Vom gegenseitigen Verkehre.

[83] Jetzt wäre darzulegen, wie sich die Bürger gegenseitig unter einander verhalten, welcher Art sie Verkehr mit einander haben, und in welcher Weise die Vertheilung der produzirten Sachen erfolgt.

Die Stadt besteht aus Familien, die Familien werden größtentheils durch Verwandtschaft gebildet. Die mannbaren Weiber werden verheiratet und beziehen mit ihren Ehemännern ihre eigenen Wohnungen. Aber die männlichen Söhne und die Enkel bleiben in der Familie und gehorchen dem ältesten Ascendenten, so lange dessen geistige Fähigkeiten nicht altersschwach geworden sind, in welchem Falle der nächstälteste an seine Stelle tritt.

Damit aber die Bevölkerung weder abnehme, noch eine Uebervölkerung eintrete, ist vorgesehen, daß jede Familie, deren jede Stadt sechstausend, die Landgegenden des Weichbildes ausgenommen, enthält, nicht weniger als zehn und nicht mehr als sechzehn Erwachsene zähle. Die Zahl der unmündigen Kinder läßt sich nicht vorschreiben.

Dieser Modus ist leicht innezuhalten, indem diejenigen in weniger vollzählige Familien eingethan werden, die einer an Köpfen überreichen Familie entstammen.

Wenn eine Stadt im Ganzen überhaupt zu viele Einwohner[83] hat, so wird der Mangel anderer Städte dadurch ergänzt. Wenn aber vielleicht die ganze Insel über das rechte Maß hinaus bevölkert wäre, so werden aus jeder Stadt eine bestimmte Anzahl ausgewählt und auf dem nächstgelegenen Festlande, wo die Eingeborenen viel überschüssiges unbebautes Land haben, wird eine Kolonie angelegt, indem sie sich mit den Eingeborenen vereinigen, wenn diese in Gemeinschaft mit ihnen leben wollen. Die sich mit ihnen zur selben Lebensweise mit denselben Sitten und Gebräuchen vereinigen wollen, verschmelzen leicht mit ihnen, zu beider Völker Bestem. Denn so wird bewirkt, daß dasselbe Land für beide Ueberfluß bietet, das vorher für ein Volk allein dürftig und unergiebig schien. Solche, die sich weigern, nach ihren (der Utopier) Gesetzen zu leben, drängen sie soweit zurück, als sie selbst das Land zu besetzen sich vorgenommen haben. Widerstrebende werden mit Krieg überzogen. Denn für den gerechtesten Grund zum Kriege halten sie es, wenn ein Volk von dem Lande, das es besitzt, keinen Gebrauch macht, sondern es nur als todten Besitz inne hat, Andern aber gleichwohl diesen Besitz und dessen Nutznießung, worauf diese, nach dem Gebote der Natur, zu ihrer Ernährung angewiesen wären, vorenthält.

Wenn eine der Städte eine solche Kalamität betroffen hat, daß ihre Bevölkerung aus den übrigen Städten, ohne daß die Einwohnerschaft einer derselben unter das vorgeschriebene Maß vermindert würde, nicht ergänzt werden kann (was bisher bloß zweimal seit Anbeginn der Landesgeschichte der Insel in Folge einer gräulich wüthenden Pest sich zugetragen haben soll), so wandern die Bürger aus der Kolonie ins Mutterland zurück und füllen die Lücken aus. Denn eher lassen sie die Kolonie eingehen, als einer der Inselstädte Gefahr der Entvölkerung drohen.

Doch ich kehre zum Zusammenleben der Bürger zurück. Der Aelteste steht (wie ich gesagt habe) der Familie vor. Die Gattinnen dienen den Ehemännern, die Kinder den Eltern, überhaupt die Jüngeren den Aelteren.

Jede Stadt ist in vier gleiche Abtheilungen getheilt. In[84] der Mitte jeder Abtheilung ist ein allgemeiner Markt. Dorthin werden in gewisse Gebäude die Arbeitsprodukte aller Familien gebracht, dann werden die verschiedenen einzelnen Gattungen in Magazine sortirt gelagert. Von dort holt jeder Familienvater, was er und die Seinen nöthig haben, und nimmt es ohne Geld und ohne irgendwelche Gegenleistung an sich. Denn warum sollte ihm etwas verweigert werden? Da ja alle Dinge in Ueberfluß vorhanden sind und der Befürchtung nicht Raum gegeben wird, daß Jemand mehr als er bedarf, verlangen werde. Denn warum sollte man annehmen, daß Jemand Ueberflüssiges fordern werde, wenn er sicher ist, daß er in keinem Augenblicke irgend einer Sache ermangeln werde? Habgierig und raubsüchtig macht alle Lebewesen die Furcht vor künftiger Entbehrung, oder, bei den Menschen allein, auch noch der Hochmuth, durch das Prunken mit überflüssigen Dingen, deren Besitz sie sich zur Ehre anrechnen, sich vor den Andern hervorzuthun, eine Art des Lasters, dessen Entwickelung durch die utopischen Einrichtungen von vornherein abgeschnitten ist.

Den erwähnten Märkten schließen sich Lebensmittelmärkte an, nach denen nicht nur Gemüse, Baumfrüchte und Brod, sondern auch Fische und alles Eßbare von Säugethieren und Geflügel geschafft wird, die an passenden Orten errichtet sind, wo durch Flußwasser aller Schmutz und Unrath weggespült wird.

Dorthin werden die von den Knechten geschlachteten und gereinigten Thiere gebracht (denn ihre Bürger sollen sich nicht an das Schlächterhandwerk gewöhnen, wodurch, wie sie der Ansicht sind, das Mitleid, das menschlichste der Gefühle unserer Natur, allmählich abgestumpft werde und schwinde), auch lassen sie nichts Schmutziges und Unreines in die Stadt bringen, weil die durch die Fäulniß verdorbene Luft Krankheiten einschleppen könnte.

Außerdem gibt es in jeder Straße einige geräumige Hallenbauten, in gewissen Abständen von einander, die alle unter ihrem Namen bekannt sind. Darin wohnen die Syphogranten und die dreißig Familien eines jeden sind dorthin zugetheilt, wo[85] von aus jeder Seite fünfzehn wohnen, die dort speisen. Die Küchenmeister dieser Hallen kommen zu einer gewissen Stunde auf den Markt, wo sie Eßwaaren nach der Kopfzahl der sie angehenden Familien einholen.

Die oberste Rücksicht wird auf die Kranken genommen, die in Spitälern gepflegt werden. Im Umkreise der Stadt gibt es, etwas außerhalb der Stadtmauern, vier so geräumige Spitäler, daß man sie für ganze Städtchen halten könnte, theils, damit eine beliebig große Anzahl Kranker nicht zu eng bei einander und daher unbequem logirt werden müssen, theils, damit Solche mit ansteckenden Krankheiten von Abtheilungen anderer Krankheiten genügend weit abgebettet werden können.

Diese Spitäler sind so gut eingerichtet, und mit Allem, was der Gesundheit zuträglich ist, ausgestattet, es herrscht darin so zarte und gewissenhafte Pflege, die erfahrensten Aerzte sind so fleißig anwesend, daß, wenn auch Niemand wider seinen Willen hineingethan wird, es andererseits wohl keine Person in der ganzen Stadt gibt, die, wenn sie leidender Gesundheit ist, nicht lieber dort als zu Hause sich auf's Krankenlager legen wollte.

Wenn der Küchenmeister für die Kranken die von den Aerzten verordneten Eßwaaren erhalten hat, wird das Beste gleichmäßig an die Hallen nach ihrem Stärkeverhältniß von Speisegästen vertheilt, nur daß besondere Aufmerksamkeit dem Fürsten, dem obersten Priester und den Traniboren erwiesen wird, wie auch den Gesandten und allen Ausländern (deren immer nur wenige anwesend sind, was aber auch nur selten der Fall ist), für die gewisse Gebäude eigens hergerichtet werden.

In diesen Hallen für Mittagsmahl und Abendessen kommt zu bestimmten Stunden, durch den Schall eherner Posaunen zusammengerufen, die gesammte Syphograntie zusammen, außer Jenen, die in Spitälern und zu Hause krank darniederliegen.

Gleichwohl wird Niemand gelindert, nachdem die Hallen versehen sind, sich Eßwaaren nach Hause geben zu lassen, denn man weiß, daß das Niemand aus Muthwillen thut. Denn, wenn es auch Keinem verboten ist, zu Hause zu speisen, so thut[86] es doch Niemand gern, da es nicht gerade für besonders ehrbar gilt; auch gilt es für thöricht, sich die Mühe mit der Bereitung eines mittelmäßigen Mahles zu machen, da man es herrlich und trefflich zubereitet ganz in der Nähe in der Halle haben kann.

In dieser Halle werden alle schmutzigeren oder mühsameren Dienstleistungen von Knechten verrichtet. Das Kochen und die ganze Herrichtung der Speisetische besorgen die Frauen allein und zwar von allen Familien abwechslungsweise. Man nimmt an drei oder mehr Tischen Platz, je nach der Zahl der Gäste. Die Männer haben die Plätze an der Wand, die Frauen ihnen gegenüber, damit sie, wenn ihnen plötzlich eine Uebelkeit zustoßen sollte, was bei Schwangeren zuweilen der Fall zu sein pflegt, ohne die Sitzordnung zu stören, sich erheben und zu den Ammen abgehen können; diese sitzen dann mit ihren Säuglingen in einem eigenen Speisezimmer, das nie ohne Feuer und reines Wasser ist, wo sich auch die Wiegen befinden, um die Tragekinder hineinlegen und beim Feuer aus den Windeln wickeln zu können, wo sie dann mit ihnen tändeln.

