Zweiundzwanzigstes Kapitel

[130] Tiefster Grad des Elends und Rettung.


Am abend kam ich in ein Wirtshaus, wo ich einen armen Fußgänger, der ein Betteljude ex professo war, antraf. Es freute mich ungemein, einen meiner Mitbrüder anzutreffen, mit dem ich sprechen konnte, und dem diese Gegenden ziemlich bekannt waren.

Ich entschloß mich daher mit diesem Gesellschafter im Lande herumzustreifen, um auf diese Art mein Leben zu erhalten, obwohl keine solche heterogene Personen in der Welt anzutreffen sind. Ich war ein gelehrter Rabbiner, jener hingegen ein Idiot. Ich hatte mich bis jetzt auf eine ehrenvolle Art ernährt, jener aber war ein Bettler von Profession. Ich hatte Begriffe von Moralität, Schicklichkeit und Anständigkeit, jener wußte nichts von diesem allem. Letztlich war ich zwar von gesunder, aber doch schwächlicher Leibeskonstitution, jener hingegen war ein starker, wohlbeleibter Kerl, der den besten Soldaten hätte abgeben können.

Aller dieser Verschiedenheiten ungeachtet, schloß ich mich, da ich, um mein Leben zu fristen, in einem fremden Lande herumzuirren gezwungen war, an jenen fest an. Auf unsrer Wanderschaft bemühte ich mich, meinem Reisegefährten Begriffe der Religion und der wahren Moralität[130] beizubringen, und dieser unterrichtete mich wieder in der Kunst zu betteln; lehrte mich die darin üblichen Formeln und empfahl mir besonders das Fluchen, wenn ich abgewiesen werden sollte.

Aber bei aller Mühe, die er sich hierin gab, wollten doch seine Lehren bei mir nicht anschlagen. Die Bettelformen hielt ich für abgeschmackt. Ich dachte, daß, wenn man einmal gezwungen sei, andre um Hilfe anzuflehn, man seine Empfindungen ganz simpel ausdrücken müsse; und was das Fluchen anbetrifft, so konnte ich nicht begreifen, warum ein Mensch, der einem andern eine Bitte abschlägt, den Fluch über sich ziehn sollte? und dann glaubte ich auch, daß man dadurch jenen desto mehr erbittern und seinen Zweck desto weniger erreichen werde.

Wenn ich also mit meinem Kameraden betteln ging, so stellte ich mich immer, als bettelte und fluchte ich mit jenem zugleich; in der Tat aber sprach ich alsdann nicht ein einziges verständliches Wort. Ging ich aber allein, so wußte ich gar nichts zu sagen; aber an meiner Miene und Stellung konnte man doch sehen, was mir fehlte.

Jener schalt mich zuweilen wegen meiner Ungelehrigkeit hierin, und ich ertrug dieses mit der größten Geduld. Auf diese Art irrten wir in einem Bezirke von einigen wenigen Meilen beinahe ein halbes Jahr herum. Endlich entschlossen wir uns, nach Polen unsre Route zu nehmen.

Wir kamen in Posen an, wo wir in dem jüdischen Armenhause, dessen Inhaber ein armer Kleiderflicker war, einkehrten. Hier faßte ich den Entschluß, meiner Wanderung, möge es auch kosten, was es wolle, ein Ende zu machen.

Es war Herbstzeit und fing schon an, ziemlich kalt zu werden; ich war beinahe nackend und barfuß; meine Gesundheit hatte durch diese Art Wanderung, wo ich nie etwas Ordentliches zu essen bekam, mehrenteils mit verschimmelten Brotbrocken und Wasser vorliebnehmen und des Nachts auf altem Strohe, zuweilen gar auf bloßer Erde[131] liegen mußte, sehr gelitten. Dazu kam noch, daß die jüdischen heiligen oder Bußtage heranrückten, wo ich, der ich damals ziemlich religiös war, den Gedanken nicht ertragen konnte, daß ich diese Zeit, die andere zu ihrem Seelenheil anwendeten, ganz im Müßiggange zubringen sollte.

