Fünfte Vorlesung

[64] [Man müsse, um ein Zeitalter, wie das, der Voraussetzung nach, gegenwärtige, in seiner Wurzel zu erfassen, von der Beschreibung seines wissenschaftlichen Zustandes ausgehen. Form dieses Zustandes. Kraftlosigkeit in Bearbeitung und Mittheilung der Wissenschaft. Langeweile, die es durch Scherz, der ihm aber unzugänglich bleibt, auszufüllen sucht.]


Ehrwürdige Versammlung!


Wir schlagen, zurückkehrend von einer Unterbrechung, von welcher wir uns Licht auf unserem Wege versprachen, wiederum ein die gerade Strasse unserer Untersuchung. Lassen Sie uns die Aufgabe dieser Untersuchung nochmals im Ganzen übersehen.

Das ist der Zweck des Erdenlebens der menschlichen Gattung: alle seine Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einzurichten. Soll dies mit Freiheit, mit einer der Gattung bewussten und für ihre eigene freie That angesehenen Freiheit geschehen, so wird in demselben Bewusstseyn der Gattung ein Zustand vorausgesetzt, in welchem diese Freiheit noch nicht eingetreten; – keinesweges also, dass die Verhältnisse der Gattung überhaupt nicht nach der Vernunft geordnet seyen, denn sodann vermöchte die Gattung gar nicht zu bestehen, sondern dass diese Unterordnung nur nicht durch Freiheit, sondern durch die Vernunft als blinde Kraft, d.h. durch den Vernunftinstinct, durchgesetzt worden. Der Instinct ist blind; die ihm gegenüberstehende Freiheit müsste daher sehend, d. i. eine Wissenschaft der Vernunftgesetze seyn, nach denen die Gattung mit freier Kunst ihre Verhältnisse zu ordnen hätte. Aber sodann müsste zuvörderst die Gattung, um zur Vernunftwissenschaft und von dieser aus zur Vernunftkunst kommen zu können, erst von dem blinden Antriebe des Vernunftinstincts sich losgemacht haben. Diesen aber, inwiefern er als blinde Kraft in der Menschheit selber waltet, kann sie nicht anders, als lieben, – weit entfernt, dass sie von ihm sich losreissen auch nur wollen sollte. Er müsste daher nicht in ihr selber, wenigstens nicht allgemein, walten, sondern ihr nur als fremder Instinct einiger weniger Individuen, durch eine äussere Autorität und Gewalt aufgedrungen werden, – gegen welche äussere[64] Autorität nun sie sich setzte, und unmittelbar von dieser – mittelbar aber mit ihr zugleich von der Vernunft in der Gestalt des Instinctes, und da diese Vernunft in anderer Gestalt noch gar nicht vorhanden ist, von der Vernunft in jeglicher Gestalt befreiete.

Wir bekamen zufolge dieses Grundsatzes fünf einzig und allein mögliche, und das ganze irdische Leben der menschlichen Gattung erschöpfende, Hauptepochen. 1) Diejenige, da die menschlichen Verhältnisse ohne Zwang und Mühe durch den blossen Vernunftinstinct geordnet werden. 2) Diejenige, da dieser Instinct, schwächer geworden, und nur noch in wenigen Auserwählten sich aussprechend, durch diese wenigen in eine zwingende äussere Autorität für Alle verwandelt wird. 3) Diejenige, da diese Autorität und mit ihr die Vernunft in der einzigen Gestalt, in der sie bis jetzt vorbanden, abgeworfen wird. 4) Diejenige, da die Vernunft in der Gestalt der Wissenschaft allgemein in die Gattung eintritt. 5) Diejenige, da zu dieser Wissenschaft sich die Kunst gesellt, um das Leben mit sicherer und fester Hand nach der Wissenschaft zu gestalten; und da durch diese Kunst die vernunftgemässe Einrichtung der menschlichen Verhältnisse frei vollendet und der Zweck des gesammten Erdenlebens erreicht wird, und unsere Gattung die höheren Sphären einer anderen Welt betrifft.

Die soeben an der dritten Stelle erwähnte Epoche war es nun, deren Charakteristik wir uns in diesen Reden zur Hauptaufgabe machten, auf unseren zugestandenen Verdacht hin, dass die gegenwärtige Zeit gerade in dieser Epoche stehe; über welches Verdachtes Grund oder Ungrund zu entscheiden ich übrigens ganz allein Ihnen überliess.

