Das Vierziger-Bruchstück

Isidāsī

[593] 400

Wo reich das Land in Blüte steht –

Pāṭaliputtam heißt die holde Stadt –

Als Zierde sah man Sakyertöchter dort,

Zwei Nonnen weilen, tugendrein.


401

Mit Isidāsī weilte Bodhi gern,

Im rechten Wandel beide recht bewährt,

In Schauung selig selbstvertieft,

Gar vielerfahren, innig abgeklärt.


402

Vom Bettelgange kehrten sie

Zurück einst, nahmen Atzung, wuschen aus

Den Napf: und saßen heiter dann

Beiseit, und hoben Rede an:


403

So hell ist, Isidāsī, dein Gesicht,

Und deine Miene noch so jung:

Was magst von Jammer wissen du,

Und hast gelassen Haus und Hof?


404

Auf solche Frage, solches Wort

An stiller Stätte, sinnig wohlbewußt

Gab ihr die Antwort Isidāsī frei:

So höre denn warum ich hab' entsagt.


[594] 405

Ujjenī ragt empor am Fels,

Als Bürger lebt mein Vater da gerecht:

Ich bin die Tochter, teuer ihm,

Sein einzig vielgeliebtes Kind.


406

Da kam ein Werber von Sāketam her,

Zu freien mich für seinen Sohn,

Ein Bürger, reich, von hohem Rang:

Und Vater gab dem Freunde gern die Braut.


407

Den Eltern bracht' ich des Gemahls

In Demut frommen Gruß dar früh und spat,

Zu Füßen kniend, stirngebeugt,

Wie stets gewohnt ich war in Vaters Haus.


408

Des Gatten Schwestern, Brüdern dann,

Verwandten, Vettern, Basen insgesamt

Gehorcht' ich schüchtern, auf den Wink,

Bot an in Ehrfurcht meinen Sitz.


409

Und was an Trank und Speisen übrig blieb

Für andre Mahlzeit, andern Tisch,

Das trug ich ab, das trug ich auf,

Gab jedem Gabe nach Gebühr.


410

Beizeiten stand ich morgens auf:

Aus meiner Kammer ging ich hin,

Mit reinen Füßen, Händen rein,

Zum Gatten, bot ihm ersten Gruß.


411

Und Kamm und Spiegel nahm ich mit,

Ein Salbenfläschchen, frisch gefüllt,

Gleich niedrer Magd versah ich ihn,

Besorgte selber Dienst um Dienst.


[595] 412

Ich selber hab' den Reis gekocht,

Gereinigt selber Napf und Krug:

Wie Mutter hegt ihr einzig Kind,

So hab' ich meinen Herrn gepflegt.


413

Ergeben also ganz dem Gatten mein,

Demütig dienend immerdar,

Und flink und fleißig, ohne Fehl,

Hat mich gehaßt nur mein Gemahl.


414

Zu seinen Eltern sagt' er einst:

›Ihr Lieben, laßt mich von hier gehn!

Mit Isidāsī bleib' ich nicht,

Will nicht mit ihr beisammen sein.‹


415

›Nicht also rede, lieber Sohn!

Denn Isidāsī dünkt uns witzig, aufgeweckt,

Ist flink und fleißig, dienstbereit:

Warum, o Sohn, verschmähst du sie?‹


416

›Ich finde keinen Fehl an ihr,

Doch mag ich Isidāsī länger nicht,

Bin überdrüssig, ihrer satt:

Um Urlaub möcht' ich bitten euch.‹


417

Sie hörten wohl um was er bat,

Und also sprach zu mir das Elternpaar:

›Was hast getan du, rede doch,

Vertrau' uns, offen sag' es uns!‹


418

»Ich habe nichts getan, fürwahr,

Ich weiß von keinem Tadel nichts:

Was kann mir Übles werfen vor der Herr,

Auf daß er mich mit Haß verdirbt?«


[596] 419

Sie schickten mich zurück ins Vaterhaus,

Von Sinnen kam ich, ach, vor Weh':

Ein Kind, ich hegt' es unterm Herzen schon,

War schwanger, reif erblüht als Weib!


420

Nicht ließ der Vater mich daheim,

Vermählte wieder reichen Gatten mir;

Der gab ihm gern die Hälfte hin

Vom Mahlschatz, den der erste bot.


421

Und auch bei diesem weilt' ich nicht:

Er trieb mich, die so willig war,

Nach einem Monde aus dem Haus,

Die treue Gattin, reine Frau,


422

Zog selber dann als Büßer fort.

Da ging ihn einst mein Vater an:

›Bist du nicht meiner Tochter Mann?

Wirf Kutte weg und Bettelnapf!‹


423

Er blieb – doch eine Woche nur;

Den Vater bat er: ›Gib, o gib

Die Kutte mir und Napf und Krug,

Will wieder Büßer, Bettler sein!‹


424

Und Vater sprach, und Mutter sprach,

Ein jeder sprach ihm zu bei uns daheim:

›O sag' uns was dir mißbehagt,

O sag' uns endlich was du wünschen magst!‹


425

Beredet also rief er aus:

›Wenn ich mich selber friste nur,

Genügt es mir!

Mit Isidāsī weil' ich nicht,

Nicht unter einem Dach mit ihr.‹


[597] 426

Das war sein letzter Abschiedsgruß.

Allein mit meinem Grame sann ich nach:

»Fort will ich, fort von hier, hinweg,

Will sterben – oder Nonne sein!«


427

Und siehe: Jinadattā kam,

Almosen bettelnd, Haus um Haus heran:

Sie stand in Züchten still am Tor,

So tief bedacht, so innig echt.


428

Und als ich stumm sie harren sah

Erhob ich mich und ging entgegen ihr,

Und bot ihr Gruß und bot ihr Sitz,

Und gab ihr Speise, gab ihr Trank.


429

Wie nun das Mahl war dargereicht,

Gekochter Reis und kühler Trunk,

Vertraut' ich meinen Wunsch ihr an:

»Ins Kloster will ich, Schwester, gehn!«


430

Der Vater hört' es, kam herbei,

›Im Hause‹, sprach er, ›kannst du heilig sein, o Kind,

Und Speise spenden, kühlen Trank

Asketen und Brāhmanen Tag um Tag.‹


431

Doch weinend fleht' ich, schluchzte laut,

Mit aufgehobnen Händen bat ich ihn:

»Muß haben böse Tat getan,

Die will ich büßen, sühnen nun!«


432

Da hat mein Vater mich umarmt:

›So wirb um Wissen, allerhöchstes Heil,

Und Wahnerlöschung, finde sie,

Wie sie der Menschen bester offenbart.‹


[598] 433

So bin ich fortgezogen bald,

Ließ Vater, Mutter, alles hinter mir;

War sieben Tage selbstvertieft:

Am achten ging mir Wissen dreifach auf.


434

Und sieben Leben schau' ich deutlich durch,

Wie eines aus dem andern folgt,

Und will es, Bodhi, weisen dir:

Bedächtig horche, höre zu.


435

In Eramwerder lebt' ich einst

Als Goldschmied, reich mit Geld und Gut begabt:

Von Jugendlust berauscht, berückt

Verführt' ich Frauen andrer frech.


436

Und als ich starb, von dannen schied,

Geriet ich abwärts, an verruchten Ort,

Und Qualen litt ich lange Zeit,

Erschien im Affenschoße wieder dann.


437

Und sieben Tage lebt' ich erst,

Da biß der Affenhäuptling mir die Hoden ab:

Das war die Folge, war der Lohn,

Weil einst ich Frauen andrer frech verführt.


438

Und als ich starb, von dannen schied

Aus jenem Forst, im weiten Sindherwald,

Hat lahmes, eingeäugtes Schaf

Empfangen mich im Mutterschoß.


439

Zwölf Jahre hab' ich dann gelebt,

Verschnitten, Kinder ritten, hetzten mich herum,

War siech, von Würmern heimgesucht,

Weil einst ich Frauen andrer frech verführt.


[599] 440

Und wieder starb ich, schwand hinweg –

Viehzüchters Kuh gebar mich neu als Kalb:

Und rötlich glänzend wuchs ich auf,

Und ward verstümmelt übers Jahr.


441

Und vor dem Pfluge zog ich zäh,

Und mußte schleppen Karren schwer,

Geplagt, erblindet, siech verseucht,

Weil einst ich Frauen andrer frech verführt.


442

Und wieder starb ich, schwand hinweg –

Gemeine Magd gebar mich auf der Gasse neu,

Als Zwitterkind: war weder Weib noch Mann,

Weil einst ich Frauen andrer frech verführt.


443

So lebt' ich dreißig Jahre lang –

Als Kärrnerstochter kam ich wieder dann zur Welt,

In armer Hütte, herber Not:

Vom Tische Reicher lasen wir die Reste auf.


444

Da hielt ein Kaufherr bei uns an,

Gab vieles Geld und Gut um mich dahin,

Und nahm mich fort vom Vaterhaus,

Kein Bitten half, kein Weinen mir.


445

Allmählich wuchs ich auf bei ihm

Zur Jungfrau, sah der Jahre sechzehn voll,

Als Giridāso mich, der Sohn,

Entflammt in Liebe, frech umfing.


446

Der war vermählt mit anderm Weib,

Mit edler Gattin, züchtig, hold und gut,

Ergeben innig dem Gemahl:

So sät' ich Haß und Hader unter sie.


[600] 447

Das war die Folge, war der Lohn:

Verachtung mußt' ich ernten überall,

Und war doch willig, war doch mild –

Ein Ende hab' ich da gemacht.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 593-601.
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