Ich beschloß daher, von da, zum wenigsten für jetzt, nicht weiterzugehen, und allenfalls, wenn es hoch kommen sollte, mich vor die Synagoge zu legen und entweder da zu sterben oder das Mitleiden meiner Brüder zu erregen und dadurch meinem Leiden ein Ende zu machen.

Sobald daher mein Kamerad am Morgen aufwachte, sich zum Bettelngehen anschickte und mich gleichfalls dazu aufforderte, antwortete ich ihm, daß ich jetzt nicht mitgehen wolle, und da dieser mich fragte, wie ich doch auf eine andere Art mein Leben zu erhalten dächte, konnte ich nichts mehr antworten als: Gott wird schon helfen.

Darauf ging ich nach der Judenschule. Hier fand ich einige junge Schüler, die teils lasen, teils aber auch sich die Abwesenheit ihres Lehrers zunutze machten und die Zeit mit Spielen zubrachten.

Auch ich nahm ein Buch zum Lesen. Jene, denen mein seltsamer Anzug auffiel, näherten sich mir, fragten mich, woher ich komme und was mein Vorhaben sei? Ich beantwortete ihnen diese Fragen in meiner litauischen Sprache, worüber jene zu lachen und sich über mich lustig zu machen anfingen.

Ich kehrte mich wenig daran; und da ich mich erinnerte, daß vor einigen Jahren ein Oberrabbiner aus meiner Gegend zum Oberrabbiner in Posen aufgenommen worden, und dieser einen Bekannten und guten Freund von mir als Schreiber mitgenommen hatte, so fragte ich die Knaben nach diesem Freunde. Zu meinem größten Leidwesen erfuhr ich, daß er nicht mehr in Posen anzutreffen wäre, indem er mit dem Oberrabbiner, der nachher befördert und zum Oberrabbiner in Hamburg aufgenommen[132] worden, nach diesem Orte gereist sei; daß er aber seinen Sohn, einen Knaben von ungefähr zwölf Jahren, in Posen bei dem jetzigen Oberrabbiner, der ein Schwiegersohn des vorigen sei, zurückgelassen habe.

Diese Nachricht betrübte mich nicht wenig; doch machte mir der letzte Umstand noch einige Hoffnung.

Ich fragte daher nach der Wohnung des neuen Oberrabbiners, ging hin, scheute mich aber, da ich fast nackend war, hereinzutreten, und wartete daher bis ich jemanden in dies Haus hineingehen sah. Diesen bat ich, er möchte doch so gut sein, mir meines Freundes Sohn herauszurufen.

Er erkannte mich gleich und bezeugte sein Erstaunen, mich in einem solchen elenden Zustande hier zu sehn. Ich erwiderte hierauf, daß es jetzt nicht die Zeit sei, alle Unglücksfälle zu erzählen, die mich in diesen Zustand versetzt hätten, und daß er nur für jetzt darauf bedacht sein solle, wie er dieses Elend um etwas erleichtern könne. Er versprach es, ging zum Oberrabbiner und meldete mich als einen großen Gelehrten und frommen Mann, der durch besondere Zufälle in einen sehr elenden Zustand geraten sei.

Der Oberrabbiner, der ein vortrefflicher Mann, ein scharfsinniger Talmudist und von einem sehr sanften Charakter war, wurde von meinem Elende gerührt, ließ mich zu sich kommen, unterhielt sich mit mir eine geraume Zeit, disputierte mit mir über die wichtigsten Gegenstände aus dem Talmud und fand mich in allen Fächern der jüdischen Gelehrsamkeit sehr bewandert.

Darauf fragte er mich nach meinem Vorhaben, und ich sagte ihm, ich wünschte als Hofmeister in irgendeinem Hause anzukommen, für jetzt aber wünschte ich nichts mehr, als die heiligen Tage hier feiern zu können und zum wenigsten diese kurze Zeit über meine Reisen zu unterbrechen.[133]

Der gutmütige Rabbiner hieß mich, was dieses anbeträfe, unbesorgt sein, nannte mein Verlangen eine Kleinigkeit und sagte, daß es nicht mehr als billig sei. Er gab mir darauf so viel Geld, als er bei sich hatte, invitierte mich, solange als ich mich hier aufhalten würde, alle Sabbat bei ihm zu essen, und befahl seinem Knaben, daß er für mich ein anständiges Logis schaffen solle.

