Achtundzwanzigstes Kapitel

[193] Vierte Reise nach Berlin. Mißliche Umstände und Hilfe. Studium der Kantischen Schriften. Charakteristik meiner eigenen Arbeiten.


Mendelssohn, als ich nach Berlin kam, lebte nicht mehr, und meine ehemaligen Freunde wollten von mir nichts wissen. Ich wußte also nicht, was ich anfangen sollte. In der größten Not kam Herr Bendavid zu mir und sagte, daß er von meinen mißlichen Umständen gehört und für mich eine kleine Kollekte von ungefähr dreißig Talern zusammengebracht habe, die er mir übergab. Außerdem machte er mich mit einem gewissen Herrn Jojard bekannt, einem aufgeklärten, edeldenkenden Mann, der sich meiner sehr tätig und freundschaftlich annahm und mir bei Herrn J ... Unterstützung verschaffte. Der Herr Professor ... suchte mir zwar bei diesem würdigen Mann einen üblen Dienst zu spielen, indem er mich als einen Atheisten verschrie, allein ich bekam doch nach und nach so viel, daß ich mich bei einer alten Frau auf eine Dachstube einmieten konnte. Ich beschloß nun, Kants Kritik der reinen Vernunft, wovon ich oft hatte sprechen[193] hören, die ich aber noch nie gesehen, zu studieren. Die Art, wie ich dieses Werk studierte, ist ganz sonderbar. Bei der ersten Durchlesung bekam ich von jeder Abteilung eine dunkle Vorstellung, nachher suchte ich diese durch eigenes Nachdenken deutlich zu machen und also in dem Sinn des Verfassers einzudringen, welches das eigentliche ist, was man sich in ein System hineindenken nennt. Da ich mir aber auf ebendiese Art schon vorher Spinozas, D. Humes und Leibnizens Systeme zu eigen gemacht hatte, so war es natürlich, daß ich auf ein Koalitionssystem bedacht sein mußte; dieses fand ich wirklich und setzte es auch in Form von Anmerkungen und Erläuterungen über die Kritik der reinen Vernunft nach und nach auf, so wie dieses System sich bei mir entwickelte, woraus zuletzt meine Transzendentalphilosophie entstand. Hier wird ein jedes der vorerwähnten Systeme so entwickelt, daß daraus der Vereinigungspunkt aller sich ergibt. Daher muß dieses Buch demjenigen zu verstehen schwerfallen, der aus einer Steifigkeit im Denken sich bloß das eine dieser Systeme geläufig gemacht hat, ohne auf alle andern Rücksicht zu nehmen. Hier wird das wichtige Problem, mit dessen Auflösung sich die Kritik beschäftigt: quid juris? in einem viel weitern Sinn, als Herr Kant es nimmt, ausgeführt, und dadurch für den Humeschen Skeptizismus in seiner völligen Stärke Platz gelassen. Von der andern Seite aber führt die vollständige Auflösung dieses Problems notwendig auf den Spinozistischen oder Leibnizischen Dogmatismus.

Als ich dieses Werk vollendet hatte, zeigte ich es Herrn ... Dieser gestand, daß er zwar unter Kants vornehmste Schüler gezählt werde und seinen philosophischen Vorlesungen aufs fleißigste beigewohnt habe, wie aus einer seiner Schriften zu ersehen sei, doch aber nicht imstande sei, so wenig die Kritik selbst, als eine andere Schrift, die sich darauf bezieht, zu beurteilen; er riet mir daher, mein Manuskript geradezu an Kant selbst zu überschicken und[194] es seinem Urteile zu unterwerfen, versprach auch, dasselbe mit einem Schreiben an diesen großen Philosophen zu begleiten.

Ich schrieb also an Kant und überschickte ihm mein Werk, auch Herrn ... Schreiben blieb nicht außen. Es dauerte aber eine geraume Zeit, ehe Antwort kam. Endlich kam sie, und in dem Schreiben an Herrn ... hieß es unter anderm:

»Aber wo denken Sie hin, liebster Freund! mir einen großen Pack der subtilsten Nachforschungen, zum Durchlesen nicht allein, sondern auch zum Durchdenken zu überschicken; mir, der ich in meinem sechsundsechzigsten Jahre noch mit einer weitläuftigen Arbeit meinen Plan zu vollenden (teils in Lieferung des letzten Teils der Kritik, nämlich den der Urteilskraft, welcher bald herauskommen soll, teils in Ausarbeitung meines Systems der Metaphysik der Natur sowohl als der Sitten jenen kritischen Forderungen gemäß) beladen bin. Der ich überdem durch viele Briefe, welche spezielle Erklärungen über gewisse Punkte verlangen, unaufhörlich in Atem erhalten werde, und obendrein von wankender Gesundheit bin. Ich war schon halb entschlossen, das Manuskript sofort mit der vorerwähnten so gegründeten Entschuldigung zurückzuschicken. Allein ein Blick, den ich darauf warf, gab mir bald die Vorzüglichkeit desselben zu erkennen, und daß nicht allein niemand von meinen Gegnern mich und die Hauptfrage so wohl verstanden, sondern daß auch nur wenige zu dergleichen tiefen Untersuchungen so viel Scharfsinn besitzen möchten, als Herr Maimon, und dieses bewog mich« usw. In einer andern Stelle heißt es: »Herrn Maimons Schrift enthält übrigens so viele scharfsinnige Bemerkungen, daß er sie nicht ohne einen für ihn vorteilhaften Eindruck immer hätte ins Publikum schicken können« usw. In dem Schreiben an mich selbst sagt er: »Euer Wohledelgeboren Verlangen habe ich so viel, als für mich tunlich war, zu willfahren gesucht, und wenn es nicht durch eine Beurteilung Ihrer ganzen Abhandlung hat geschehen können, so werden Sie die Ursache dieser[195] Unterlassung aus dem Briefe an Herrn H ... vernehmen. Gewiß ist es nicht Verachtung, die ich gegen keine ernstliche Bestrebung in vernünftigen und die Menschheit interessierenden Nachforschungen, am wenigsten aber gegen eine solche, wie die Ihrige ist, bei mir hege, die in der Tat kein gemeines Talent zu tiefsinnigen Wissenschaften verrät.«

Man kann sich leicht denken, wie wichtig und angenehm mir der Beifall dieses großen Kenners sein mußte; besonders sein Zeugnis, daß ich ihn wohl verstanden habe, wodurch einigen stolzen Kantianern, die sich im Alleinbesitze der kritischen Philosophie zu sein glauben und daher jede Einwendung, obschon sie nicht auf eine eigentlich sogenannte Widerlegung, sondern auf eine nähere Ausführung dieser Philosophie abzielt, ohne allen Erweis mit der bloßen Behauptung: der Verfasser hat Kant nicht verstanden, abfertigen, die Gelegenheit benommen wurde, sich ebenderselben gegen dieses Buch zu bedienen, indem ich nach eigenem Zeugnis des Urhebers dieser Philosophie mich ebendieses Arguments mit mehrerm Recht gegen diese Herren bedienen kann. –

Während dieser Zeit hatte ich mich in Potsdam auf Herrn J ... Lederfabrik aufgehalten: als aber Kants Briefe ankamen, reiste ich nach Berlin und widmete meine Zeit dem Herausgeben der Transzendentalphilosophie. Ich widmete dieses Werk, als geborener Pole, dem Könige von Polen, brachte auch ein Exemplar dem polnischen Residenten, allein es wurde nicht abgeschickt, und ich wurde unter verschiedenem Vorwand von Zeit zu Zeit aufgezogen. Sapienti sat! –

Ein Exemplar dieses Werks war, wie gewöhnlich, an die Expedition der allgemeinen Literatur-Zeitung geschickt worden. Da nun in geraumer Zeit keine Anzeige erfolgte, schrieb ich selbst dahin und erhielt zur Antwort: »Ich wisse selbst, wie gering die Anzahl derjenigen sei, die geschickt dazu wären, philosophische Werke richtig zu fassen und zu beurteilen: drei der spekulativsten Denker hätten[196] die Anzeige meines Werkes abgelehnt, weil sie nicht vermögend wären, mit mir in die Tiefen meiner Untersuchungen einzudringen. Der Antrag sei einem vierten geschehen, von dem sie eine ihre Wünsche befriedigende Antwort zu erhalten hofften. Aber auch diese vierte Anzeige blieb bis jetzt zurück.«

