Sechstes Bruchstück

Alter

[189] 804

Kurze Frist nur lebt man, freilich,

Stirbt ja eh' noch um sind hundert Jahre;

Und auch länger wer da bleibt am Leben,

Endlich muß er doch vor Alter sterben.


805

Kummer lernt man da bei Meinheit kennen,

Unbeständig taugen keine Stützen,

Stürzen ein, und alles ist verändert;

Wer es weiß, ihn hält es nicht im Hause.


806

Ja der Tod, er lehrt es lassen,

Was man hier als mein vermeint hat;

Also klar es merken mag der Kluge,

Nicht um Meinheit mehr als mein genießen.


807

Traumgebilden gleich erschienen,

Die der Wache nicht mehr wahrnimmt,

Kann man vielgeliebte Wesen,

Erst entschwunden, nicht mehr finden.


808

Hat man auch gesehn sie, auch vernommen,

Ihre Namen immer preisen hören:

Über ist der Name nur geblieben,

Anzukünden hier Dahingeschiedne.


[190] 809

Sorge, Schwermut, Ungenügen

Mehrt man süchtig so bei Meinheit:

Wo die Denker doch die Schranken

Überschreiten, Ziel erblicken.


810

Wohlbestanden wer als Mönch dahinzieht,

Gern hat auserkoren stille Stätte:

In sich einig, sagt man, ist er worden,

Will da eigne Einkehr nicht verraten.


811

Nirgend ist der Denker angesiedelt,

Abgetan ist all sein lieb und unlieb;

Schwermut, Ungenügen trifft ihn nimmer,

Wie kein Tropfen bleibt am Lotusblatte.


812

Träufelt auf den Teich zwar Tau in Tropfen,

Lotusknospe kann er nicht benetzen:

Nicht benetzen kann es so den Denker,

Was auch sichtbar werde, hörbar, denkbar.


813

Schüttelnd ab es mag er nichts vermeinen,

Was auch sichtbar werde, hörbar, denkbar;

Anders will er Reinheit nicht erwirken,

Ohne Lust erloschen, ohne Unlust.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 188-190.
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