Dieser kam bald wieder und führte mich in meine Wohnung.

Nun glaubte ich, daß diese Wohnung keine andere als ein Kämmerchen bei irgendeinem armen Manne sein würde. Ich erstaunte daher nicht wenig, als ich mich im Hause eines der ältesten Juden dieser Stadt sahe, wo man für mich ein sehr propres Stübchen zurechtgemacht hatte, welches die Studierstube dieses Mannes war, der sowohl selbst, wie auch sein Sohn, ein großer Gelehrter war.

Sobald ich mich ein wenig umgesehen hatte, ging ich zu der Hausfrau, steckte ihr einige Pfennige in die Hände und bat sie, daß sie mir dafür eine Grützsuppe zum Abendessen zubereiten möchte. Diese fing an über meine Simplizität zu lächeln und sagte: »Nein, mein Herr, wir haben so nicht akkordiert, der Oberrabbiner hat Sie uns nicht so empfohlen, daß Sie sich für Ihr Geld eine Grützsuppe bei uns machen lassen sollen,« und erklärte mir, daß ich nicht bloß in ihrem Hause logieren, sondern auch so lange, als ich mich in dieser Stadt aufhalten würde, essen und trinken solle.

Ich erstaunte über dieses unerwartete Glück, aber noch größer war mein Entzücken, als man mir nach dem Abendessen ein reinliches Bette anwies; ich traute meinen Augen nicht und fragte zu verschiedenen Malen: »Ist dieses wirklich für mich?«

Mit Wahrheit kann ich versichern, daß ich nie, sowohl vor dieser Begebenheit als nachher, einen solchen Grad von Glückseligkeit gefühlt habe, als damals, als ich mich zu Bette legte und meine, seit einem halben Jahre strapazierten,[134] ja beinahe zerbrochenen Glieder, in einem weichen Bette ihre vorige Stärke wiedererlangen fühlte.

Ich schlief bis spät auf den Tag. Kaum war ich aufgestanden, so schickte der Oberrabbiner nach mir und ließ mich zu sich bitten. Als ich erschien, fragte er mich, wie ich mit meinem Logis zufrieden sei. Ich konnte keine Worte finden, meine Empfindung hierüber auszudrücken, und rief in einer Ekstase: »Ich habe in einem Bette geschlafen!« Der Oberrabbiner freute sich ungemein darüber, schickte darauf nach dem Schulkantor; sobald dieser kam, sagte er zu ihm: »H ... gehen Sie zu dem Kaufmann ... und nehmen Sie für H.S. auf meine Rechnung Zeug zu einem Kleide.«

Darauf wandte er sich zu mir und fragte mich: »Was beliebt Ihnen für ein Zeug?« Durchdrungen von der Empfindung der Dankbarkeit und Hochachtung für diesen vortrefflichen Mann, konnte ich hierauf gar nichts antworten. Ein Tränenstrom, der mir die Wangen herabfloß, diente statt aller Antwort.

Der Oberrabbiner ließ mir auch neue Wäsche machen. In zwei Tagen war alles fertig. Mit reiner Wäsche und einem neuen Kleide ausstaffiert, ging ich zum Oberrabbiner; ich wollte ihm meine Dankbarkeit bezeugen, konnte aber kaum einige abgebrochene Worte herausbringen. Für den Oberrabbiner war dieses ein entzückender Anblick. Er lehnte meinen Dank ab und sagte, ich solle ihm dieses nicht so hoch anschreiben, indem das, was er für mich getan habe, nur eine Kleinigkeit und der Rede nicht wert sei.

Nun möchte der Leser vielleicht glauben, daß dieser Oberrabbiner ein reicher Mann gewesen sei, bei dem die Kosten, die er auf mich wandte, wirklich eine Kleinigkeit gewesen wären; aber ich kann versichern, daß es sich damit ganz anders verhielt. Der Oberrabbiner hatte nur ein mäßiges Gehalt, und da er sich bloß mit dem Studium abgab, so hatte seine Frau die Verwaltung seiner Geschäfte und[135] seine Haushaltung zu besorgen. Er mußte also dergleichen Handlungen ohne Wissen seiner Frau ausüben und vorgeben, daß ihm andere Leute Geld dazu gegeben. Übrigens führte er für sich ein sehr mäßiges Leben, fastete täglich, außer am Sabbat, und aß die ganze Woche über kein Fleisch.

Demohngeachtet aber mußte er doch, um seine Neigung zum Wohlwollen zu befriedigen, Schulden machen. Die strenge Lebensart, das viele Studieren und Nachtwachen schwächten seine Kräfte so sehr, daß er, nachdem er zum Oberrabbiner in Fürth aufgenommen worden, wohin ihm eine große Anzahl Schüler folgte, ungefähr in dem sechsunddreißigsten Jahre seines Alters starb. Nie kann ich ohne die tiefste Rührung an diesen göttlichen Mann denken.

Ich hatte noch in meinem vorigen Logis bei dem armen Kleiderflicker einige Kleinigkeiten zurückgelassen und ging also hin, um diese abzuholen. Der arme Kleiderflicker, seine Frau und mein ehemaliger Bettelkamerad, die schon von der glücklichen Veränderung, die mit mir vorgegangen war, gehört hatten, erwarteten mich mit Ungeduld.

Eine rührende Szene! Der Mann, der vor drei Tagen in dieser armen Hütte ganz entkräftet, halb nackend und barfuß, anlangte, den die armen Bewohner dieses Hauses als einen Auswurf der Natur betrachteten und dessen Kamerad in dem leinwandnen Kittel mit Spott und Verachtung auf ihn herabsah, dieser Mann kommt nun (sein Ruf ging vor ihm) mit einem heitern Gesichte, als ein Oberrabbiner gekleidet, in einer ehrwürdigen Gestalt in ebendiese Hütte.

Sie bezeugten alle ihre Freude und Verwunderung über diese Transformation. Die arme Frau nahm ihren Säugling auf die Arme und bat für ihn, mit tränenden Augen, um den Segen. Mein Kamerad bat mich sehr rührend um Verzeihung wegen seiner rohen Behandlung; er sagte, er schätze sich glücklich, einen solchen Reisegefährten gehabt[136] zu haben, würde aber sich für unglücklich halten, wenn ich ihm seine aus Unwissenheit begangenen Fehler nicht verzeihen wollte.

Ich redete alle sehr liebreich an, gab dem Kleinen meinen Segen und meinem Reisekameraden alles Bare, das ich in meiner Tasche hatte, und ging sehr gerührt zurück.

Unterdessen hatte das Bezeigen des Oberrabbiners gegen mich, wie auch das meines neuen Wirtes, der selbst ein großer Gelehrter war und durch häufige Unterredungen und Disputieren mit mir eine hohe Meinung von meinen Talenten und Gelehrsamkeit gefaßt hatte, meinen Ruf in der Stadt so ausgebreitet, daß alle Gelehrte dieser Stadt mich, als einen berühmten reisenden Rabbiner, zu sehn und mit mir zu disputieren kamen; je näher sie mich aber kennenlernten, in desto größrer Achtung wurde ich von ihnen gehalten.

Diese Zeit war unstreitig die glücklichste und ehrenvollste Periode in meinem Leben.

Die jungen Gelehrten dieser Stadt beschlossen in ihrer Versammlung, mir ein Gehalt auszumachen, wofür ich ihnen Vorlesungen über das berühmte tiefsinnige Werk des Maimonides, More Newochim, halten sollte. Dieser Vorschlag blieb aber aus der Ursache unausgeführt, weil die Eltern dieser jungen Leute besorgten, daß ihre Kinder dadurch verführt und durch Selbstdenken über Religion in ihrem Glauben wankend gemacht werden möchten. Sie gestanden zwar, daß ich bei meiner Neigung zum Nachdenken über Religion dennoch ein frommer Mann und orthodoxer Rabbiner sei; traueten aber ihren Kindern so viel Beurteilung nicht zu, daß sie diesen Weg einschlagen könnten, ohne von dem einen Extrem zum andern, vom Aberglauben zum Unglauben überzugehn, worin sie auch vielleicht recht hatten.

Nachdem ich ungefähr vier Wochen auf diese Art zugebracht hatte, kam der Mann, bei dem ich logierte, zu mir, und redete mich auf folgende Weise an: »Herr S.! erlauben[137] Sie mir, daß ich Ihnen einen Vorschlag tue! Sind Sie bloß zum Selbststudium geneigt, so können Sie hierbleiben, solange Sie immer wollen. Wollen Sie sich aber nicht bloß in sich konzentrieren, und sind Sie geneigt, mit Ihren Talenten der Welt zu nutzen, so ist hier ein reicher Mann, einer der vornehmsten dieser Stadt, der einen einzigen Sohn hat und der nichts so sehr wünscht, als Sie zum Hofmeister zu haben. Dieser Mann ist mein Schwager; wenn Sie es also nicht seinetwegen tun wollen, so tun Sie es meinetwegen und dem Oberrabbiner zu Gefallen, dem die Erziehung meines Schwestersohnes, der in seiner Familie vermählt ist, am Herzen liegt.«

Mit Freuden nahm ich dieses Anerbieten an. Ich kam also in diese Familie unter vorteilhaften Bedingungen als Hofmeister und blieb zwei Jahre in größter Ehre darin. Man tat nichts in diesem Hause ohne mein Wissen. Man begegnete mir mit der größten Ehrerbietung. Man hielt mich beinahe für ein mehr als menschliches Wesen.

So flossen die paar Jahre unvermerkt und glücklich für mich hin. Unter der Zeit gingen aber doch einige kleine Begebenheiten mit mir vor, die ich in dieser Geschichte nicht übergehen zu dürfen glaube.

Erstlich ging die Hochachtung für meine Person in diesem Hause so weit, daß man mich malgré moi zum Propheten machen wollte. Es ging damit folgendermaßen zu. Mein Schüler war mit der Tochter eines Oberrabbiners, der ein Schwager des Oberrabbiners in Posen war, versprochen worden. Die Braut, ein Mädchen von ungefähr zwölf Jahren, wurde, wie gewöhnlich, zu den Pfingstfeiertagen von ihren Schwiegereltern nach Posen abgeholt. Bei diesem Besuch bemerkte ich, daß dieses Mädchen von sehr phlegmatischem Temperament und ziemlich schwindsüchtig sei. Ich entdeckte dieses dem Bruder meines Hausherrn und fügte noch mit einer bedeutenden Miene hinzu, ich sei für das Mädchen sehr besorgt, indem ich nicht glaube, daß ihre Gesundheit von langer Dauer sein würde.[138]

Nach den Feiertagen wurde das Mädchen zu ihren Eltern zurückgeschickt und vierzehn Tage nachher bekam man einen Brief, worin ihr Tod gemeldet wurde.

Nun wurde ich nicht nur in diesem Hause, sondern in der ganzen Stadt für einen Propheten gehalten, der den Tod dieses Mädchens vorausgesagt hatte.

Da ich zu nichts weniger als zum Betrug geneigt war, suchte ich diese abergläubischen Menschen auf andere Gedanken zu bringen und sagte, daß ein jeder, der einige Beobachtungen in der Welt gemacht hätte, ebendasselbe hätte voraussagen können; aber es half nichts; ich war einmal Prophet und mußte es bleiben.

Zweitens wurden in einem jüdischen Hause des Freitags Fische auf den Sabbat zurechtgemacht. Es kam demjenigen, der einen Karpfen aufschnitt, vor, als gäbe dieser einen Laut von sich. Dieses setzte alle in einen panischen Schrecken. Man ließ den Rabbiner fragen, was man mit diesem stummen Fische, der zu reden gewagt hätte, machen solle? Dieser befahl, in der abergläubischen Meinung, als wäre der Karpfen von einem Geiste besessen, man solle ihn in einem Leichentuche aufs herrlichste begraben.

Nun wurde in dem Hause, wo ich war, von dieser schauervollen Begebenheit gesprochen. Ich, der ich mich durchs fleißige Studieren des More Newochim schon ziemlich von dergleichen abergläubischen Meinungen losgemacht hatte, lachte herzlich darüber, und sagte: wenn man den Karpfen anstatt zu begraben, lieber mir zugeschickt hätte, so würde ich den Versuch gemacht haben, wie ein solcher begeisterter Karpfen doch schmecken müsse.

Dieses Bonmot wurde bekannt. Die Gelehrten ereiferten sich darüber, schrien mich für einen Ketzer aus und suchten mich auf alle Art zu verfolgen.

Die Achtung, die man aber in dem Hause, worin ich Hofmeister war, für mich hatte, machte alle ihre Bemühungen fruchtlos.[139]

Da ich mich auf diese Art sicher sah, und durch den Geist des Fanatismus viel mehr zum ferneren Nachdenken angespornt als abgeschreckt wurde, fing ich an, die Sachen ein wenig weiterzutreiben: verschlief mehrenteils die Gebetszeit, kam selten in die Synagoge und dergleichen. Endlich wurde das Maß meiner Sünden so voll, daß mich nichts mehr vor der Verfolgung sichern konnte.

In dem Eingange des Gemeindehauses zu Posen befindet sich, wer weiß seit welcher Zeit, ein Hirschhorn in die Wand eingeschlagen. Von diesem behaupten alle Juden einstimmig, daß derjenige, der dieses Hirschhorn berühre, auf der Stelle sterben müsse, und erzählen eine Menge Beispiele dieser Art.

Mir wollte dieses nicht in den Kopf, ich lachte darüber, und da ich einst mit andern Juden aus dieser Stadt vor dem Hirschhorn vorbeiging, sagte ich zu ihnen: Ihr Poser Narren, die ihr glaubt, daß derjenige, der dieses Horn berühre, auf der Stelle sterben müsse; seht, ich wage, es dasselbe zu berühren.

Diese erwarteten voller Entsetzen auf der Stelle meinen Tod, da er aber nicht erfolgte, so verwandelte sich ihre Bangigkeit für mich in Haß. Sie betrachteten mich als einen, der das Heiligtum entweiht habe.

Dieser Fanatismus machte bei mir das Verlangen rege, nach Berlin zu reisen und den Rest des mir anklebenden Aberglaubens durch Aufklärung zu vernichten. Ich forderte daher von meinem Herrn den Abschied. Dieser äußerte zwar den Wunsch, daß ich noch länger in seinem Hause bleiben möchte, und versicherte mich seines Schutzes wider alle Verfolgung.

Da ich aber einmal meinen Entschluß gefaßt hatte, wollte ich denselben nicht ändern; nahm also von meinem Herrn und seiner ganzen Familie Abschied, setzte mich auf die Frankfurter Post und reiste nach Berlin.

Quelle:
Maimon, Salomon: Geschichte des eigenen Lebens (1754–1800). Berlin 1935, S. 130-140.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Salomon Maimons Lebensgeschichte
Salomon Maimons Lebensgeschichte
Salomon Maimons Lebensgeschichte. Von ihm selbst geschrieben
Salomon Maimons Lebensgeschichte
Salomon Maimons Lebensgeschichte

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Flucht in die Finsternis

Flucht in die Finsternis

Robert ist krank und hält seinen gesunden Bruder für wahnsinnig. Die tragische Geschichte um Geisteskrankheit und Tod entstand 1917 unter dem Titel »Wahn« und trägt autobiografische Züge, die das schwierige Verhältnis Schnitzlers zu seinem Bruder Julius reflektieren. »Einer von uns beiden mußte ins Dunkel.«

74 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon