Sechszehnte Vorlesung

[226] [Religiöser Charakter des Zeitalters.]


Ehrwürdige Versammlung!


Nach unserm früher dargelegten Plane haben wir heute die Principien aufzustellen für die Beantwortung der Frage: auf welchem Standpuncte das gegenwärtige Zeitalter in Absicht der allgemeinen und öffentlichen Religiosität stehe.

Schon seit langem haben wir die wahre Religion oder das Christenthum, welche beide Ausdrücke uns bekanntlich ganz gleichbedeutend sind, als den eigentlichen und letzten Grund der Erscheinungen, welche unser Zeitalter charakterisiren, betrachtet: und so wäre denn die ganze bestimmte Zeit nichts anderes, als dieser bestimmte Standpunct der Religiosität. Diese soeben aufgeworfene Frage wäre demnach entweder durch alles Vorherige schon beantwortet, oder falls sie dadurch nicht beantwortet seyn und noch einer besondern Antwort bedürfen sollte: so müsste hier das Wort Religion und Religiosität in einem andern Sinne genommen werden, als bisher.

Das Letztere ist der Fall. Bisher ward die wahre Religion als verborgenes Princip der Erscheinungen betrachtet; heute wird sie durchaus nicht als solches, sondern als auf sich [226] ruhendes, selbstständiges Wesen angesehen. Bisher wurde sie, eben weil sie Princip der Erscheinungen war, als bewusstloses Princip hingestellt: und nicht das hiess uns in diesem Zusammenhange Religion, was man ausspricht, sondern dasjenige, was zum innern Leben selber, – zum Grunde alles Thuns und alles Sprechens geworden ist. Heute wird sie als im klaren Bewusstseyn vorkommend betrachtet; denn das selbstständige Daseyn der Religion ist keine Sache, noch äussert es sich in irgend einer Sache, sondern es ist ein Bewusstseyn, und zwar ein durchaus in sich selber geschlossenes Bewusstseyn.

In demselben Sinne wird das Wort Religion auch genommen in dem dem Zeitalter gewöhnlichen Urtheilsspruche von sich selber in Absicht der Religiosität: in der bekannten und fast auf allen Zungen befindlichen Klage über den Verfall der Religiosität, besonders unter dem Volke. Zwar sollte man meinen, dass das blosse Daseyn dieser Klage – dem, was geklagt wird, widerspräche: denn die Klagenden zeigen ja eben dadurch, dass sie klagen, ihre Liebe und Achtung für die Religion: – wenn nur nicht der verdächtige Beisatz wäre, aus welchem hervorzugehen scheint, dass sie keinesweges ihre eigene Irreligiosität beklagen, und nicht etwa sich selber, sondern nur andern, und insbesondere dem Volke, Religiosität wünschen; bei welchem Wunsche sie vielleicht noch eine andere Absicht für sich selbst im Hinterhalte haben. Verhalte es sich damit, wie es wolle; lassen Sie uns diese Klage selber prüfen und an diese Prüfung unsere eigene Untersuchung anknüpfen.

Ohne dadurch in der Beobachtung der Erscheinungen Ihnen in dieser Rücksicht vorzugreifen, können wir dennoch wohl als Grundsatz aufstellen, dass ohne Zweifel wahr seyn und in der Erscheinung sich vorfinden werde, was aus den im Zeitalter vorhandenen Principien für die öffentliche Religiosität nothwendig erfolgen muss. Nun sind, wie in den vorigen Reden im Vorbeigehen gezeigt worden, die Principien für die öffentliche Religion eines Zeitalters der Zustand der Wissenschaft, und insbesondere der der Philosophie in dem nächst vorhergehenden Zeitalter. In diesen Schulen wird der Volkslehrer, der Volksschriftsteller, die öffentliche Meinung der[227] cultivirten Klassen gebildet, und strömt aus diesen Behältern, durch Lehre und Beispiel, herab zum Volke. Dieser philosophisch wissenschaftliche Zustand ist nun gleich zu Anfange dieser Vorlesungen also angegeben worden: das Princip sey, durchaus nichts gelten zu lassen, als das, was man begreife (worin das Zeitalter recht habe); ferner: als Maassstab des Begreiflichen den bloss sinnlichen Erfahrungsbegriff mitzubringen und anzulegen (worin des Zeitalter unrecht habe). Es ist ganz klar, dass durch die Herrschaft dieser Principien schlecht hin alles Unbegreifliche und Geheimnissvolle in der Religion wegfallen müsse; und – da zugleich die Furcht vor Gott gegründet ist in dieser Unbegreiflichkeit und Unerforschlichkeit des göttlichen Rathschlusses und der Mittel, ihn zu versöhnen, welche Mittel er uns eben deswegen unmittelbar offenbaren musste, – so muss, sage ich, durch das Erste zugleich alles Furchtbare in der Religion, so wie die blinde Gläubigkeit und Folgsamkeit in ihren Angelegenheiten, völlig wegfallen. Ein Zeitalter daher, welches nach diesen Grundsätzen durchaus gebildet und von ihnen durchdrungen wäre, würde sich vor Gott nicht weiter fürchten, noch von den angeblichen Mitteln, ihn zu versöhnen, Gebrauch machen.