Als erklärter Gegner alles blinden Vernunftinstincts und aller Autorität stellte dieses dritte Zeitalter die Maxime auf: schlechthin nichts gellen zu lassen, als das, was es begreife, – es versteht sich unmittelbar, mit dem schon vorhandenen und ohne alle seine Mühe und Arbeit ihm angeerbten gesunden Menschenverstande. Ein genauer Abriss des gesammten Denk- und Meinungssystems dieses Zeitalters musste sich ergeben,[65] wenn wir diesen Verstand, der ihm als Maassstab alles seine Denkens und Meinens dienet, zu Tage fördern konnten.

Dies ist uns nun also gelungen. Die Vernunft, in welcher Gestalt auch sie sich darstelle, ob in der des Instinctes oder der der Wissenschaft, gehet immer auf das Leben der Gattung, als Gattung; die Vernunft aufgehoben und ausgetilgt, bleib nichts übrig, als das blosse individuelle persönliche Leben; dem dritten Zeitalter sonach, welches der Vernunft sich entlediget, bleibt nichts übrig, als dieses letztere Leben; allenthalben, wo es wirklich in sich selber durchgebrochen und zur Consequenz und Klarheit gekommen, nichts, denn der blosse, reine und nackte Egoismus; und hieraus folget denn ganz natürlich, dass der angeborene und stehende Verstand des dritten Zeitalters durchaus kein anderer seyn und nichts weiter enthalten könne, als die Klugheit, seinen persönlichen Vortheil zu befördern.

Die Mittel für die Erhaltung und das Wohlseyn des persönlichen Lebens können allein durch die Erfahrung gefunden werden, da weder ein thierischer Instinct, wie beim Thiere, noch die allein das Leben der Gattung zum Zwecke habende Vernunft hierüber belehrt; und daher kommt die Lobpreisung der Erfahrung für die einzige Quelle des Wissens, als ein charakteristischer Grundzug eines solchen Zeitalters.

Daher entsteht ferner diejenige Ansicht der Wissenschaften, der Kunst, der gesellschaftlichen Verhältnisse des Menschen, der Sittlichkeit und der Religion, welche wir damals als gleichfalls herrschende Grundzüge eines solchen Zeitalters ableiteten.

Mit einem Worte: die bleibende Grundeigenschaft und der Charakter eines solchen Zeitalters ist der, dass jedes ächte Product desselben alles, was es denkt und thut, nur für sich und seinen eigenen Nutzen thue: ebenso wie das entgegengesetzte Princip eines vernunftgemässen Lebens darin bestand, dass jeder sein persönliches Leben dem Leben der Gattung aufopfere; oder, da sich später, in fand, dass die Weise, wie das Leben der Gattung in das Bewusstseyn einträte und in dem Leben des Individuums Kraft und Trieb würde, Idee heisse, – dass jeder sein persönliches Leben, und alle Kraft und allen Genuss[66] desselben, an die Ideen setze. Um durch diesen Gegensatz des vernunftgemässen Lebens unsere fortgesetzte Charakteristik des dritten Zeitalters recht klar zu machen, haben wir uns in den beiden vorigen Reden bei der näheren Beschreibung dieses Vernunftlebens verweilt, und ich habe in dieser letzten Rücksicht nur noch folgende Bemerkungen hinzuzusetzen.

Zuvörderst hierin, in dem angegebenen Unterschiede, ob das Leben lediglich an das Persönliche gesetzt werde und in demselben aufgehe, oder ob es der Idee aufgeopfert werde, liegt der Unterschied zwischen dem vernunftwidrigen und dem vernunftgemässen Leben überhaupt; und es macht dabei gar keinen Unterschied, ob, was das letztere betrifft, diese Idee als dunkler Instinct in der ersten Epoche innerlich sich offenbare, oder ob sie in der zweiten mit gebietender Autorität von aussen angeregt werde, oder ob sie in der vierten hell und klar in der Wissenschaft dastehe, oder in der fünften als ebenso klare Vernunftkunst walte; und in dieser Rücksicht steht das dritte Zeitalter keinesweges einem der übrigen insbesondere, sondern es stehet, als das dem Inhalte nach durchaus vernunftwidrige, der gesammten übrigen Zeit, als der dem Inhalte nach auf die gleiche Weise, nur jedesmal in einer anderen ausseren Form, vernunftgemässen gegenüber.

Die Idee, in den besonderen Aeusserungen und Wirkungen, in denen wir sie in den beiden vorigen Reden vorgeführt, ist allemal nur in der Gestalt des dunklen Instincts erschienen; denn wir beschrieben ja die dem dritten Zeitalter vorhergehende und dasselbe in seiner Existenz erst möglich machende Zeit: und überhaupt ist die gesamten Zeit zur Darstellung der Idee im klaren Bewusstseyn dermalen noch gar nicht vorgerückt. Diese Unterscheidung sey daher zur Vermeidung alles Misverständnisses hiermit festgestellt.

Sodann – dass nun jemand die Schilderdung einer solchen, alles für Ideen aufopfernden Denkart, und diese Denkart selber hasse, und innerlich über sie ergrimme, dass er ihr einen bösen Leumund zu machen suche, dass er sie für unnatürlich – es versteht sich immer für ihn selber, – und für eine tolle Schwärmerei ausgebe: dagegen können wir nichts thun, und[67] würden dagegen nichts thun wollen, wenn wir es auch könnten. Je mehr, je lauter, je unverhohlener dieses geschieht, desto bündiger entwickelt sich, und desto schneller windet sich ab eine Denkart, durch welche die Menschheit denn doch einmal hindurch muss; destomehr, könnte ich hinzusetzen, zeigt es sich, dass ich das rechte getroffen Nur wünschte ich, dass dies wirklich recht rein und unverhohlen und unzweideutig geschähe; und ich möchte, so viel mir möglich, jeden Vorwand entfernen, unter dessen Decke man etwas anderes zu thun scheinen könnte, indem man doch jenes thäte. So möchte ich alles thun, und bin mir bewusst, bisher alles gethan zu haben, um den Vorwand abzuschneiden, dass man die Rede nur nicht recht verstanden, und dass, wenn es nun so gemeint seyn solle, man sich es gefallen lasse. Diese Vorträge existiren ganz so, wie sie gehalten werden; die Wortbedeutungen der deutschen Sprache, die Anordnung der Gedanken, die allseitige Bestimmung jedes einzelnen durch die übrigen, – auf welchen Stücken die Deutlichkeit eines Vortrages beruht, – haben ihre sehr bestimmten Regeln, und es lässt sich auch hinterher noch immer sehr wohl ausmachen, ob diese Regeln befolgt worden; und ich für meine Person glaube, dass ich hier nie etwas anderes gesagt, als gerade dasjenige, was ich eben sagen wollte. Freilich muss ein Vortrag, der wirklich etwas zu sagen unternimmt, vom Anfange bis zu Ende und in allen seinen Theilen angehört werden. – Wo man überhören kann so viel man will, und bei jedem neuen Hinhören doch immer wieder das Gesagte versteht, – da ist im Ganzen sicherlich gar kein Verstand, sondern es werden nur längst von allen auswendig gelernte Redensarten abgewürfelt, wie Spreu auf der Tenne. Um dies an ein paar auf gut Glück gewählten fingirten Beispielen klar zu machen. – Wenn nun jemand, den Kopf voll von der leidigen, erst in der neueren Zeit entstandenen Sprachverwirrung, nach welcher jedweder Gedanke zur beliebigen Abwechselung auch Idee genannt werden kann, und gegen die Idee etwa eines Stuhles oder einer Bank sich nichts einwenden lässt, – wenn ein solcher sich wunderte, wie man aus der Aufopferung des Lebens für Ideen so grosses Wesen machen, und[68] darauf die Charakteristik zweier durchaus verschiedenen Menschenklassen bauen könne; indem ja alles, was da nur irgend in einen menschlichen Sinn kommen könne, Idee sey: so hätte dieser freilich von allem bisher Gesagten nichts verstanden, aber ohne unsere Schuld. Denn wir haben nicht ermangelt, die Begriffe, welche auf dem Wege der Erfahrung in den Verstand des bloss sinnlichen Menschen kommen, von den Ideen, welche schlechthin ohne alle Erfahrung durch das in sich selber selbstständige Leben in dem Begeisterten sich entzünden, streng zu unterscheiden.

Oder falls etwa jemand über ein gewisses Stichwort, das nebst anderen der Art, über welche es ihnen ebenso schwer seyn würde Rechenschaft zu geben, von Dunkel-Schöngeistern in Umlauf gebracht worden, – über das Stichwort von Individualität, und schöner und liebenswürdiger Individualität, nicht hinwegkommen, und mit dem, was zuletzt wahres an der Sache seyn mag, unsere unbedingte Verwerfung aller Individualität nicht vereinigen könnte: so wäre diesem nur entgangen, dass wir unter Individualität lediglich die persönlich sinnliche Existenz des Individuums verstehen, wie denn das Wort allerdings nur dies bedeutet; keinesweges aber läugnen, sondern vielmehr ausdrücklich erinnern und einschärfen, dass die Eine ewige Idee in jedem besonderen Individuum, in welchem sie zum Leben durchdringt, sich durchaus in einer neuen, vorher nie dagewesenen Gestalt zeige; und dieses zwar ganz unabhängig von der sinnlichen Natur, durch sich selber und ihre eigene Gesetzgebung, mithin keinesweges bestimmt durch die sinnliche Individualität, sondern diese vernichtend und rein aus sich bestimmend die ideale Individualität, oder, wie es richtiger heisst, die Originalität.

Endlich und zuletzt in derselben Beziehung noch folgendes: Wir vermessen uns hier keinesweges des strengen Lehrtons und der zwingenden Form der Demonstration, sondern haben für Unbefangene uns auf die bescheidene Benennung populärer Vorträge, und auf den mässigen Wunsch, diese Unbefangenen dadurch auf eine anständige Weise zu unterhalten, beschränket. So aber jemand aus irgend einem Grunde das[69] Rechten und Beurtheilen liebt, und es auch hier anwenden will: dem sey unvorbehalten, dass wir ihn, trotz aller anscheinenden Leichtigkeit, mit einer Kette umgeben haben, bei der er sich wohl bedenke, welches Glied derselben er zuerst sprengen wolle. Hätte er Lust zu sagen: dieses ganze Setzen des Lebens an Realisirung einer Idee sey eine von uns selber auf eigene Hand erdichtete Chimäre: so haben wir historisch erwiesen, dass von jeher in und durch Ideen gelebt worden sey, und dass alles grosse und gute, was dermalen in der Welt sich befindet Product dieser Lebensweise sey. Oder hätte er Lust zu sagen: wenn es auch geschehen sey, so sey dieses eine alte Thorheit und Schwärmerei, über die unser dermalen aufgeklärtes Zeitalter hinweg sey; so ist erwiesen, dass, falls nur er sich selbst nicht entbrechen könne, sogar wider Willen eine solche Handelsweise zu bewundern und zu achten, diesem seinem eigenen Urtheile ein Princip zum Grunde liegen müsse, des Inhalts: dass das persönliche Leben der Idee aufgeopfert werden solle; dass daher seinem eigenen Mitgeständnisse zufolge eine solche Handelsweise durch die Stimme der unmittelbar in unserem Innern sich aussprechenden Vernunft gebilligt werde, und darum keinesweges Schwärmerei sey. Diese beiden Fälle abgeschnitten, bliebe ihm nichts anderes übrig, als laut zu bekennen, dass er ein solches specifisches Gefühl, wie das der Achtung und Bewunderung, niemals in sich vorgefunden, und dass es ihm nie begegnet sey, irgend etwas zu achten; erst sodann hätte er das, was hier unsere erste Prämisse war, und mit ihr alle Folgen derselben aufgehoben, und wir wären mit ihm vollkommen zufrieden.

In der erweiterten Schilderung des dritten Zeitalters, welche nun meine nächste Aufgabe ist, sollte ich vielleicht nach dem Urtheile der meisten, die etwa darüber nachdenken dürften, also verfahren, dass ich das Verhältniss dieses Zeitalters zu den in der vorigen Stunde geschilderten besonderen Formen der Einen Idee beschriebe; und ohngefähr nach dieser Regel[70] ist auch die in der zweiten Rede gelieferte allgemeine Charakteristik desselben einhergegangen.

