[665] 221
Den Zorn gib auf, verlasse allen Hochmut,
Befreie dich von allen Daseinsbanden;
Der an dem Körperlichen nicht mehr haftet,
Den Untreffbaren treffen keine Leiden.
222
Wer seinen raschen Zorn anhält
Wie ein Gespann in vollem Lauf,
Den nenne Wagenlenker ich;
Nur Zaumhälter sind andere.
223
Durch Sanftmut triff den Zornigen,
Den Bösen durch die gute Tat,
Schenkend besieg' den Geizigen,
Den Lügner durch das wahre Wort.
224
Sei wahrhaft, diene nicht dem Zorn
Und gib, wenn man um wenig fleht:
Durch diese drei Gewohnheiten
Erhebst du zu den Göttern dich.
225
Die keinem Wesen Leides tun,
Die heilig wandeln immerdar,
Gehn ein ins Unvergängliche,
Wo alles Weh total erlischt.
[665] 226
Den wachsam stets Verweilenden,
Bei Tag und Nacht sich Übenden,
Nibbānam heiß Begehrenden
Entschwindet aller Willenswahn.
227
Nicht war es bei den Alten so
Wie bei den Heutigen der Brauch
Zu schmähen den, der schweigsam bleibt,
Zu schmähen den, der vieles spricht,
Zu schmähn auch den, der maßvoll spricht,
Zu schmähen jeden in der Welt.
228
Es war nicht und es wird nicht sein
Und lebt auch gegenwärtig nicht
Ein überall Geschmäheter,
Ein überall Gepriesener.
229
Wenn aber die Verständigen
Den Weisen, Reinen, Standhaften,
Den makellosen Heiligen
Einmütig preisen Tag für Tag,
230
Ihn, der dem reinsten Golde gleicht:
Wer möchte schmähn dann solchen Mann?
Sogar die Götter preisen ihn,
Selbst vom Brahmā wird er verehrt.
231
Der Taten Ungestüm halt' an,
Im Handeln sei du wohlbezähmt;
Verlasse böser Taten Pfad,
Dem guten Handeln bleibe treu.
[666] 232
Der Worte Ungestüm halt' an,
Im Reden sei du wohlbezähmt;
Verlasse böser Rede Pfad,
Der guten Rede bleibe treu.
233
Des Herzens Ungestüm halt' an,
Im Denken sei du wohlbezähmt;
Verlasse bösen Sinnens Pfad,
Dem guten Denken bleibe treu.
234
Die Weisen, welche wohlbezähmt
In Taten und in Worten sind,
Die Weisen, die ihr Herz bezähmt:
Ja, diese nennt man ganz bezähmt.
Buchempfehlung
»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«
72 Seiten, 4.80 Euro
Buchempfehlung
1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.
396 Seiten, 19.80 Euro