Ist denn nun aber diese Furcht vor Gott und dieses Streben, ihn durch mysteriöse Künste zu versöhnen, Religion und Christenthum? Keinesweges; Aberglaube ist es und Rest des Heidenthums, das mit dem Christenthume sich mischte, und bisher von ihm noch nicht rein ausgestossen war: die Philosophie des Zeitalters vernichtet, wenn man sie nur gehen lässt, diesen Ueberrest gänzlich. Freilich muss sie dabei nothwendig – man kann nicht sagen, vernichten – das wahre Christenthum; denn dieses ist, ausser in Individuen, öffentlich und als Weltzustand noch gar nicht da gewesen; aber sie muss unfähig seyn, dasselbe zu fassen und es in die Welt einzuführen.

Beklagt man nun etwa diesen Sturz des Aberglaubens als Verfall der Religiosität, so vergreift man sich sehr im Ausdrucke, und beklagt, worüber man sich freuen sollte, und was ein glänzender Beweis unserer Fortschritte ist. Und warum beklagt man denn diesen Verfall? – Da die verfallene Sache in sich selbst nichts Empfehlendes hat, so können es nur die[228] äussern Folgen ihres Verfalls seyn, welche beklagt werden. Inwiefern diese Klagen nicht von den Priestern selbst – in diesem Zusammenhange heissen sie Priester – herkommen, deren Schmerz über den Verlust ihrer Herrschaft über die Gemüther der Menschen sich begreifen lässt, sondern von Politikern; so dürfte die ganze Klage sich darauf zurückführen lassen, dass das Regieren dadurch weit schwerer und kostspieliger geworden. Die Furcht vor den Göttern war ein trefflicher Beistand für eine unvollkommene Regierung; es war bequem, die Unterthanen durch diese beobachten zu lassen, wo man selbst sie nicht beobachten konnte oder wollte; es ersparte dem Richter den Aufwand des eigenen Scharfsinns, wenn er durch die Androhung der unabbittlichen Verdammniss den Beklagten dahin bringen konnte, dass er freiwillig berichtete, was der Richter gern wissen wollte; der böse Geist leistete unbezahlt die Dienste, für welche seitdem Polizeibeamte und Richter besoldet werden müssen.

Dass wir auch hier freimüthig sagen, was wir als wahr einsehen, – selbst wenn die Aufrechthaltung eines solchen Erleichterungsmittels des Regierens erlaubt wäre, was sie doch nicht ist; so ist schon an sich jene Erschwerung des Regierens gar kein Uebel, sondern ein edles Gut, dessen die Menschheit über kurz oder lang theilhaftig werden musste. Denn das Regieren selbst ist eine auf Vernunftgesetze sich gründende Kunst, welche nicht bloss, so wie sichs trifft, getrieben, sondern recht und aus dem Grunde gelernt werden soll: zu diesem gründlichen Erlernen aber treibt lediglich die Noth, und zwar erst dann, wenn mit der Seichtigkeit nicht länger auszureichen ist.

Also, die Philosophie und wissenschaftliche Ansicht des Zeitalters richtet den Aberglauben, als ein deutlich gedachtes und bewusstes, zu Grunde; die wahre Religion an seine Stelle im Bewusstseyn zu setzen, vermag sie nicht. Es würde daher in einem solchen Zeitalter gar kein deutlicher Gedanke einer übersinnlichen Welt, weder der falsche, noch der wahre, anzutreffen seyn.