Aber es ist gleichfalls auch schon damals erinnert und heute wiederholt worden: die Grundmaxime dieses Zeitalters sey, durchaus nichts gelten zulassen, als das, was es begreife; der Punct auf den es fusset, ist sonach ein Begriff. Auch ist schon damals gezeigt worden, dass es so lange noch nicht eigentlich Epoche mache und sich als eine besondere Zeit hinstelle, so lange es nur dunkel nach jener Maxime verfährt; sondern dass es erst alsdann wahrhaft erfasst werden könne, wenn es sich in sich selber in jener Maxime klar wird und sich begreift, und sich als das höchste hinstellt: dieses Zeitalter ist demnach in seinem eigentlichen und abgesonderten Daseyn Begriff des Begriffes, und trägt die Form der Wissenschaft; freilich nur die leere Form derselben, da ihm dasjenige, wodurch allein die Wissenschaft einen Gehalt bekommt, die Idee, gänzlich abgehet. Wir müssen daher, um das Zeitalter in seiner Wurzel zu fassen, zuerst von dem wissenschaftlichen Systeme desselben reden. In der Beschreibung dieses Systemes werden sich dann auch seine Ansichten der Grundformen der Idee, als nothwendige Theile jenes Systemes, zugleich mit ergeben.

Um Ihnen sogleich in dieser Stelle eine ausgebreitetere Aussicht auf das, was Sie hier zu erwarten haben, zu öffnen, füge ich folgenden, von Mir bisher noch nicht erwähnten Eintheilungsgrund hinzu. nichts gelten zu lassen, als was es begreife, es versteht sich durch den blossen empirischen Erfahrungsbegriff, ist die Maxime des Zeitalters; und dasselbe wird daher, wo es nur kräftig und consequent genug auf sich selber fusset, diese Maxime auch als sein wissenschaftliches Princip aufstellen, und nach ihr alles wissenschaftliche Verfahren schätzen und beurtheilen. Es kann aber nicht fehlen, dass andere, weniger stark von dem waltenden Zeitalter ergriffen, ohne doch die Morgendämmerung des neuen Zeitalters erblickt zu haben die unendliche Leerheit und Plattheit einer solchen Maxime fühlen, und nun, glaubend, dass man das Falsche nur gerade umkehren müsse, um zum Wahren zu kommen, in das[71] Unbegreifliche und Unverständliche, als solches, die Weisheit setzen. Da auch diese in ihrer ganzen Ansicht von dem Zeitalter ausgehen, und nichts sind, als die Reaction desselben Zeitalters gegen sich selbst, so sind auch sie, ohnerachtet des direct entgegengesetzten Princips, dennoch eben so gut als jene, Producte des Zeitalters, – sie, welche unter anderen Bedingungen Ueberbleibsel der alten Zeit seyn würden; und wer die Wissenschaft des Zeitalters erfassen will, hat beide Principien aufzustellen, und aus ihnen zu folgern? So wie wir es thun werden.


Es ist nur noch Eine allgemeine Bemerkung rückständig, welche ich der Schilderung voranschicken muss, folgende: Ob das, was ich das dritte Zeitalter nenne, nun gerade das unserige sey, und ob die Phänomene, die ich aus seinem Princip streng folgernd ableite, unter unseren Augen eintreten, – darüber habe ich, wie mehrmals gesagt, einem jeden das Urtheil selber überlassen. Nur wäre, falls jemand hierin urtheilen wollte, nöthig, dass er nicht etwa so denke: nun, gesetzt auch, es liesse sich nicht läugnen, dass es dermalen allerdings so sey, so ist dies doch keinesweges ein Charakterzug unseres Zeitalters, indem es wohl von jeher eben also gewesen sein möchte. In dieser Rücksicht werde ich bei Phänomenen, über die man etwa so denken könnte, an Zeiten erinnern, in denen es anders war.

Wir heben die Beschreibung des wissenschaftlichen Zustandes des dritten Zeitalters an mit der Schilderung seiner Form, d.h. der beständigen Grundeigenschaften, in welche alles sein Wesen gleichsam eingetaucht ist und in denselben sich bewegt, und leiten diese Grundeigenschaften also ab:

Die Idee, wo sie zum Leben durchdringt, giebt eine unermessliche Kraft und Stärke, und nur aus der Idee quillt Kraft; ein Zeitalter, das der Ideen entbehret, wird daher ein schwaches und kraftloses Zeitalter seyn, und alles, was es noch treibt, und worin es Lebenszeichen von sich giebt, nur matt und siechend, und ohne sichtbaren Kraftaufwand verrichten.[72]

Und – da wir hier insbesondere von der Wissenschaft desselben reden, – in Absicht der Gegenstände wird es von keinem einzigen kräftig angezogen werden, noch selbst ihn kräftig durchdringen; sondern heute an dem, morgen an dem, so wie die augenblickliche Laune oder andere Leidenschaften es rathen, etwas auf der Oberfläche liegendes berichten, keinen aber zermalmen, und seinen Kern entfalten. In Absicht seiner Meinungen über diese Gegenstände wird es durch den blinden Hang der Ideenassociation bald dahin bald dorthin gezogen werden, in nichts sich gleichbleibend, als in dieser allgemeinen Oberflächlichkeit und Wandelbarkeit, und in dem Grundprincip, dass in diesem Leichtnehmen eben die rechte Weisheit bestehe. – So nicht der von der Wissenschaft in der Gestalt der Idee Ergriffene. In Einem Puncte ist sie ihm aufgegangen, und in diesem Einen Puncte hält sie sein ganzes Leben mit aller Kraft desselben gefesselt, so lange bis dieser ihm vollkommen klar werde, und aus ihm heraus ein neues Licht sich verbreite über das Universum des gesammten Wissens; und dass es wenigstens ehemals dergleichen Männer gegeben, und die Wissenschaft nicht von jeher so seicht und kraftlos getrieben worden sey, als das dritte Zeitalter sie nothwendig treiben müsste, beweiset aufs mindeste die Erfindung der Mathematik bei den Alten. In der Mittheilung endlich, sie sey nun mündlich oder schriftlich, wird dieselbe Mittelmässigkeit und Kraftlosigkeit sich zeigen. Ein organisches, in allen seinen Theilen aus Einem Mittelpuncte ausgehendes und auf denselben wiederum zurück sich beziehendes Ganzes wird in dessen Darstellungen nie erscheinen, sondern diese Darstellungen werden gleichen einem Wurfe Sandes, in welchem jedes Körnchen für sich eben auch ein Ganzes ist, und alle nur durch die leere Luft zusammengehalten werden. Ein Meisterfund für die Darstellung eines solchen Zeitalters wäre es, wenn es darauf geriethe, die Wissenschaften nach der. Folge der Buchstaben im Alphabete vorzutragen. – Deswegen kann in diesen Darstellungen nie Klarheit seyn; welche nun durch eine ermüdende Deutlichkeit, die darin besteht, dass man dasselbe recht vielmal wiederhole, ersetzt werden soll. Diese Darstellungsweise[73] wird da, wo das Zeitalter recht zu Kräften kommt, sich selbst sogar begreifen, und sich als mustermässig hinstellen, so dass von nun an die Eleganz darein gesetzt werde: dass man dem Leser nichts zu denken gebe, noch desselben eigene Thätigkeit auf irgend eine Weise aufrege, was ja zudringlich wäre; und dass klassische Schriften diejenigen seyen, die jederman so, wie er eben ist, lesen, und nach deren Weglegung er wiederum seyn und ferner bleiben könne, wie er zuvor war Nicht so derjenige, der Ideen mitzutheilen hat, und von ihnen zur Mittheilung getrieben wird. Nicht er selber redet, sondern die Idee redet oder schreibt in ihm mit aller ihr beiwohnenden Kraft; und nur das ist ein guter Vortrag, wo nicht der Vortragende die Sache vortragen will, sondern die Sache sich selber ausspricht und in Worte gestaltet durch das Organ des Vortragenden. Dass es wenigstens ehemals dergleichen Vorträge gegeben, und dass man sich nicht von jeher gescheut, den Leser oder Zuhörer anzuregen, beweisen die noch bis jetzt übrigen Schriften des klassischen Alterthums, – deren Studium das dritte Zeitalter, wo es consequent ist, freilich abzuschaffen und das Erlernen ihrer Sprachen aus der Mode zu bringen suchen wird, damit es in seinen Producten allein gelte und die Ehre habe.

Die Idee, und allein die Idee füllet aus, befriedigt und beseligt das Gemüth; ein Zeitalter, das der Idee entbehrt, muss daher nothwendig eine grosse Leere empfinden, die sich als unendliche, nie gründlich zu hebende und immer wiederkehrende Langeweile offenbart; es muss Langeweile so haben, wie machen. In diesem unangenehmen Gefühle greift es nun nach dem, was ihm als das eigene Gegenmittel dafür erscheint, nach dem Witze: entweder um ihn selber zu geniessen oder um die Langeweile anderer, welche es durch seine Darstellungen zu erregen sich wohl bewusst ist, dadurch von Zeit zu Zeit zu unterbrechen, und in die langen Sandwüsten seines Ernstes hier und da ein Körnchen Scherz zu säen. Dieses Vorhaben muss ihm zwar, in der That und Wahrheit, nothwendig mislingen; denn auch des Witzes ist nur derjenige tätig, welcher der Ideen fähig ist.[74]

Witz ist die Mittheilung der tiefen, d.h. der in der Region der Ideen liegenden Wahrheit, in ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit. – In ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit, sage ich, und insofern ist der Witz der Mittheilung derselben Wahrheit in einer Kelte des bündigen Räsonnements entgegengesetzt. Wenn z.B. der Philosoph eine Idee in allen ihren einzelnen Bestandtheilen Schritt vor Schritt zerlegt, jeden dieser Bestandtheile, einen nach dem andern, durch eines jeden eigenthümlichen Grenzbegriff bestimmt, und von ihm unterscheidet, so lange bis die ganze Idee erschöpft ist: so geht er den Weg der methodischen Mittheilung, und beweiset mittelbar die Wahrheit seiner Idee. Gelingt es ihm nun etwa noch zum Beschlusse das Ganze in seiner absoluten Einheit in einen einzigen Lichtstrahl zu fassen, der es wie ein Blitz durchleuchte und abgesondert hinstelle, und jeden verständigen Hörer oder Leser ergreife, dass er ausrufen müsse: ja wahrhaftig so ist es, jetzt sehe ich es mit einemmale ein; so ist dies die Darstellung der aufgegebenen Idee in ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit, oder die Darstellens derselben durch den Witz: und hier zwar durch den directen oder positiven Witz. – Nun kann die Wahrheit auch indirect bewiesen werden, dadurch, dass man die Thorheit und Verkehrheit ihres Gegentheils zeige; und wenn dies nicht methodisch und mittelbar, sondern in unmittelbarer Anschaulichkeit geschieht, so ist dies der indirecte und, in der Beziehung auf die Idee, negative Witz, der bei denen, die ihn fassen, Lachen erregt: es ist der Witz als Quelle des Lächerlichen; denn die Verkehrtheit in ihrer unmittelbaren Anschauung ist lächerlich.

Nicht der Witz in der ersten Bedeutung, von welcher die Theorien desselben schweigen, sondern der in der zweiten, – der in der Gestalt des Spottes, und als Lachen erregend, ist es, nach welchem das Zeitalter hascht; indem das Lachen ein durch den Naturinstinct selbst angewiesenes Mittel ist, um die durch viel erlittene Langeweile erschöpften Lebensgeister wieder zu erfrischen, und durch die wellenförmige Bewegung, in die es die stagnirenden Theile bringt, ein wenig neu zu beleben. Aber auch in dieser Gestalt bleibt er ihm nothwendig[75] unzugänglich; denn um das Verkehrte in seiner Anschaulichkeit frei zu handhaben und hinzustellen, muss man nicht selbst verkehrt seyn. Sie haben keinen Witz, wohl aber hat sehr oft, und grösstentheils dann, wenn sie nach ihrer Weise sehr witzig sind, der Witz sie: d.h. sie stellen sodann an ihren eigenen Personen, ohne das mindeste Arg dabei zu ahnen, dem verständigeren Zuschauer die Thorheit und Verkehrtheit in der höchsten Anschaulichkeit dar. Wer ihnen, um sie recht nach dem Leben abzubilden, gewisse Dinge in den Mund gelegt hätte, die sie oft ganz unerwartet selbst mit grosser Gravität aussprechen, der könnte sich rühmen ein witziger Kopf zu seyn.

