Epilog

[205] Maimons Vorrede zum zweiten Teil dieses Buches ist nach Abschluß des Ganzen verfaßt und findet daher hier sinnvoll ihren Ort als Epilog.


Es geschieht nicht meinetwegen, sondern bloß deinetwegen, liebster Leser, wenn ich zum zweiten Teil meiner Lebensgeschichte noch eine Vorrede schreibe: um dir den gehörigen Gesichtspunkt, aus welchem du sie zu beurteilen und die Art wie du dir dieselbe zu Nutze machen kannst, genau anzugeben.

Es ist nicht bloß eine Autorgrimasse, wenn ich dir sage, wie sehr ich abgeneigt war, diese Lebensgeschichte zu schreiben, nicht eben deswegen weil ich glaubte, daß es nur großen Männern von Titel und Rang zukömmt, von den Staatsaffairen, worin sie in ihrem Leben verwickelt waren, von den Hofkabalen mit denen sie beständig zu kämpfen hatten, kurz von ihren politischen oder militärischen Expeditionen zu Wasser und zu Lande der Welt Rechenschaft zu geben; weil es manche Rücksichten geben kann, worin geringfügig scheinende Vorfälle des menschlichen Lebens weit interessanter und lehrreicher sein können als die vorerwähnten glänzenden Taten, die sich überall ziemlich gleich bleiben, so daß man, vorausgesetzt, daß die Lage der Person, die sie betreffen, bekannt ist, diese Vorfälle schon a priori ahnden und mit ziemlicher Genauigkeit vorhersagen kann. Die Natur ist unerschöpflich, dahingegen Beschreibungen dieser Art schon längst erschöpft worden sind.

Die wahre Ursache also, die mich davon abhielt, ist keine andere als das Bewußtsein meines Unvermögens, die Vorfälle meines Lebens, die an sich in psychologischer, pädagogischer und moralischer Rücksicht interessant und lehrreich genug sein möchten, so darzustellen, als es diesen Zwecken gemäß ist.

Da ich bloß in psychologischer Rücksicht einige Fragmente davon in dem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde lieferte, so fanden diese, über meine Erwartung, so vielen Beifall,[206] daß ich länger dem Wunsch meiner Freunde und besonders (welches in meiner Lage das wichtigste ist) des Herrn Verlegers, der selbst Kenner ist, diese Lebensgeschichte, so unvollkommen sie auch geraten möchte, ganz zu liefern, nicht widerstehen konnte.

Ich habe diese Lebensgeschichte zwar nicht nach deutlich entwickelten Regeln einer guten Biographie geschrieben; doch glaube ich imstande zu sein, dir, liebster Leser! sowohl von dem Plan als den Regeln, die ich hierin, ohne mein Bewußtsein, befolgt habe, Rechenschaft zu geben.

Erstlich habe ich mir vorgesetzt, in meinen Erzählungen und Beschreibungen der Wahrheit, sie mag zum Vorteil oder Nachteil meiner Person, Familie, Nation oder sonstigen Verhältnisse ausfallen, getreu zu bleiben. Ich bin im ersten Fall weit entfernt, von der so genannten Bescheidenheit (die Schutzwehr aller Nichtswürdigen!) mich verleiten zu lassen, das was anderen nützlich sein könnte bloß deswegen zu verschweigen, weil es mir auf irgend eine Weise schmeichelhaft ist.

Die wahre Bescheidenheit befiehlt keineswegs, eigene Vorzüge so viel als möglich zu verbergen, damit nicht andere denen sie mangeln, dadurch gedemütigt werden (eine für die menschliche Bestimmung fatale Forderung!), indem sich andere diese Demütigung leicht hätten ersparen können, – sondern bloß eigene Vorzüge nicht zu hoch anzuschreiben und sie nach einer angestellten Vergleichung derselben mit den weit größeren Vorzügen anderer, ja! mit der höchsten, dem Menschen möglichen Vollkommenheit, auf ihren wahren Wert herabzusetzen.

So will ich auch im zweiten Fall nichts Menschliches, das mir aus Unwissenheit, Erziehungsfehlern und dergleichen in meinem Leben hätte begegnen können, nach dem bekannten Spruch: homo sum, nihil humanum a me alienum puto, und welches in Ansehung seiner Folgen andern zur Warnung dienen könnte, aus einer Affektation der Unfehlbarkeit verschweigen oder zu übertünchen suchen.[207]

Anderen Personen, mit denen ich in irgend ein Verhältnis geraten bin, lasse ich eben diese Gerechtigkeit widerfahren. Ich stelle ihre guten Handlungen als Muster zur Nachahmung auf und die schlechten in ihrer Blöße dar.

Du wirst auch bemerkt haben, liebster Leser! daß die Menschen in ihrer Art, ihre Vollkommenheit und Mängel zu äußern, füglich in drei Klassen eingeteilt werden können. Die aus der ersten Klasse sind sehr wohlwollend, sie suchen alles Gute und Schöne, das sie aus ihrem Innern auftreiben können, andern zum Besten zur Schau zu stellen; das Böse und Törichte hingegen verwahren sie aufs sorgfältigste zu ihrem eigenen Gebrauche. Diese sind die sogenannten Weltleute und Menschen von Erziehung. Die aus der zweiten Klasse machen es gerade umgekehrt, behalten ihre Weisheit für sich und bringen ihre Torheit zu Markte. Die aus der dritten Klasse gehen den Mittelweg und gestehn andern mit sich selbst gleiche Rechte zu, indem sie ihre Produkte, wie sie nach dem Segen des Herrn geraten, andern mitteilen. Diesen wird selten Gerechtigkeit widerfahren, besonders seit dem Sündenfall, da die Menschen geneigt sind, alles lieber von der schlechten als von der guten Seite zu betrachten, und jene, da sie von dem einmal angenommenen gesellschaftlichen Ton so sehr abweichen, keine leichte Übersicht des Ganzen, sondern bloß Bruchstücke zur Beurteilung darbieten. Wer das Unglück hat, zu dieser Klasse zu gehören, wird von manchen Theologen als ein der Religion gefährlicher Mensch, von manchen Politikern als ein Störer der gesellschaftlichen Ruhe, von manchen Medizinern als einer, der Verstopfung in der Leber hat, vorgestellt; ja manche Damen bekamen schon bei seinem Anblick vapeurs. Alle diese Manche aber sind nach dem Urteil des großen Metaphysikers Butler: Instrumente, deren sich Schurken zur Erreichung ihrer Absichten bedienen, d.h. Narren.

Ich habe daher, liebster Leser, in dieser Lebensbeschreibung dir zum Nutzen und Frommen, sowohl mir selbst[208] als anderen, mit denen ich in irgend ein Verhältnis geraten bin, die gehörige Stelle angewiesen und daraus eines jeden Handlungsweise zu bestimmen gesucht.

Ich bin zwar kein großer Mann, kein Philosoph für die Welt, kein Possenreißer; habe auch in meinem Leben keine Mandel Mäuse in der Luftpumpe ersticken, keine Frösche auf die Tortur bringen, auch keine Männchen durch die Elektrizität tanzen lassen. Aber was tut dies zur Sache? ich liebe die Wahrheit, und wo es darauf ankömmt, frage ich selbst nach dem Teufel und seiner Großmutter nicht.

Da ich nun die Wahrheit aufzusuchen, meine Nation, mein Vaterland und meine Familie verlassen habe, so kann man mir nicht zumuten, daß ich geringfügiger Motive halber der Wahrheit etwas vergeben sollte.

Persönliche Feindschaft hege ich gegen niemand; wer aber ein Feind der Wahrheit ist, wer sein Ansehen beim Publikum dazu mißbraucht, dasselbe aus niedrigen Absichten irre zu führen, ist eo ipso mein Feind, sollte er auch übrigens mit mir in gar keinem besondern Verhältnis stehen; und ich werde keine Gelegenheit verabsäumen, dem Publikum sein Betragen in das rechte Licht zu stellen, er mag römischer Bischof, Professor oder türkischer Sultan sein.

Es ist eine ausgemachte Wahrheit: Die Natur tut keinen Sprung. Alle großen Begebenheiten sind Folgen vieler kleinern, die teils mit einander einstimmig, teils aber einander entgegengesetzt gewirkt, und sich einander wechselseitig eingeschränkt haben, so daß diese großen Begebenheiten nicht anders als deren Resultate betrachtet werden müssen.

Da nun wie du, liebster Leser, schon aus dem ersten Teil gesehen haben wirst, mit meiner Bildung eine große und dem Anschein nach plötzliche Veränderung vorgegangen ist, so hielt ich es für Pflicht, diese Lebensgeschichte in dieser Rücksicht pragmatisch zu behandeln und nichts auch an sich geringfügiges, welches aber in Ansehung meiner Bildung von Folgen war, wegzulassen. Ein großer, ja[209] vielleicht der größte Mann, den unsere Nation bisher aufweisen kann, hatte durch seine Schriften sowohl auf die Ausbildung meiner geringen Fähigkeiten als meines Charakters den größten Einfluß.

Auch habe ich meine andern Wohltäter, die unmittelbar oder mittelbar zu meiner geistlichen Wiedergeburt auf irgend eine Weise beigetragen haben, nicht vergessen. Die diesen vortrefflichen Männern schuldige Dankbarkeit aber vermag doch nicht so viel über mich, daß ich nicht auch ihre schwachen Seiten (wo dieses zur Rechtfertigung meines Betragens notwendig schien) rügen sollte; nach dem bekannten Spruch: amicus Socrates, amicus Plato, sed magis amica veritas.

Da ich endlich Schriftsteller wurde und meine Gedanken, wie ich sie gefaßt habe, auf meine eigene Art bekannt machte, so war es natürlich, entweder mißverstanden oder gar nicht verstanden zu werden. Ich sah mich also hier gezwungen, zum Nutzen eines jeden Wahrheitsfreundes, der sich nicht begnügt Bücher bloß aus Anzeigen der Journalisten kennen zu lernen, dem Publiko auch hievon Rechenschaft zu geben, den Plan meiner Schriften und ihre Behandlungsart aufs genaueste zu bestimmen und dadurch die Mißverständnisse zu berichtigen.

Offenherzigkeit ist ein Hauptzug meines Charakters. Ich wollte mich daher nicht bloß durch eine treue Beschreibung meiner Handlungsweise in manchen Vorfällen meines Lebens, sondern hauptsächlich durch die Art dieser Beschreibung selbst nach dem Leben schildern. –

Außerdem soll meine Lebensgeschichte gleichsam mein Inventarium sein, worin sowohl, wieviel ich meiner Bestimmung näher gekommen, als dasjenige, was noch dazu mangeln möchte, aufs treueste eingetragen worden, und zur Erkenntnis meiner selbst wie auch zur möglichen Verbesserung dienen.[210]

Quelle:
Maimon, Salomon: Geschichte des eigenen Lebens (1754–1800). Berlin 1935, S. 205-211.
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Salomon Maimons Lebensgeschichte
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