Grundform des Wissens in bestimmten Reflexionspuncten innerhalb einer unendlichen Zeitreihe sich setzenden Einen absoluten Seyn: – ist es die Frage nach einer Harmonie der intelligibeln und erscheinenden Welt (wo nemlich eine solche ist, in der unmittelbar sich ergreifenden, factischen Grundform des Wissens nemlich, die deshalb noch vor der Vollziehung der Freiheit (des Denkens) fällt und deren Voraussetzung ist, wo daher noch keine eigentliche Individualität ist). Die Antwort ist leicht und unmittelbar klar:

Die allgemeine Wahrnehmung hat zu ihrem Grundstoffe[149] durchaus nichts Anderes, als das Verhältniss des wahrnehmenden Individuum zu andern Individuen in einer rein intelligibeln Welt; denn nur inwiefern sie dies hat, ist sie, und ist überhaupt ein Wissen. Ohne dies zu haben, käme sie überall nirgends zu sich selbst, sondern zerflösse in das unendliche Leere, wenn es dann überhaupt einen Menschenverstand hätte, sie dann auch nur insofern zu setzen, um sie zerfliessen zu lassen. Und dieses ist so zufolge ihrer in der Wahrnehmung selbst nie zu erkennenden, sondern ihr in alle Ewigkeit verborgen bleibenden Beziehung auf das absolute Seyn. – Dieses Verhältniss (in den vorigen §§ in der Gestalt des Triebes nur gefasst) ist die immanente Wurzel der Erscheinungswelt eines Jeden, der sich erscheint. Diese Wahrnehmung bringt nun ihre Zeit, ihren Raum, ihr Handeln, ihr Wissen von Anderer Handeln, und vermittelst dessen ihr Wissen von der Natur mit sich, kann daher aus ihrem ganz eigentlich egoistischen und idealistischen Standpuncte nicht heraus, und ihre Welt und – da dies für die allgemeine Wahrnehmung gilt, – alle Erscheinungswelt ist rein und lauter das blosse formale Gesetz eines individuellen Wissens, demnach das blosse, reine durch und durch Nichts; – und weit entfernt, dass wir der Sinnenwelt etwa aus der Region des reinen Denkens etwa zu einer Art von Seyn verhelfen könnten, wird sie vielmehr von da aus entschieden und auf ewig in ihr Nichts begraben.

Quelle:
Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Band 2, Berlin 1845/1846, S. 146-150.
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