Auch für das Journal für Aufklärung fing ich jetzt an zu arbeiten. Mein erster Aufsatz darin war über Wahrheit in einem Briefe an meinen edlen Freund H.L ... in Berlin. Die Veranlassung dazu gab ein Brief desselben während der Zeit meines Aufenthalts in Potsdam, worin er mir in einem jovialen Ton schrieb: die Philosophie gelte nichts mehr. Ich solle daher darauf bedacht sein, die Ledergerberei zu lernen, da ich jetzt dazu Gelegenheit hätte. Ich antwortete ihm: die Philosophie sei keine Münze, die der Veränderung des Wechselkurses unterworfen ist, und führte diesen Satz hernach in diesem Aufsatze aus. In demselben wird erstlich die Wolffische Erklärung der logischen Wahrheit: Übereinstimmung unseres Urteils mit dem Objekte, getadelt, indem die Logik von allen besonderen Objekten abstrahiert. Die logische Wahrheit kann also nicht in Übereinstimmung unserer Erkenntnis mit dem (besonderen) Objekte, sondern in ihrer Übereinstimmung mit einem Objekte überhaupt oder mit sich selbst bestehen (indem sie keinen Widerspruch enthält), denn was mit sich selbst (formell) nicht übereinstimmt, kann in keinem Objekt (materiell) gedacht werden. Wahrheit muß bloß das Logische (die Formen der Identität und des Widerspruchs), die Objektivität hingegen (die Beziehung auf ein reelles Objekt) Realität heißen. Darauf folgt eine Vergleichung zwischen dem Gebrauch einer reellen und idealen Münze und dem Gebrauche der reellen und formellen Erkenntnis, wie auch zwischen jenem und der intuitiven und symbolischen Erkenntnis. Endlich wird gezeigt, daß das Wahre und das (absolute) Gute den Satz der Identität zum gemeinschaftlichen Prinzip haben.[197]

In einem andern Aufsatze dieses Journals zeigte ich, daß Tropen keineswegs die Übertragung eines Wortes von einem Gegenstande auf einen diesem analogischen bedeutet (wie gemeiniglich dafür gehalten zu werden pflegt), weil ein solches Wort das beiden Gegenständen Gemeinschaftliche bedeutet, folglich in der Tat gar nicht übertragen wird, sondern die wahren Tropen sind Übertragungen der Worte von einem Relationsgliede auf sein Korrelatum; da nun alle Arten der Verhältnisse, worin verschiedene Gegenstände gedacht werden können, aus der Logik a priori angegeben werden können, so können auch alle Arten Tropen a priori bestimmt und in ein vollständiges System (nach Art der Kategorien) gebracht werden.

Herr Rektor Tieftrunk machte dagegen in ebendiesem Journal Einwendungen, welches mir Gelegenheit gab, in einem zweiten Aufsatz diese Gründe weiter auszuführen. Ich zeigte darin, daß die Erklärung der Wolffischen Definition von der Wahrheit: Übereinstimmung unseres Urteils mit dem Objekte, keine andere sein könne, als die Übereinstimmung mit dem besonderen Objekte des Urteils, wie dieses aus dem in dem Korrolarium angeführten Beispiele erhellt, und daß diese Definition der logischen Wahrheit eben darum unrichtig sei, weil sie in der Tat nicht die Erklärung der logischen, sondern der metaphysischen Wahrheit sei. Ich zeige auch den Unterschied zwischen den Formen der Identität und des Widerspruchs und den übrigen Formen des Denkens, indem jene sich auf ein Objekt überhaupt, diese hingegen auf ein besonderes Objekt beziehen.

Jene sind daher allgemeingültig (sie sind die conditio sine qua non sowohl eines Objekts überhaupt als eines jeden besonderen Objekts). Von diesen ist es hingegen zweifelhaft. (Die Kantische Erklärung der Notwendigkeit der objektiven Urteile aus der Möglichkeit einer Synthesis überhaupt ist in Ansehung der sich auf besondere Objekte[198] beziehenden Urteile nicht hinlänglich.) Ferner, so wie die logische Wahrheit in dem formellen, so besteht die metaphysische in dem reellen Denken.

In einem anderen Aufsatz unter dem Titel Baco und Kant stelle ich eine Vergleichung zwischen den Bemühungen dieser beiden Reformatoren der Philosophie an. Beide stimmen darin überein, daß die Logik eine bloß formelle, nicht aber eine reelle Erkenntnis liefern kann. Beide erklärten es daher für einen Mißbrauch des Denkens, wenn man das bloß Formelle durch sich selbst zu realisieren sucht, wie es die Metaphysiker gemeiniglich tun, ohne auf die Natur des Reellen (Materiellen) und die Bedingungen seiner Subsumtion unter dem Formellen Rücksicht zu nehmen. Sie unterscheiden sich bloß in dem Weg, den sie zur Abschaffung dieses Mißbrauchs einschlagen. Baco wählt den Weg der Induktion und zeigt die Methode an, dieselbe immer vollständiger zu machen. Kant hingegen beschäftigt sich mit der Analysis des Erkenntnisvermögens. Jener ist mehr für die Wirklichkeit der Gegenstände, dieser hingegen ist mehr für die Reinheit der Formen der Erkenntnis und die Rechtmäßigkeit ihres Gebrauchs besorgt. Endlich ist die Methode, die jener wählt, fruchtbarer, obschon die Evidenz nach derselben geringer ist. Die Methode, die dieser wählt, ist weniger fruchtbar, hingegen ist die Evidenz nach derselben die allerstrengste. Auch über die Weltseele lieferte ich in diesem Journal einen Aufsatz, worin ich mich zu zeigen bemühte, daß die Behauptung einer einzigen, allen beseelten Wesen gemeinschaftlichen Weltseele nicht nur so gut wie die ihr entgegengesetzte Behauptung wahr sein könne, sondern daß sie auch noch überwiegende Gründe für sich habe. Ich bringe die Streitfrage über die Einheit oder Mehrheit der Seelen mit der über die Zeugung nach den Systemen der Evolution und Epigenesis in Vergleichung und halte aus den angeführten Erfahrungen und Versuchen das letztere System für wahr und zeige seine Übereinstimmung mit[199] dem Begriffe einer Weltseele. Endlich zeige ich, daß die Behauptung einer Weltseele zum wenigsten als Idee viel vorzüglicher ist als die Leibnizische Harmonie und seine Theorie der dunklen Vorstellungen; führe auch noch andere Gründe für meine Behauptung an.

Mein letzter Aufsatz in diesem Journal betrifft den Plan meiner Transzendentalphilosophie. Ich erklärte darin, daß ich die Kantische Philosophie von seiten der Dogmatiker für unwiderleglich halte, hingegen glaube, daß sie von seiten des Humeschen Skeptizismus allen Angriffen ausgesetzt sei. Ich entwickele zu diesem Behuf das skeptische System in seiner größten Strenge und seinem weitläuftigsten Umfang und stelle dasselbe zum Ärgernis nicht nur der dogmatischen, sondern auch der sogenannten kritischen Philosophie auf.

Eine Gesellschaft junger Leute jüdischer Nation aus allen Gegenden Deutschlands vereinigte sich noch bei Mendelssohns Leben unter dem Namen: Gesellschaft der Forscher der hebräischen Sprache. Sie bemerkten mit Recht, daß der üble, sowohl moralische als politische Zustand der Nation in ihren Religionsvorurteilen, in dem Mangel einer vernünftigen Auslegung der Heiligen Schrift und der willkürlichen, auf der Unwissenheit in der hebräischen Sprache beruhenden rabbinischen Auslegung derselben gegründet sei. Sie vereinigten sich also in der Absicht, diese Mängel abzuhelfen, die Kenntnis der hebräischen Sprache aus ihren Quellen selbst zu schöpfen und dadurch eine vernünftige Exegesis einzuführen. Zu diesem Behufe beschlossen sie eine hebräische Monatsschrift unter dem Titel: Ha-Meaßef, der Sammler, herauszugeben, worin schwere Auslegungen aus der Heiligen Schrift, hebräische Gedichte, prosaische Aufsätze, Übersetzungen aus nützlichen Schriften und dergleichen vorkommen sollten.

Daß diese Absicht zwar gut war, der Zweck dadurch aber[200] schwerlich erreicht werden würde, sah ich gleich anfangs. Ich war mit den rabbinischen Grundsätzen und ihrer Denkungsart zu bekannt, als daß ich glauben konnte, daß dergleichen Mittel darin eine Änderung hervorbringen sollten. Die jüdische Nation ist, ohne Rücksicht auf zufällige Modifikationen, eine unter dem Schein der Theokratie immerwährende Aristokratie. Die Gelehrten, welche den Adel dieser Nation ausmachen, wußten sich seit vielen Jahrhunderten als das gesetzgebende Korpus bei den Gemeinen in ein solches Ansehen zu setzen, daß sie mit ihnen machen konnten, was sie wollten. Dieses hohe Ansehen ist ein natürlicher Tribut, den die Schwäche der Stärke schuldig ist. Denn da die Nation in so ungleiche Stände abgeteilt ist, nämlich in den Stand der Gemeinen und der Gelehrten, wovon jene wegen der durch manche Vorfälle verursachten schlimmen politischen Lage dieser Nation nicht nur in allen nützlichen Künsten und Wissenschaften, sondern selbst in den Gesetzen ihrer Religion, wovon doch ihr ewiges Wohl abhängen soll, höchst unwissend sind, so müssen sie die Auslegung der Heiligen Schrift, die Verfassung der daraus herzuleitenden Religionsgesetze und die Regeln ihres Gebrauchs in besonderen Fällen ganz und gar dem gelehrten Korps überlassen, das sie auf eigene Kosten unterhalten. Diese suchen den Mangel an Sprachkenntnis und einer vernünftigen Exegetik durch eignes Genie, Witz und Scharfsinn zu ersetzen. Man muß den Talmud mit dem Kommentar Toßafot (Zusätze zu dem ersten Kommentar von Rabbi Salomon Isaak) lesen, um sich von dem hohen Grad der Ausübung ihrer Talente einen Begriff zu machen.

Geistesprodukte werden bei ihnen daher nicht nach dem Grad der Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit, sondern nach dem Grade der dazu erforderlichen Talente geschätzt. Derjenige, der die hebräische Sprache versteht, in der Heiligen Schrift bewandert ist und sogar das ganze jüdische Corpus juris im Kopfe hat (welches wahrhaftig keine[201] Kleinigkeit) wird bei ihnen wenig ästimiert. Das größte Lob, das sie einem solchen geben, ist: Chamor noße ßefarim d.h. ein mit Büchern bepackter Esel. Dagegen wird derjenige, der durch eignes Genie aus den schon bekannten neue Gesetze herzuleiten, feine Distinktionen zu machen, verdeckte Widersprüche zu entdecken imstande ist, fast vergöttert. Und die Wahrheit zu gestehen, so ist diese Beurteilungsart bei Behandlung solcher Gegenstände, die auf keinen äußeren Zweck abzielen, sehr gegründet.

Man kann sich also leicht vorstellen, wie wenig Eingang ein bloß auf Bildung des Geschmackes, auf Sprachkenntnis oder andere (ihnen scheinende) Kleinigkeiten abzielendes Institut bei dieser Art Leuten haben mußte; und doch sind diese, nicht die wenigen hin und her zerstreuten Gebildeten, die Steuermänner dieses in allen Meeren verschlagenen Schiffs. Alle aufgeklärten Leute, sie mögen sonst noch soviel Geschmack und Kenntnis besitzen, sind bei ihnen Idioten. Warum? sie haben den Talmud (in dem Grade und nach der Art, wie sie es verlangen) nicht studiert. Mendelssohn war einigermaßen von dieser Seite geachtet, weil er in der Tat ein guter Talmudist war.

Ich war also nicht für, nicht gegen diese Monatsschrift, lieferte sogar zuweilen selbst hebräische Aufsätze dazu, unter welchen ich nur eines erwähnen will, der eine Auslegung einer dunklen Stelle des Maimonides in seinem Kommentar über die Mischna nach der Kantischen Philosophie enthält, auch ins Deutsche übersetzt, in die Berlinische Monatsschrift eingerückt worden ist.

Einige Zeit nachher wurde mir von dieser Gesellschaft (die sich jetzt die Gesellschaft der Beförderer des Edlen und Guten nennt) aufgetragen, das berühmte Werk des Maimonides: More Newochim in der hebräischen Sprache zu kommentieren. Ich übernahm diesen Auftrag mit Vergnügen und kam damit auch bald zustande. Bis jetzt aber ist nur erst ein Teil dieses Kommentars erschienen. Die[202] Vorrede dazu kann als eine kurze Geschichte der Philosophie betrachtet werden.

Ich war Anhänger aller philosophischen Systeme nach der Reihe gewesen, Peripatetiker, Spinozist, Leibnizianer, Kantianer und endlich Skeptiker, und immer demjenigen System zugetan, welches ich zur Zeit für das einzige wahre hielt. Endlich bemerkte ich, daß alle diese verschiedenen Systeme etwas Wahres in sich enthalten und in gewissen Rücksichten gleich brauchbar sind. Da aber die Verschiedenheit der philosophischen Systeme von den ihnen zum Grunde liegenden Begriffen von den Gegenständen der Natur, ihren Eigenschaften und Modifikationen abhängt, die nicht so wie Begriffe der Mathematik von allen Menschen auf gleiche Art bestimmt und a priori dargestellt werden können, so beschloß ich sowohl zu meinem eigenen Gebrauche als zum Nutzen anderer ein philosophisches Wörterbuch herauszugeben, worin alle philosophischen Begriffe auf eine freie Art (ohne Anhänglichkeit an irgendein besonderes System, sondern entweder durch eine, allen diesen Systemen gemeinschaftliche, oder durch mehrere einem jeden derselben eigene Erklärung) bestimmt werden sollten. So wird darin z.B. Recht im weitern Sinn auf eine allen Systemen der Moral gemeinschaftliche Art durch: die Regelmäßigkeit in den freiwilligen Handlungen, erklärt, ohne darauf zu sehen, ob diese Regelmäßigkeit zu einem Zweck dient oder nicht, und im ersten Falle, von welcher Art dieser Zweck sei. In engerem Sinne aber ist Recht in dem Epikureischen System diejenige Regelmäßigkeit, die die Glückseligkeit, in dem stoischen, die die Vollkommenheit des freien Willens, in dem Wolffischen, die die Vollkommenheit überhaupt, in dem Kantischen, die die praktische Vernunft zum Zwecke hat. Es kommen darin auch noch die Gründe pro und kontra vor, wodurch das Wahre und Brauchbare in einem jeden System genau bestimmt wird.

Unwillig über die dogmatische Philosophie von der einen[203] Seite, die aus dem diskursiven Denken zur reellen Erkenntnis (ohne zu wissen wie?) auf einmal übergeht; und auf die kritische Philosophie von der andern Seite, die durch zu viele Sorge für das Formelle, das Reelle der Erkenntnis aus den Augen setzt, da doch meiner Meinung nach diese beiden sich einander wechselsweise berichtigen, ergreife ich in diesem Werke die Partei der skeptischen Philosophie. Das Resultat derselben ist dieses: unsere Erkenntnis hat manches Reine und manches Reelle, nur zum Unglück ist das Reine nicht reell und das Reelle nicht rein. Das Reine (Formelle) ist die Idee, der man sich im Gebrauche des Reellen immer (durch Induktion) mehr nähert, die man aber nie erreichen kann.

Auch von diesem philosophischen Wörterbuche ist bis jetzt nur das erste Stück erschienen.

In der beliebten Deutschen Monatsschrift sind auch von mir verschiedene Aufsätze eingerückt worden, z.B. über Täuschung, über das Vorhersehungsvermögen, über die Theodizee usw. In dem ersten zeige ich, daß Täuschung sowohl als Betrug der Wahrheit entgegengesetzt sind, und da die Sinne uns keine Wahrheit lehren können, sie uns auch nicht zu täuschen oder zu betrügen imstande sind. Von der anderen Seite aber beweise ich auch, daß Täuschung und Betrug voneinander wesentlich unterschieden sind, und zeige, worin dieser Unterschied besteht. Ich rede darin auch von einer Art Täuschung, die ich von der gewöhnlichen ästhetischen zu unterscheiden, die philosophische Täuschung nenne, die, obschon subjektiv, dennoch allgemeingültig ist, und die ich in meinem philosophischen Wörterbuch, Art. Erdichtung, entwickelt habe.

In dem Aufsatz über das Vorhersehungsvermögen setze ich die Existenz des Vorhersehungsvermögens zum wenigsten problematisch voraus und suche es, ohne deswegen ein neues Prinzip anzunehmen, bloß durch Erweiterung des Assoziationsgesetzes zu erklären. Außerdem aber erkläre ich die die Existenz dieses Vermögens begünstigenden[204] Erscheinungen nach dem bekannten Gesetze der Assoziation.

Der dritte Aufsatz über die Theodizee wurde durch einen Aufsatz des Herrn Professor Kant über ebendiese Materie in der Berlinischen Monatsschrift veranlaßt, worin er die Unzulänglichkeit aller Theodizeen zeigt und also annimmt, daß die sie veranlassenden Fragen gegründet sind. Ich hingegen zeige die Entbehrlichkeit einer Theodizee, weil die sie veranlassenden Fragen selbst ungegründet sind.

Auch dem »Magazin zur Erfahrungsseelenkunde« lieferte ich verschiedene Aufsätze, und verband mich endlich mit dem Herrn Hofrat Moritz zur Herausgabe desselben.

So weit von den Begebenheiten, die mir in meinem Leben aufstießen und deren Mitteilung ich nicht für unnütz hielt. Noch habe ich nicht den Hafen der Ruhe erreicht, sondern


quo nos fata trahunt retrahuntque sequamur.

Quelle:
Maimon, Salomon: Geschichte des eigenen Lebens (1754–1800). Berlin 1935, S. 193-205.
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Ausgewählte Ausgaben von
Salomon Maimons Lebensgeschichte
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