Sechstes Bruchstück

Der Knecht

[25] Ein Anhänger:


91

Den Mann, der umgeht als ein Knecht,

O lehr' ihn kennen, Gotamo:

Den Herrn erkunden kam ich her,

Wie kennt man Knechtes Angesicht?


Der Herr:


92

Gar leicht erkennbar ist der Herr,

Gar leicht erkennbar Knechtes Art:

Es liebt der Herr die rechte Bahn,

Dem Knecht ist rechte Bahn verhaßt.


Der Anhänger:


93

Da hab' ich wohlverstanden schon,

Es ist des Knechtes erste Art:

Zum zweiten Male sag', o Herr,

Wie kennt man Knechtes Angesicht?


Der Herr:


94

Unedle sind ihm lieb und wert,

An Edlen übt er keine Gunst:

Unedler Satzung sucht er auf,

So kennt man Knechtes Angesicht.


[26] Der Anhänger:


95

Da hab' ich wohlverstanden schon,

Es ist des Knechtes zweite Art:

Zum dritten Male sag', o Herr,

Wie kennt man Knechtes Angesicht?


Der Herr:


96

Ein Träumer sein, ein Schwärmer sein,

Untüchtig, ein verzagter Mann:

Ein Feigling voller Grimm und Groll,

So kennt man Knechtes Angesicht.


Der Anhänger:


97

Da hab' ich wohlverstanden schon,

Es ist des Knechtes dritte Art:

Zum vierten Male sag', o Herr,

Wie kennt man Knechtes Angesicht?


Der Herr:


98

Der Mutter wie dem Vater auch,

Dem Greise, der gebrochen geht,

In Ehrfurcht nicht mehr dienen da:

So kennt man Knechtes Angesicht.


Der Anhänger:


99

Da hab' ich wohlverstanden schon,

Es ist des Knechtes vierte Art:

Zum fünften Male sag', o Herr,

Wie kennt man Knechtes Angesicht?


[27] Der Herr:


100

Wo immer Priester, wo Asket,

Um Gabe wo ein Bettler kommt,

Mit falschem Worte höhnen ihn:

So kennt man Knechtes Angesicht.


Der Anhänger:


101

Da hab' ich wohlverstanden schon,

Es ist des Knechtes fünfte Art:

Zum sechsten Male sag', o Herr,

Wie kennt man Knechtes Angesicht?


Der Herr:


102

Der reiche Mann, der viel besitzt,

An Golde, Gütern Fülle häuft,

Allein sich selbst nur gönnt Genuß:

So kennt man Knechtes Angesicht.


Der Anhänger:


103

Es ist des Knechtes sechste Art:

Zum siebten Male sag', o Herr,

Wie kennt man Knechtes Angesicht?


Der Herr:


104

Auf Adel stolz, Vermögen stolz,

Um Abkunft wer sich rühmen mag,

Den Stamm der Ahnen überschätzt:

So kennt man Knechtes Angesicht.


[28] Der Anhänger:


105

Da hab' ich wohlverstanden schon,

Es ist des Knechtes siebte Art:

Zum achten Male sag', o Herr,

Wie kennt man Knechtes Angesicht?


Der Herr:


106

Dem Weibe frönen, frönen Wein,

Dem Würfel wer da frönen mag,

Erlangten Lohn vergeuden geht:

So kennt man Knechtes Angesicht.


Der Anhänger:


107

Da hab' ich wohlverstanden schon,

Es ist des Knechtes achte Art:

Zum neunten Male sag', o Herr,

Wie kennt man Knechtes Angesicht?


Der Herr:


108

Sein Ehgemahl genügt ihm nicht,

Im Kreis der Buhlen wird ihm wohl,

Der Frau des andern geht er nach:

So kennt man Knechtes Angesicht.


Der Anhänger:


109

Da hab' ich wohlverstanden schon,

Es ist des Knechtes neunte Art:

Zum zehnten Male sag', o Herr,

Wie kennt man Knechtes Angesicht?


[29] Der Herr:


110

Verwelkter Mann, der heim noch führt

Ein Mädchen, flaumig auferblüht,

Aus Eifer nicht mehr schlafen kann:

So kennt man Knechtes Angesicht.


Der Anhänger:


111

Da hab' ich wohlverstanden schon,

Es ist des Knechtes zehnte Art:

Zum elften Male sag', o Herr,

Wie kennt man Knechtes Angesicht?


Der Herr:


112

Dem Weibe, das Verschwendung liebt,

Und auch dem Manne, der verpraßt,

Nach Willkür unterworfen sein:

So kennt man Knechtes Angesicht.


Der Anhänger:


113

Da hab' ich wohlverstanden schon,

Es ist des Knechtes elfte Art:

Zum zwölften Male sag', o Herr,

Wie kennt man Knechtes Angesicht?


Der Herr:


114

Gering an Habe, reich an Durst,

Im Kriegerstande wer erwächst

Und nach der Königskrone hascht:

So kennt man Knechtes Angesicht.


[30] 115

Das heißt man Knechtschaft in der Welt,

Gelehrig die man leicht erkennt:

Wo heilig dann empor man blickt

Um heiter seinen Gang zu gehn.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 25-31.
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