Gesetzt nun dies verhielte sich also, und würde durch die[229] Beobachtung, welche ich auch hier Ihnen allein überlasse, bestätigt: würde daraus, dass das Uebersinnliche auf keine Weise deutlich gedacht würde, folgen, dass darum auch das undeutliche Gefühl davon, das Ringen und Streben nach demselben, mit einem Worte, dass mit der Religion zugleich der Sinn für die Religion, oder die Religiosität verloren gegangen sey? Nimmermehr. Es lässt sich als unwidersprechlicher Grundsatz aufstellen: wo noch gute Sitten sind und Tugenden: Verträglichlichkeit, Menschenliebe, Mitleid, Wohlthätigkeit, häusliche Zucht und Ordnung, Treue und sich aufopfernde Anhänglichkeit der Gatten gegen einander, und der Eltern und Kinder, – da ist noch Religion, ob man es nun wisse, oder nicht; und da ist noch Fähigkeit, zum Bewusstseyn derselben gebracht zu werden. Den Aberglauben freilich mögen sie nicht weiter, dessen Reich ist verflossen; aber man versuche es nur, und rege wahre und klare Religionsbegriffe in ihnen an, und man wird alsbald sehen, dass sie dadurch ergriffen werden, wie durch nichts anderes. Und ist denn dies nicht auch in den neuesten Zeiten zuweilen geschehen, und hat man dabei nicht bemerken können, dass Menschen aus allen Ständen, die für jeden andern geistigen Reiz so gut als abgestorben waren, hierdurch angezogen und aufgeregt worden? Weit entfernt daher, in die Klage über den Verfall der Religiosität in unserm Zeitalter einzustimmen, halte ich dies vielmehr für den Charakter des Zeitalters; dass es der wahren Religion bedürftiger und empfänglicher sey, als ein anderes, wenn diese nur an dasselbe gebracht würde. Das leere und unerquickliche freigeisterische Geschwätz hat Zeit gehabt, auf alle Weise sich auszusprechen; es hat sich ausgesprochen, und wir haben es vernommen, und es wird von dieser Seile nichts Neues und nichts besser gesagt werden, als es gesagt ist. Wir sind desselben müde; wir fühlen seine Leerheit und die völlige Nullität, welche es uns, in Beziehung auf den doch einmal nicht ganz auszurottenden Sinn für das Ewige, giebt. Er bleibet dieser Sinn und fordert dringend ein Geschäft für sich. Eine männlichere Philosophie hat seitdem ihn dadurch zu beschwichtigen gesucht, dass sie einen andern Sinn in Anspruch nahm, den für absolute[230] Moralität, unter dem Namen des kategorischen Imperativs. Manches kräftige Gemüth hat daran sich aufgerichtet und gestählt; aber dies konnte nur eine Zeitlang dauern; gerade dadurch, dass ein verwandter Sinn gebildet wird, fühlt der unbefriedigte um so stärker seine Nichtbefriedigung. Wird nur endlich das Wahre an ihn kommen, so wird er, gerade darum, weil er geruhet und an mancherlei Unrichtigem sich versucht hat, dieses Wahre um so schärfer unterscheiden, und um so inniger es sich aneignen. Dass es an ihn kommen wird, lässt sich sicher vorhersehen, denn schon wird es im Dunkel der Formel, in den Werkstätten der Philosophie bereitet; und in den Urkunden des Christenthums liegt es, nur unverstanden, schon da. Wie und wodurch es in die Welt werde eingeführt werden, müssen wir ruhig erwarten, und nicht sogleich die Ernte sehen wollen, indess noch gesäet wird.

Worin besteht denn also die wahre Religion? Vielleicht kann ich sie am deutlichsten beschreiben, wenn ich zeige, was sie leistet, und dieses durch dasjenige erkläre, was sie nicht leistet. Alle bis jetzt angegebenen äusseren Bestimmungen des Christenthums brachten die Menschen, insbesondere die Völker und Staaten, dahin, dass sie manches thaten, was sie ausserdem unterlassen haben würden, und manches unterliessen, was sie ausserdem gethan haben würden; und insbesondere trieb der Aberglaube die Unterthanen, manches Schädliche zu unterlassen, und manches Nützliche zu thun. Mit einem Worte: diese äussern Bestimmungen wurden Gründe des Daseyns mehrerer Erscheinungen und Begebenheiten, zu denen es ausserdem nie gekommen wäre. So verhält es sich nicht mit der innern, wahren Religiosität: sie tritt durchaus nicht in die Erscheinung ein, und treibt den Menschen schlechterdings zu nichts, was er nicht ausserdem gethan hätte. Aber sie vollendet ihn innerlich in sich selbst, macht ihn durchaus einig mit sich selbst, und durchaus frei, und durchaus klar und selig; mit Einem Worte, sie vollendet seine Würde.

Betrachten Sie mit mir das Höchste, was der Mensch besitzen kann, wenn er der Religion entbehrt: die reine Sittlichkeit. Er gehorcht dem Pflichtgebote in seiner Brust, schlechthin,[231] weil es gebietet, und thut, was sich als seine Pflicht offenbart, schlechthin darum, weil es Pflicht ist. Versteht er sich denn nun aber dabei? Weiss er, was diese Pflicht, der er alle Augenblicke sein ganzes Seyn aufopfert, an sich selber sey, und was sie eigentlich wolle? Er weiss dieses so wenig, dass er laut erklärt, es solle seyn, schlechthin, weil es seyn solle; und dass er gerade diese Unwissenheit und Unverständlichkeit selber, diese absolute Abstraction von der Bedeutung des Gesetzes und den Folgen der That zu einem Hauptkennzeichen des ächten Gehorsams machen muss.

Zuvörderst – man wiederhole hier nicht die unverschämte Betheurung, dass ein solcher Gehorsam, ohne Rücksicht auf irgend eine Folge, und ohne etwas dafür zu begehren, an sich unmöglich sey und gegen die menschliche Naturlaufe. Was weiss denn der sinnliche Egoist, der nur ein halber Mensch ist, von dem Vermögen der menschlichen Natur? Dass es möglich ist, weiss man nur dadurch, dass man es wirklich macht: und ehe man nicht auf diese Weise die Möglichkeit erkannt, und in seiner eignen Person zur reinen Sittlichkeit sich erhoben, hat man in das Gebiet der wahren Religion gar keinen Eintritt; denn auch die Religion macht die Folgen der einzelnen pflichtmässigen That keinesweges sichtbar. – So viel, um den Einen Theil des Irrthums, der auf eine Lästerung der reinen Sittlichkeit hinausläuft, abzuhalten.

Sodann – der rein dem Pflichtgebote als solchem folgende versteht nicht, was die Pflicht Überhaupt wolle. Es ist klar, dass, da er ohngeachtet dieses Nichtverstehens doch allemal unbedingt gehorcht, da ferner auch das Pflichtgebot, selbst unverstanden, immerfort und ohne Fehl in ihm redet, in desselben Handeln durch dieses Nichtverstehen kein Unterschied gemacht werde; – aber eine andere Frage ist die: ob dieses Nichtverstehen seiner Würde, als vernünftigen Wesens, angemessen sey? Er folgt zwar nicht mehr dem verborgenen Gesetze des Ganzen, oder dem blinden Naturhange, sondern einem Begriffe, und ist insofern edler; aber dieser Begriff selber ist ihm nicht klar, sondern er für denselben blind; sein Gehorsam daher bleibt ein blinder Gehorsam; und – zwar durch ein edleres Mittel, aber noch[232] immer mit verbundenem Auge – wird er zu seiner Bestimmung geführt. Ist nun dieser Zustand, so wie er es ohne Zweifel ist, gegen die Würde der Vernunft; liegt daher in der Vernunft selbst ein Vermögen, und eben darum ein Trieb hindurchzudringen zur Bedeutung des Pflichtgebots: so wird er durch diesen Trieb unaufhörlich gereizt und beunruhigt werden, und es wird ihm, wenn er doch auf blindem Gehorsam besteht, nichts übrigbleiben, als gegen jenen geheimen Zug sich zu verstocken. So vollkommen auch alles sein Thun d. i. seine äussere Erscheinung ist, so ist doch innerlich, in der Wurzel seines Wesens, noch Zwiespalt, Unklarheit, Unfreiheit, und darum Mangel an absoluter Würde. – Dies ist die Gestalt selbst des Reinsittlichen, wenn er im Lichte der Religion betrachtet wird. Wie misfällig muss in diesem Lichte erst der Anblick desjenigen ausfallen, der es nicht einmal zur Sittlichkeit gebracht hat, sondern dem Naturtriebe folgt! Auch er wird durch das ewige Gesetz des Ganzen geleitet, aber mit ihm spricht es nicht einmal seine Sprache, noch würdigt ihn des Anredens; sondern es führt ihn stumm, so wie das Thier oder die Pflanze gleichfalls, fort – braucht ihn als Sache, ohne seinen Willen im geringsten zu befragen, und in einer Region, wo es mit blossen Maschinen gethan ist.

Die Religion eröffnet dem Menschen die Bedeutung des Einen ewigen Gesetzes, das als Pflichtgebot dem freien und edlen, und als Naturgesetz dem unedleren Werkzeuge gebietet. Der Religiöse begreift dieses Gesetz, und fühlt es in sich lebendig als das Gesetz der ewigen Fortentwickelung des Einen Lebens. Wie jeder einzelne Moment dieses Lebens in jener ewigen Entwickelung des Einen göttlichen Grundlebens enthalten sey, begreift er zwar nicht, weil das Unendliche nie zu Ende ist, und darum nie von ihm erfasst werden kann; aber dass alle diese Momente schlechthin nur in jener Entwickelung des Einen Lebens liegen, weiss er unmittelbar, und durchschaut es klar. Was dem moralischen Menschen Pflichtgebot war, ist ihm die innere Fortschreitung des Einen Lebens, welches unmittelbar als Leben sich darstellt; was andern Naturgesetz ist, ist ihm die Entwickelung des als ertödtet erscheinenden Trägers des ersten Lebens.[233]

Dieses Eine, klar erkannte Leben hält nun im Religiösen in sich selber zusammen, und ruht auf sich, sich selber genügend und in sich selig, mit unaussprechlicher Liebe: mit unnennbarem Entzücken taucht sein Auge in den Urquell alles Lebens, und fliesset, von ihm unabtrennlich, mit ihm fort im ewigen Strome. Was der moralische Mensch Pflicht nannte und Gebot, was ist es ihm? Die geistigste Blüthe des Lebens, sein Element, in welchem allein er athmen kann. Er will und mag nichts anderes, denn dies, und alles andere ist ihm Tod und Verdammniss. Für ihn kommt also das gebietende Soll zu spät; ehe es gebietet, will er schon, und kann nicht anders wollen. Wie vor der Moralität alles äussere Gesetz verschwindet, so verschwindet vor der Religiosität selbst das innere; der Gesetzgeber in unserer Brust schweigt, denn der Wille, die Lust, die Liebe, die Seligkeit, hat das Gesetz in sich aufgenommen. Dem moralischen Menschen wird es oft schwer, seine Pflicht zu thun, und das Opfer seiner tiefsten Neigungen und liebsten Gefühle wird von ihm gefordert. Er thut es demohngeachtet; es muss seyn; er unterdrückt seine Gefühle und betäubt seinen Schmerz. Die Frage: warum es nun gerade dieses Schmerzes bedürfe, und woher dieser Zwiespalt zwischen seiner, ihm doch auch eingepflanzten Neigung und der ebenso unabweislichen Forderung des Gesetzes komme? darf er sich nicht erlauben; er muss stumm und blind sich opfern, denn nur unter der Bedingung dieser stummen Aufopferung ist das Opfer ächt. Dem Religiösen ist diese Frage mit Einemmale für ewig gelöst. Das, was da widerstrebt und nicht sterben mag, ist unvollkommneres Leben, das eben darum, weil es doch Leben ist, nach Fortbestehen ringt: das aber aufgegeben werden muss, wenn das höhere und edlere Leben in das Daseyn eintreten soll. Jene Neigungen, die ich aufopfern soll, denkt der Religiöse, sind gar nicht meine Neigungen, sondern es sind Neigungen, die gegen mich und mein höheres Daseyn gerichtet sind; sie sind meine Feinde, die nicht zu früh sterben können. Der Schmerz, der mir zugefügt wird, ist nicht mein Schmerz, sondern der Schmerz einer gegen mich verschwornen Natur; es sind nicht die Zuckungen des Sterbens,[234] sondern die Wehen einer neuen Geburt, welche herrlich seyn wird über alle meine Erwartungen.

Es würde die Beschreibung der Religiosität herabwürdigen, wenn wir noch besonders erinnerten und heraussetzten, dass es für dieselbe durchaus nichts misfälliges und ungestaltetes mehr in der Welt gebe, sondern dass alles ohne Ausnahme ihr Quelle der reinsten Seligkeit sey. Was da ist, so wie es ist und weil es ist, strebt und arbeitet für das ewige Leben, und es musste in dem System dieser Entwickelung also seyn. Irgend etwas anders wünschen, wollen oder lieben, würde heissen, gar kein Leben wollen, oder dasselbe, in einem niederen Grade der Vollendung wollen.

Die Religion erhebt ihren Geweihten absolut über die Zeit als solche, und über die Vergänglichkeit, und versetzt ihn unmittelbar in den Besitz der Einen Ewigkeit. In dem Einen göttlichen Grundleben ruht sein Blick und wurzelt seine Liebe: was noch ausser diesem Einen Grundleben ihm erscheine, ist nicht ausser ihm, sondern in ihm, und bloss eine zeitige Gestalt seiner Entwickelung nach einem absoluten Gesetze, das da gleichfalls in ihm selber ist: er erblickt alles nur in dem Einen, und vermittelst desselben; dann erblickt er aber auch zugleich in jedem Einzelnen das ganze unendliche All. Sein Blick ist daher immer der Blick der Ewigkeit, und was er erblickt, erblickt er als ewig und in der Ewigkeit: nichts kann wahrhaftig seyn, das nicht eben darum ewig wäre. Jene Befürchtungen vom Untergange im Tode, und jene Bestrebungen, einen künstlichen Beweis für die Unsterblichkeit der Seele zu finden, liegen darum tief unter ihm. In jedem Momente hat und besitzt er das ewige Leben mit aller seiner Seligkeit unmittelbar und ganz und was er allgegenwärtig hat und fühlt, braucht er sich nicht erst anzuvernünfteln. Giebt es irgend einen schlagenden Beweis, dass die Erkenntniss der wahren Religion unter den Menschen von jeher sehr selten gewesen, und dass sie insbesondere den herrschenden Systemen fremd sey, so ist es der: dass sie die ewige Seligkeit erst jenseits des Grabes setzen, und nicht ahnen, dass jeder, der nur will, auf der Stelle selig seyn könne.[235]

Dies, E. V., ist die wahre Religion. Was wir oben behaupteten, dass diese Religion durchaus nicht äusserlich erscheine, oder in irgend einem aus ihr Erfolgenden sich dar. stelle, sondern nur innerlich den Menschen vollende, hat sich in unserer Beschreibung unmittelbar ergeben. Der Religiöse thut freilich ohne Ausnahme dasselbe, was das Pflichtgebot heischt, aber das thut er nicht als Religiöser, sondern er muss es sogar unabhängig von aller Religion, schon als rein moralischer Mensch gethan haben; er thut als Religiöser dasselbe, nur thut er es mit edlerem, freierem Sinne. Durch reine Sittlichkeit muss aber der Mensch nothwendig hindurch, ehe er zur Religion kommen kann; denn die Religion ist die Liebe des göttlichen Lebens und Willens, wer aber diesen Willen ungern vollbringt, der kann ihn nimmer lieben. Durch Sittlichkeit gewöhnt man sich erst an den Gehorsam: und dem geübten Gehorsam erst geht die Liebe auf, als seine süsseste Frucht und Belohnung.

Wie soll nun das arme herumgetriebene Menschengeschlecht jemals zu dieser Religion kommen, und vermittelst derselben in diesen Hafen sicherer Ruhe eingeführt werden? Bedingungen, die vorläufig zu Stande gekommen seyn müssen, lassen sich wohl angeben. Zuvörderst muss der gesetzliche Zustand des Staats und die innere und äussere Ruhe fest gegründet seyn, das Reich der guten Sitte muss begonnen haben, der Staat muss nicht mehr so ängstlich mit seiner eigenen Noth zu ringen und dieselbe den Bürgern aufzulegen haben, damit auch Musse gewonnen werde. Alles dieses ist nach dem Inhalte unserer bisherigen Reden durch das Christenthum, als Grundprincip der neuen Zeit, bisher geschehen, und es liegen in demselben Gründe, dass es noch fernerhin und noch vollkommener geschehen wird. In dieser Rücksicht hätte nun das Christenthum, durch seine äusseren Umgebungen, sich erst die Welt aufgebaut und den Schauplatz bereitet, auf welchem es mit seiner ganzen inneren Herrlichkeit hervorzubrechen bestimmt ist: und unsere ganze Ansicht der neuen Zeit hätte dadurch eine neue Rundung und ein festeres Schlussglied bekommen.[236]

In diesem Zustande der Ordnung und Ruhe nun müssen die Menschen, wenigstens ein grosser Theil derselben, sich emporheben zuvörderst zu reiner Moralität. Schon an dieser Grenze hat die Gewalt des Staats und die bewusstlose Wirksamkeit des Christenthums in seinen äusseren Umgebungen ein Ende. Der Staat kann, wie wir gesehen haben, durch die Gesetzgebung und Aufsicht zu der negativ guten, und durch die Gleichstellung der Rechte aller zu der positiv guten Sitte treiben, und dadurch die kräftigsten Hindernisse der Entwicklung der Sittlichkeit wegräumen; aber zur Sittlichkeit selbst zu treiben vermag er nicht, denn der Quell dieser ist innerlich in den Gemüthern der Menschen und in ihrer Freiheit.

Wie viel weniger daher steht es in der Gewalt des Staats, aus dieser allgemeinen Sittlichkeit wiederum das Höhere – die allgemeine, oder wenigstens über einen grossen Theil der Bürger verbreitete, wahre Religiosität zu entwickeln? Was auch in der Zukunft einzelne Gewaltige, deren Herz kräftig von der Religion ergriffen wäre, als kräftige Einzelne für die Verbreitung derselben thun möchten: der Staat, als solcher, muss sich nie diesen Zweck setzen, denn seine Bemühungen würden ihm nothwendig mislingen, und ganz etwas anderes, als das Beabsichtigte, hervorbringen. Ja, setze ich hinzu, es wird auch kein Staat sich diesen Zweck setzen, denn die soeben aufgestellte Maxime wird in einiger Zeit allgemein anerkannt seyn.

Wie soll denn also ein Antrieb auf die Menschen zur Anerkennung und Verbreitung wahrer Religion geschehen? Ich antworte: auf dieselbe Art, wie bis auf diesen Tag alle Verbesserungen der religiösen Begriffe zu Stande gebracht sind; durch einzelne Individuen, welche, bisher einseitig von irgend einem Puncte der Religion angezogen, erwärmt und begeistert wurden, und die Gabe besassen, ihre Begeisterung mitzutheilen So waren im Anfange der neuesten Zeit die Reformatoren; so standen nach ihnen, als fast die ganze Religion in die Aufrechthaltung des orthodoxen Lehrbegriffs gesetzt und die innere Herzensreligion vernachlässigt wurde, die sogenannten[237] pietistischen Lehrer auf, und erhielten den unstreitigen Sieg; denn was ist denn die ganze moderne, die Bibel zu ihrer flachen Vernunft bekehrende Theologie anderes, als die Ausartung der erstgenannten Ansicht, beibehaltend die Geringschätzung des orthodoxen Lehrbegriffs, und aufgebend die Heiligkeit des Sinnes durch welche jene geleitet wurden? Und so werden auch in unserem Zeitalter, wenn es sich von den mancherlei Verirrungen, unter denen es herumgetrieben worden, ein wenig erholt und gesetzt haben wird, begeisterte Männer aufstehen, welche demselben geben werden, was ihm noth thut.

Wir haben unsere übernommene Aufgabe gelöst, E. V., und den Charakter des Zeitalters nach den wesentlichen Ansichten aller Zeit, kurz und gedrängt, wie es unsere Absicht war, geschildert. Es bleibt nichts weiter übrig, als dem Ganzen seinen Beschluss zu geben. Erlauben Sie, dass ich für diesen Zweck Sie noch auf ein einziges Mal einlade.

Quelle:
Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Band 7, Berlin 1845/1846, S. 226-238.
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