Sechstes Kapitel

[27] Neuer Wohnsitz, neues Elend. Der Talmudist.


Wir zogen also im Lande herum, wie die Israeliten in der Wüste Arabiens, ohne zu wissen, wo und wann wir eine Ruhestelle finden würden. Endlich kamen wir in ein Dorf, das zweien Herren gehörte. Der Anteil des einen war schon verpachtet, der andere aber konnte den seinigen nicht verpachten, weil er erst ein Wirtshaus bauen lassen wollte. Des Herumziehens zu Winterszeit mit einer ganzen Familie müde, beschloß mein Großvater, dieses noch zu erbauende Wirtshaus mit Zubehör vorderhand zu pachten und sich unterdessen, bis das Haus fertig[27] wäre, so gut als möglich zu behelfen. Wir mußten uns also in eine Scheune einquartieren. Der andre Pächter tat zwar alles mögliche, unser Etablissement in diesem Orte zu verhindern; allein es half ihm nichts. Der Bau war geendigt, wir zogen ein und fingen an, die Wirtschaft zu führen.

Leider ging aber hier alles rückwärts, nichts wollte glücken. Dazu kam noch, daß meine Mutter, die sehr lebhaften Temperaments und zur Tätigkeit aufgelegt war, hier, wo sie sehr wenig zu tun fand, Langeweile hatte. Diese und die Nahrungssorgen versetzten sie in einen Zustand der Melancholie, der endlich gar in Wahnsinn ausartete. In diesem Zustande blieb sie einige Monate. Alles, was man dagegen versuchte, wollte nicht helfen. Endlich kam mein Vater auf die Gedanken, sie nach Nowgorod zu einem berühmten Doktor, der sich mit Heilung solcher Gemütskrankheiten abgab, zu bringen.

Die Kurart dieses Adepten ist mir zwar unbekannt, weil ich damals noch zu jung war, um darüber Untersuchungen anstellen zu wollen oder zu können; so viel aber kann ich doch mit Gewißheit versichern, daß sie bei meiner Mutter, sowie bei den mehrsten Patienten dieser Art, von glücklichem Erfolg war. Meine Mutter kam frisch und gesund wieder nach Hause und hatte seit der Zeit keine Anfälle dieser Art mehr.

Gleich darauf wurde ich nach Iwenez, fünfzehn Meilen von unserm Wohnort, in die Schule geschickt, und hier fing ich an, den Talmud zu studieren.

Das Studium des Talmuds ist das hauptsächlichste Augenmerk unsrer Nation bei einer gelehrten Erziehung. Reichtum, körperliche Vorzüge und Talente aller Art haben zwar in ihren Augen einen Wert und werden verhältnismäßig geschätzt; nichts aber geht bei ihr über die Würde eines guten Talmudisten. Auf alle Ämter und Ehrenstellen der Gemeinde hat er den ersten Anspruch. Kommt er in eine Versammlung, er mag übrigens sein, von welchem[28] Alter und Stand er immer will, so steht alles vor ihm ehrerbietigst auf, und ihm wird der vorzüglichste Platz eingeräumt. Er ist Gewissensrat, Gesetzgeber und Richter des gemeinen Mannes. Wer einem solchen Gelehrten nicht ehrerbietig genug begegnet, ist, nach dem Ausspruche der Talmudisten, in alle Ewigkeit verdammt. Der gemeine Mann darf nicht das geringste unternehmen, was nicht nach dem Urteile des Gelehrten gesetzmäßig ist. Religionsgebräuche, erlaubte und unerlaubte Speisen, Verheiratung und Ehescheidung werden nicht bloß durch die schon zu einer ungeheuern Anzahl angehäuften rabbinischen Gesetze, sondern auch durch besondere rabbinische Urteile, welche alle besonderen Fälle aus den allgemeinen Gesetzen herzuleiten verstehn, bestimmt. Ein reicher Kaufmann, Pächter oder Professionist, der eine Tochter hat, wendet alles mögliche an, um einen guten Talmudisten zum Schwiegersohn zu bekommen. Er mag übrigens mißgestaltet, kränklich und unwissend sein, so viel er will, immer wird er doch vor allen andern den Vorzug behalten. Der zukünftige Schwiegervater eines solchen Phönix muß gleich bei der Verlobung den Eltern desselben, nach eingegangenem Akkord, eine gewisse Summe auszahlen; und außer der für seine Tochter bestimmten Mitgift muß er noch sie und ihren Mann sechs oder acht Jahre nach ihrer Vermählung mit Kost, Kleidung und Wohnung versorgen, während welcher Zeit das zur Mitgift bestimmte Geld auf Interessen gegeben wird und der gelehrte Schwiegersohn auf Kosten seines Schwiegervaters sein Studium fortsetzt. Nach dieser Zeit bekommt er das Geld in die Hände und wird alsdann entweder zu einem gelehrten Amte befördert, oder er bringt sein ganzes Leben in gelehrtem Müßiggange zu. In beiden Fällen übernimmt die Frau die Einrichtung des Hauswesens und Führung der Geschäfte und ist zufrieden, wenn sie für alle Mühseligkeiten nur einigermaßen des Ruhmes und der zukünftigen Seligkeit ihres Mannes teilhaftig wird.[29]

Das Studium des Talmuds wird ebenso unregelmäßig getrieben als das Studium der Bibel. Die Sprache des Talmuds ist aus verschiedenen orientalischen Sprachen und Dialekten zusammengesetzt; ja, es kommt sogar manches aus der griechischen und römischen Sprache darin vor. Es gibt kein Wörterbuch, wo man die im Talmud vorkommenden Ausdrücke und Redensarten nachschlagen könnte; und was noch schlimmer ist, so weiß man nicht einmal (da der Talmud nicht punktiert ist), wie solche Worte, die nicht rein Hebräisch sind, gelesen werden müssen. Die Sprache des Talmuds wird also, ebenso wie die biblische Sprache, bloß durch häufiges Übersetzen erlernt, und dieses macht den ersten Grad im Studium des Talmuds aus.