Wie wird es denn also verfahren, – dieses dritte Zeitalter, um seine Art von witzigem Spotte und sein Maass des Lachens an sich zu bringen? Also: – es setzt voraus, seine Wahrheit sey die rechte Wahrheit, und was dieser zuwider sey, sey falsch; denn wenn man das Gegentheil annehmen wolle, so hätten sie ja unrecht, welches absurd ist; hierauf setzen sie in frappanten Beispielen auseinander, wie so ganz ungeheuer die entgegengesetzte Meinung von der ihrigen verschieden sey, und in gar keinem Stücke sich mit ihr vereinigen lasse, – wie wahr seyn mag; lachen darauf zuerst, und es kann nicht fehlen, dass mitgelacht werde, wenn sie sich nur an die rechten Personen gewendet haben. – Nach der beständigen Weise, in wissenschaftlicher Form einherzugehen, wird auch dieses Princip vom Zeitalter bald begriffen und dogmatisch aufgestellt werden, und es wird ein Lehrsatz auftreten, des Inhalts: das Lächerliche sey der Probirstein der Wahrheit; und dass etwas falsch sey, lasse sich, zu Ersparung anderweitiger Prüfung, gleich daran erkennen, wenn man nach der angeführten Methode ihm einen Spass anfügen könne.

Sie sehen, welch ungeheuren Gewinn durch diesen anfangs geringscheinenden Fund ein Zeitalter gemacht habe. Zuvörderst ist es dadurch eingesetzt in nie zu störenden Besitz seiner Weisheit: denn an diese seinen Probirstein des Lächerlichen zu halten, oder, falls er, wie wohl thunlich ist, durch andere daran gehalten würde, mitzulachen, wird das Zeitalter[76] sich hüten: sodann ist ihm dadurch die doch immer einige Mühe kostende Prüfung dessen, was ihm zuwider vorgebracht wird, auf immer erspart; es zeigt bloss, wie weit diese davon entfernt seyen, mit ihm übereinzustimmen und seine rechte Meinung getroffen zu haben; macht sie dadurch lächerlich, und, falls man es aus der guten Laune bringt, – verdächtig und verhasst; endlich ist dieses Lachen schon an sich selber eine ganz angenehme und gesunde Arbeit, bei der man der ausserdem so drückenden Langeweile doch manchmal entledigt wird.

Nein, E. V., Sie Anwesenden alle, ohne Ausnahme eines Einzigen, in denen ich nicht Mitglieder des dritten Zeitalters anzureden glaube, mit denen ich nie zu reden wünsche, noch Mitglieder irgend eines Zeitalters, sondern von denen ich voraussetze, dass Sie, frei mit mir über alle Zeit erhaben, auf dieselbe herabschauen; – nein, der Witz ist ein göttlicher Funke und steigt nie herab zu der Thorheit. Er wohnt ewig bei der Idee und lässet nie von ihr. In der ersten Gestalt ist er der wunderbare Leiter des Lichtes in der Geisterwelt, durch welchen die Weisheit von dem Einen Puncte, in welchem sie zuerst aufging, sich verbreitet zu den übrigen Puncten, und sie ergreift. In der zweiten Gestalt ist er der rächende Blitzstrahl der Idee, der jede Thorheit, selbst in der Mitte ihrer Befreundeten sicher tritt und zu Boden wirft. Absichtlich geschleudert durch die Hand eines Einzelnen, oder auch nicht, trifft er auch im zweiten Falle sicher, als verborgenes und unvermeidliches Schicksal. So wie die Freier der Penelope, schon umstellt von dem ihnen bereiteten Untergange, tobten in den dunklen Häusern und lachten mit fremden Backen: so lachen auch diese mit fremden Backen; denn in ihrem Lachen lachet der ewige Witz des Weltgeistes ihrer selbst. Wir insgesammt wollen ihnen dieses Vergnügen gönnen und lassen, und uns hüten, die Binde von ihren Augen zu nehmen.[77]

Quelle:
Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Band 7, Berlin 1845/1846, S. 64-78.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters
Philosophische Bibliothek Band 247: Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters

Buchempfehlung

Anonym

Schau-Platz der Betrieger. Entworffen in vielen List- und Lustigen Welt-Händeln

Schau-Platz der Betrieger. Entworffen in vielen List- und Lustigen Welt-Händeln

Ohnerachtet Schande und Laster an ihnen selber verächtlich / findet man doch sehr viel Menschen von so gar ungebundener Unarth / daß sie denenselben offenbar obliegen / und sich deren als einer sonderbahre Tugend rühmen: Wer seinem Nächsten durch List etwas abzwacken kan / den preisen sie / als einen listig-klugen Menschen / und dahero ist der unverschämte Diebstahl / überlistige und lose Räncke / ja gar Meuchelmord und andere grobe Laster im solchem Uberfluß eingerissen / daß man nicht Gefängnüsse genug vor solche Leute haben mag.

310 Seiten, 17.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon