Neuntes Bruchstück

Māgandiyo

[194] Der Herr:


835

Wohl sah ich Nixen, lüstern, spröde, reizbar,

Doch nicht mehr kam zu gatten mich der Wunsch an;

Was gält' mir Die nun, voll von Unrat innen,

Auch mit dem Fuß nicht möcht' ich an sie rühren.


Māgandiyo:


836

Ein solches Kleinod, wenn du das verschmähen magst,

Ein Weib, um das gar mancher Männerfürst gefreit:

Wie dann die Ansicht, wie da sei dein Tugendwerk,

Und was du noch zu werden hoffst, o sage das!


Der Herr:


837

›Ich sage Solches‹ mag man nicht vermeinen,

Bei Dingen wo man lassen muß Erlangung;

Ich sah bei Ansicht immer Angewöhnen,

Die eigne Ebbung üben war zu finden.


Māgandiyo:


838

Fein auserlesen was man da zurechtlegt,

Es sei nur, sagst du, Mönch, ein Angewöhnen;

Die eigne Ebbung aber, die zu künden,

Wie können doch die Weisen diese deuten?


[195] Der Herr:


839

Nicht Ansicht ist es, ist nicht Kunde, Weistum,

Noch Tugendwerk, warum man »rein« geheißen;

Und ohne Ansicht, ohne Kunde, Weistum,

Untüchtig, unwirksam, auch also nimmer:

Gelöst von solchem ab und Angewöhnen,

Still abgeschieden mag man nichts mehr werden.


Māgandiyo:


840

Wenn Ansicht es nicht ist, noch Kunde, Weistum,

Noch Tugendwerk, warum man »rein« geheißen;

Und ohne Ansicht, ohne Kunde, Weistum,

Untüchtig, unwirksam, auch also nimmer:

So muß die Satzung mich ein Irrsal dünken,

Die Ansicht ist es ja, die manchen rein macht.


Der Herr:


841

Um Ansicht anstehn, Frag' um Frage fördern,

Bei Gegenständen in die Irre schweifen,

Doch weiter nicht den feinen Sinn erforschen:

Das ist es, was zu Irrsal dir gediehen.


842

Selbander gleich, auch besser, auch wohl schlechter

Bedünken sich, und Hader will entarten;

Um keines der drei Maße mehr sich kümmern,

Und nicht an gleich noch besser mag man denken.


843

Als »wahr« soll was der Heilgewordne richten,

Soll über »falsch« mit wem dann rechten wieder?

So gleich wie ungleich, ist es ihm verwichen,

Mit wem da wechseln wollt' er Gegenrede?


[196] 844

Gar fern der Heimat, unbehauster Wandrer,

Im Dorfe kennt der Denker kein Verweilen:

Der Wünsche ledig fühlt er kein Verlangen,

Nicht Worte wechseln mag er noch mit Menschen.


845

Woraus geschieden man der Welt entkommen kann,

Nicht reden mag davon wer ungebrochen bleibt;

Am Stiel der Knospe wie der Lotus hoch entsteigt,

Von Schlamme nicht benetzt mehr und von Wasser nicht,

So bleibt der Denker, still beredtsam, ohne Sucht,

In Wunsch- und Weltenmitte immer unbenetzt.


846

Der witzig weiß, nicht Ansicht und nicht Meinung

Gemeinsam taugt ihm, ist er ihrer keines doch,

In keinem Werk noch Worte mehr erfindbar,

Unaufgefunden so, gesucht wo immer.


847

Gesichten abhold fühlt man keine Fessel,

In Weisheit abgelöst kein Wirrnis wieder;

Gesicht und Ansicht, wer es angenommen,

Wird Anstoß nehmen in der Welt als Wandrer.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 194-197.
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