Wenn der Schüler einige Zeit zum Übersetzen von seinem Lehrer angeführt worden, so kommt er zum Selbstlesen oder Selbstexplizieren des Talmuds. Der Lehrer gibt ihm einen bestimmten Abschnitt aus dem Talmud, der ein zusammenhängendes Räsonnement in sich enthält, als Pensum zum Explizieren auf, womit er zu einer bestimmten Zeit fertig werden muß. Die darin vorkommenden einzelnen Ausdrücke und Redensarten muß der Schüler entweder aus seinen vorigen Lektionen schon wissen, oder der Lehrer, der hier die Stelle eines Wörterbuchs vertritt, erklärt sie ihm. Den Inhalt aber und den ganzen Zusammenhang des aufgegebenen Abschnitts muß der Schüler selbst herausbringen, und dieses macht den zweiten Grad im Studium des Talmuds aus.

Zwei Kommentare, die gemeiniglich bei dem Text gedruckt sind, dienen hauptsächlich hier zu Wegweisern. Der eine hat den Rabbi Salomon Isaak (Raschi) zum Verfasser, einen Mann von grammatisch-kritischer Sprachkenntnis, ausgebreiteten und gründlichen talmudistischen Einsichten und einer ungemeinen Präzision im Vortrage. Der zweite ist unter dem Titel Toßafot (Zusätze) bekannt[30] und hat mehrere Rabbiner zu Verfassern. Seine Entstehungsart ist sehr merkwürdig. Eine Anzahl der berühmten Rabbiner beschlossen unter sich, den Talmud gemeinschaftlich zu studieren. Zu diesem Behuf wählte sich jeder einen besonderen Teil desselben, den er für sich so lange studierte, bis er ihn völlig gefaßt und im Gedächtnis behalten zu haben glaubte. Nachher kamen alle diese Rabbiner zusammen und fingen an, den Talmud nach der Ordnung seiner Teile gemeinschaftlich zu studieren. Sobald die erste Stelle vorgelesen, gründlich expliziert und nach der talmudistischen Logik berichtigt worden war, trug irgendein Rabbiner aus dem Teil des Talmuds, worin er am meisten bewandert war, dasjenige vor, was dieser Stelle zu widersprechen schien. Ein anderer führte alsdann eine Stelle aus dem Teil, den er sich ganz zu eigen gemacht hatte, an, die durch eine Distinktion oder eine in der vorhergehenden Stelle unausgedrückte Bedingung diesen Widerspruch zu heben imstande war. Zuweilen veranlaßte die Hebung eines solchen Widerspruchs wieder einen neuen, den ein dritter entdeckte und ein vierter zu heben sich bemühte, bis die zuerst vorgekommene Stelle von allen einstimmig erklärt und ins reine gebracht worden war.

Man kann sich leicht denken, welch ein hoher Grad von Scharfsinn dazu erforderlich sein mußte, um den Talmud, ein so voluminöses, aus vielen heterogenen Teilen bestehendes Werk, worin ebenderselbe Gegenstand in verschiedenen Bestimmungen vorkommt, auf seine ersten Grundsätze zurückzuführen, woraus man nach einer unveränderlichen Methode richtige Resultate herleiten konnte.

Außer diesen beiden gibt es noch mehrere Kommentare, die die Sache noch weiter treiben und selbst die vorerwähnten Kommentare berichtigen. Ja, jeder Rabbiner, wenn er Scharfsinn genug dazu besitzt, ist als ein lebendiger Kommentar des Talmuds anzusehen.

Die größte Anstrengung des Geistes aber wird erfordert,[31] um einen Auszug aus dem Talmud oder einen Kodex der aus ihm resultierenden Gesetze zu verfertigen, dazu gehört nicht bloß Scharfsinn, sondern auch ein im höchsten Grade systematischer Kopf. Und hierin verdient unser Maimonides gewiß den ersten Rang, wie aus seinem Kodex Jad Hachasaka zu ersehen ist.

Der letzte Grad beim Studium des Talmuds ist endlich der Disputiergrad. Er besteht in einem ewigen Disputieren über dieses Buch, ohne Zweck und Ziel. Scharfsinn, Beredsamkeit und Impertinenz geben hier den Ausschlag. Diese Art des Studiums war ehedessen auf den jüdischen hohen Schulen sehr gebräuchlich, ist aber in unseren Zeiten mit diesen zugleich in Abnahme geraten. Sie ist eine Art von talmudistischem Skeptizismus und dem zweckmäßigen systematischen Studium am meisten zuwider.

Quelle:
Maimon, Salomon: Geschichte des eigenen Lebens (1754–1800). Berlin 1935, S. 27-32.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Salomon Maimons Lebensgeschichte
Salomon Maimons Lebensgeschichte
Salomon Maimons Lebensgeschichte. Von ihm selbst geschrieben
Salomon Maimons Lebensgeschichte
Salomon Maimons Lebensgeschichte

Buchempfehlung

Tschechow, Anton Pawlowitsch

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Das 1900 entstandene Schauspiel zeichnet das Leben der drei Schwestern Olga, Mascha und Irina nach, die nach dem Tode des Vaters gemeinsam mit ihrem Bruder Andrej in der russischen Provinz leben. Natascha, die Frau Andrejs, drängt die Schwestern nach und nach aus dem eigenen Hause.

64 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon