Einleitung

[19] Unter den Vertretern der Lehre des Kung Dsï ist weitaus der berühmteste Mong Ko (meist Mong Dsï = Philosoph Mong genannt, woraus in Analogie zu der latinisierten Form Konfuzius der Name Menzius geformt wurde). Obwohl zeitlich von dem Meister entfernt, so daß er in keine persönliche Berührung mit ihm kam, hat er dessen Lehren in Zeiten des Niedergangs mit großer Energie durchgesetzt.

Mong Dsï ist Epigone, aber eben deshalb geht er mehr auf Detailfragen ein als Kung Dsï. Er ist rhetorischer, dialektischer. Darum kommt er dem europäischen Geschmack in vielen Dingen näher. So kann es nicht Wunder nehmen, daß er von europäischer Seite vielfach als der Genialere betrachtet worden ist, der noch über Kung zu werten sei. Der englische Missionar Legge, der die Worte des Mong Dsï mit vielem Fleiß ins Englische übersetzt hat, gibt dieser Stimmung mit unübertrefflicher Naivität Ausdruck, indem er Mong Dsï für bewundernswerter als Kung Dsï erklärt – freilich um dann nachträglich ein Stück der Bewunderung nach dem andern wieder abzutragen. Der chinesische Vergleich trifft wohl dem Wesen nach eher das Richtige, der Kung Dsï dem milden, unauffälligen, erst eingehender Betrachtung sich offenbarenden Glanz des Nephrits vergleicht, während Mong Dsï dem klar-durchsichtigen Bergkristall entspreche. Mong Dsï war der Sohn seiner Zeit. Ein Zeitgenosse des Dschuang Dsï, mit dem er auch an literarischem Besitz vieles gemeinsam hat, hat er auf anderen Wegen als jener von der Politik sich fernhaltende, in sich ruhende Weise nach Rettung für die Menschheit gesucht. Während Dschuang Dsï diese Rettung in gänzlichem Verzicht auf die Kultur sieht, sucht Mong Dsï sie in der Reform und der Wiederherstellung der echten Kultur, wie sie durch Kungs Arbeiten aus dem Altertum gerettet war. In diesem Streben übernahm er den von Kung geschaffenen Beruf des Lehrers der Fürsten. Aber die Zeiten waren inzwischen andere geworden. So machte sich auch in des Mong Dsï Handlungsweise eine Änderung nötig.

Zu Kungs Zeiten waren die staatlichen Verhältnisse noch so weit in Ordnung, daß jedermann ohne weiteres sein geregeltes Einkommen hatte. Obwohl daher Kung auf seinen Wanderungen manche Schwierigkeiten und Nöte zu bestehen hatte, war die[19] Frage seines Lebensunterhalts nie in die Erscheinung getreten. Er hatte sein gesichertes Einkommen, von dem er und seine Schüler lebten. Das war später anders geworden. Der Privatbesitz hatte sich mehr entwickelt. Nur die Beamten und die Untertanen der einzelnen Staaten hatten mehr oder weniger feste Einkünfte. Der freie Beruf des Lehrers der Fürsten, dem Mong Dsï ebenso wie viele sophistische Zeitgenossen huldigte, war auf Gaben und Geschenke freigebiger Mäzene unter den Fürsten angewiesen. Mong Dsï empfand diese Abhängigkeit äußerst drückend und tat, was in seinen Kräften stand, um seine Würde zu wahren und Abstand zu halten von den Wanderphilosophen, die gegen Geld die Höfe zu unterhalten wußten.

Aus diesen Verhältnissen erklärt sich manche herbe Seite in Mong Dsïs Wesen. Je schwieriger es war, diesen Abstand zu halten, desto mehr mußte er Äußerlichkeiten betonen, und so kam er oft in Situationen, wo sein Stolz fast die Form der Wunderlichkeit annimmt.

Ein anderer Zug hängt damit zusammen. Während Kungs ganze Art sich durch eine feine Zurückhaltung und bescheidene Güte auszeichnet, die ihn so liebenswert machen, ist Mong Dsï seiner ganzen Stellung nach auf den Kampf angewiesen. Daher das Pathetisch-rhetorische in seinen Reden, die Disputationen mit Andersdenkenden, die selbstbewußten Äußerungen, die Schärfe und Härte, mit der er seine Feinde verurteilt und brandmarkt, aber auch die durchsichtige Klarheit und Ausführlichkeit, die nichts für sich zurückbehält, sondern alles ausspricht, was zur Stützung und Darlegung der eigenen Lehren dient. Daher ferner auch die opportunistische Anpassung an die Situation, die unter Umständen die höchsten Maßstäbe aus dem Auge läßt, um das praktisch Erreichbare zu erreichen.

So ist er vernünftig und klar, dialektisch gewandt, oft nicht ohne Humor, immer bereit mit Zitaten aus der »heiligen Schrift«, mit Gleichnissen und erläuternden Geschichten, so daß man – das Interesse für seine Probleme vorausgesetzt – immer angeregt wird. Freilich die ästhetischen Höhen des Kung Dsï erreicht er dabei nicht. Während Kung nach Anhören der alten Musik so hingerissen war, daß er Essen und Trinken darüber vergaß, läßt sich Mong Dsï gelegentlich zu dem Ausspruch hinreißen, die alte und die leichte neue Musik kämen aufs gleiche hinaus; beide belebten ja die sozialen Seiten des menschlichen Gemüts. In solchen und ähnlichen Situationen hat die Philosophie des Mong[20] Dsï etwas Robustes an sich, etwas vom gesunden Menschenverstand. Aber trotz alledem hat er sich auf moralischem Gebiet niemals eine Konzession zuschulden kommen lassen. Hier ist er echt und ganz und darf sich würdig seinem Meister zur Seite stellen.

Über sein Leben sind wir nicht so gut unterrichtet, wie über das des Kung. Die Nachrichten widersprechen sich vielfach. Was wir mit einiger Sicherheit feststellen können, ist folgendes:

Mong Dsï, mit dem Vornamen Ko, ist in dem kleinen Staate Dsou im Jahre 372 geboren. Er stammt aus dem bekannten Adelsgeschlecht Mong Sun, das zur Zeit des Kung Dsï im Staate Lu zu den drei herrschenden Familien gehörte. Das Geschlecht hatte jedoch mit der Zeit an Einfluß verloren, und es hatte sich ein Zweig der Familie in dem südlich von Lu liegenden Dsou niedergelassen. In früher Jugend schon verlor er den Vater. Doch war seine Erziehung bei seiner edlen Mutter in den denkbar besten Händen. Die Geschichten, wie sie zweimal den Wohnplatz gewechselt, um eine Umgebung zu finden, die den Spielen des Sohnes ein gutes Vorbild zeige, und wie sie das Gewebe auf dem Webstuhl zerschnitten, als ihr Junge einst in der Schule keine Fortschritte gemacht, sind in China allbekannt. Daß Mong Ko den Unterricht des Enkels von Kung, Dsï Sï, genossen, ist schon wegen des zeitlichen Abstandes ausgeschlossen. Möglich ist die Angabe, daß er beim Sohne des Dsï Sï gelernt habe. Küfu, der Heimatort der Familie Kung, ist ja von Mongs Geburtsort Dsou nicht weit entfernt.1

In seinem Eheleben scheint er – ähnlich übrigens wie Kung Dsï – wenig gute Erfahrungen gemacht zu haben. Das geht aus der Geschichte hervor, daß er einst, im Begriff in sein Zimmer zu treten, seine Frau nackt habe darin sitzen sehen. Davon war er so unangenehm berührt, daß er sich von ihr scheiden lassen wollte. Seine Mutter verstand es übrigens, die Sache wieder ins Reine zu bringen, indem sie ihm zu Gemüte führte, daß der eigentliche Fehler auf seiner Seite liege, da er – entgegen den Vorschriften guter Sitte – ohne sich vorher bemerklich zu machen, ins Haus eingetreten sei, so daß seine Frau keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen, gehabt habe.

Als er seine Ausbildung vollendet hatte, bekam er bald auch selbst Schüler. Der erste, von dem berichtet wird, ist Yo Dschong Ko, den sein neunzigjähriger Großvater ihm zusandte, damit er von den mancherlei Gaben der Jünger Kungs vielleicht[21] das eine oder andere sich aneignen könne. Einer Überlieferung nach kam Mong einst mit seinen Jüngern nach Gü, wo eine Lehrhalle des Jüngers von Kong, Dsong Schen, noch zu sehen war. Er stieg empor und spielte Zither und sang. Und seine Jünger stimmten ein, also daß die alten Leute von Gü sagten: »Schon lange haben wir nicht mehr solche Töne gehört; das ist wirklich ein Jünger des Heiligen.«

Doch war es nicht die Absicht des Mon Dsï, sich auf diese Lehrtätigkeit zu beschränken. Er fühlte vielmehr das Bedürfnis, tätig einzugreifen in den Weltlauf. Gerade da ihm sein Selbstbewußtsein2 sagte, daß er die wichtige Aufgabe zu erfüllen habe, die Lehren seines verehrten Vorgängers Kung Dsï in die Welt einzuführen, mußte ihm besonders viel daran liegen, einen Weg zu finden, um, sei es auch nur indirekt als Ratgeber eines Fürsten, zu Macht und Einfluß zu gelangen. Er sah die Zeit für besonders günstig an, um eine neue Ordnung der Dinge durchzuführen. Die alte Dynastie der Dschou, die Kung Dsï immer noch zu stützen gesucht hatte, war unwiederbringlich zusammengebrochen. Ein neues Geschlecht mußte an ihre Stelle treten. Im Vergleich mit den Schwierigkeiten, die Wen, der Begründer des Kaiserthrons der Dschou, gehabt hatte, schien die Gründung eines neuen Reiches leicht. König Wen hatte sich der geschlossenen Macht des alten Kaiserhauses gegenüber gesehen, er selbst gestützt nur auf eine kleine, zwar wohl verwaltete, aber abgelegene und unbedeutende Hausmacht. Auf seiten der alten Kaisermacht stand noch die Autorität bedeutender Ahnen, die noch nicht weit zurücklagen, und guter Diener, die auch dem Tyrannen Dschou-Sin noch zur Seite standen. Mong Dsï sah, daß zu seiner Zeit die Verhältnisse weit günstiger lagen. Es gab eine Reihe wohl abgerundeter, militärisch mächtiger Staaten, die eine weit bessere Unterlage für eine Universalmacht abgegeben hätten als der kleine Staat, auf den die Dschou sich einstens stützen konnten. Andererseits lag die Zentralregierung vollkommen ohnmächtig zu Boden. Keinerlei Autorität stützte sie mehr. Lange Zeit war vergangen, seit der letzte Heilige auf dem Thron ins Grab gesunken war. Was die Fürsten trieben, war seit Jahrhunderten nur Gewaltpolitik gewesen, auf Kosten der eigenen und fremden Untertanen. Da mußte es leicht sein, die alten heiligen Grundsätze, die Frieden auf Erden gaben, wieder durchzuführen. Ein Hungriger ist leicht zu sättigen. Seit langem hungerte und dürstete alles Volk auf Erden nach einem gütigen[22] Fürsten. Trat einer auf, so mußte es den Leuten zumute sein, wie einem, der an den Fersen aufgehängt ist, wenn man ihn befreit. Alles Volk würde ihm zuströmen, niemand würde es hindern können. Es galt nur den Versuch. War erst ein Fürst gefunden, der auf seine Worte hörte, so kam alles andere mit Notwendigkeit von selbst.

So trat Mong Dsï in den zweiten Abschnitt seines Lebens ein: die Wanderzeit. Es ward ihm nicht so leicht, wie die Verhältnisse es hatten scheinen lassen. Denn woran es fehlte, das war eben ein Fürst, wie er ihn brauchte. Die Fürsten der Zeit waren alle in ganz anderen Richtungen begriffen. Wie es Sï-Ma Tsiän berichtet: der Militarismus und ein kompliziertes System von Bündnissen und Gegenbündnissen war an der Tagesordnung. Es strebten alle nach Macht. Wohl ließ man sich die Lehren des Altertums als Verzierung des Lebens gerne gefallen. Wie in der Renaissancezeit Italiens gehörte es auch damals in China mit zum notwendigen Bestand eines angesehenen Staates, daß man sich einen Stab von Gelehrten hielt, die durch ihre anregenden Gespräche, durch ihre gegenseitigen Widerlegungen und Redekämpfe, wobei es an sophistischen Wortspielereien nicht fehlte, den Hof zu unterhalten wußten. Diese Weisen zogen von Hof zu Hof, je nachdem es Zeit und Umstände günstig erscheinen ließen. Eine sehr bittere, aber anschauliche Schilderung dieser Zustände gibt Dschuang Dsï X, 3:

»Heutzutage ist es soweit gekommen, daß die Leute die Hälse recken und sich auf die Zehen stellen und zueinander sprechen: ›An dem und dem Platz ist ein Weiser.‹ Sie nehmen Reisezehrung auf den Weg und eilen hin, indem sie ihre Familien und den Dienst ihrer Herren im Stiche lassen. Fußspuren führen über die Grenzen der verschiedenen Länder, und Wagengeleise ziehen sich über Tausende von Meilen hin. An all dem trägt die Schuld, daß die Fürsten die Erkenntnis hochschätzen ... So geht es nun seit Anbeginn der Weltgeschichte: man vernachlässigt das einfache, arbeitsame Volk und ergötzt sich am Geschwätz unruhiger Köpfe. Man wendet sich ab vom anspruchslosen Nichthandeln und ergötzt sich an gleißenden Ideen. Durch diese Gleißnerei kommt die Welt in Unordnung.«

Es war eine Zeit von ungemein bewegtem geistigen Leben, voll von Vorurteilslosigkeit. Ungebunden von jeglicher Tradition wurden die Probleme aufgenommen und gelöst. In vieler Hinsicht findet man verwandte Züge mit der gleichzeitigen griechischen[23] Sophistik. Aber nicht nur philosophische Spekulationen pflegten diese Wanderphilosophen, sondern man trieb auch praktische Philosophie. Man machte die Anwendung seiner Theorien auf die Regierung und die Politik. Oft glückte einem Philosophen, der den nötigen gesunden Menschenverstand hatte, ein Rat. Er wurde reich belohnt und vertauschte den Beruf des Weisen mit dem des Staatsmanns. Su Tsin und Dschang J, die beiden berühmtesten Politiker der damaligen Zeit, die Begründer der beiden großen Bündnissysteme, die wie im modernen Europa die Staaten zu einer nord-südlichen und einer ost-westlichen Gruppe zusammenschlossen, waren beide Schüler des Meisters vom Dämonental (Gui Gu Dsï), dem sie ihre Weisheit verdankten. Alles in allem wird man aber wohl sagen können, daß selten der Dilettantismus einen solchen Einfluß auf die Politik gehabt hat – zum mindesten, was den äußeren Schein betrifft – als in dem China der damaligen Zeit.

Mong Dsï war gesonnen, aktiv in diese Bewegungen einzutreten. Allerdings mit dem stolzen Selbstbewußtsein, daß er der Welt etwas anderes zu bringen habe als scharfsinnige Gedankenkunststücke. Er wollte nichts geringeres als die Wiederherstellung des alten Ideals: »Friede auf Erden« durchsetzen. Nach seiner Überzeugung war dieses Ideal ohne weiteres zu verwirklichen, wenn man die Methoden der Heiligen der Vorzeit, wie sie zuletzt Kung Dsï zusammengefaßt und begründet hatte, anzuwenden entschlossen war. Es gab daher für ihn im Prinzip keine Konzession. Den Grundsatz, einen Fußbreit krumm zu machen, um hundert Fuß gerade zu machen, hat er nicht anerkannt.

Bald gab sich Gelegenheit zur Anwendung seiner Grundsätze. Im Jahre 322 nämlich hatte der König Hui von We ein Ausschreiben erlassen, das in sehr ehrerbietigen Ausdrücken und unter Verheißung großer Belohnung Weise an seinen Hof zu ziehen suchte. Der Staat We war einer der drei Staaten, in die sich der alte Staat Dsïn aufgelöst hatte. Die Zersplitterung des Staates Dsïn in die drei Teilstaaten Dschau, Han und We fand mit kaiserlicher Genehmigung im Jahre 403 statt. Damit begann eine neue Periode in der chinesischen Geschichte, die Zeit der streitenden Reiche, die bekanntlich mit der Aufsaugung der übrigen durch den halbbarbarischen Staat Tsin endigte. In jener Kampfzeit hatte der Staat We, nach seiner Hauptstadt auch Liang genannt, viel zu leiden. Unter dem Fürsten Hui, der nach Vereinbarung mit dem Staate Tsi den Königstitel angenommen[24] hatte, erlitt der Staat mehrere große Niederlagen, bei denen der Kronprinz in Gefangenschaft geriet, der Feldherr getötet wurde und große Gebiete abgetrennt wurden. Das war der Grund für jenes Ausschreiben des Königs, dem außer Mong Dsï auch noch einige andere Philosophen folgten. Die Gespräche, die Mong Dsï mit dem König, dem guter Rat teuer war, geführt hat, sind im ersten Buch der Werke des Mong Dsï reproduziert. Andere Quellen geben eine zum Teil abweichende Darstellung. So wird zum Beispiel von einer Seite der Inhalt der Gespräche, die nach Mong Dsï I B, 15 mit dem Fürsten Wen von Tong geführt worden sind, ebenfalls als auf den König Hui bezüglich erwähnt. Als er nämlich gefragt habe, was sich tun lasse, da Tsin große Gebiete von We annektiert habe, da habe Mong Dsï erwidert: »Als der große König in Bin wohnte, haben ihn die Di-Barbaren angegriffen. Er brachte ihnen Tribut von Edelsteinen und Seidenstoffen dar, aber es half nichts. Der große König wollte nicht seine Leute zu Schaden kommen lassen, darum verließ er Bin und siedelte sich am Fuß des Berges Gi an. Wollt Ihr, o König, nicht auch Liang verlassen.« Der König Hui war über diese Antwort mißvergnügt.

Kein Wunder, daß der König Hui nichts mit den Ratschlägen des Mong Dsï anzufangen wußte. Das war es nicht, was er gewollt hatte. So gibt er ihm denn mehrfache Gelegenheit, seine Meinung auszusprechen, was dieser denn auch mit aller Schärfe tat. Aber es kam zu keinem Erfolg dieser Reden. Kurz darauf starb der König Hui. Sein Nachfolger Siang war, wie Mong Dsï sich bald überzeugen mußte, nicht von der Art, daß sich etwas von ihm erhoffen ließ. Mong Dsï fällte ein sehr absprechendes Urteil über ihn. Schon nach der ersten oder zweiten3 Audienz gab Mong Dsï die Sache auf und zog sich aus Liang zurück. Der König Siang befürchtete, daß er ähnlich wie manche anderen Wanderphilosophen der Zeit nach einem anderen Staate gehen werde, um dem Staate Liang zu schaden. Das Beispiel des Dschang J, der von We nach Tsin übergegangen war, war noch in frischer Erinnerung. So schickte er ihm denn einen Boten nach, um ihn zurückzuhalten. Mong Dsï ließ sich jedoch von seinem Entschluß nicht abbringen: »Danket dem König in meinem Namen und saget ihm, daß ich die Freundlichkeit, die mir sein Vater erwiesen, niemals vergessen werde.« Mit diesen Worten verneigte er sich zweimal, bestieg den Reisewagen und fuhr davon.[25]

Zu jener Zeit hatte der König Süan von Tsi eben die große Akademie am Dsï Men4 eingerichtet, für die er aus allen Gegenden berühmte Weise zu gewinnen suchte. Dahin wandte sich Mong Dsï. Über die Persönlichkeit des Königs Süan ist uns nicht viel bekannt. Man kann sich aber aus den Werken des Mong Dsï ein ungefähres Bild von ihm machen. Er hatte etwas Großartiges in seinem Wesen, war nicht ohne edle Regungen. Impulsive Züge eines guten Herzens finden sich bei ihm, wie die Geschichte zeigt, die Mong Dsï gelegentlich erwähnt5, daß er Mitleid gehabt habe mit einem Ochsen, der zum Opfern geführt wurde. Auch die Vorliebe für die Gelehrten, die er mit wahrhaft mediceischer Freigebigkeit in die Tat umsetzte, zeigt das Vorhandensein eines Strebens nach Höherem; auch wird man sagen dürfen, daß er Mong Dsï während der ganzen Zeit von dessen Anwesenheit in Tsi durchaus liberal behandelt hat. Dennoch war er zu sehr in den Traditionen seines Hauses, das die Herrschaft durch Usurpation errungen hatte, befangen, als daß er weitergehende Gesichtspunkte höherer Art gehabt hätte. Seine Ideale beschränkten sich darauf, es den berühmten Fürsten der letzten Jahrhunderte, einem Huan von Tsi oder Wen von Dsin, gleichzutun. So hatte denn Mong Dsï nicht eben die günstigste Persönlichkeit für seine Zwecke an ihm gefunden. Es wird erzählt, daß er dreimal zur Audienz beim König war, ohne über Politik zu reden. Er habe geäußert, er müsse erst die falschen Meinungen des Königs durch stillen Einfluß bekämpfen. Er selbst hat bei seinem Weggang von Tsi geäußert, es sei keineswegs seine Absicht gewesen, so lange da zu bleiben. Vielmehr habe er sich nur gezwungen durch des Königs Entgegenkommen zum Bleiben entschlossen, immer bereit zu gehen, wenn es die Verhältnisse erforderten.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch persönliche Erwägungen mitsprachen, um ihn zum Bleiben in Tsi zu veranlassen. Seine Mutter, die er so sehr verehrte, war hochbetagt. So mußte es für ihn wünschenswert erscheinen, nicht allzu weit von seiner Heimat – Dsou und Tsi sind Nachbarstaaten – seiner Mutter ein gesichertes Auskommen6 bieten zu können. Dennoch hatte er auch für den Staat große Hoffnungen. Seinen Jüngern, die die Hoffnung aussprachen, daß, da er Einfluß in Tsi habe, wohl gar die Zeiten der berühmten Kanzler Guan Dschung, der dem Herzog Huan zur Seite stand, und Yän Ying, der dem Herzog Ging zu Kung Dsïs Zeit die Regierung führte, wiederkehren könnten, erwiderte er: »Gestützt auf Tsi die Herrschaft der Welt[26] zu erlangen, wäre im Handumdrehen möglich.« Die Schüler fragten weiter: »Wenn es also ist, regt Euch das nicht im Innern auf?« »Nein,« sagte Mong Dsï, »seit meinem vierzigsten Jahre habe ich die Ruhe der Seele erreicht.«

Dieser Gemütsruhe bedurfte er in der Folge sehr nötig. Denn es gab manchen Konflikt bei Hofe. Eines Tages hatte er dem König Vorstellungen gemacht, worüber dieser mißvergnügt war. Seinen Jüngern gegenüber äußerte sich Mong Dsï über den Vorfall: »Wenn man heutzutage einem Fürsten Vorstellungen macht: gleich ist er mißvergnügt. Wissen diese Leute denn nicht, daß das Gute gut ist?« Der Schüler machte eine Bemerkung, worauf Mong Dsï fortfuhr: »Wenn Blitz und Donner toben, Bäume zerspellen und den ganzen Erdkreis in Schrecken versetzen, so können sie doch nicht machen, daß ein Tauber auch nur das mindeste hört; wenn Sonne und Mond scheinen und den ganzen Erdkreis erleuchten, so können sie doch nicht machen, daß ein Blinder auch nur das mindeste sieht. Diesen Tauben und Blinden gleichen unsere Fürsten von heute.«

Auch seiner Mutter gegenüber ließ er es einst merken, daß er unter den Verhältnissen litt. Als seine Mutter ihn fragte, was er habe, brach er los: »Es heißt, ein anständiger Mensch halte darauf, daß er eine seiner Würde entsprechende Stellung inne habe und nicht aus niedriger Habsucht nach Lohn geize. Nun hat man in Tsi kein Bedürfnis nach der Wahrheit, und ich möchte gehen, aber du bist alt, Mutter, so kann ich's um deinetwillen nicht. Das macht mich traurig.« Die Mutter sprach: »Die Sitte will es, daß eine Frau sich keine unbedingte Herrschaft anmaßt, sondern sich zu fügen weiß.7 Du bist erwachsen, ich bin alt. Tu du, was deine Pflicht ist; ich werde tun, was die Sitte von mir verlangt. Warum traurig sein?«

Noch ehe aber Mong Dsï zu einem Entschluß gekommen war, starb die Mutter. Mong Dsï war untröstlich. Drei Tage lang nahm er nichts zu sich und weinte ununterbrochen. Seine Jünger redeten ihm zu: »Seit alters ist es üblich, daß man mit fünfzig Jahren bei der Trauer auf seine Gesundheit acht hat.« »Was redet ihr von fünfzig Jahren,« fuhr Mong Dsï auf, »meine Mutter ist tot, und ich fühle mich verwaist wie ein Kind.«

Diese aufrichtige Trauer scheint übrigens auf weite Kreise ihres Eindrucks nicht verfehlt zu haben. Ein Anhänger des Mo Ti, jenes nüchternen Philanthropen, kam, um sein Beileid zu bezeigen. Als er den Mong Dsï in Tränen aufgelöst sah, da nahm er[27] sich's zu Herzen: »Nun weiß ich erst, wie die Art der Heiligen ist.« Er wandte sich von der Schule des Mo Ti ab und trat zu der Gemeinde des Kung Dsï über.

Da die Familie Mong ursprünglich ihren Heimatsitz im Staate Lu hatte, wo auch wohl noch das Erbbegräbnis lag, so begab sich Mong Dsï zur Bestattung seiner Mutter nach diesem Staate. Unter Beihilfe seiner Jünger vollzog er alle Beerdigungsgebräuche mit peinlicher Gewissenhaftigkeit, ohne Mühe und Kosten zu scheuen. Nach altem Brauche blieb er drei Jahre lang allen Geschäften fern, am Grabe der Mutter der Trauer pflegend. Gegen Ende dieser Zeit, im Jahr 314, kam in Lu ein neuer Fürst auf den Thron, der unter dem Namen Ping bekannt ist. Es scheint, daß es dem Schüler Yo Dschong Ko gelang, eine einflußreiche Stellung bei Hofe zu bekommen. Mong Dsï scheint große Hoffnungen auf dieses Ereignis gesetzt zu haben. Er konnte vor Freude nicht schlafen, als er die Nachricht hörte. Und in der Tat bemühte sich Yo Dschong Ko auch, den Fürsten von Lu mit Mong Dsï zusammenzubringen. Er redete mit dem Fürsten über Mong Dsï, daß er von sich aus8 sich dem Einfluß des Konfuzius geöffnet habe, so daß er Geisteskraft besitze, um den Zeitgenossen zu helfen, die Bürger zu fördern, und Methoden habe, um die Regierung der Staaten sittlich zu gestalten. Der Fürst ließ sich daraufhin bereit finden, Mong Dsï einen Besuch zu machen. Doch erhoben sich dagegen die niederen Kreaturen, die für ihre Existenz befürchteten, wenn der Fürst sich dem Ernst des Lebens zuwenden würde. Ein Günstling namens Dsang Tsang wußte die Sache zu hintertreiben. Er redete dem Fürsten vor, daß Mong Dsï seine Mutter viel prächtiger bestattet habe als seinen Vater, und der Fürst ließ sich durch ihn bestimmen, von dem Besuch bei Mong Dsï abzusehen. Natürlich war es nicht das Gewicht der vorgebrachten Gründe, die an sich sehr fadenscheinig waren, das den Fürsten bestimmte. Viel eher eine Art Beschämung. Der Fürst hatte unter Einwirkung des Yo Dschong Ko halb heimlich einer edlen Regung nachgegeben. Ohne jemand etwas zu sagen, wollte er den Weisen aufsuchen. Da sah er sich nun ertappt von dem Genossen seiner Laster, und dessen Einfluß gewinnt wieder die Oberhand über den sinnlichen Fürsten. Mong Dsï aber sieht in dem Vorfall nicht das kleinliche Spiel von Zufällen, sondern den Willen Gottes. So verläßt er Lu, abermals um eine Hoffnung ärmer.

Neunundfünfzig Jahre alt war er inzwischen geworden, als er[28] seine Schritte nach dem Staate Tsi zurücklenkte. Der König Süan kam ihm abermals sehr freundlich entgegen. Mong Dsï wurde zum Königlichen Ratgeber9 ernannt. Gerade um jene Zeit waren in Yän, dem nördlichen Nachbarstaat von Tsi, Unruhen ausgebrochen. Der dortige Fürst, ein törichter Schwächling, war mit seinem Sohne, dem Thronfolger, zerfallen und in die Hände seines Kanzlers geraten, der die Schwäche seines Herrn ausnützte, um ihm die Zügel aus den Händen zu nehmen. Er ließ durch befreundete Wanderlehrer dem Fürsten zureden, daß er das Beispiel der alten heiligen Herrscher befolge, wenn er unter Übergehung seines Erben sein Reich dem Würdigsten, dem Kanzler abtrete. Die Folge dieser Torheit auf der einen und Gemeinheit auf der andern Seite war gänzliche Verwirrung der öffentlichen Verhältnisse.

Der König von Tsi hielt den Zeitpunkt zum Eingreifen in die Angelegenheiten des nördlichen Nachbarstaates für geeignet. Unter der Hand ließ er auch den Mong Dsï um seine Meinung in der Sache fragen. Dieser redete unbedenklich zu: der König von Yän sowohl wie der Minister Dsï Dschï hätten ihre Kompetenzen überschritten bei dieser gesetzwidrigen Übertragung der Staatsgewalt.10 Darauf wurde eine kriegerische Aktion eingeleitet. Die Truppen des Königs von Tsi fanden keinerlei nennenswerten Widerstand, so daß in ganz kurzem der König von Tsi im Besitz des Landes war, dessen König und Minister beide bei dieser Invasion ums Leben kamen.

Abermals zog der König Süan den Mong Dsï zu Rate, als es sich nun um die Frage handelte, ob Yän von Tsi annektiert werden solle. Mong Dsï macht die Entscheidung von der Volksstimmung in Yän abhängig. Das Altertum biete Beispiele für die entgegengesetzten Entschließungen, je nach der in der Bevölkerung vorhandenen Gesinnung. Habe der König das Volk von Yän bei einer Annexion auf seiner Seite, so könne er sie unbedingt wagen. Andernfalls sei davon abzuraten. Der König entschloß sich für die Annexion, und zwar ging es dabei, wie es scheint, nicht ganz ohne Härten ab. Namentlich scheinen die heiligen Geräte auch weggeführt worden zu sein, so daß Yän auch äußerlich in direkte Abhängigkeit von Tsi geriet. Diese Vergrößerung eines einzelnen Staates auf Kosten des Bestandes eines der alten Lehensreiche konnten die übrigen Staaten nicht ohne weiteres mit ansehen. Dschau, Tschu und We machten Miene zugunsten des Staates Yän einzuschreiten. Für Mong Dsï[29] war die Lage inzwischen vollkommen klar geworden. Er riet dringend, die Annexion wieder rückgängig zu machen und in Übereinstimmung mit den Leuten von Yän ihnen einen Fürsten zu setzen. Das sei der einzige Weg, Yän als befreundeten Grenzstaat zu bewahren und kriegerische Verwicklungen größeren Stils zu vermeiden.

