Widmung an Se. Exz.

den Grafen Wilhelm von Devonshire,

meinen hochzuverehrenden Herrn

[62] Nach einer Äußerung des Zensors Marcus Cato herrschte beim römischen Volke, welches in Erinnerung an die Tarquinier und infolge seiner Staatsverfassung den Königen nicht wohlwollte, die Ansicht, »daß alle Könige zum Geschlecht der wilden Tiere gehörten«. Aber war nicht das römische Volk selbst ein reißendes Tier? Hatte es nicht durch seine Bürger, welche von den beraubten Völkern die Beinamen des afrikanischen, des asiatischen, des mazedonischen, des achäischen und andere erhalten hatten, beinahe den ganzen Erdkreis geplündert? Nicht minder weise als dieser Ausspruch des Cato war daher der des Pontius Telesinus, welcher in der Schlacht an dem Collinischen Tore gegen Sylla, als er die Reihen seines Heeres durcheilte, ausrief: »Rom selbst müsse verwüstet und zerstört werden, denn die Wölfe, die Räuber der italischen Freiheit, würden immer wiederkehren, solange nicht dieser Wald, ihr Zufluchtsort, gefällt sein werde.«

Nun sind sicher beide Sätze war: Der Mensch ist ein Gott für den Menschen, und: Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen; jener, wenn man die Bürger untereinander, dieser, wenn man die Staaten untereinander vergleicht. Dort nähert man sich durch Gerechtigkeit, Liebe und alle Tugenden des Friedens der Ähnlichkeit mit Gott; hier müssen selbst die Guten bei der Verdorbenheit der Schlechten ihres Schutzes wegen die kriegerischen Tugenden, die Gewalt und die List, d.h. die[63] Raubsucht der wilden Tiere, zu Hilfe nehmen. Wenn auch die Menschen sich dies gegenseitig zum Vorwurf machen, weil sie nach einem eingeborenen Hang die eignen Handlungen, von andern verübt, wie in einem Spiegel anschauen, wo das Linke rechts und das Rechte links erscheint, so ist es doch nach dem in der Notwendigkeit der Selbsterhaltung wurzelnden Naturrecht nicht als Schuld anzusehen. Daß aber der wegen seiner Weisheit gefeierte Cato so sehr dem Hasse statt dem ruhigen Urteile, und der Leidenschaft statt der Vernunft nachgeben konnte, um das, was er bei seinem Volke für recht hielt, bei den Königen für unrecht zu erklären, hat vielleicht manchen verwundert. Allein ich bin schon lange der Ansicht, daß kein vortrefflicher Ausspruch jemals dem Volke gefallen hat, und daß die Masse eine Weisheit, die über ihren Verstand geht, nicht anerkennen kann; entweder verstehen sie sie nicht, oder wenn sie sie verstehen, so ziehen sie sie herab. Die berühmten Taten und Aussprüche der Griechen und Römer verdanken ihre geschichtliche Bedeutung nicht ihrer Vernünftigkeit, sondern ihrer Größe und oft jener Raubtiernatur, die sie sich gegenseitig vorwerfen, und die zugleich mit den öffentlichen Taten auch ihre Urheber (mögen sie gewesen sein, wie sie wollen) im Laufe der Jahrhunderte hervorhebt.

Die wahre Weisheit ist nun aber die Kenntnis der Wahrheit in allen Dingen. Sie entspringt aus der durch feste und bestimmte Namen erweckten Erinnerung an die Dinge und ist nicht das Werk eines heftigen Geistes und einer plötzlichen Aufwallung, sondern das Werk der rechten Vernunft, d.h. der Philosophie. Diese eröffnet den Weg von der Betrachtung der einzelnen Dinge zu den allgemeinen Gesetzen. In so viel Gattungen, als die Dinge, welche die menschliche Vernunft umfaßt, zerfallen, in so viel Zweige teilt sich auch die Philosophie und erhält nach dem Unterschied ihrer Gegenstände unterschiedene Namen. Die, welche die Figuren behandelt, heißt die Geometrie; die, welche die Bewegung behandelt, die Physik; und die, welche das natürliche Recht behandelt, die Moral. Sie alle bilden die Philosophie, welche dem Meere gleicht, das hier das britische, dort das atlantische, anderwärts[64] das indische nach den anliegenden Ländern genannt wird, aber als Ganzes doch nur der eine Ozean ist. Die Geometer haben nun ihr Gebiet vortrefflich behandelt; denn alles, was dem menschlichen Leben nützlich ist, sei es die Beobachtung der Gestirne oder die Beschreibung der Länder oder die Einteilung der Zeit oder weite Seereisen, ebenso alles Schöne an den Gebäuden, alles Feste an den Schutzwehren, alles Wunderbare an den Maschinen, alles endlich, was die heutige Zeit von der Barbarei vergangener Jahrhunderte unterscheidet, ist beinahe nur der Geometrie zu verdanken; denn selbst das, was die Physik uns genützt hat, verdankt diese erst der Geometrie. Wenn die Philosophen bei der Moral ihre Aufgabe mit gleichem Geschick gelöst hätten, so wüßte ich nicht, was der menschliche Fleiß noch weiter zum Glück der Menschen in diesem Leben beschaffen könnte. Denn wenn die Verhältnisse der menschlichen Handlungen mit der gleichen Gewißheit erkannt worden wären, wie es mit den Größenverhältnissen der Figuren geschehen ist, so würden der Ehrgeiz und der Geldgeiz gefahrlos werden, da ihre Macht sich nur auf die falschen Ansichten über Recht und Unrecht stützt, und das Menschengeschlecht würde eines beständigen Friedens genießen, welcher nie durch Kämpfe (ausgenommen um den Platz bei der wachsenden Menge der Menschen) gestört werden würde. Wenn dagegen jetzt der Krieg mit den Schwertern und der Krieg mit den Federn kein Ende nimmt; wenn die Kenntnis des Rechts und der natürlichen Gesetze heute nicht größer ist als in alten Zeiten; wenn jede Partei ihr Recht mit Aussprüchen der Philosophie unterstützt; wenn dieselbe Handlung von dem einen gelobt und von dem andern getadelt wird; wenn derselbe Mensch heute das billigt, was er morgen verdammt, und wenn er die eigenen Taten anders beurteilt, sofern sie andere tun: so sind dies deutliche Zeichen, daß die bisherigen moralischen Schriften der Philosophen zur Erkenntnis der Wahrheit nichts beigetragen haben. Sie haben wohl gefallen, aber den Geist nicht erleuchtet, vielmehr durch eine schöne, den Neigungen schmeichelnde Darstellung blindlings angenommene Meinungen unterstützt. Es ist diesem Teile der Philosophie wie den öffentlichen Landstraßen ergangen:[65] alle Welt wandelt darauf, man geht auf ihnen hin und her, der eine zur Erholung, der andere zum Streit; aber gesät wird darauf nichts. Die Ursache hiervon scheint lediglich darin zu liegen, daß von denen, welche diesen Zweig der Philosophie behandelt haben, keiner die wahren Anfänge der Lehre zugrunde gelegt hat. Denn man kann bei der Wissenschaft nicht wie bei einem Kreise den Anfang nach Belieben nehmen; in dem Dunkel des Zweifels selbst beginnt ein Faden der Vernunft, von dem geführt man zu dem hellsten Licht hindurchdringt. Und hier ist die Grundlage der Lehre; von hier ist rückwärts das Licht zur Lösung der Zweifel herbeizubringen. So oft mithin ein Schriftsteller diesen Faden aus Unkenntnis verläßt oder aus Leidenschaft abreißt, so oft beschreibt er in seiner Schrift nicht die Spuren der Wissenschaft, sondern die seiner Irrtümer.

So erinnerte mich, als ich meine Gedanken auf die Untersuchung der natürlichen Gerechtigkeit richtete, schon der Name der Gerechtigkeit, die den beharrlichen Willen, jedem sein Recht zu gewähren, bezeichnet, daran, daß ich vor allem den Grund zu ermitteln hätte, weshalb jemand eine Sache eher die seine als die eines andern nennt. Da sich ergab, daß dies nicht auf der Natur, sondern auf dem Übereinkommen der Menschen beruht (denn das, was die Natur für alle hervorgebracht, ist erst durch die Menschen verteilt worden), so führte mich dies auf die weitere, Frage, zu welchem Zweck und infolge welcher Nötigung die Menschen gewollt haben, daß, da eigentlich alles allen gehörte, jeder ein besonderes Eigentum haben solle. Ich sah nun, daß aus diesem gemeinsamen Besitz der Dinge der Krieg und damit alle Arten von Elend für die Menschen, die sich um deren Genuß mit Gewalt stritten, notwendig hervorgehen müsse; obgleich alle von Natur diesen Zustand verabscheuen. So gelangte ich zu den zwei sichersten Forderungen der menschlichen Natur: die eine ist die Forderung der natürlichen Begierden, vermöge deren jeder den Gebrauch der gemeinsamen Dinge für sich allein verlangt; die andere ist die Forderung der natürlichen Vernunft, vermöge deren jeder dem gewaltsamen Tode als dem höchsten Übel der Natur auszuweichen sucht. Von[66] diesen Grundlagen aus glaube ich die Notwendigkeit der Verträge und der Einhaltung der Treue und damit die Elemente der sittlichen Tugenden und der bürgerlichen Pflichten in dieser kleinen Schrift in klaren Folgerungen dargelegt zu haben. Die Zugabe über das Reich Gottes ist deshalb geschehen, damit nicht zwischen den Geboten Gottes, die er in der Natur gegeben, und den Gesetzen Gottes, welche in der Heiligen Schrift überliefert werden, der Schein eines Widerspruchs stehen bleibe. Auch habe ich mich im ganzen Verlauf meiner Arbeit sorgfältig in acht genommen, etwas über die bürgerlichen Gesetze eines bestimmten Volkes zu sagen; denn ich mochte mich den gefährlichen Küsten nicht nähern, wo Klippen und stete Stürme drohen.

Wieviel Mühe und Sorgfalt ich auf die Erforschung der Wahrheit verwendet habe, weiß ich; wieweit ich sie erreicht habe, weiß ich nicht; denn die Eigenliebe läßt die eigenen Leistungen nicht richtig abschätzen. Ich überreiche deshalb diese Schrift Ihnen mehr zu einer strengen Prüfung als zu einer gütigen Aufnahme, da ich von Ihnen aus zuverlässigen Proben weiß, daß jedwede Ansicht nicht wegen der Berühmtheit ihres Verfassers oder wegen ihrer Neuheit oder wegen ihrer schönen Form, sondern nur durch die Festigkeit ihrer Gründe beifällige Aufnahme findet. Wenn die Schrift Ihnen gefallen sollte, d.h. wenn sie kraftvoll, wenn sie nutzbringend und nicht alltäglich ist, dann erst übergebe und widme ich sie in Untertänigkeit Ihnen, hochgeehrter Herr, meinem Stolze und meiner Zierde; habe ich aber geirrt, so haben Sie an ihr wenigstens ein Zeugnis meiner Dankbarkeit und meines Bestrebens, die durch Ihre Güte mir gewährte Muße zur Gewinnung Ihrer Gewogenheit zu benutzen. Möge der allmächtige und allgütige Gott Sie, den besten Bürger, auf Erden beschützen, und wenn Ihr Leben nach einer langen Dauer sich schließt, Sie mit dem Ruhme des himmlischen Reiches krönen.

Paris, 1. November 1646.

Eurer Exzellenz

untertänigster Diener

Thomas Hobbes.[67]

Quelle:
Thomas Hobbes: Grundzüge der Philosophie. Zweiter und dritter Teil: Lehre vom Menschen und Bürger. Leipzig 1918, S. 62-68.
Lizenz:

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