Jede Mutter säugt ihr Kind, woran sie nur der Tod oder Krankheit verhindert; in solchem Falle besorgen die Frauen der Syphogranten rasch eine Amme, was nicht schwer fällt. Denn die zu solcher Dienstleistung Geeigneten bieten sich zu keinem Amte lieber an, weil ihnen für diesen Liebesdienst von allen Seiten Lob entgegen gebracht wird und der Säugling nachmals die Amme wie seine Mutter betrachtet.

In der Ammenstube befinden sich alle Knaben; die das fünfte Jahr noch nicht zurückgelegt haben. Die Unerwachsenen beiderlei Geschlechts, die noch nicht heirathsfähig sind, warten entweder den um die Tafel Gelagerten auf, oder stehen wenigstens, wenn sie sich dem Alter nach noch nicht dazu eignen, dabei, verhalten sich aber gänzlich schweigsam und still. Sie essen, was ihnen von den Tafelnden gereicht wird, daselbst, haben auch sonst keine Zeit für das Essen bestimmt.

In der Mitte des ersten Tisches (dieses ist der oberste Platz) sitzt der Syphogrant mit seiner Gattin. Von dieser Stelle aus[87] übersieht man die ganze Tischgesellschaft, weil dieser Tisch im obersten Theile des Speisesaales quer steht. Neben ihnen sitzen zwei der Aeltesten. Denn an allen Tischen sitzt man zu viert.

Wenn aber ein Tempel in der Syphograntie gelegen ist, so sitzen der Priester und seine Frau beim Syphogranten und führen den Vorsitz. Zu beiden Seiten von ihnen sitzen jüngere Leute, dann wieder Greise, und so sind im ganzen Hause sowohl Altersgenossen zusammengebracht, als auch andere Altersstufen daruntergemischt, eine Einrichtung, die deswegen getroffen worden, damit der gesetzte Ernst der Greise und die Ehrfurcht vor ihnen die jüngeren Leute von zügellosem Gebahren in Wort und Gebärde zurückhalte (da nichts am Tische gesprochen oder gethan werden kann, was der Aufmerksamkeit der ringsum Sitzenden entginge).

Die einzelnen Gänge der Speisen werden nicht in der Reihenfolge vom Ersten aufgetragen, sondern zu erst das Beste von jedem Gerichte den Aeltesten vorgesetzt (deren Plätze ausgezeichnet sind), dann werden alle Uebrigen gleichmäßig bedient. Aber die Greise theilen von ihren Leckerbissen (die nicht in so großer Menge vorhanden sind, daß sie in der ganzen Halle freigebig vertheilt werden können) nach Gutdünken den Umsitzenden mit. So wird den Alten die ihnen gebührende Ehrung erzeigt, und in Einem kommt diese auch allen Andern zu gute.

Jede Mittags-, ebenso wie die Abendmahlzeit wird mit einer moralischen Vorlesung eingeleitet, die aber kurz ist, damit sie nicht Ueberdruß erweckt. Hierauf ergreifen die Greise die Gelegenheit zu ehrbaren Reden, doch nicht düsterer, sondern heiterer Art. Aber sie führen nicht während des ganzen Mittagessens allein in langen Tiraden das Wort: sie hören auch gern die Jungen und fordern sie absichtlich zum Reden auf, um sich mittels der beim Mahle herrschenden Ungezwungenheit von den Charakteranlagen und geistigen Fähigkeiten derselben zu überzeugen.

Die Mittagsmahlzeiten sind recht kurz, die Abendmahle dauern länger, weil auf jene wieder Arbeitszeit, auf diese Schlaf und nächtliche Ruhe folgt, die man für eine gesunde Verdauung für viel zuträglicher hält.[88]

Keine Abendmahlzeit verläuft ohne Musik. Auch entbehrt der Nachtisch nicht allerlei Leckereien; sie zünden wohlriechende Substanzen an, sprengen mit duftenden Essenzen und unterlassen nichts, was die Tischgäste zu erheitern geeignet ist.

Denn sie neigen in dieser Beziehung sehr gerne zum Vergnügen, so daß sie keinerlei Lustbarkeit, aus der nichts Uebles zu erfolgen im Stande ist, für untersagt halten.

So ist das gesellige Zusammenleben in den Städten beschaffen; die am Lande entlegen von einander Wohnenden, essen jeder für sich allein zu Hause; es fehlt keiner Familie etwas an ihrem Lebensunterhalte, denn von ihnen kommt ja erst Alles, wovon die Bürger in den Städten sich ernähren.

Quelle:
Thomas Morus: Utopia. München 1896, S. 83-89.
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