Der König konnte sich hierzu nicht entschließen. Die Verwicklungen zogen sich in die Länge, bis nach zwei Jahren in Yän eine Volkserhebung stattfand, in deren Verlauf der Sohn des umgekommenen Fürsten auf den Thron erhoben wurde. Tsi mußte nun der Sache, so unliebsam es war, den Lauf lassen, da ein energisches Eingreifen bei der feindlichen Haltung der Nachbarstaaten ausgeschlossen erscheinen mußte.

Zu spät kam der König zu der Erkenntnis, daß er besser Mong Dsïs Rat befolgt hätte. Es gewährt einen Einblick in die Art der Höflinge seiner Umgebung, wie sofort sich einer findet, der dem König durch eine sophistische Unterredung mit Mong Dsï, durch die dieser ins Unrecht gesetzt werden sollte, seine bessere Einsicht wieder verdunkelt.

Mißvergnügt weist Mong Dsï die Berufung auf den Fürsten von Dschou, das gepriesene Vorbild Kungs, der auch einmal einen politischen Mißgriff gemacht habe, zurück. Selbst wenn die Alten Fehler gemacht, so hätten sie sie zu bessern gewußt. Heutzutage aber lasse man sich gehen, ja man suche seine Fehler obenhin noch zu beschönigen. Mong Dsï erkannte, daß in dieser Umgebung seinem Einfluß dauernde Schranken gezogen sein mußten. Er beklagte sich: »Kein Wunder, daß der König nicht zur Einsicht kommt. Wenn eine Pflanze auch noch so leicht fortkommt, sie kann nicht gedeihen, wenn auf jeden Sonnentag zehn Tage Frost folgen. Ich sehe den Fürsten nur selten. Kaum bin ich weg, so drängen sich die Frostbringer herzu. Wie kann ich ihn da zum Keimen bringen!« Damit nahm er seinen Abschied. Der Fürst machte einen schwachen Versuch, ihn durch Angebot einer Sinekure zu halten, doch ließ sich Mong Dsï begreiflicherweise nicht darauf ein.

Die Erfahrung, die ihn schließlich zum Weggang aus Tsi veranlaßte, war nicht die einzige ihrer Art. Schon die ganze Zeit über hatte Mong Dsï mit Hofschranzen zu kämpfen gehabt. Namentlich einer, namens Wang Huan, ein hochmütiger und arroganter Mensch, scheint ihm sehr auf die Nerven gefallen zu sein, um so mehr, als er amtlich ziemlich viel mit ihm zu tun hatte. Die[30] Stellen in Mong Dsïs Werken, die von ihm handeln – offenbar konnte Mong Dsï die gemachten Erfahrungen auch später noch nicht vergessen – zeigen auf seiten des Weisen gegenüber dem Minister nur das eben noch zulässige Mindestmaß von Wohlwollen. Zum Abschiedsmahl gab es noch einen Zusammenstoß zwischen den beiden. Der Minister trinkt ihm zu und verlangt ein Abschiedsgedicht von ihm – offenbar ein Akt schlecht verhehlten Hohnes. Mong Dsï zahlt ihm heim mit einem Zitat aus den Gesprächen Kungs, wo dieser sich über den Verkehr mit einem minderwertigen Menschen mit den Worten rechtfertigt: »Heißt es nicht: Was wirklich fest ist, mag gerieben werden, ohne daß es abgenutzt wird? Heißt es nicht: Was wirklich weiß ist, mag angeschwärzt werden, ohne daß es dunkel wird?«

Der Abschied fiel ihm indessen nicht leicht. Er war sich bewußt, daß trotz aller Enttäuschungen, die er in Tsi erlebt hatte, hier noch immer der Platz war, wo am ehesten Hoffnung vorhanden war, seine Gedanken zu verwirklichen. Am Grenzort blieb er dreimal über Nacht, immer in der stillen Hoffnung, der König werde in sich gehen und ihm auf eine befriedigende Weise die Rückkehr ermöglichen. Er äußert zwar einem Jünger gegenüber, der ihn fragt, warum er so lange in Tsi geblieben sei, daß dieser lange Aufenthalt wider seine eigentliche Absicht zustande gekommen sei, worauf der Schüler erwidert, es sei verständlich, daß der Meister sich in Tsi nicht wohl gefühlt habe, denn der Fürst habe sich zwar den Anschein zu geben gewußt, als sei er dem Guten zugetan, ohne doch innerlich eine entsprechende Stellung einzunehmen.

Endlich sieht Mong Dsï, daß keine Aussicht auf Rückkehr mehr vorhanden ist, und nun verläßt er das Land, nicht ohne Äußerungen herber Verbitterung darüber, daß es dem Himmel noch nicht gefallen habe, die Ordnung auf Erden herstellen zu lassen.

In Tsi gingen die Dinge, wie es vorauszusehen war. Der alte König Süan starb noch im selben Jahr, in dem Mong Dsï das Land verließ. Unter seinem Nachfolger mehrten sich die Wirren, und nach manchen Wechselfällen ging er elend zugrunde.

Mong Dsï wandte sich zunächst nach Sung. Dort hatte er manche Zusammenkunft mit Fachgenossen, auf die er im Sinne der höchsten Gesichtspunkte einzuwirken versuchte. Auch von seiten der Regierung wurde er direkt und indirekt um Rat angegangen. Er verhielt sich durchaus zurückhaltend. Der Fürst hatte sich den Titel König angeeignet und machte zunächst vielversprechende[31] Anfänge. Doch traute ihm Mong Dsï offenbar von Anfang an nicht viel Gutes zu. Er behielt mit dieser Beurteilung recht. Der König von Sung verfiel in Zäsarenwahnsinn und fiel als Opfer seines blindwütenden Rasens.

In Sung besuchte den Mong Dsï der Thronfolger von Tong, einem kleinen Ländchen im Inneren Chinas. Der junge Mann, der offenbar schon früher, als Mong Dsï in staatlicher Mission anläßlich eines Trauerfalls von Tsi nach Tong kam, von diesem tiefere Eindrücke erhalten hatte, machte auf einer Reise nach dem Südstaate Tschu – sowohl auf dem Hin- als auf dem Rückweg – einen Abstecher nach Sung, um den Weisen aufzusuchen. Mong Dsï ging im Lauf der Zeit in seine Heimat Dsou zurück, nicht ohne von den Fürsten von Sung und Süo anerkennende Ehrengaben empfangen zu haben. Auch in Dsou wurde er ehrenvoll empfangen. Er hatte einige Audienzen bei seinem Landesvater, ohne daß daraus jedoch weitere Folgen entsprungen wären. Das Gebiet war allzu geringfügig, als daß selbst beim besten Willen durch bloße Tugend des Fürsten ein Weltreich daraus zu machen war. Auch nach Yän, dem nordischen Staate, bekam er einen Ruf, doch leistete er ihm keine Folge. Er trug offenbar kein Verlangen, seine in Tsi gemachten Erfahrungen durch weitere gleichartige zu vermehren.

Nur einmal noch ließ er sich bewegen, aus seiner Zurückgezogenheit hervorzutreten, als nämlich der Thronfolger von Tong, der ihn in Sung besucht hatte, nach dem Tode seines Vaters auf den Thron kam. Die erste Tat des neuen Fürsten Wen war es, daß er einen Vertrauten zu Mong Dsï schickte, um ihn nach den Beerdigungsgebräuchen fragen zu lassen. Und als Mong Dsï ihm Auskunft zuteil werden ließ, da ging er noch einen Schritt weiter: er setzte die Lehren des Meisters trotz dem Widerstand der routinierten Hofleute, die von solch altväterischen Gewohnheiten nichts wissen wollten, energisch durch und machte sich dadurch einen guten Namen in der ganzen Umgebung. Auf die Bitten dieses Fürsten ging Mong Dsï – wie es scheint für mehrere Jahre – nach Tong und stand ihm mit seinem Rat zur Seite. Sehr viel Wohlwollen scheinen die Höflinge dem Meister nicht entgegengebracht zu haben. Einmal muß er sich sogar gegen den Verdacht wehren, daß einer seiner Schüler einen alten Schuh gestohlen haben könnte.

Trotz dem guten Willen des Fürsten ist es aber auch in Tong zu keinem wirklichen Erfolg gekommen. Der Staat lag zu sehr[32] eingerahmt zwischen den Großstaaten Tschu und Tsin und ihren großpolitischen Systemen. Außerdem scheint der Fürst seine Liberalität auch auf allerlei andere »Weise« ausgedehnt zu haben. Von Süden her drangen damals sehr starke barbarische Einflüsse nach China vor. Jene zynischen Philosophensekten, die unter Berufung auf den Göttlichen Landmann »Schen Nung« Rückkehr zur Natur und Einfachheit predigten, sind deutliche Zeichen der beginnenden Barbarisierung der chinesischen Gesellschaft.

Mong Dsï hat das Aufkommen solcher Sekten in Tong miterlebt und hat sich sehr scharf mit ihnen auseinandergesetzt, nicht ohne deutlichen Hinweis auf ihre kulturelle Minderwertigkeit. Auch der bekannte Freund und Gegner des Dschuang Dsï, der Sophist Hui Dsï, scheint in Tong mit Mong Dsï in Berührung gekommen zu sein. Mong Dsï war offenbar noch in Tong, als der Fürst Wen starb, über dessen Beerdigung er Ratschläge erteilt. Höchstwahrscheinlich hat er sich nach dessen Tod nicht mehr länger in Tong aufgehalten, sondern ist nach Dsou zurückgekehrt, um in Gemeinschaft mit seinen Jüngern die Ergebnisse seines Lebens und seiner Arbeiten schriftlich niederzulegen.

Mong Dsï starb am Tag der Wintersonnenwende des Jahres 289. Seine Landsleute haben so um ihn getrauert, daß sie die Feier des Sonnenwendfestes darüber versäumten, eine Unterlassung, die allmählich zur Gewohnheit wurde.


Die Lehren

Die Lehren des Mong Dsï sind keine anderen als die seines Meisters Kung. Er will gar nichts anderes, als diese Wahrheiten, die von den Heiligen des Altertums, den Herrschern Yau und Schun, dem König Tang, dem König Wen und zuletzt dem ungekrönten Herrscher Kung von Generation zu Generation überliefert und nun auf ihn gekommen sind, weiterbringen auf die Nachwelt. Er nimmt dabei eine Weiterwirkung des Geistes über die Jahrhunderte hinweg an, durch die auch er, ohne den Meister Kung gesehen zu haben, doch dessen Lehren empfangen habe.

Diese Lehren beschäftigen sich für ihn in erster Linie mit der Ordnung der Welt. Hierin stimmt er durchaus mit Kung überein. Nur daß entsprechend dem fortgeschrittenen Verfall die Lehre von der Ordnung der Welt eine andere Tonart erhält. Für[33] Kung hatte es sich noch darum gehandelt, das Bestehende zu erhalten. Er ist sozusagen konservativ-legitimistisch gesinnt. Dennoch hatte er den Verfall nicht aufhalten können. Er hat auch unter den Fürsten seiner Zeit keinen gefunden, der dem sinkenden Königshause der Dschou beigesprungen wäre und so die Welt gerettet hätte. Statt dessen war die Welt aus den Fugen gegangen. Der Stern des alten Königshauses war verblaßt. Ihm war nicht mehr zu helfen. An seine Stelle war – ähnlich wie in Europa an die Stelle des Heiligen römischen Reichs deutscher Nation die modernen Großmächte – eine Reihe von Militärstaaten getreten, die im gegenseitigen Kampfe lagen. Mong Dsï hat diese Situation insofern anerkannt, als er die Fürsten, die ihn um Rat fragten, ermahnte, die Weltherrschaft an sich zu bringen. Nur blieb er dabei, daß dieser Erfolg einzig und allein durch moralische Mittel, durch ein mildes und weises Regiment zu erreichen sei. Er wird nicht müde, auf die Vorbilder der alten Heiligen zu verweisen, die ebenfalls aus kleinen Anfängen heraus die Weltherrschaft gewonnen hätten.

Ebenso wie Mong Dsï dem alten Königshause, dessen schwacher Schatten noch in der Luft schwebte, durchaus gleichgültig gegenüberstand, bereit, einen neuen Anfang, wo sich die Möglichkeit bot, zu unterstützen, so stand er auch den Landesfürsten seiner Zeit mit sehr demokratischen Gesinnungen gegenüber. Bald genug hatte er erkannt, daß auf den Thronen seiner Zeit kein Heiliger war, sondern daß es sich zwischen ihnen nur um relative Unterschiede handelte. So hat er denn ihnen gegenüber aus seiner Geringschätzung kein Hehl gemacht. Während Kung den Fürsten seiner Zeit, auch wenn sie weit vom Ideal entfernt waren, doch stets den ihrem Stand gebührenden Respekt zu zollen bereit war, hat es Mong Dsï offen ausgesprochen, daß, wer den Großen raten wolle, sie erst tüchtig verachten lernen müsse. Und auch in der Theorie hat er die Unwichtigkeit der Person des Herrschers gegenüber von Land und Volk mehr als einmal ausgesprochen, was ihm von seiten mancher Fürsten der späteren Zeit Abneigung und Tadel eingetragen hat. Wenn umgekehrt zu Beginn unseres Jahrhunderts dem Mong Dsï ein Lob aus diesen seinen radikalen Äußerungen entsprang, so ist das gänzlich unverdient. Denn niemals kam ihm der Gedanke an den Staat als Republik in den Sinn. Gegen die Auflösung des monarchischen Prinzips, wie sie aus den Lehren eines Yang Dschu als Konsequenz hervorzugehen schien, hat er ebenso kräftig Front[34] gemacht, wie gegen die Auflösung der Familienbande durch den Philanthropen Mo Ti. Nicht gegen die Monarchie als Institution hat er polemisiert – die galt ihm als sakrosankt –, sondern nur gegen unwürdige Träger der Krone.

Auf moralischem Gebiet geht er ebenfalls mehr ins einzelne als Kung. Während für den Meister das Ideal in der sittlichen Menschenliebe, der Humanität als solcher befaßt war, kennt Mong Dsï ein doppeltes Ideal: Liebe und Pflicht. Inwieweit er dazu durch die doppelte Front der Anhänger des Mo Ti, deren Lehren ihm wider die Liebe zu gehen schienen, und der des Yang Dschu, dessen Lehren die Pflicht aufhoben, bestimmt war, mag dahingestellt bleiben. Genauer definiert ist ihm die Liebe mehr eine ruhende Charaktereigenschaft – das weite Haus der Welt – während die Pflicht der Inbegriff der Normen des Handelns – der große Weg der Welt – ist. An die Seite dieser beiden Begriffe treten dann gelegentlich Ordnung des Ausdrucks und Weisheit als die beiden übrigen Grundtugenden des Menschen. Die Pflege dieser Tugenden wird dadurch erleichtert, daß sie als allgemeine Richtungen bzw. Tendenzen jedem Menschen angeboren sind. Insofern ist der Mensch wesentlich gut, da das eigentliche Wesen des Menschen von Gott stammt. Berühmt sind die Gespräche, in denen Mong Dsï die Güte des ursprünglichen Menschenwesens verteidigt hat. Bekanntlich ist in diesem Stück auch die orthodoxe konfuzianische Richtung zum Teil andere Wege gegangen. Ein Sün King lehrte die wesentliche Unvollkommenheit der menschlichen Natur, die erst durch Kultur vervollkommnet werden müsse, was er in den tendenziös zugespitzten Satz: »Der Mensch ist von Natur bös« zusammengefaßt hat, während Han Yü zur Zeit der Tang-Dynastie (vielleicht beeinflußt durch persische Gedanken?) drei Arten von menschlichen Naturen – die den Pneumatikern, Psychikern und Hylikern entsprechen – angenommen hat, die dann später noch weiter detailliert wurden. Erst in der Sung-Zeit kam die Lehre des Mong Dsï, wenn auch modifiziert durch psychologische Erwägungen, wieder zu Ehren, um bis in unser Jahrhundert ihren Platz behalten zu haben.

Man würde Mong Dsï unrecht tun, wenn man an seine Anschauung mit dem Begriffsapparat des Pelagianischen Streites oder mit den christlichen Lehren vom Sündenfall herantreten wollte. Die Lehre von dem Sündenfall und der Unfreiheit der menschlichen Natur, wie sie in der christlichen Kirche ausgebildet wurde, ist[35] wesentlich religiös orientiert. Mong Dsï dagegen bereitet durch seine Auffassung den Boden für ein mutiges Vorwärtsschreiten auf der Bahn ethischer Entwicklung. Es gibt für ihn keinen wesentlichen Unterschied unter den Menschen. Was ein Heiliger wie Schun erreicht hat, kann jeder erreichen, wenn er nur so handelt, wie Schun gehandelt hat. Daß, empirisch betrachtet, die Menschen im allgemeinen weit entfernt von sittlicher Vollkommenheit sind, hat Mong Dsï sehr wohl gewußt und hat auch nach Gründen dafür gesucht. Denn er war weit entfernt von den naturalistischen Theorien seiner Zeit, daß die Natur eben einfach ausgelebt werden müsse, unbeeinflußt von den Erwägungen von Gut und Böse. Vielmehr war für ihn das Gute ein Ideal, das im Kampf gewonnen werden muß. Dieser Kampf ist eine Rückkehr des verloren gegangenen Herzens. Wieso dieses Herz verloren gehen kann, obwohl es doch in jedem Kind als gut vorhanden ist, darüber hat er sich nicht eindeutig ausgesprochen. Es finden sich Andeutungen, daß die sinnliche Natur des Menschen es ist, die durch ihre Begehrungen vom Weg des Ideals abführt. Darum muß auch die sinnliche Seite in Kultur genommen werden. Nicht durch strenge Askese, sondern durch vernunftgemäße harmonische Leitung, die jedem Teil die seiner Bedeutung entsprechende Berücksichtigung zukommen läßt. Diese Seite der Lehre, die an sich schon eine Fortbildung der Kungschen Anschauungen bedeutet, fand dann namentlich zur Sung-Zeit eine weitere Ausbildung im einzelnen. Die Paulinischen Kämpfe zwischen Gesetz und Gnade haben Mong Dsï keine Schwierigkeiten bereitet. Da seine Ethik, trotz Anerkennung einer höchsten göttlichen Vorsehung im wesentlichen immanent orientiert ist, so hat er für die Forderung einer Gerechtigkeit im absoluten Sinn gar kein Verständnis. Wenn ein Mensch schlecht ist, und Fehler hat, so braucht er sich einfach zu bessern, und alles ist wieder gut. Ein gebesserter Fehler bedingt keine Schuld. Bessern kann sich aber jeder, der will. Darum ist Mong Dsï entschiedener Optimist. Er will keinem Menschen den Weg zum Guten verbaut wissen.

Ein Vergleich dieser Punkte mit den Aussprüchen des Kung Dsï zeigt eine Weiterbildung der Gedankenarbeit, eine Ausführung ins Detail und psychologische Unterbauung, während grundsätzlich Mong Dsï durchaus auf dem Boden des Meisters steht. Höchstens, daß durch Verschiedenheit des Temperaments gelegentlich verschiedene Betonungen auf einzelne Seiten der Lehre fallen, was aber nur dazu dient, das Bild zu beleben.
[36]

Die Werke

Von Mong Dsï sind uns heute sieben Bücher erhalten. Die ersten drei enthalten, einigermaßen chronologisch geordnet, die Reden und Gespräche, die er der Reihe nach an den Höfen von Liang, Tsi und Tong geführt hat. Die übrigen vier Bücher enthalten gemischte Aphorismen verschiedenen Inhalts. Man darf der Überlieferung Glauben schenken, daß namentlich die großen zusammenhängenden Stücke der ersten drei Bücher, die Mong Dsïs Staatslehre in großer Ausführlichkeit enthalten, seiner eigenen Feder entstammen. Vielleicht sind die späteren Teile des Werks Aufzeichnungen der Schüler, von denen es hieß, daß sie gemeinsam mit ihm die Redaktion besorgt haben. Doch bleibt die Produktion bei diesen sieben Büchern nicht stehen. Unzweifelhaft nach seinem Tode kamen noch vier kleinere Bücher – ungefähr je nur ein Fünftel der früheren – zustande, die vermutlich in echter Gestalt gegenwärtig wieder vorhanden sind. Die Gründe, die in ihnen eine ganz späte Fälschung sehen wollen, sind nicht stichhaltig. Auch schließen sie sich in Ton und Ausdruck an den übrigen Text an. So haben wir sie für die Biographie des Mong Dsï unbedenklich mit verwandt. Wie man sieht, fügen sie sich dem Zusammenhang lückenlos ein und beleben das Bild. Immerhin erhalten sie außer einzelnen Anekdoten keinen Gedanken, der nicht in den übrigen Werken auch schon auf die eine oder andere Weise zum Ausdruck gekommen wäre, so daß man es nicht weiter zu bedauern braucht, daß diese Abschnitte mit der Zeit in den Hintergrund traten.A1

Der literarische Stil der überlieferten sieben Bücher ist ganz anders als der Stil der älteren Literatur. Wir haben hier das klassische Chinesisch auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung. Die Sprache ist klar, biegsam, zum Ausdruck aller möglichen Stimmungen geeignet, logisch scharf auf der einen Seite und wieder tastend und anpassend, wo es sich um schwer aussprechbare, intuitive Tatsachen handelt. Fehlt seiner Sprache die letzte Einfachheit und Anspruchslosigkeit, wie sie Kung Dsï zeigt, so ist der Glanz und Schimmer, den sie besitzt, doch ganz sicher echt, und er benützt seine Gleichnisse und Fabeln nie als Selbstzwecke,[37] um zu glänzen, sondern immer einem höheren Zweck zuliebe. Freilich verleugnet er nicht die Zugehörigkeit zu einem Zeitalter, da blitzender Geistesreichtum alles galt und da mehr theoretisches Philosophieren als praktisches Handeln in Mode war. So haben seine Schriften trotz aller Gegensätzlichkeit doch manche Wendung, manches Gleichnis und manche Einstellung mit Dschuang Dsï gemein.

Mong Dsï hat mit seinem literarischen Nachlaß mehr Glück gehabt als mit seiner Schule. Als er starb, waren schon die ersten Spuren der Auflösung aller Verhältnisse zu sehen, die in der Herrschaft des halbbarbarischen Staates Tsin zwei Jahre nach seinem Tode gipfelte. In den Unruhen dieser Jahre, besonders da der bekannte Tsin Schï Huang Di auch aktiv gegen die Gelehrten vorging, scheint sich die von ihm gegründete Schule zerstreut zu haben. Seine Schriften jedoch, noch jeder klassischen Auszeichnung entbehrend, führten unter den vielen anderen »Philosophen« ein verborgenes Dasein, so daß sie der bekannten Bücherverbrennung, wie man annehmen darf, entgingen. Selbstverständlich hat der Text dennoch im Lauf der Jahrhunderte manches zu leiden gehabt.

Kommentiert wurde Mong Dsï, auch nachdem er unter der Han-Dynastie wieder zu Ehren gekommen war, verhältnismäßig wenig. Am bekanntesten unter den früheren Kommentaren ist der von Dschau Ki, einem Mann aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert, der viele wechselvolle Schicksale durchgemacht und die unwillkommene Muße einer Verbannung für die Arbeit an Mong Dsï benützte. Nach ihm kam Mong Dsï wohl allmählich zu Ehren, doch war es den Gelehrten der Sung-Dynastie, vorzüglich Dschu Hi11, vorbehalten, ihm zu der Stellung zu verhelfen, die er heute als das bekannteste und meist zitierte unter den vier heiligen Büchern einnimmt. Noch zu Beginn der Ming-Dynastie hatten seine freien Äußerungen über die Fürsten den Zorn des Herrschers Hung Wu, eines früheren Buddhistenmönchs, heraufbeschworen. Doch ließ dieser von seinem Zorn ab, als er andere Stellen des Buches las, die ihm imponierten. Seitdem blieb Mong Dsïs Stellung unangetastet. Selbst zur Zeit der Revolution von 1911 wurde er, wie schon erwähnt, mit mehr Wohlwollen betrachtet als andere klassische Bücher.

Von vollständigen Übersetzungen in europäische Sprachen sind hervorzuheben:[38]

S. Couvreur, Les Quatre Livres, Ho Kien Fou 1895.

James Legge, The Chinese Classics Vol. II, The Works of Mencius.

D.E. Faber hat ein ausführliches System des Mong Dsï in Deutsch und Englisch herausgegeben, das einen großen Teil des Textes, wenn auch vollständig aus dem Zusammenhang gelöst, in Übersetzung gibt.

H. Mootz endlich hat das erste Buch ins Deutsche übersetzt und mit Erläuterungen versehen unter dem Titel: Die chinesische Weltanschauung, dargestellt auf Grund der ethischen Staatslehre des Philosophen Mong dse, herausgegeben.


Chronologische Tabelle

Geboren 372 v.Chr. in Dsou.

322in Liang, der Hauptstadt von We,

bei König Hui.

319verläßt Mong Dsï nach einer Unterhaltung mit

König Siang den Staat We und geht nach Tsi.

317Tod der Mutter. Reise nach Lu

wegen der Beerdigung.

316, 315in Lu während der Trauerzeit. (In dieser Zeit

könnte die Anstellung des Schülers Yo Dschong

Dsï in Lu und dessen vereitelter Versuch, den

Fürsten Ping und Mong Dsï

zusammenzubringen, stattgefunden haben.)

314zurück nach Tsi. Unternehmung des Staates

Tsi gegen den Staat Yän.

312Aufruhr in Yän. Mong Dsï verläßt Tsi

und geht nach Sung.

311der Kronprinz von Tong, der nachmalige Fürst

Wen, besucht Mong Dsï in Sung. Mong Dsï

geht über Siä nach seiner Heimat Dsou.

ca. 301läßt Fürst Wen von Tong, der inzwischen

seinen Vater verloren hatte und auf den Thron

gekommen war, Mong Dsï nach den

Beerdigungsgebräuchen fragen, und

infolge davon ging Mong Dsï wohl für

einige Jahre nach Tong. Nachdem dort auch

allerlei Sekten aufgekommen waren, zog er

sich endgültig ins Privatleben zurück, um

sich literarischer Tätigkeit zu widmen.

289Mong Dsï gestorben.

Fußnoten

1 Eine Quelle weiß zu berichten, daß Mong als ganz kleiner Junge mit Dsï Sï zusammengetroffen sei, der seine Bedeutung sofort erkannt und seinen Sohn auf ihn aufmerksam gemacht habe.


2 Vgl. Mong Dsï II A, 14. 2, wo Mong Dsï es seinem Jünger Gung-Sun Tschou gegenüber zwar bescheiden ablehnt, ab Heiliger bezeichnet zu werden – unter Berufung übrigens auf Kung, der das auch getan habe –, aber es sich energisch verbittet, mit Guan Dschung, dem berühmten Staatsmann von Tsi, auch nur verglichen zu werden. Auf die Frage, welchem der bedeutendsten Jünger Kungs er sich gleichstelle, bricht er das heikle Thema ab, ohne anzudeuten, daß er sich etwa weniger fühle als die Jünger Kungs.


3 Nach »Wai Schu« soll Mong Dsï noch eine zweite Audienz beim König Siang gehabt haben, in der dieser ihn über den Krieg fragte. Mong Dsï habe erwidert: »Der Krieg ist eine gefährliche Sache; davon verstehe ich nichts« und sei abgereist, ohne auf den Versuch des Königs, ihn durch einen Boten zurückholen zu lassen, weiter zu achten. – Nach Mong Dsï I A, 6 fand nur eine Audienz statt, deren Verlauf aber im wesentlichen übereinstimmend berichtet wird.


4 Dsi Men, wörtlich Korntor.


5 Buch I A, 7.


6 Ob Mong Dsï in Tsi Gehalt bezog oder nicht, ist nicht ganz klar. An verschiedenen Orten finden sich Anspielungen darauf, so in Liä Nü Dschuan und Han Schï Wai Dschuan, dem die folgenden Ausführungen entnommen sind; doch finden sich bei Mong Dsï selbst mehrere Stellen, in denen er bestreitet, Gehalt bezogen zu haben.


7 Wörtlich: »dreifache Unterordnung befolgt«, nämlich als Kind unter die Eltern, verheiratet unter den Gatten, als Witwe unter den Sohn.


8 Vgl. Kuang Wen Süan. Dieser Ausdruck fällt gegen eine Unterweisung des Mong Dsï durch Dsï Sï ins Gewicht.


9 Die Stelle hatte den Rang eines Ministerialpostens, doch ohne Einfluß auf die Staatsgeschäfte. Es war mehr ein Ehrentitel, verbunden mit einem entsprechenden Einkommen. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß Mong Dsï die Stelle schon bei seinem ersten Aufenthalt in Tsi inne hatte.


10 Das Beispiel des heiligen Yau war insofern nicht anwendbar, als der Staat Yän Lehensstaat war, sein Fürst also de jure nicht das souveräne Verfügungsrecht besaß. Außerdem hatten die Heiligen der Vorzeit das Reich »dem Würdigsten« hinterlassen, weil ihre Söhne nicht die Zuneigung des Volkes hatten. Das Gegenteil davon war in Yän der Fall.


11 Der beste Kommentar zu Mong Dsï ist: »Mong Dsï Dschong I von Dsiau Sün«, ferner: »Eine textkritische Ausgabe des Mong Dsï von Yüan Yüan«, beide in dem Sammelwerk Huang Tsing Ging Giä enthalten. Sie wurden für die vorliegende Übersetzung hauptsächlich benutzt.


A1 Richard Wilhelm hat diese vier Bücher später übertragen und veröffentlicht in: Chinesische Blätter für Wissenschaft und Kunst. Veröffentlichung des China-Instituts zu Frankfurt am Main; hrsg. von Richard Wilhelm. Otto Reichl Verlag, Darmstadt, I. Bd., 2. Teil 1926 und I. Bd., 4. Teil 1927.

Quelle:
Mong Dsï: Die Lehrgespräche des Meisters Meng K'o. Köln 1982, S. 19-39.
Lizenz:

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